Christian Scott über Jazz und Jazz

Der schwarze amerikanische Jazztrompeter Christian Scott im Interview mit Christian Broecking:

Broecking: In der Jazz-Geburtsstadt New Orleans wurde vor kurzem gefordert, sich vom Jazz-Begriff zu verabschieden, da er rassistisch infiziert sei.

Diese Diskussion erinnern mich an die uralten Leute in meiner Nachbarschaft in New Orleans, die noch sagten, dass Jazz zu der Sorte Wörter gehören würde, die man lieber nicht ausspreche. Für mich repräsentiert Jazz hingegen eine Kunstform, die von Afroamerikanern erfunden wurde und etwas sehr Positives symbolisiert. Mir geht es mit dem Jazz-Begriff wie mit meinem Namen: Er ist einst von Sklavenbesitzern gegeben worden, um ihren Besitz zu markieren. Historisch gesehen haben viele Afroamerikaner aus diesem Grund ihren Namen abgelegt und einen neuen angenommen. Ich habe mich dafür entschieden, meinen Namen zu behalten und zu ergänzen. Anstatt mich vom Namen Jazz oder Scott zu trennen, versuche ich die Begriffe mit Inhalten aufzufüllen, die positiv sind. Stretch Jazz ist aus meiner Sicht eine Erweiterung des Jazz – und Christian Scott aTunde Adjuah ist mein Name.

Broecking: Welche Perspektive hat Jazz in einer Zeit größter gesellschaftlicher Veränderungen?

Kritik sollte niemals vom Handeln ablenken, sie sollte das eigene Handeln überprüfen, verbessern und ermutigen. Ich beziehe mich mit meinen Songtiteln auf aktuelle soziale und politische Missstände, die mich beunruhigen oder verärgern. Mir geht es dabei um Ehrlichkeit, mir selbst und dem Zuhörer gegenüber. Verbindliche Vorgaben, wie sich tief empfundener Protest musikalisch anhören sollte, mache ich nicht, die Musik reicht weiter als die Titel. Für mich ist Jazz das aktuellste musikalische Genre der Freiheit, Experimentierfreudigkeit und Veränderung.

Ich bin ja auch eher der Ansicht, dass Begriffe wie Jazz, Freiheit oder Gott sinnlos geworden sind, weil jeder damit meinen kann, was er will. Aber jemand wie Christian Scott kann die Begriffe füllen, rhetorisch und musikalisch, und dann sieht das schon anders aus. Der Aussage in Scotts letztem Satz würde ich gefühlig laienmäßig zustimmen.

Außerdem zeigt Scott, wie man mit Begriffen am Zeitstrahl entlang umgeht. Der Jazzbegriff ist heute problematisch wegen seiner Definitionsbreite, nicht, weil ihn irgendwann Weiße gebraucht haben. Es wäre eine neue und doppelte Abhängigkeit, würde man „Jazz“ ersetzen wollen. Scott setzt sich damit von Musikern wie Archie Shepp oder Miles Davis ab. Für die war Jazz ein weißer Begriff, „Great black music“ sollte es stattdessen heißen. Das hat sich offenbar nicht durchgesetzt. Gut so. Sprache ist lebendig und entwickelt sich weiter. Ohne Davis und Shepp dafür kritisieren zu wollen, es waren andere Zeiten damals, aber wer denkt heute bei Jazz noch an schuftende Sklaven auf texanischen Baumwollfeldern? Die Bedeutung ist längst eine andere. Wieso also Jahrzehnte später Wörter ändern? Interessant auch der Verweis Scotts auf die „uralten Leute“. Er meint damit wohl die (weiße) Generation, für die Jazz noch pfui war, weswegen die schwarzen Einwohner von New Orleans den Begriff auch mieden. Dann doch bitte erst recht.

Es ist ein ähnlich kindisches Verhalten wie das der deutschen Kindergarten-Linken, die meint, mit einem wichtigtuerischen Binnen-I gesellschaftliche Verhältnisse ändern zu können. Vermutlich werden sie dadurch nur zementiert.

Wichtig ist die Musik. Jazz als Möglichkeit des Ausdrucks, Jazz auch als ständiger Versuch der Musikindustrie, ihn zu verharmlosen, zu kommerzialisieren, ein weißes Mittelschichtsding daraus zu machen. Bar-Jazz, Jazz-Radio und Till Brönner. Jazz als weiteres Distinktionsmerkmal, analog zum VW Scirocco und zur Nespresso-Kaffeemaschine. Jazz als postmodernes Pottpourri und Anhängsel neoliberaler Strategien, die sich um die Verwertung des Begriffs kümmern: Jazz als Ausdruck indvidueller Neugierde, Traditionslosigkeit, beliebiger Formbarkeit. Jazz als Teil der kapitalistischen Logik. Jazz als Gelegenheit, mit Best-of-Compilations den Markt zu überschwemmen. Jazz auch als Übungsfeld ernster Jungmusiker, die Jazz nur noch als akademische Disziplin verstehen und dann technisch versiert und ungeheuer brav 40 Jahre alte Soli nachspielen.

Was Jazz immer noch sein könnte: Eine Möglichkeit des nicht Kontrollierten, des nicht Berechenbaren und dadurch Widerständigen. Jazz eben nicht als Veranstaltung Intellektueller, was Jazz nach weit verbreiteter Ansicht ist und was ich noch nie verstanden habe, sondern eine gefühlige Veranstaltung, die jedes Zucken von Gesichts- und Bauchmuskeln legitimiert.

Christian Scott spielt heute Abend live auf dem Jazzfest Berlin.

134(Foto: genova 2013)

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2 Antworten zu Christian Scott über Jazz und Jazz

  1. hANNES wURST schreibt:

    Was ist das denn für ein Bioladengequatsche, von Scott kaufe ich auch nichts mehr. Nach anfänglicher Euphorie kommen mir die drei Scheiben die ich mir von ihm zugelegt habe jetzt sowieso ziemlich impulslos vor. Dass die Kritik ihn in die Ränge von Coltrane und Davis geschrieben hat – lächerlich.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, letzteres ist wohl lächerlich.

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