Kurzer Rückblick auf Guttenberg und die Medien

Bernt Engelmann über die Bauernkriege von 1525 und die Profiteure ihrer Niederschlagung (Wir Untertanen, 1993, S. 96):

Es kam den Herrschenden darauf an, das Volk so einzuschüchtern, dass es sich niemals wieder gegen sie erheben würde. Und es waren […] vor allem diejenigen Adeligen, die sich anfangs am meisten vor den Bauern und Stadtarmen gedemütigt hatten, um möglichst viel von ihrer Herrlichkeit zu retten, welche nun durch äußerste Härte ihre frühere Haltung vergessen machen wollten. Zu ihnen gehörten die Grafen von Löwenstein, von Oettingen und von Hohenlohe, die Herren von Guttenberg sowie der Schenk von Erbach…

Die Härte hat sich bekanntlich ausgezahlt: 500 Jahre später verfügt alleine der Dirigent Ennoch zu Guttenberg, der Vater Karl-Theodors, über ein Vermögen von 400 Millionen Euro. Diese Kontinuitäten sind, blitzen sie kurzzeitig auf, in Deutschland immer wieder frappierend, tut man hierzulande doch gerne so, als habe es eine Stunde Null gegeben und als habe man alle Verbindungen in die böse Geschichte gekappt. Damit sind ja nicht nur die Nazis gemeint.

Die herrschende Klasse hält sich seit Jahrhunderten schadlos, was auch an den Interessen der herrschenden Medien liegt. Man müsste regelmäßig daran erinnern, wie sämtliche Verlagshäuser Deutschlands dem Aufschneider Guttenberg über Jahre hinweg in den Hintern gekrochen sind: Der neue Supermann, der Deutschland in strahlende Zeiten führen wird, immer schön Hand in Hand mit der Yellow Press. Dabei war schon lange klar, dass Guttenberg ein neoliberaler Rechtsaußenpolitiker ist, der die Geschäfte des Kapitals hervorragend managen könnte. Oder wurde er gerade deswegen hofiert? Jedenfalls wurde das Positionspapier, das vor der Wahl 2009 versehentlich in die Öffentlichkeit geriet, medial schnell aus dem Verkehr gezogen.

Es war schlicht großes Glück, dass Guttenberg abgeschrieben hat und dass er dauerhaft log. So blieb schließlich nur noch die Bildzeitung als Verteidiger übrig, selbst eine neoliberale FAZ musste sich irgendwann entscheiden zwischen der Förderung eines Mannes, der dem Kapital sorglose Zeiten suggerierte und der Verteidigung wissenschaftlicher Standards, auf die die Bürgerlichen in der Redaktion zwecks Gesichtswahrung pochten. Da Guttenberg in dieser Auseinandersetzung seine pathologischen Seiten offen zeigte und damit seine ganze kaputte Sozialisation hoch droben auf der Burg, war er schließlich zum Abschuss freigegeben.

Gerade bei einem Guttenberg hätte man genau hinschauen müssen, was Vermögen, was Sozialisation, was Selbstverständnis angeht, hätte man besonders kritisch sein müssen. Stattdessen hob man den Mann auf den Thron, gerade WEIL er die Verwertungsinteressen des Kapitals zuverlässig bedient hätte und nebenbei die Bundeswehr zur schlagkräfitgen Elitetruppe eben jenes Kapitals umbaute.

Und es war nicht nur Springer. Jedes Käseblatt hat mitgejubelt und zur angestrebten Festigung kapitalistischer Verhältnisse beigetragen. Wie berichteten eigentlich taz und FR?

Eine besondere Rolle spielt die Zeit. Chefredakteur di Lorenzo konnte vergangenes Jahr der Versuchung nicht widerstehen, Guttenberg ins Alltagsestablishment zurückzuholen. Aber di Lorenzo kooperiert ja auch mit der INSM. (In der aktuellen Ausgabe beschwert er sich übrigens scheinheilig über den Niedergang des Wissenschaftsstandorts Deutschland aufgrund kapitalistischen Verwertungsdrucks auf die Unis. Man glaubt es kaum.)

Es war, man muss das leider so deutlich sagen, eine Generalprobe der bundesdeutschen Medienlandschaft, in der sie in weiten Teilen ihr wahres Gesicht zeigte: Kapitalinteressen gehorchend und den Kleinbürger in seiner gottgegebenen Rolle einzementierend. Die Unterschiede zu 1525 sind vor allem in den technologischen Entwicklungen zu suchen.

Das Verhalten der Medien im Fall Guttenberg passt auch gut zu den vielen Schlossneubauten hierzulande. Wir bauen jetzt schon mal die Schlösser. Der, der da einziehen sollte, hat sich zwar selbst erledigt. Aber die nächste Gelegenheit kommt. Bestimmt.

IMG_1602(Foto: genova 2013)

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4 Antworten zu Kurzer Rückblick auf Guttenberg und die Medien

  1. Jakobiner schreibt:

    Jetzt gibt´s auch eine Facebookseite „Wir wollen Guttenberg zurück“:
    https://de-de.facebook.com/zuGuttenBACK
    Die Kommentare sind aber nicht im Sinne des Erfinders.

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  2. genova68 schreibt:

    Die Gruppe ist vermutlich schon etwas älter, oder?

    Der jüngste Eintrag:

    „Der Berliner Flughafen. Jetzt wurden die Kosten erneut hochkorrigiert! Was muss der Steuerzahler noch mitmachen?“

    Die Hochkorrektur hätte es mit Guttenberg nicht gegeben, vermuten die Fans, i.e. die Steuerzahler.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Das Erstaunlichste am Phänomen Guttenberg war ja auch, dass ihm, dem adeligen Oberklassenyuppie selbst die Unterschichten zujubelten.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, aber das ist doch das bekannte Yellow-Press-Phänomen. Man himmelt die da oben an, weil man etwas abbekommen will vom Glanz.

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