Wie geht es eigentlich den schwulen Seilschaften?

Ich weiß es nicht. Wie so vieles. Was auf den riesengroßen Berg an Datenmüll hinweist, dem wir uns täglich aussetzen. Viele Meldungen sind auf den zweiten Blick keine oder verschleiern die Verhältnisse. Zwei Beispiele.

Die Meldung mit den schwulen Seilschaften im Vatikan las ich vor vier oder sechs Wochen auf Spiegel-Online. Schon damals fiel mir auf, dass in keiner Zeile erklärt wurde, was eine schwule Seilschaft denn auszeichnet, was sie macht mit ihrer Macht, was sie konkret bei den höchsten Katholiken in Rom anrichtet. Den Anus des neuen Papstes ausputzen und die Kotreste an die Medien schicken? Man weiß es nicht. Es reicht, die Sau kurz durchs Dorf zu treiben und dabei möglichst viel Radau zu veranstalten. Seitdem ist das Thema wieder vorbei.

Soweit eine große Meldung, mit denen Auflage oder Klicks gesteigert werden. Die kleinen Meldungen sind auch interessant. Da steht beispielsweise am Montag in der Süddeutschen Zeitung (S. 20), dass Amazon alleine in Deutschland ein Drittel seines weltweiten Umsatzes macht. (Warum wird hierzulande eigentlich wie verrückt bei diesen Diensten bestellt?) Der konkrete Umsatz von Amazon in Deutschland 2012: 6,6 Milliarden Euro. Der 2012 in Deutschland erzielte Gewinn wird nicht genannt, was vermutlich daran liegt, dass die komplizierten europaweiten Konzernstrukturen mit Tochtergesellschaften in Luxemburg die realen Verhältnisse verschleiern. Die in Deutschland bezahlten Gewinnsteuern: 3,2 Millionen. Also knapp unter einem halben Prozent in Relation zum Umsatz. Eine Aussage, die nichts aussagt, sondern nur die vage Vermutung nach sich zieht: Es ist ziemlich wenig.

Die Süddeutsche kommt da also auch nicht weiter und verheddert sich im Gestrüpp sinnlos aufgepflanzter Zahlen.

Man kann mit seiner Kritik in unserer umfassenden Informationsgesellschaft also nicht ansetzen, weil wir dermaßen total informiert sind, dass wir gar nichts wissen. Kaufen schwule Seilschaften bei Amazon? Wäre sicher wahnsinnig interessant zu wissen. Wer zur Voraussetzung von Systemkritik den Unterschied zwischen EBIT und EBITDA kennen muss, wird sich aufgrund seines Wissens eher in den herrschenden Strukturen einrichten und profitieren.

Apropos: Die niedrigen Steuersätze von Amazon sind angeblich die Schuld des doch eher lächerlichen Zwergenstaates Luxemburg. Vermutlich brächte die Argumentation mit einem Begriff wie „herrschende Klasse“ mehr Einblick in die Mechanismen.

Allgemeiner gesagt: Ob Schwule den Vatikan übernehmen oder Amazon einen Steuersatz von 0,5 Prozent für sich realisiert: Man kann heute alles sagen, alles melden, aber keinen interessiert es. Vielleicht interessiert es keinen, weil die Meldungen undurchsichtig sind, einem genauen Blick nicht standhalten. Interessieren tut nur noch das Event: Die Kampagne gegen Wulff, da guckten alle hin. Dass es nun nur noch um runde 400 Euro geht, sollte eine Beschämung sein.

So gesehen hatten es die aufständischen Bauern um 1525 einfacher: Keine Medien, keine Informationen außer Buschfunk, keine ausgefuchsten Steuersparmodelle: Der Herr und der Pfaffe kamen vorbei, holten sich ihren Zehnten in Form von Naturalien und gingen wieder. Wurde es dem Bauern zu viel, stieg er auf den Burgberg und haute den beiden aufs Maul. Waren die dann nachhaltig verärgert, spannten sie den Bauern auf ein Holzrad und rollten ihn den Berg hinunter. Heute halten sich Herr und Pfaffe Steueranwälte, die sind effektiver. Nicht, was das Ergebnis anlangt, aber was die Ausschaltung subersiver Strategien angeht.

Eigentlich ein Prozess der Zivilisation.

058(Foto: genova 2012)

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13 Antworten zu Wie geht es eigentlich den schwulen Seilschaften?

