Kenzo Tange wird heute 18

Kenzo Tange wäre heute 100 Jahre alt geworden, deshalb drei Fotos, die seine Haltung zum Bauen in einem Punkt ganz gut zeigen, ohne ihn nun von den grundsätzlichen und problematischen Auswüchsen struktruralistischen Bauens freizusprechen.

Es geht ums terrassierte Bauen, eine an sich uralte Idee mit den Vorteilen, einerseits die Massivität von Hochhäusern zu mildern, andererseits jeder Etage einen großzügigen halböffentlichen Außenraum zu bieten. Diese Art von Architektur hat heute keine Chance mehr, vermutlich auch, weil die Rendite sinkt, wenn sich die erlaubte zu bebauende Fläche nach oben hin verjüngt.

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Die Wohneinheiten in diesem Projekt von 1959 (erstes Bild) sind prinzipiell veränderbar und fortsetzbar, also auch verkleiner- und vergößerbar. Die Wände könnten herausgenommen werden, wie bei der DDR-Platte (die mittlerweile gerne zu Stadtvillen umgebaut werden), was Tanges Verbindung zu den Metabolisten unterstreicht, denen er sich selbst zwar verbunden, aber nicht zugehörig fühlte. Außerdem wollte Tange schon damals die CIAM-Trennung von Wohnen, Arbeiten und Einkaufen überwinden: In den Innenbereichen sah er Kindergärten, Gemeinschaftseinrichtungen, Läden und Büros vor.

Dazu kommt Tanges herrlich ungemütliche Architektur. Serielle Fertigung ist noch nicht verpönt, sondern sie bietet die Chance, mithilfe technischen Fortschritts preiswert und gut für alle zu bauen. Für Gemütlichkeit müssen frei nach Karl Kraus die Bewohner sorgen, was sie sicherlich auch hinkriegen. Grundstoff ist Sichtbeton, weiter sollte sich der Architekt nicht einmischen.

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Terrassiertes Bauen bietet in Hanglage naturgemäß die besten Entfaltungs-möglichkeiten (Bilder zwei und drei). Es war ein Bauen, das die Natur respektierte, ohne ins Biedermeierliche zurückzufallen.

Tange verwendete nicht nur Beton, sondern auch Holz und sogar Papier, gemäß japanischen Bautraditionen. Der Übergang von außen nach innen als ein Aspekt von Architektur war in Japan schon immer wichtiger als hierzulande, wie auch das avisierte Raumgefühl, das immer Ofenheit und Luftigkeit verpflichtet war, also dem Auf- statt dem Abschließen von Raum.

Das alles führt zu einer Architektur, die einerseits dem Bewohner möglichst großen Freiraum lässt, was seine Einrichtung des täglichen Lebens angeht, die andererseits Engagement zeigt, wenn es um Grundsätzliches geht. Es ist eine Spielart des Strukturalismus, die auch in Zeiten gebotener baulicher Vermassung eine kleinteilige Architektur hervorbringen kann, die sich mit Begriffen wie Vereinzelung und Entfremdung angemessen auseinandersetzen kann. Dass Fehler macht, wer Neues wagt: geschenkt.

Es ist eine Form von Sozialutopie, die via serielles Bauen in großem Maßstab dachte. Gerade in dem geschichtlichen Augenblick, in dem man aus den Fehlern hätte lernen können, kippte die Stimmung: International war der Metabolismus vielleicht die letzte Möglichkeit großräumigen Bauens. Der wurde unter anderem möglich, weil eine Landreform ab 1946 zur massenhaften Enteignung japanischer Großgrundbesitzer kam. Plötzlich war Platz da für Neues. Danach kamen mit dem Ende von Bretton Woods der Markt und die Spekulation auch in die Ritzen, die er zuvor übersehen hatte. In Deutschland kam mit der Neuentdeckung des Altbaus die neue Anspruchslosigkeit und Behaglichkeit. Die wildgewordenen Ökos setzen der Stadt nun endgültig zu. Das einzige, was noch interessiert, ist offenbar urban gardening, auf deutsch: ein paar Gurken anbauen. Sich mit Weitergehendem zu befassen, wäre zu kompliziert. Deutscher Ökobiedermeier.

