Über den anerkennenden Blick nach unten und nach oben

Der bisherige Chef der Bundesvereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände, Dieter Hundt, vor ein paar Tagen über sein Verhältnis zu Gerhard Schröder:

»Vor zehn Jahren war ich persönlich in Gesprächen der damaligen Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder anwesend. Da haben wir anerkennend auf die Beschäftigungssituation im Niedriglohnsektor in anderen Ländern geschaut. Jetzt haben wir diese Situation verbessert«, so Hundt in der Rückschau.

Linkspartei-Chef Bernd Riexinger schreibt im gleichen Artikel in der jungen welt über die Koalitionsmöglichkeiten der Linken:

Wenn wir schwach sind, wären Opposition oder Koalition nur Label, durchsetzen könnten wir in beiden Fällen nichts. In der Opposition könnten wir laut tönen, in einer Koalition könnten wir das Fähnchen von der »linken Mehrheit« schwenken. Die Musik würde aber anderswo gespielt. Beides sollte uns nicht widerfahren.

Ich interpretiere, dass die Linke sich weder für noch gegen eine Koalition mit der SPD aussprechen soll, sondern ein möglichst linkes Profil entwickeln muss. Stimmt. Nochmal so eine Politik wie die rot-rote Koalition im Land Berlin bis 2011, vor allem in der Wohnungsfrage, wäre ein Desaster.

Gar nicht nebenbei: Dass der Linksparteichef einen langen Artikel ausgerechnet in der jungen welt veröffentlicht, sollte als Symbol nicht unterschätzt werden. Der sogenannte Realo-Flügel fordert ja immer wieder, die Zusammenarbeit mit der Zeitung einzustellen, weil sie zu links ist. Ein klares Signal von Riexinger also.

Gregor Gysi hat unterdessen auf der Bühne des Deutschen Theaters in Berlin zwei Stunden mit dem Springer-Chef Mathias Döpfner geplaudert. Die Berliner Zeitung dazu:

In den nächsten zwei Stunden gerät die Begegnung des Linken-Politikers mit dem Springer-Vorstandschef zum öffentlichen Kuscheln am späten Sonntagvormittag. Gysi hätte mit Döpfner darüber reden können, wie das war, als die Bild-Zeitung aus der Krankenakte angebliche Abbildungen seines Gehirns großformatig auf der Titelseite zeigte. Er hätte aus ihm herausbringen können, warum Springer-Blätter von der Linken keine Anzeigen drucken. Sie hätten über Mindestlohn oder über den Freiheitsbegriff diskutieren können oder über ein anderes, der zahlreichen, sich anbietenden Themen. Stattdessen zog es Gysi vor, der nun einmal kein Journalist ist, streng chronologisch den Lebenslauf des Gastes durchzuarbeiten: angefangen beim Einzelkind, das Enid-Blyton-Bücher las und mit sechs in die Oper gezerrt wurde, bis zum gereiften Fünfzigjährigen, der auf Erfolge und Niederlagen als Journalist und Manager zurückblickt.

Am Ende zog Gysi das Fazit: „Wir werden uns gegenseitig nicht los, und dabei soll es bleiben“.

Meine Fresse. Der Linkspartei-Guru macht dem neoliberalen Volksverdummer Nummer eins den Hof. Vermutlich traut sich kein Genosse, Gysi zu kritisieren. Zu erfolgreich.

Wäre wirklich gut möglich, dass es die Partei bei einem Koalitionsangebot von der SPD zerreißen würde. Die Logik des Kapitals frisst sich in die kleinste Ritze.

047(Foto: genova 2013)

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6 Antworten zu Über den anerkennenden Blick nach unten und nach oben

  1. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Walter Friedmann rebloggt.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Der glattgeschliffene Gysi verblasst in seiner Kapitalismuskritik vor dem neuen Papst–als Beleg hierfür folgendes:

    Pope Francis: Why are Deaths of the Homeless not a Headline but a 2-point Dow Jones rise is? (Germanos)

    Posted on 11/27/2013 by Juan Cole

    Andrea Germanos writes at Commondreams.org

    Pope Francis has issued a new document in which he rails against growing inequality, trickle-down economics and the current socioeconomic system that „is unjust at its root.“

    Issued on Tuesday, his 224-page document, called an apostolic exhortation, is titled The Joy of the Gospel, and follows previous remarks the pontiff has made against inequality.