  1. garfield080 schreibt:

    das Internet hat ganz allgemein so viele gute viele schlechte Seiten

    einerseits war z.B. in den 90ern die Chance ziemlich gering, daß Guttenbergs Plagiat Sache rausgekommen wäre – andererseits versinken alle relevanten Meldungen in der Unmenge an Schrott (dabei sind im „Generieren von Klicks“ Bilder mit Titten, oder Kram à la „Maya-Prophezeiungen“ wahrscheinlich x-fach wirksamer, als auch nur halbwegs relevantes)…
    schon x mal gepostet, aber immer aktuell

    wie in der Ökonomie allg. sind dabei alle versessen auf Zahlen, die eigtl wenig aussagen… 100 Tsd Klicks bringen zwar hier & jetzt die Kohle der Werbebanner-Kunden – wenn 100% der Klickenden den Inhalt Schrott finden, hat man danach aber gar keine mehr… was dann erst Recht dazu führt – mißt man „Erfolg“ in „Klicks“ – möglichst „Sensations-taugliche“ Artikel zu produzieren.
    auf Stammleser zu setzen, würde langfristig wahrscheinlich mehr bringen – aber was sich nicht in Tabellen erfassen läßt…
    dasselbe wie mit den Einschaltquoten halt.

    dasselbe was Politik betrifft – die unzähligen Online-Petitionen sind doch im Endeffekt nur Beruhigungspillen für’s Gewissen. und dann veranstalten einige schon ernsthaft Online-Demos(!)

    das mit Amazon ist auch ein interessantes Phänomen … ich beobachte immer wieder, wie einige demonstrative „bewußt konsumierenden“ Öko-Strom & Bio-Milch-Käufer in meiner Bekanntschaft fast ausschließlich bei Amazon etc bestellen…
    die eigene Bequemlichkeit ist alle political correctness dann doch nicht wert

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  2. hANNES wURST schreibt:

    Sehr wahr… aber keine Meldung wert.

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  3. genova68 schreibt:

    Die Karikatur mit Orwell vs. Huxley ist in der Tat sehr gut, sie bringt das Dilemma auf den Punkt.

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  4. Chinook schreibt:

    „Man kann mit seiner Kritik in unserer umfassenden Informationsgesellschaft also nicht ansetzen, weil wir dermaßen total informiert sind, dass wir gar nichts wissen.“

    Klar kann man. Es werden ja nicht einfach sinnlose Zahlen genannt, sondern man kann aus jenen durchaus auf Aspekte schließen, die individuell dann mehr interessieren als die Zielsetzung des Artikels. Das Internet bietet die Möglichkeiten an weitergehende, spezifischere Informationen zu gelangen, als das vor 15 Jahren noch der Fall war.
    Auf der anderen Seite gibt das Internet natürlich wahnsinnig viel Information her und stellt, meiner Ansicht nach, mittlerweile doch auch Ansprüche an Recherchefähigkeiten des Nutzers, spezifische Infos schnell zu finden. Aber in einem „Grundrauschen“ sind definitiv vielfältige Informationen verfügbar, man muß allerdings wissen nach was man sucht, mit welchem Zweck und warum.

    „So gesehen hatten es die aufständischen Bauern um 1525 einfacher: Keine Medien, keine Informationen außer Buschfunk, keine ausgefuchsten Steuersparmodelle:“

    Naja, im Grunde genommen hätten sie keine Informationen bekommen, selbst wenn sie die Fähigkeit gehabt hätten jene zu bewerten.
    Allerdings hat es schon seine Richtigkeit, daß heute von Informations- und immer weniger von Wissensgesellschaft gesprochen wird. Ich finde es immer wieder interessant wie unterschiedlich Menschen nach Informationen suchen und diese analysieren, bewerten, auf andere Situationen transferieren, die ohne und mit Internet aufgewachsen sind. Vor der Zeit des Internets z.B. brachte „sich informieren“ mit, daß man mal in Bücher geschaut hat, diese nach ihrem Gehalt bewertete, Zeit investierte, den Kontext in Betracht zog und dann aus Versatzstücken verschiedener Information etwas Neues erstellt hat, oft zwangsweise, wenn die Infos nicht auf den konkreten Zusammenhang der Arbeit, oder eigenen Idee gepasst haben.
    Das scheint mit heute oft anders zu sein. Leute haben sich daran gewöhnt irgendwelche Infos schnell zu finden, diese „zu arrangieren“, aber selten werden Prozesse herausgearbeitet und in gedanklicher Transferleistung auf andere Situationen angewandt, was vor dem Internet zwangsweise Teil des Prozesses der Informationsverarbeitung war.
    Eine Informationsgesellschaft, die jene positiven Verheißungen einhalten könnte, die oft mit freiem Internet in Verbindung gebracht werden, muß auch eine Wissensgesellschaft sein, die Infos gewichten, analysieren und transferieren kann. Ich glaube, daß es daran heute oft hapert, weil der ganze Informationsverarbeitungsprozess schneller und oberflächlicher abläuft, eine weniger Tiefe Einarbeitung erfordert.

