Witz des Jahres: Steinbrück glaubt, er sei Willy Brandt

So langsam erinnert die SPD an die letzten Tage im Führerbunker: Der Tunnelblick (alles ist gut, wir gewinnen die Wahl/Krieg, einhundertprozentig, der Feind steht links) wird ergänzt um Steinbrücks expliziten Verweis vom Wochenende auf Willy Brandt:

„Ich will mit Euch wieder einen Aufbruch für dieses Land erleben“.

So gesprochen am Brandenburger Tor, wo die SPD ein „Deutschlandfest“ veranstaltete.

Wer glaubt das? Steinbrück selbst sicher nicht. Die Genossinen und Genossen Sozialdemokraten? Beziehungsweise die paar, die noch übrig sind?

Es erinnert auch ein wenig an Ägypten. Es muss wohl erst zum großen Crash kommen, bevor sich etwas zum besseren wendet. Es ist der SPD zu wünschen, dass sie unter 20 Prozent fällt, die Kameraden Steinbrück, Steinmeier und wie sie alle heißen, aus der Vorstandsetage gejagt werden und dann eine inhaltliche Aufarbeitung der vergangenen zehn Jahre einsetzt. Fragestellungen könnten folgende sein:

  • Wie konnte ein neoliberaler Quasi-Mafiosi wie Gerhard Schröder ans Ruder kommen?
  • Wie konnte Clement, der heute die FDP wählt und hochrangiger Funktionär der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist, jahreland den Superminister spielen?
  • Wie schaffte es das rot-grüne Projekt, eine objektiv neoliberale Politik zu machen in einer Intensität, von der Kohl und die FDP 16 Jahre nur träumen konnten?
  • Wann stellt sich bei diesen Gestalten einmal jemand die Frage, wieso die SPD von 1998 bis 2009 von 43 auf 23 Prozent absackte? Und dabei mehr als die Hälfte der Stimmen verlor?
  • Und wieso stellte man nun einen Spitzenkandidaten auf, der für exakt diese rechte Politik steht?

Die Antworten sind bekannt, aber der Patient verweigert jeglichen Blick aufs Reale. Gut möglich, dass das auch nicht mehr besser wird: Wieso sollte ein heute politisch interessierter Zwanzigjähriger der SPD beitreten? Wofür stehen die? Für nichts. Es wird vermutlich kein vernünftiges Personal mehr nachkommen, nur noch die Netzwerker, die vor allem an ihrer eigenen Karriere basteln.

Ohne die SPD glorifizieren zu wollen (auch nicht die unter Brandt): Aber ohne die alte Tante kriegt man auf parlamentarischem Weg nun mal keine Verbesserungen gebacken. Insofern wäre für die SPD am 22. September ein Einbruch förderlicher als ein Aufbruch. 19 Prozent, Palastrevolution und Neuanfang. Nur, wie gesagt: Es könnte niemand mehr da sein für eine Revolution. Die wenigen vernünftigen einstigen SPD-ler sind entweder bei der Linkspartei oder gestorben.

Kümmern wir uns also wieder um die wirklich wichtigen Themen: Gute Fotos und luzide Beobachtungen auf dem besten Blog der Welt.

P.S.: Stimmt es, dass auf dem Deutschlandfest Konstantin Wecker auftrat? Wenn ja, dann scheint der für Geld mittlerweile alles zu machen.

SPD-Baracke:
027 (2)(Foto: genova 2012)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Geschichte, Linke, Neoliberalismus, Politik abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu Witz des Jahres: Steinbrück glaubt, er sei Willy Brandt

  1. hANNES wURST schreibt:

    Auch ich frage mich, wie die SPD von 43 auf 23 Prozent absacken und dabei die Hälfte der Stimmen verlieren konnte.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Weil 2009 die Wahlbeteiligung geringer war als 1998, die geringste seit Bestehen der Bundesrepublik.

    Gefällt mir

  3. politberlin schreibt:

    Hat dies auf politberlin rebloggt und kommentierte:
    Der Weg zum Nichts-Die SPD

    Gefällt mir

  4. hANNES wURST schreibt:

    Eine statistisch interessante Finte. Kann man sich rühmen, 100% neue Wähler gewonnen zu haben, wenn im gleichen Zeitraum die Anzahl der Wahlberechtigten auf das Doppelte explodiert? Kann ich behaupten, ich würde meine Tante doppelt so häufig besuchen, indem ich mein Körpergewicht verdoppele? Oder muss ich es halbieren?

    Gefällt mir

  5. Jakobiner schreibt:

    „Wie konnte ein neoliberaler Quasi-Mafiosi wie Gerhard Schröder ans Ruder kommen?
    Wie konnte Clement, der heute die FDP wählt und hochrangiger Funktionär der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ist, jahreland den Superminister spielen?
    Wie schaffte es das rot-grüne Projekt, eine objektiv neoliberale Politik zu machen in einer Intensität, von der Kohl und die FDP 16 Jahre nur träumen konnten?“

    Die Antwort liegt vielleicht in der Allmacht des Seeheimer Kreises.Wie aber kann es sein, dass der Gewerkschaftsflügel der SPD diesen so vorbehaltlos wichtige Positionen besetzen lässt, zumal ohne Gegenwehr–da stellt sich die Frage: Wer ist eigentlich noch der linke Flügel der SPD, wenn er nicht mal einen richtigen Kanidaten durchsetzen kann?