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Japanische Architektur wird hierzulande eh unterschätzt, das zeigte schon Bruno Taut, der auf der Flucht vor den Deutschen zwischen 1933 und 1936 in Japan wohnte. In dieser Zeit veröffentlichte er mehrere Bücher zur traditionellen japanischen Architektur, in denen er vor allem an der Katsura-Villa zeigte, dass dort schon im 17. Jahrhundert raumatmosphärisch ein Minimalismus nicht nur gedacht, sondern stilsicher realisiert wurde, der sich in Europa erst 300 Jahre später durchsetzte.

Das alles ist in den 1960er und 1970er Jahren nach Europa und Deutschland geschwappt, doch nur für kurze Zeit. Schaut man sich die Bautätigkeit im heutigen Berlin an, sieht man die Regression: Es gibt praktisch keine öffentliche Architektur mehr, dementsprechend auf keine öffentliche Diskussion darüber. Es gibt nur noch Investoren, die kommen oder nicht kommen, und die für eine sich abschottende Kunschaft bauen, in der Regel an den Klassizismus anlehnend, oder auch ans Bauhaus angelehnt, aber von jeglicher politischen Implikation befreit. Je nach dem, ob sich die Kundschaft konservativ oder modern versteht. Was den praktischen Bezug zur herrschenden Ökonomie angeht, ist zumindest der Bauhausbezug Fassade, sonst nichts.

Die Spuren des Berliner Ex-Baudirektors Hans Stimmann (Sarrazin der Architektur) sind verheerend. Der Mann hat jeden fortschrittlichen Ansatz zunichte gemacht und die traditionell reaktionären Koalitionen im Westberliner Baubusiness erneuert. Natürlich auf SPD-Ticket. Stimman ist so eine Art Agenda-2010-Verfechter der Architektur. Ohne ein Bekenntnis zur kaiserlichen Berliner Steinhäusern (natürlich nur vorgeblendet) geht hier seit 20 Jahren nichts mehr. Dazu kommt der rigide und deutsche Wahn, alles bis ins letzte Detail regeln zu wollen. Es war in den Neunzigern dem Juden Libeskind vorbehalten, Stimmann architektonischen Faschismus vorzuwerfen.

Das, was Strutkuralisten und Metabolisten in den Siebzigern noch vorhatten, nämlich Technik und Menschlichkeit zu vereinen, ist heute schon begrifflich der Lächerlichkeit preisgegeben. Innovation im Wohnungsbau findet im fortgeschrittenen Kapitalismus (oder einfach nur in Deutschland?) nur noch in Baugruppen mit bewussten Akteuren statt – womit sich dann die regressiven Stadtpolitiker gerne schmücken, als privatisierter Sozialwohnungsbau sozusagen.

Sozialen Wohnungsbau einstellen und eine rechte Architektur öffentlich fördern: In einem kapitalistischen System ein gelungener Mix, um jeden fortschrittlichen Gedanken zur Architektur zu töten.

Verglichen mit Gestalten wie Stimmann (72) wird Kenzo Tange heute nicht 100, sondern 18. Höchstens.

(Alle Fotos aus: o. V.:Kenzo Tange. Zürich 1978.)

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2 Antworten zu Kenzo Tange wird heute 18

  1. Chris(o) schreibt:

    Vielen Dank für die Erinnerung an diesen tollen Architekten.Habe ein wenig im Internet nach ihm gestöbert.Und ja, er ist for ever young.

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  2. genova68 schreibt:

    Gern geschehen :-) Er war Teil des Nachvornedenkens.

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