    „Man kann heute alles sagen, alles melden, aber keinen interessiert es.“

    Nun gut, bei der genannten Vatikansache wirds einfach daran liegen, daß keine weiteren Infos für Journalisten zugänglich sind und es deshalb schlicht nichts zu berichten gibt.
    Aber im Allgmemeinen fällt natürlich auf, daß viele Online-Autoren „angesehener“ Medien im Clinch mit der deutschen Sprache liegen und grundsätzlich eben Infos einfach wiedergeben, ohne sie zu bewerten. Nicht schreiben zu können ist heute definitiv kein Hindernis journalistisch zu publizieren, Infos nicht kreativ nutzen zu können auch nicht. Bei den Printmedien sieht es (noch) etwas besser aus. Hat meiner Ansicht nach damit zu tun, daß es in dem Bereich kaum noch Quereinsteiger (oder Aufsteiger) gibt und gleichzeitig die Mittel für eine tiefergehende Berichterstattung oft nicht gegeben sind. Die Medien sind im Moment eigentlich scheintod. Natürlich wird kein Journalist der Welt sich tagelang hinsetzen und recherchieren, wenn er dafür nicht vernünftig entlohnt wird. Andererseits gehen die Einnahmen vieler Medien durch das Internet und die sinkende Nachfrage nach tiefergehender Information weiter zurück, so daß die Mittel für höhere Entlohnung, bessere Qualität immer seltener gegeben sind, oder sich nicht rentieren. Insofern führen das Nutzungsverhalten von Internetusern und deren Auswirkungen dazu, daß Information zunehmend verflacht, zwangsweise. Ich bezweifle, daß auch nur ein deutsches Medium noch über ein vernünftiges Korrenspondentennetwerk verfügt, außerhalb von ARD/ZDF. Deshalb ja auch die Kritik aus der Richtung an den Plänen der ARD den Online-Auftritt bzgl. Nachrichten etc. auszubauen. Genauso die Angst davor, daß Google mit Nachrichtenagenturen verträge schließt, dann würde nämlich auffallen, daß sehr großér Teil der Nachrichten, auch in Printmedien, um(ab)geschriebene und durch ein paar Wikipediasätze getunte Nachrichtenagenturmeldungen sind. Weshalb dann noch eine Zeitung kaufen? Besonders witzig wird es, wenn in der Meldung einer Nachrichtenagentur seltsame Formulierungen und Fehler stecken, welche sich dann von SZ bis FAZ ziehen, oder jemand der keine Ahnung vom Thema hat Wikipediainfos unhinterfragt, teilweise kontextuell falsch, einbaut.
    Aber es liegt eben an den menschen selbst Informationen zu verarbeiten, zu analysieren, transferieren – und letztlich auch, gut recherchierten Infos auch einen monetären Wert beizumessen. Wobei die althergebrachten Medien sich teilweise wirklich selbst in die heutige Situation manövriert haben, weil sie das Internet erst ignoriert haben und auch heute noch nicht innovativ/kreativ nutzen.
    Die Gesellschaft bekommt eigentlich genau das, für was sie bezahlt.