    Gefällt mir

  6. landbewohner schreibt:

    19% sind für den haufen noch viel zu viel.
    und „linker flügel“? das soll doch die grinse nahles sein. zum krumm lachen.

    Gefällt mir

  7. Garfield schreibt:

    laut Nachrichten scheint Konstantin Wecker dabei gewesen zu sein.
    MMN aber verzeihlich, gefeiert wurden ja die letzten Hundert-, nicht bloß 50 Jahre…

    mir war Konstantin Wecker bisher eigtl ganz sympathisch (soweit das bei mehr o. weniger Unbekannten halt möglich ist).

    er war mal ziemlich weit unten – ohne im Nachhinein, wenn die Scheiße vorbei ist & man wieder leicht Reden hat – den Harten zu markieren, wie z.B. dieser Gunther Gabriel; von wegen „Mann sein, sich in den Arsch treten, etc …“
    ok, er sagt zwar bloß zwischen den Zeilen, daß die Leute selbst schuld sind wenn sie keine Schuhe putzen etc – aber ob er solche Sprüche auch gekloppt hat, als er selbst noch „ganz unten“ war?
    Daß er laut eigener Aussage auch an Selbstmord dachte, widerspricht da irgendwie.

    daß er den Schneid hatte, sich für sein Engagement für eine Intervention/Syrien zu entschuldigen & öffentlich einen Rückzieher zu machen, spricht auch für Konstantin Wecker…

    aber für kritische Zeilen war (/ist?) man auch hinter den Schlagzeilen nicht besonders „offen“. Aber nur meine persönliche Erfahrung

    Gefällt mir

  8. genova68 schreibt:

    Hannes,
    hochinteressante Fragen. Ich schätze, du musst entweder dein Körpergewicht verdoppelt und halb so oft hinfahren oder es halbieren und dann leider doppelt so oft hinfahren. Viel Erfolg!

    Jakobiner,
    es war seinerzeit wohl die allgemeine Stimmung. Die Gewerkschaften waren zwar massiv gegen die Agenda, aber eben plötzlich ohne die Unterstützung der SPD. Und das lag wohl darin, dass die SPD-Oberen die Agenda im Hinterzimmer entwickelt haben, dann kam die Basta-Strategie und dazu wohl der Drang zum Machterhalt. Einige sind aus der Partei raus, das wars dann. Dazu kam der Druck von Union und FDP, damit das ganze im Bundesrat durchkommt. Die allgemeine Stimmung in den Medien war damals ja ziemlich eindeutig: Der kranke Mann Deutschland, ohne „Reformen“ ist der Ofen bald aus. Das waren m.E. konzertierte Aktionen des Kapitals, die wussten genau, wo da ihre Chancen zur besseren Renditeerzielung liegen.

    Und heute ist kein Linker mehr da in der SPD, der noch irgendwas reißen könnte.

    Die Umfragen sprachen vor einem Jahr klar für Steinbrück, was auch wiederum mit konzertierten Medienaktionen zusammenhing. Steinbruck wurde monate- und jahrelang hochgeschrieben, von so ziemlich allen. Es ist eben auch eine Frage von Mediendemokratie im Kapitalismus.

    garfield,
    Wecker trat bislang bei den Linken auf, insofern wundere ich mich schon sehr. Der hat das doch auch nicht nötig.

    Gefällt mir

  9. Garfield schreibt:

    wie gesagt, bei Wecker bin ich zwiegespalten.

    Einerseits war er mir zwar immer sympathisch – aber von jmd, der in seinem Handwerk so politisch ist & noch dazu einen (links)alternativen Blog betreibt, hätte ich schon etwas mehr erwartet, als kritische Hinweise /Syrien einfach zu löschen. Ich weiß nicht mehr den genauen Wortlaut, der Ton war aber auf jeden Fall respektvoll – also konstruktive Kritik, kein „was ist das für’n Scheiß“ o.Ä. …

    so ist das. Das Internet eröffnet ganz neue Möglichkeiten, „seine“ Promis kennenzulernen… bzw das wenigstens zu glauben, denn ich weiß ja nicht mal, ob der „operator“ überhaupt Wecker himself war.

    von angeblich 700 Künstlern (Morgenpost) war Wecker aber immerhin der einzige „politische“ – unter den halbwegs bekannten jedenfalls…
    (k.A. ob & wer sonst noch angefragt wurde + evtl ablehnte)

    vllt war’s einfach die Kohle. Sich die Auftraggeber auszusuchen, ist für selbstständige/Subunternehmer wie Musiker etc immer ein Luxus, das ist nun mal so… ich kenne nicht seinen Kontostand, aber in der Forbes-Liste steht er wohl nicht grad.

    Gefällt mir

  10. walterfriedmann schreibt:

    Hat dies auf Forum Politik rebloggt.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s