    >From the document:

    Just as the commandment “Thou shalt not kill” sets a clear limit in order to safeguard the value of human life, today we also have to say “thou shalt not” to an economy of exclusion and inequality. Such an economy kills. How can it be that it is not a news item when an elderly homeless person dies of exposure, but it is news when the stock market loses two points? This is a case of exclusion. Can we continue to stand by when food is thrown away while people are starving? This is a case of inequality. Today everything comes under the laws of competition and the survival of the fittest, where the powerful feed upon the powerless. As a consequence, masses of people find themselves excluded and marginalized: without work, without possibilities, without any means of escape.

    Further, the Pope writes, „the socioeconomic system is unjust at its root,“ and thus spawns violence.

    „Until exclusion and inequality in society and between peoples is reversed, it will be impossible to eliminate violence,“ he wrote.

    Security is impossible in a state with rampant inequality, and cannot be provided through the surveillance state or militarism, he continued:

    When a society – whether local, national or global – is willing to leave a part of itself on the fringes, no political programmes or resources spent on law enforcement or surveillance systems can indefinitely guarantee tranquility. This is not the case simply because inequality provokes a violent reaction from those excluded from the system, but because the socioeconomic system is unjust at its root.

    Inequality eventually engenders a violence which recourse to arms cannot and never will be able to resolve. This serves only to offer false hopes to those clamouring for heightened security, even though nowadays we know that weapons and violence, rather than providing solutions, create new and more serious conflicts.

    As for adherents to so-called trickle-down economics and austerity policies, he says:

    … some people continue to defend trickle-down theories which assume that economic growth, encouraged by a free market, will inevitably succeed in bringing about greater justice and inclusiveness in the world. This opinion, which has never been confirmed by the facts, expresses a crude and naïve trust in the goodness of those wielding economic power and in the sacralized workings of the prevailing economic system. Meanwhile, the excluded are still waiting. To sustain a lifestyle which excludes others, or to sustain enthusiasm for that selfish ideal, a globalization of indifference has developed. Almost without being aware of it, we end up being incapable of feeling compassion at the outcry of the poor, weeping for other people’s pain, and feeling a need to help them, as though all this were someone else’s responsibility and not our own. The culture of prosperity deadens us; we are thrilled if the market offers us something new to purchase; and in the meantime all those lives stunted for lack of opportunity seem a mere spectacle; they fail to move us.

    While some have welcomed Pope Francis‘ comments against inequality and war, he has been the target of criticism as well, including accusations of ties to Argentina’s rightwing junta during the country’s military dictatorship.

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  3. genova68 schreibt:

    Na, dann sind wir mal gespannt, ob den Worten Taten folgen.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Wie sollte der Vatikan denn seinen Ermahnungen reale Taten folgen lassen. Wieviele Armeen hat denn der Vatikanstaat ausser der Schweizer Garde, dass er weltweit Druck ausüben könnte? Es geht hier also wohl mehr um moralische Appelle und Taten beim eigenen Verband, wie auch im Umfeld der Christenheit als pressure group..
    Die SZ berichtet:

    26. November 2013 18:11
    Papst Franziskus Revolution im Vatikan

    Seit mehr als 50 Jahren hat kein Papst so radikal Veränderungen gefordert, wie jetzt Franziskus. In einer 180-Seiten-Schrift verpflichtet er die Kirche, mehr für Arme, Schwache und Sünder zu wirken. Geradezu linksradikal erscheint seine Kapitalismus- und Reichtumskritik: „Diese Wirtschaft tötet“, sagt der Ponifex.