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  5. Chinook schreibt:

    „100 Tsd Klicks bringen zwar hier & jetzt die Kohle der Werbebanner-Kunden…auf Stammleser zu setzen, würde langfristig wahrscheinlich mehr bringen“

    Nein, würde es nicht. Ich glaub Spiegel-Online kommt mehr oder weniger auf PlusMinus Null raus und ist damit schon sehr erfolgreich. Bis auf Ausnahmen machen Online-Nachrichtenplattformen Verlust. Große Gewinne werden nirgends (zumindest in Deutschland) gemacht. Im Ausland auch eher bei spezialisierten Medien, hinter denen eine Printstruktur steht, die dann online überführt wird und sich nicht hauptsächlich aus Werbeeinnahmen und Klicks speist.
    Was sollen denn Stammleser bringen? Solang das Angebot gratis ist, nichts. Und wenn es kostet, trägt es sich durch die geringe Nutzerzahl nicht. Vor zwanzig Jahren brachte eine Hintergrundgeschichte in landesweit bekannter Zeitung gut Geld ein und nachfolgende Buchungschancen. Davon waren ausführliche Recherche, evtl. sogar Flug und Interviews abgedeckt, ein paar Tage Arbeit. Heute kostet kaum ein von freien Journalisten eingekaufter und veröffentlichter Artikel in Printmedien mehr als 500 Euro. Man kann sich ausrechnen, allein wieviel Zeitaufwand maximal in einem solchen Artikel gewöhnlicherweise stecken kann. Und das ist Print. Online gehts eher von 50-150 Euro pro Artikel. Weshalb auch immer mehr Inhalt von interessierten Privatleuten gekauft wird, die ab und an mal was einschicken, oder redaktionsinterne Leute was schreiben, die eigentlich wenig Ahnung in dem Bereich haben über den sie einen Artikel verfassen, zusätzlich kaum Zeit.
    Online wird immer mehr genutzt, gleichzeitig ist damit aber kaum Geld zu machen.Ich könnte mir vorstellen, daß kurz- bis mittelfristig die Nachrichtenagenturen mehr in journalistische Verwertung sich einbinden, was aber natürlich dazu führt, dass die Infobreite bei etablierten Medien schrumpft.

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  6. genova68 schreibt:

    Die genannten Amazonzahlen sind sinnlos, weil sie nicht zusammenpassen. Es wird nicht die Höhe des Gewinns genannt. Das sollte SZ-Journalisten auffallen.

    Googelt man, findet man die Zahl 10 Millionen Euro offiziell gemeldeter Gewinn von Amazon Deutschland.

    Gut möglich, dass man theoretisch alles mögliche rausfindet im Internet, es geht aber immer um die Praxis.

    Der Journalismus wird sich ändern, das ist sicher. Nur wie? Eine Möglichkeit: Es geht immer so weiter und PR-Agenturen übernehmen immer größere Anteile in den Zeitungen, sie liefern kostenlos. Oder es wird immer weniger Zeitungen geben. Oder die großen Verlage einigen sich auf die kostenpflichtige Nutzung, was ich für den wahrscheinlichsten Weg halte, weil das Zahlen für Information ja grundsätzlich akzeptiert ist und an Online kein Weg mehr vorbei geht.

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  7. Garfield schreibt:

    @chinook

    «“100 Tsd Klicks bringen zwar hier & jetzt die Kohle der Werbebanner-Kunden…auf Stammleser zu setzen, würde langfristig wahrscheinlich mehr bringen”
    Nein, würde es nicht»

    naja, zumindest ich gebe dank SPON nichts mehr auf dieses Blatt… der Spiegel ist in meinen Augen zur reinen Agit-Prop-Abteilung der NATO verkommen, und da bin ich mit Sicherheit nicht der Einzige

    ich klicke SPON jedenfalls nur noch, wenn ich auf Belegsuche bin & mir ein Google-Ergebnis keine andern Quellen liefert

    das Lustige dabei: erst vor wenigen Monaten hab ich überhaupt erfahren, daß „Spiegel Online“ mit „dem Spiegel“ eigtl kaum was zu tun hat…
    tja, den Ruf dürften sie bei den meisten trotzdem weg haben.

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  8. Chinook schreibt:

    „Die genannten Amazonzahlen sind sinnlos, weil sie nicht zusammenpassen. Es wird nicht die Höhe des Gewinns genannt. Das sollte SZ-Journalisten auffallen.“

