HH und Kayapó: Wie sich die Bilder gleichen

Ein kluger Text von Thomas Pany auf Telepolis über die Auseinandersetzungen vom Samstag in Hamburg und ein Statement eines Stammes namens Kayapó im Amazonasbecken, der sich erfolgreich gegen den Bau eines Staudamms wehrt. In beiden Fällen geht es um kapitalistische Zumutungen, die wegen exakt eines Kriterium ausgeübt werden: der Zahl, die Excel-Tabellen und SAP-Kalkulationssoftwares ausspucken. Ist sie schwarz, wird weitergemacht, gegen alle Widerstände. Schafft man es, sie rot werden zu lassen, wird das Vorhaben abgebrochen.

(Nebenbei die Vermutung, dass die Ärsche weltweit in der Minderheit sind.)

Hier der Text über Hamburg:

Ein Radau-Randale-Event wie gehabt mit feststehenden Rollen und Ensembles, so der Eindruck. Wer mag bei dem Krawalllärm noch wissen, worum es eigentlich geht?

 Die Anliegen, so unterschiedlich sie sind, hatten allesamt einen ernsthaften Kern. Es geht um die Veränderung von Stadtvierteln durch Neubauten bzw. wie im Fall der Roten Flora um eine Übernahme mit ganz anderer kultureller Ausrichtung („Entertainment“). Es geht um den Konflikt zwischen dem, was sich Investoren an Veränderungen vorstellen und was die Viertel-Bewohner oder Kulturschaffenden wollen, nicht zuletzt, was sie sich überhaupt leisten können. Und es geht um den Charakter von Stadtvierteln.

 Offensichtlich sind die Verhandlungen über die Esso-Häuser mit der Bayerischen Hausbau gescheitert. Die Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber, auch im Konflikt zwischen der Roten Flora mit Besitzer und Investoren sind die Fronten verhärtet. Dem Angebot der Stadt, welche das Kulturzentrum seinerzeit für billiges Geld verkauft hat, es wieder zurückzukaufen, werden nicht viele Chancen eingeräumt. In alledem spielt die Stadtpolitik in Hamburg keine gute Rolle. Wer sich in München umschaut, weiß, was die Bayrische Hausbau hinstellt. Dass die Esso-Häuser für St.Pauli wichtig sind, war ebenso klar wie deren Baufälligkeit – und wie eben auch die Konflikte, die hier entstehen können, wenn man kein Fingerspitzengefühl an den Tag legt.

 Die Proteste zeigen, dass Architektur oder Kultur nicht reine Geschmackssache sind. Man versteht die Wut, weniger dagegen, wie althergebracht sie sich doch äußert – im Namen einer besseren, ehrlicheren, authentischeren, gerechteren etc. Kultur – und gewinnt den Eindruck, dass auch auf dieser Seite zuviel auf Schlagworte gesetzt wird. Und eine gewohnte Erlebniswelt.

Und der Text der Kayapó:

„Wir, das Volk der Mebengôkre Kayapó, haben entschieden, dass wir keinen einzigen Centavo eures schmutzigen Geldes nehmen. Wir akzeptieren weder Belo Monte noch einen anderen Staudamm am Rio Xingu. Unser Fluss steht nicht zum Verkauf. Unser Fisch, der unsere Nahrung ist, steht nicht zum Verkauf. Das Glück unserer Enkelkinder steht nicht zum Verkauf. Wir werden unseren Kampf nicht aufgeben.“

Nette Fotos.