    Von Matthias Drobinski

    Papst Franziskus hat an diesem Dienstag eine Regierungserklärung abgegeben, in ihr fordert er nichts weniger als den radikalen Umbau seiner katholischen Kirche. Das heißt: Eigentlich hat der Mann aus Argentinien, der da seit bald einem dreiviertel Jahr von Rom aus die größte Glaubensgemeinschaft der Welt leitet, nur ein Apostolisches Schreiben mit dem Titel „Evangelii gaudii“, „die Freude des Evangeliums“, veröffentlicht, in dem er zusammenfasst, was ihm nach der jüngsten Bischofssynode im Vatikan eingefallen ist.

    Die fand im Oktober 2012 statt, der Papst hieß noch Benedikt XVI., und dass der nur vier Monate später zurücktreten würde, erschien undenkbar. Aber schon damals sagten viele Bischöfe: So kann es nicht weitergehen. Meist haben die Päpste in den so genannten nachsynodalen Schreiben die Anliegen der Bischöfe einsortiert und abgeschwächt. Franziskus hat das Gegenteil getan. Er hat das Gesagte zugespitzt und ihm eine eigene Sprache gegeben, ein 180-Seiten-Plädoyer ist entstanden, das von den Kirchenvätern bis hin zur Kapitalismuskritik reicht. Es ist eine Programmschrift; seit mehr als 50 Jahren hat kein Papst so radikal von seiner Kirche Veränderung gefordert.
    „Raus mit euch!“

    „Raus mit euch!“ heißt der Kern der Botschaft an die Bischöfe, Priester, Gemeindemitglieder. Geht heraus aus euren bequemen, bürgerlichen Kirchenstrukturen und dem wärmenden Kreis der Überzeugten – verkündet das Evangelium an den Rändern der Städte, den Randexistenzen der Gesellschaft, den Armen, Einsamen, Zweiflern. „Mir ist eine verbeulte Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und Bequemlichkeit krank ist“, schreibt er, und dass er sich einen „Zustand permanenter Mission“ wünsche – manchmal klingt das päpstliche Pathos wie bei einem Erweckungsprediger aus seiner argentinischen Heimat.

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    Die Erneuerung fängt bei seinem Amt an, schreibt Franziskus. Vom päpstlichen Lehramt könne man keine „endgültige und vollständige Aussage zu allen Fragen“ erwarten, sagt er gleich zu Beginn; notwendig sei eine „heilsame Dezentralisierung“ in der Kirche, auch die örtlichen Bischofskonferenzen seien Trägerinnen „einer gewissen authentischen Lehrautorität“. Auch stünden nicht alle kirchlichen Lehren für alle Zeiten fest: „Haben wir keine Angst, sie zu revidieren!“ Der Papst geht mit dem falschen Klerikalismus ins Gericht, den er in seiner Kirche wahrnimmt. Er fordert eine „Kirche der offenen Türen“ auch für Sünder: „Die Eucharistie ist nicht die Belohnung für die Vollkommenen, sondern ein großzügiges Heilmittel und eine Nahrung für die Schwachen“ – dies müsse „auch pastorale Konsequenzen haben“. Da dürfte es Gerhard Ludwig Müller, dem Präfekten der Glaubenskongregation, in den Ohren klingeln: Er hat erklärt, dass Geschiedene, die wieder heiraten, nicht zur Kommunion gehen dürfen, basta.
    Vatikan: Papst fordert Reformen
    Papst Franziskus Reformvorschläge „Lieber eine ‚verbeulte‘ Kirche“

    Weniger Pomp, mehr Bescheidenheit, mehr Laienbeteiligung und „Räume für eine wirksamere weibliche Gegenwart“: Papst Franziskus hat in einem Grundsatzpapier vielfältige Reformen gefordert. Die wichtigsten Punkte im Überblick.