    Naja, hab mir den betreffenden Artikel mal durchgelesen. Finde die Ansprüche sollten an einen Artikel der Länge und an dem Platz nicht zu hoch gesteckt sein. Ich fand ihn eigentlich ganz gut. Natürlich gemessen an der Zeit und dem Rechercheaufwand, der da reingeflossen sein kann. Vielleicht hätte man etwas mehr betonen können, was eigentlich das Problem mit Amazons Steuerstrategie ist. Das hätte man in der Anzahl Zeilen jedoch kaum machen können und auf Reuters wird aus gutem Grund nicht verweisen. Insofern ist es doch legitim, die Ahnung von – ziemlich wenig Steuern – so auch rüberzubringen. Wer sich dann dafür interessiert, dem liefert das Stück sicher Ansatzpunkte tiefergehend zu recherchieren. Zudem meine ich mich erinnern zu können, brachte die SZ dazu kürzlich einen ausführlicheren Artikel. Aber in dem Fall sind den Journalisten einfach auch klare Grenzen gesetzt. Amazon ist in der aktuell für Deutschland relevanten Rechtsform nicht dazu verpflichtet, genauere Angaben über den in Deutschland „tatsächlich“ erwirtschafteten Gewinn zu machen. Sie sagen es doch selbst. Der Gewinn beträgt um die 10 Millionen, ich glaube um 3,2 Millionen an Steuern. Das ist nicht der „offiziell gemeldete“ Gewinn, sondern der, der nach gängiger Rechtslage eben anfällt und auch korrekt ausgewiesen wird. Da kann man Amazon keinen Vorwurf machen, sie halten sich an die Gesetze. Es gibt politische Initiativen die Schlupflöcher zu schließen. Allerdings hieße das eben Schlupflöcher zu schließen, mit der Konsequenz, dass Unternehmen Steuern da zahlen wo Gewinn erwirtschaftet wird. Bei der Exportorientierung und dem Außenhandelsüberschuß den die BRD hat, wär das im Grunde nachteilig für Deutschland und nicht nur für irgendeine herrschende Klasse, sondern insgesamt. Auch muß man beachten, dass viele Abgaben nicht erst bei der Gewinnrechnung anfallen, sondern vor allem auch an anderen Punkten des Wertschöpfungsprozesses. Weshalb es zunächst so scheinen mag, als ob die Verluste durch Amazons Steuervermeidung ziemlich unwichtig wären. Kurzfristig betrachtet kann es durchaus Sinn machen Amazons Steuerstrategie hinzunehmen, wenn dadurch Gesetze vermieden werden, die für die deutsche Exportwirtschaft nachteilig wären.
    Das Amazon so erfolgreich ist, liegt teilweise sicher auch daran, dass das Internet eine „winner takes it all“ Systematik generiert. Mal ein Milchmädchenvergleich (so weit ist es noch nicht): Vor 20 Jahren war eben noch Platz für den Metzger um die Ecke mit seiner guten Salami, die teuer aber gut war. Er hat Erfolg gehabt und Leute aus seinem Aktionsraum binden können, teilweise Menschen dazu motiviert größere Strecken zurückzulegen, für sein Produkt. Im Dorf 20 Km weiter gab es wieder einen regionalen Metzger, der ebenfalls in Ordnung war und seine Region bedient hat. Und der zwischen den Dörfern hatte eine schlechtere Lage, sich aber auf ein paar Sachen spezialisiert und so eine Nische gefunden, in der er wirtschaften konnte. Die Menschen haben eigentlich (zu einem großen Teil) in ihrem regionalen Aktionsraum gewirtschaftet und konsumiert, Anbieter mit Lage-oder sonstiger Ungunst haben sich Nischen erschlossen. Ein Markt der so gestaltet ist, ist sicherlich nicht die effizienteste Alternative, aber gerade weil er nicht hundertprozentig effizient ist, schaffte er Nischen für Anbieter, die eben auch nicht immer 100% effizient sind. Wenn jedoch das Internet durch die Beschleunigung von Kommunikation und Vervielfachung an handlebaren Kontakten die Möglichkeit bietet, daß ein Unternehmen heute ein riesiges und auch hochwertiges Sortiment online anbieten kann, zu einem ähnlichen Preis, mit Nachhauselieferung (evtl. zukünftig nach Wunschzeit?), dann schließt das die regionale Nische der Metzger, vereinfacht gesagt. Man redet heute immer über die revolutionäre Wirkung des Internet, allerdings selten über eine weitere Revolution im Bereich des Transportwesens. Nie zuvor war es möglich Waren so günstig und so organisiert, über so große Strecken, genau geplant sogünstig zu transportieren. Ebenso im Musikbereich. Gehe ich noch in den Jazzclub meines Vertrauens, oder kaufe ich mir die MP3’s der besten Spieler, besuche ab und an die Konzerte der anerkannt besten Interpreten (natürlich sind auch Konzertvermarktung, Information, Distribution und der potenzielle Ertrag in einer Kommunikationsgesellschaft vereinfacht)? Im Medienbereich ist es noch extremer. Mir ist eigentlich nur die Huffington Post (wenn man von spezialisierten Magazinen absieht) bekannt, die Gewinne erwirtschaftet. Durch ein Konzept, was ohne die etablierten Medien eigentlich aktuell nicht funktionierte. Die Erträge sind jedoch nicht so hoch, daß ich mir daneben noch 10 andere vorstellen könnte, die damit Geld machen, in Nordamerika und der EU zusammengenommen. In einer Online-Community die aus hunderten Millionen Usern besteht, bieten sich nur noch für eine handvoll Unternehmen Gewinnchancen, solange sie nicht ein spezielles Angebot machen und Nischen biedienen, welche dann aber auch nur für einen Bruchteil der Menschen Relevanz haben. Mal ganz abgesehen davon, daß man auch an Bezahlinformationen leicht umsonst rankommt und für Medien nicht selbiges gilt, wie bspw. für die Musikindustrie, nämlich das Diejenigen die illegal downloaden auch am meisten kaufen.