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2 Antworten zu HH und Kayapó: Wie sich die Bilder gleichen

  1. „Wenn die Nacht kommt wird die Sehnsucht klarer, alle Träume sind im Dunkeln wahrer.“

    (Aus Andrew Lloyd Webbers „Phantom Of The Opera“ / deutscher Liedtext von Michael Kunze)

    Architektur oder Kultur sind in der Tat nicht „reine Geschmackssache“. Die erwähnten „kapitalistischen Zumutungen“ sind Teil einer Gentrifizierung, die auch in Neukölln schon eine bedauerliche Tradition hat. ( http://bit.ly/1hydURG )

    In Hamburg hat man es bereits 1990 nicht nur geschafft, die Bilanzen mit schmutzigen Centavos (Die Kayapó nennen Geldscheine „trauriges Laub“) schwarz werden zu lassen, sondern auch das Theater: Aus der „Roten Flora“ wurde nach Protesten der „Autonomen“ die „Neue Flora“. Mit „WIR SIND DIE STADT“ war es dann erst einmal vorbei. Genauso wie bald darauf mit dem Okkupationsprojekt von Herrn Kohl („WIR SIND DAS VOLK“). Dafür wurden wir dann im April 2005 Papst.

    Mit einem inneren, gentrifikanten Gewissenskonflikt und Schweinehund wohnte ich seinerzeit gegenüber der ROTEN Flora am Schulterblatt / Sternschanze in einer „autonomen“ Wohngemeinschaft und arbeitete undercover & unter Polizeischutz in der NEUEN Flora an der Stresemannstraße für die Firma „Stella-Theater-Produktions-GmbH“ (Phantom der Oper). Unter den Verletzten des Premieren-Abends war auch der Meister himself, Andrew L. Webber, der es dem Kronleuchter in seiner Inszenierung gleichtat und auf der Architektur (hier: Treppe) stürzte.

    Im Premieren-Video ein Passant/Premierengast: „Ist das ein Belagerungszustand, oder was ist das hier? (…) Theater, welch ein Theater! Furchtbar!“ In der Tat!

    (Ausschnitt aus „Freiheit stirbt mit Sicherheit“ – ein Dokumentarfilm von Horst Herz zum Thema: Einschränkung der Freiheits- und Bürgerrechte für Widerstandsbewegungen in der BRD durch staatliche Repression und neue Gesetze zur Inneren Sicherheit.)

    Wenn ich den Text der Kayapó ( http://bit.ly/1jz8Hxr ) lese, erscheinen mir aus der westlichen Distanz heraus die Proteste „im Namen einer besseren, ehrlicheren, authentischeren, gerechteren Kultur“ am Amazonas vielleicht konsequenter und gradliniger – weil gewaltloser (Sitzblockaden / „Singend, mit blanken Brüsten und vielerlei Perlen geschmückt ziehen sie rund um den Dorfplatz“). Das Video „Zusammenschnitt aus der Dokumentation „Countdown am XINGU III“ von Martin Keßler“ hier: http://bit.ly/1994VEp

    Unterm Strich: Bin ich zu naiv, oder: was meinst Du mit Deiner Vermutung?

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  2. genova68 schreibt:

    Mit meiner Vermutung meinte ich, dass die herrschende Klasse zahlenmäßig in der Minderheit ist. Durch die Rafinesse der kapitalistischen Logik haben sie die Macht und können Städte (und Urwälder) ihrer Facon nach zurichten, aber es hat kaum jemand was davon. DAs sollte man vielleicht deutlicher machen, wie auch immer. Am Beispiel der privaten Altersvorsorge, wie man das nennt, wird es deutlich. Jeder, der da mitmacht, hängt mit drin in Finanzblase und Gentrifizierung. Deshalb sind solche Geschichten wie in HH und bei den Kayapó wichtig: Es werden da Zusammenhänge real, und ohne das geht es nicht.

    Zu der Florageschichte kann ich nichts sagen, ich kenne mich nicht aus, wie ich überhaupt mit allem, was mit Hamburg zusammenhängt, wenig sagen kann. Ich habe mir nur ein paar Filmchen über den Samstag im Internet angeguckt und finde es immerhin prima, dass überhaupt etwas passiert. So pseudomachomäßig es klingt, aber Sachbeschädigung ist ein Prinzip, dass das System beachtet, weil es sich in die Excel- und SAP-Kalkulationslogik einspeisen lässt: Die rote Zahl kommt näher.

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