Zur Mär von den hohen Steuern

Ich möchte an folgendem Beispiel flott die Niveaulosigkeit der politischen Debatte aufzeigen. Oder auch nur auf die neoliberale Verseuchung weiter Teile der Öffentlichkeit hinweisen. Wir haben derzeit die höchsten Steuereinnahmen seit Bestehen der Bundesrepublik, hörte man im Wahlkampf immer wieder. Eigentlich ein klares Argument gegen jedewede Steuererhöhungen. Wie sieht die Wirklichkeit aus?

steuerquote_langereihe

Man kann also bei der Behauptung der höchsten Steuereinnahmen aller Zeiten nicht direkt von einer Lüge sprechen, denn faktisch ist das so. Nimmt man allerdings die Inflation und die steigende Wirtschaftsleistung, also den größer werdenden Kuchen hinzu, sieht das Bild anders aus.

Nebenbei: Das ist die x-te Grafik, die zeigt, welche Interessen die rot-grüne Regierung von 1998 bis 2005 vertreten hat: Zwischen 2000 und 2004 kam es zur größten Steuererleichterung, wie man sagt, seit Bestehen der Bundesrepublik und gleichzeitig zum geringsten relativen Steueraufkommen in diesem Zeitraum.

Welches Bild hat sich in der Öffentlichkeit durchgesetzt? Nicht das hier skizzierte, sondern das, wonach der deutsche Staat gefräßig Steuern einnimmt und die bösen Linken nun noch mehr Steuern wollen. Welche Rolle spielen die Medien hierbei? Und warum?

Dazu die junge welt vom vergangenen Samstag in der Rezension zu einem neuen Buch über die rot-grüne Ära im Bund:

Mit außerordentlichem Erfolg ist Rot-Grün an der Macht generell zu einer neuen Gewissenlosigkeit vorangeschritten, wie der britische Sozialist Tony Judt treffend bemerkt hat.

Gewissen als eine politische Kategorie, da wird es für Schröder, Fischer und Kollaborateure vermutlich sehr schnell sehr finster. Ich könnte jetzt noch auf die Unvereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie hinweisen. Ich schenke es mir. Diesmal.

(Grafik: Nachdenkseiten)

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6 Antworten zu Zur Mär von den hohen Steuern

  1. lemmy Caution schreibt:

    Ich seh das als eine Seitweitsbewegung, vor allem wenn man bedenkt, dass sich die geringen Schwankungen durch den Konjunkturverlauf erklären. Und dann fehlen da noch die Sozialkassen (Kranken, Renten, Arbeitslosigkeit), die zur Zeit recht hohe Zuwächse verzeichnen.

    Ich komm ja immer mehr zur Überzeugung, dass es Argumente jenseits des Systemwandels für höhere Steuern gibt.
    Das neueste: Im letzten Econtalk führt Russ Roberts etwa ein Gespräch mit Tyler Cowen über dessen neues Buch, in dem er zu dem Schluss gelangt, dass der aktuelle technologische Wandel auf eine Schrumpfung der Mittelklasse wirkt (http://www.econtalk.org/archives/2013/09/tyler_cowen_on.html).

    Ich halte das für sehr schlüssig. Dann lässt sich aber auch argumentieren, dass der Staat gegen diese zeitweise Verschärfung Unterschiede in den Einkommen durch mehr Umverteilung gegensteuern sollte. Cowen sagt das so nicht… es geht aber in die Richtung. Der steht hinter marginal revolution, eine auch in Deutschland unter ökonomisch interessierten Liberalen sehr beliebte Webseite.

    Solidarische Grüsse

    Lemmy

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  2. genova68 schreibt:

    Ich seh das als eine Seitweitsbewegung

    Ein lustiger Satz. Das ist objektiv keine Seitwaerts-, sondern eine Abwaertsbewegung. Es gaebe viel zu interpretieren bei dieser Grafik, beispielsweise die Abwaertsbewegung nach 2001, und die Schwankungen sind nicht gering und lassen sich auch nicht durch den Konjunkturverlauf erklaeren.

    Es ging darum, dass die Steuereinnahmen derzeit eben nicht auf Rekordniveau sind.

    Man sollte sich doch wenigstens bei klaren Zahlen einig sein, und eine Abwaertsbewegung bleibt eine Abwaertsbewegung.

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  3. hANNES wURST schreibt:

    Der sehr gute Beitrag von lemmy Caution wurde durch das nebensächliche Interpretationgeplänkel auf dem Niveau der Hobbycharttechnik nicht angemessen gewürdigt.

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  4. genova68 schreibt:

    Wer nicht willens oder in der Lage ist, einen Seitwärts- von einem Abwärtstrend zu unterscheiden, sollte zu diesem Thema schweigen, Hannes.

