Vom Unterschied zwischen Früh-, Fehl-, Tot- und Spontangeburt

Der Tagesspiegel-Redakteur Fabian Leber in einem Artikel zum europäischen Rechtspopulismus über den Euro:

Es mag ja sein, dass der Euro eine Fehlgeburt ist. Aber die EU ist nun mal aus Ad-hoc-Entscheidungen entstanden. Perfekt wird sie wohl nie sein.

Ein nettes analytisches Niveau der Tageszeitung, die sich als „Hauptstadtzeitung“ sieht. Die EU ist aus einer Laune heraus entstanden, der Euro ebenso. Da hat halt niemand so genau hingeguckt. Ist so eine Erklärung nicht auch populistisch oder ist sie einfach nur naiv? Und sind Journalisten wirklich so unbedarft, dass sie an solche Ad-hoc-Erklärungen glaubt? Nobody is perfect. Fabian Leber ist Redakteur im Meinungsressort. Vielleicht reicht es dort, eine Meinung zu haben. Begründen muss man nicht.

Davon abgesehen: Eine Fehlgeburt bedeutet, dass der Säugling nicht auf die Welt kommt. Der Euro ist längst da. Schiefes und unappetitliches Bild. Meinte Leber eine Frühgeburt? Oder eine Spontangeburt?

Selbst um diese Frage zu beantworten, müsste man eine wenig Analyse betreiben. Für wen wurde die Währung gemacht? Wer profitierte davon? Die Antworten darauf würden den Euro vermutlich als ein stämmiges Kind mit einer miserablen Sozialisation auf dem Ego-Trip entlarven, das allen anderen Kindern das Spielzeug  und selbst den Sand im Sandkasten klaut und damit abhaut, wobei es die viele Beute kaum tragen kann. Die Eltern kritisieren das offiziell, tätscheln ihrem Sprössling aber den Hinterkopf: Gut gemacht!

Der Euro ist das Kind adeliger Großgrundbesitzer, das von kleinauf seine ganz spezielle Aufgabe kennt: aus dem Großgrund größeren Grund machen. Und das klappt hervorragend. Also nix Fehlgeburt, alles im Lot.

Mich wundert zumindest, dass eine Zeitung, die auf sich selbst große intellektuelle Stücke hält, keine Schlussredaktion zwischenschaltet, um so einen Quatsch von der Veröffentlichung fernzuhalten. Aber so ist das wohl mit bürgerlichen Blättern: Wenn man Glück hat, findet man eine exzellente Einzelanalyse oder einen guten Journalisten. Das Niveau insgesamt bleibt notwendigerweise bescheiden. Keine systemische Infragestellung bedeutet heutzutage eingeschränktes Denken und somit Dummheit. Die wiederum ist notwendig, weil sich sonst das Anzeigenpublikum abwendet.

Ein sich selbst stabilisierendes System: Desinformation zugunsten des Profits. Mal sehen, wie lange noch.

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2 Antworten zu Vom Unterschied zwischen Früh-, Fehl-, Tot- und Spontangeburt

  1. Ex-Vermieter schreibt:

    Gemeint war wohl „Missgeburt“, nämlich mit schweren Fehlern zur Welt gekommen.

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  2. genova68 schreibt:

    Gut möglich, wobei „Missgeburt“ dem Tagesspiegel wohl zu drastisch ist. Wobei diese ganzen Begriffe nichts zur Aufhellung beitragen. Wenn Leber zu bedenken gibt, dass die EU nicht „perfekt“ ist, dann ist das die übliche Verharmlosung. Niemand hat von der EU Perfektion gefordert, das wäre ja auch eine völlig abstruse Forderung. Insofern ist die Feststellung sinnlos. Es geht um die neoliberalen Strukturen der EU, die mit den analytischen Fähigkeiten eines Leber nicht hinterfragt werden.

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