    „Eine Möglichkeit: Es geht immer so weiter und PR-Agenturen übernehmen immer größere Anteile in den Zeitungen, sie liefern kostenlos.“

    Wird nicht passieren. Die Strukturen ließen das nicht zu und können sich dergestalt nicht modifizieren. PR-Abteilungen sind PR-Abteilungen, Redaktionen sind Redaktionen. Die Verknüpfungen dazwischen sind sehr diffus und im politischen/wirtschaftlichen Bereich kaum ausbaufähig. Allerdings gibt es Ausnahmen. Beispielsweise Berichterstattung im Automobilbereich. Dafür hat eigentlich kein Blatt mehr Spezialisten, sondern es werden freie Mitarbeiter bezahlt. Die stehen in Konkurrenz zu anderen und können es sich kaum leisten einen Bericht zu schreiben, der dazu führt, daß sie auf eine Blacklist gesetzt werden, insbesondere ohne etabliertes Medium im Rücken.. Dann hätten sie ja nix mehr zum drüber schreiben. Ist aber im wirtschaftlichen und politischen Bereich nicht der Fall – und wird es auch nicht werden.

    „Oder es wird immer weniger Zeitungen geben.“

    Definitiv. Gerade Regionalzeitungen werden kaum Überlebenschancen haben. Auf keinen Fall werden kleinere Zeitungen die Qualität der Berichterstattung beibehalten können. Größere oft auch nicht. Da Sie ja die SZ bekommen wird ihnen auch aufgefallen sein, daß sich Schreibfehler etc. häufen. Liegt daran, daß nichtmal ein Hospitant oder Volontär nochmal drüber geht bevor es im Druck landet. Welche Qualität eine Zeitung auf Dauer aufrechterhalten wird können, die selbst dafür keine Mittel hat, naja. Wissen auch viele Leute nicht, daß auch in der SZ gut outgesourced wurde. Oder besser gesagt, angestellten Journalisten Jobs in Tochtergesellschaften „angeboten“ wurden, für knapp 25-33% weniger Lohn. Natürlich macht sich das bemerkbar und führt, meiner Ansicht nach, zu sinkender Qualität, die gerade auch von Stammlesern entsprechend „gewürdigt wird“. Dazu noch der Riesenfehler der SZ, vor ein paar Jahren, sehr viele gute Printinhalte kostenfrei auf der Online-Präsenz zur Verfügung zu stellen.

    „Oder die großen Verlage einigen sich auf die kostenpflichtige Nutzung, was ich für den wahrscheinlichsten Weg halte, weil das Zahlen für Information ja grundsätzlich akzeptiert…“

    Ist der Weg, den ich bevorzugen würde. Das man eben gemeinsame Korrespondenten-Netwerke finanziert, die einen Pool bilden, auf den nach Bedarf und Idee zugegriffen werden kann. Ändert allerdings nichts daran, daß ein Großteil der heutigen Journalisten überflüssig würde. Wird, meiner Ansicht nach, nicht passieren, weil die Blätter in Konkurrenz stehen und das Zahlen für Information grundsätzlich eben nicht akzeptiert ist. Wobei die Blätter selbst ja dermaßen auf alten Strukturen bestehen, daß eine Anpassung an neue Situationen und Innovation ziemlich verunmöglicht wird.