    So konkret wird Franziskus in dem Schreiben selten – meist nur dann, wenn er erklärt, was alles nicht geht: Frauen soll der Zugang zum Priestertum verwehrt bleiben, auch wenn der Papst sich „eine wirksamere weibliche Gegenwart in der Kirche“ wünscht, was immer das heißen mag. Auch bleibt die Abtreibung für ihn eine Todsünde; es sei „nicht fortschrittlich sich einzubilden, Probleme zu lösen, indem man menschliches Leben vernichtet“ schreibt er, wie überhaupt Franziskus, wenn es um Ehe, Familie, den Zusammenhalt der Gesellschaft geht, ganz in der Sprache des Konservatismus den Zerfall von Bindungen beklagt – der Pontifex ist eben radikal, nicht liberal.
    Linksradikale Kritik

    Geradezu linksradikal, wenn man die gängigen Klischees ansetzen mag, erscheint des Papstes Kapitalismus- und Reichtumskritik. Das ökonomische System sei „in der Wurzel ungerecht“: „Diese Wirtschaft tötet.“ Es sei „unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse an der Börse Schlagzeilen macht.“ Der Mensch werde als Konsumgut betrachtet, „das man gebrauchen und dann wegwerfen“ könne, die Ausgeschlossenen würden zu „Müll“ und zu „Abfall“. Das Fazit: „Das Geld muss dienen und nicht regieren!“

    Das Apostolische Schreiben sei ein „prophetischer Aufruf an die Kirche“, hat der Münchner Kardinal Reinhard Marx gesagt; der Bischofskonferenzvorsitzende Robert Zollitsch aus Freiburg spricht von einer „beeindruckenden Analyse“ in „klarer und erfrischender Sprache“. Man lobt als Bischof, wenn der Papst schreibt – diesmal auch, weil sich die meisten deutschen Bischöfe in ihrem Bemühen gestützt sehen, mit der Welt außerhalb der Institution ins Gespräch zu kommen. Im Grunde aber müssten sie sagen: Herr Jesus, was mutet der Papst uns da zu?

    Dazu als Kommentar: Naja, ob die Kapitalismuskritik des Papstes denn wirklich so linksradiakal ist, mal dahingestellt. ;mir scheint das Ganze mehr als Reaktion auf die Freikirchen und Evangelikalen.Auch fordert er keine Maßnahmen, es bleibt also offen, was zu tun wäre. In seinen Predigten in Brasilien hat er die Armen ja aufgefordert ihre Wassersuppen mit mehr Wasser zu füllen und zu teilen und nicht die Expropriation der Expropriteure wie etwa Marx gefordert.Von Mindestlohn oder Reichensteuer taucht bei diesen salbungsvollen Worten auch nichts auf.Er bleibt also selbst unter sozialdemokratischen Standards.Und eine Analyse des Kapitalismus und der Globalisierung ist das auch nicht. lediglich das Genörgel gegen einige ihrer Folgen. Ob die Armut aber am Kapitalismus allein liegt oder vielleicht auch an der Bevölkerungsexplosion gegen die Papst ja nicht wettert, ja diese sogar für gut hält. mal dahingestellt.

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  5. Jakobiner schreibt:

    Jedenfalls ist mal die Papstkritik insofern gut, dass er den angeblichen automatischen trickle-down-Effekt der Globalisierung, was die irdische Paradiesvorstellung ist, wonach wir alle Mittelschichten weltweit werden infrage stellt und von der massenhaften Exklusion redet.Und ich habe auch schon lange nicht mehr auf einem Parteitag der Linkenoder der SPD gehört, dass man das ökonomische System ablehnt, da Menschen auf den Strassen erfrieren, während unser allgegegnwärtiges Telebörsenfernsehen den Anstieg des Dow Jones um 2% feiert!!

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  6. genova68 schreibt:

    in der Wurzel ungerecht und Kapitalismus tötet sind gute Ansätze, keine Frage. Es wäre aber in der Geschichte der katholischen Kirche das erste Mal, dass sie bzw. die Spitze sich auf die Seite der Schwachen stellt. In 2000 Jahren das erste Mal. Insofern wäre ich sehr vorsichtig. Wie sieht es eigentlich bei der Vatikanbank derzeit aus, dem Paradies für Drogengeld und Mafiosi? Und was sagt der Papst zur Befreiungstheologie? Würde er sein Gerede ernst nehmen, müsste er eine Revolution von oben einleiten.

    Die Geschichten von Jesus bieten das Potentzial. Wir werden sehen. Die Chancen stehen erfahrungsgemäß schlecht.

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