    Nochmal für die blutigen Anfänger:
    Die positiven Spitzen des Charts sind folgende:

    1953, 24,9 Prozent
    1969: 24,3 Prozent
    1977, 24,1 Prozent
    1991, 23,9 Prozent
    2000: 22,8 Prozent
    2006: 22,6 Prozent

    Die negativen Spitzen sind folgende:

    1959, 22,6 Prozent
    1970, 21,8 Prozent
    1997, 21,3 Prozent
    2004, 20,2 Prozent

    Es zeigt sich neben meiner Ausgangsthese ein weiteres Merkmal: Die Steuersenkungspolitik von rot-grün zeigte sich unmittelbar. Und: Die aktuell höchste Spitze (2006) ist gleich der niedrigsten Spitze aus den 1950ern (1959).

    In dem Chart da oben bedeutet jeder Prozentpunkt mehr oder weniger runde 2,5 Milliarden Euro mehr oder weniger Steuereinnahmen, inflationsbereinigt auf heutigem Stand. Das sind in der oben gezeigten Range von fünf Prozentpunkten jährlich runde zehn Milliarden Euro, um die es geht. Wer meint, in dem obigen Chart keinen Abwärtstrend sehen zu können, sondern einen Seitwärtstrend, für den sind zehn Milliarden Steuern mehr oder weniger auch egal.

    Mir scheint hier, und das nicht zum ersten Mal, dass technikaffine Menschen mit solch einfachen Verhältnissen Probleme haben, weil sie nicht in der Lage sind, politisch zu denken. Auch ein Chart kann politisch gelesen werden, wenn man es denn kann.

    Und noch was: lemmy caution ist bekennender SPD-Wähler. Von so einem solidarische Grüße zu erhalten, hat was.

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  5. lemmy Caution schreibt:

    Definier bitte einmal „technikaffiner“ Mensch… Ich lauf nach wie vor mit uralt-Nokia Handy rum, fahr Toyota, weil die robust sind, die Ersatzteile billig sind und die nicht so viel schnick-schnack haben… und nach wie vor einen Röhren-Fernseher.
    Nochmal: Diese Veränderungen im Chart sind absolut marginal. Und sie lässt einen großen Batzen aus, nämlich die Sozialversicherungen.

    Ich kritisier ja grad an deinen i.w.S.. ökonomischen Beiträgen, dass Du da in der Analyse einer sehr positivistischen Euphorie nachhängst. Du findest Datenreihe A und Datenreihe B. Dann weisst Du ganz genau, wie die in Verhältnis zu setzen sind. Ich bin da weitaus skeptischer.

    Kern meiner Aussage oben war: So Leute wie ich, die viele morgen in gutbezahlte Jobs in Büros pilgern, sollten in den nächsten Jahrzehnten mit höheren Steuern rechnen, weil halt der Anteil der Menschen, die sich in der modernen Produktion in Wert setzen lassen, immer kleiner wird. Und dabei werden diese wenigeren Individuen gleichzeitig immer produktiver. Die Charakteristik des Faktors technologischer Fortschritt ändert sich in seiner Wirkung auf den Arbeitsmarkt. Weil normative gesellschaftliche Ziele wie ein gutes Mass an Sozialer Homogenität einer Gesellschaft schwerer wiegen als in-wert-setzbarkeit auf dem Markt, bin ich für Umverteilung. As simple as that. Ich brauch da keine von selbsterklärten Sozialwissenschaftlichen Hohepriestern dargebotene dollen Modelle oder aus dem Meer der Sozial- und Wirtschaftsstatistik gefischten „Belege“.

    Der Über-Optimismus bezüglich der Aussagekraft der von dir zur Diskussion gestellten Datenreihe ist ja gerade ein Problem, das die neoliberalistische Epoche noch verstärkt hat. Du und etwa Jens Berger bemühen sich so eine Art Kaffeesatzleser für eine andere Politik zu sein. Das macht euch aber gemein mit den Neoliberalen.

    Ich meine dagegen, dass normative Ziele wie eine ausgeglichene Einkommensverteilung, menschenwürdiger Lohn, etc. einen viel höheren Stellenwert gegenüber dieser pseudo-„objektiven“ Technokraterei verdienen. Aus dem gewaltigen sozioökonomischen Datenpool dieser Welt 2 Datenreihen herauszupicken, um damit eine These zu begründen: DAS IST FÜR ABSOLUT ALLES MÖGLICH.
    Politik sollte aber einer holistischeren Landschaft folgen.

    Fast habe ich die über 600 Seiten „La revolución capitalista de Chile (1973-2003)“ von Manuel Gárate Chateau beendet. Eine geschundene Gesellschaft, in der ein neoliberal-technokratischer Diskurs zwischen 1994 und 2011 zu einer Art Staats-Religion wurde. Ya nos aburrimos y se va a terminar. Das vor allen Dingen.
    Die Buchform einer Doktorarbeit an einer Pariser Uni über die Bestandsaufnahme des Prozesses. Sehr sachlich, viele Fußnoten, aber es bleibt für mich nur der Schluss, dass dieser neoliberal-technokratische Weg fürchterlich in die Irre geht. Und das ist nur ein Baustein meiner Auseinandersetzung mit jenen Modell. Ich sollte darüber einen eigenen Blog aufmachen, auch wenn ich nur 1 oder 2 halbverrückte Leser hätte. Nie vergessen, dass ich mit jenem fernen Land über einen langen Zeitraum persönlich verbunden bin.

    Ich seh ja gerade in meinem zeitweise ausartenden Konsum sozialwissenschaftlicher Ergüsse neben einem auch leseintensiven Beruf als eine kuriose Don Quixoterie. Also wie jetzt, ich könne keine Statistiken lesen? Du kannst Statistik lesen. Ich kann keine Statistik lesen. Das ist die perfekte Übernahme des anti-demokratischen Diskurses Neoliberaler Technokraten.

    Aus meiner Sicht gibt es viele Arten der Unzufriedenheit des Neoliberalismus. Nur weil ich für die Jens Berger School of Economics nur Hohn und Spott übrig habe, schliesst nicht aus, dass ich über die Schildbürgereien des INSM noch herzlicher lache. Oder über die Gadget-Liebhaber meiner beruflichen Zunft. Die sind übrigens eher sehr jung, oder im Management. Wie sollten ausgerechnet wir an Technik glauben? Bei uns landen doch die Probleme von Technik.

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  6. genova68 schreibt:

    lemmy caution,

    den technikaffinen Menschen habe ich auf Hannes Wurst bezogen, mit dem ich im real life über dein Posting gestritten habe. Der ist technikaffin und hat den politischen Wert dieser Grafik auch nicht verstanden. Ich habe da wohl unzulässig verallgemeinert.

    Technikaffin hin oder her, mich wundert es wirklich, dass man so eine Grafik nicht richtig einordnen kann. Technikaffin meinte ich auch in Bezug auf die fatale Einschätzung, dass die Änderungen im Chart minimal seien. Maximale Änderungen hätten in dieser Grafik die Auslöschung des Staates zur Folge. Die Änderungen bilden einen Bereich von zehn Milliarden Euro ab, das sind nach zehn Jahren 100 Milliarden Verschiebungsmasse. Das IST NICHT marginal. Charttechnisch betrachtet vielleicht, politisch nicht. Das genau ist eine politische Herangehensweise, die hier vonnöten ist.

    Wer etwas lesen kann oder nicht: Das versuche ich zu begründen. Der Chart ist doch nur ein Hilfsmittel. Man muss immer die realen Zahlen dahinter sehen.

    Die Rolle der Sozialversicherungen in dieser Grafik solltest du präziser beschreiben. Auch da wären Zahlen sinnvoll.

    Ich finde dein Posting in Teilen eh merkwürdig: Du bist für Umverteilung, willst aber keine nachprüfbaren Gründe nennen.

    Ich brauch da keine von selbsterklärten Sozialwissenschaftlichen Hohepriestern dargebotene dollen Modelle oder aus dem Meer der Sozial- und Wirtschaftsstatistik gefischten “Belege”.

    Wie willst du dann begründen? Einfach damit, dass Umverteilung nötig ist in einem kapitalistischen System? Und auf keinen Fall die Zahlen sehen wollen, die das begründen? Hängt mir zu hoch. Ich versuche immer wieder mal, Zahlen zu finden, In dem obigen Fall fand ich das aufschlussreich, in vielen anderen Fällen auch. Wenn ich mich um Ökonomie kümmere, hantiere ich mit Zahlen. Das ist doch völlig normal. Das ist keine Kaffeesatzleserei, sondern der Ansatz einer vernünftigen Diskussion.

    Jens Berger macht das und kümmert sich wenig um Systemauflösungen. Den interessiert nicht die Frage, ob der Kapitalsmus jetzt an sein Ende kommt oder doch erst in einhundert Jahren. Der analysiert konkret. Das mag nicht reichen, ist aber wichtig. Das ist Aufklärung.

    Wo das Nichtanalysieren hinführt, sieht man an deiner Argumentation. Du behauptest einfach, die Ausschläge in dem Chart seien minimal, egal, wie viele Zahlen ich dir präsentiere. Die werden einfach ignoriert, weil man nicht so sein will wie Jens Berger. Dabei kommst du aufs gleiche Ergbnis, nur willst du dafür Zahlen nicht zur Kenntnis nehmen. Das kommt gut rüber, Zahlennenner haben ja schnell den Ruf des Drögen, des Langweilers.

    Das nennst du dann positivistisch. Es ist nicht positivistisch, belastbare Zahlen zu nennen. Ein holistisches Weltbild ensteht erst durch viele Details. Auch deine chilenische Geschichte dürfte durch eine Menge an Detailwissen zustande gekommen sein, das der Autor beim Schreiben nicht alles aufzählen muss. Keine Makro- ohne Mikrogeschichte.

    Du kannst für Berger Hohn und Spott übrighaben, aber dann kommt vermutlich in der Tat als Ergebnis, über die INSM herzlich zu lachen. Was wer davon hat, erschließt sich mir nicht.

    Aber ich gestehe natürlich ein, dass Leute völlig unterschiedlich sozialisiert und politisiert werden.

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