    Im Grunde gehe ich davon aus – es wird weniger Zeitungen geben, diese werden ähnlichere Infos bringen und die Qualität der Berichterstattung wird abnehmen. Im Print, wie auch Online.

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  9. Chinook schreibt:

    Nachtrag: Ein Problem wird Amazons Steuerpoltik da, wo die Kosten für die Leistung eben durch Steuervermeidung günstiger werden, als sie es für Mittbewerber sein können. Seies durch Niedriglöhne oder Unternehmenskonstrukte die der Steuervermeidung dienen. Im Grunde widerspricht das auch dem kapitalisitischen System von Wettberwerb, denn in dem müssen alle Wettbewerber ja gleichen Rahmenbedingungen/Kosten unterliegen. Heute vergisst man oft, daß Amazon jahrelang ein Verlustgeschäft war, natürlich haben die Steuervermeidungsstrategien eine Anhäufung von Kapital begünstigt, das für eine Expansion zur Verfügung stand, die eben dann eine Marktmacht über einem gewissen, ertragreichen Tipping Point, erst ermöglichte. Wenn das System dann noch auf Niedriglöhnen beruht, naja. Kann man aber dem Unternehmen nur eingeschränkt einen Vorwurf machen. Die Politik schafft die Rahmenbedingungen, die Politiker werden vom Volk gewählt. Wir sollten langsam aufpassen, daß uns die Demokraten nicht ausgehen.

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  10. Chinook schreibt:

    „naja, zumindest ich gebe dank SPON nichts mehr auf dieses Blatt…“

    Meinte ich nicht damit, daß auf Stammleserschaft zu setzen keinen Erfolg bringt, sondern online mitgespielt werden müsste. Die Stammleserschaft sinkt im Moment bei so gut wie jedem Blatt um einen erheblichen Betrag pro Jahr. Und es gibt einfach einen Punkt, an dem die Qualität nichtmehr zu halten ist. Bei den meisten Blättern längst erreicht. Außer bei sehr spezialisierten, oft wissenschaftlich orientierten Blättern mit kleiner Zielgruppe, oder eben extrem billig produzierten, aber weitreichenden „Klatschblättern“, wo es mehr um Verpackung als um Inhalt geht.
    SPON hat meiner Meinung nach sehr gut angefangen. Mittlerweile ein gutes Beispiel, wie Journalismus nicht funktionieren sollte, meiner Ansicht nach auch nicht dauerhaft funktionieren wird. Effekthascherisch, schlecht geschrieben, schlecht recherchiert. Ich glaube die „Spon-Sache“ hat sich etwas verselbständigt. Anfangs waren das ein paar Redakteure. Mittlerweile das wichtigste Online-Nachrichtenportal, in dem es vor allem darum geht Meldungen vor anderen zu veröffentlichen. Wobei es gewöhnlicherweise schon seinen Grund hat, die ersten Agenturmeldungen abzuwarten, bis Bestätigung und mehr Inhalt winkt. Meist eine Frage von 2-3 Stunden. Wer da vorne dran ist hat immer das Aktuellste, jedoch meist ohne wirklichen Inhalt und oft sachlich falsch. Anfangs war Spon die unabhängige Spiegel-Light Kurzmeldungseite Version. Mittlerweile sehe ich nicht, daß überhaupt eine ähnliche Zielgruppe bedient wird. SPON ist eher auf Bild-Niveau, macht kein Geld, und den Imageeffekt auf das Blatt schätze ich eher negativ ein. Werbung für Print ist die Berichtertattung sicher nicht, da stimme ich Ihnen zu. Man sollte jedoch nicht den Fehler machen, Medienunternehmen als supervernetzte, vollkommen an Controlling und Marktstrategien ausgericht geführte Unternehmen zu sehen. Die meisten sind das nicht. Da sitzen dann eben zwölf Chefredakteure über 55 in einer Runde, unterhalten sich darüber welche Storys Auflage brachten, wobei Schwankungen die im Normbereich liegen schon als Erfolg gewertet werden (solange es nach oben geht) und machen letztendlich alles genau so, wie es eben schon immer gemacht wurde. Die Gespräche über Online-Strategien gleichen solchen, die wohl Blinde führten, wollten sie die Farbe Blau erfassen. Das funktioniert heute nichtmehr. Diese Strukturen funktionieren nicht. Weder die der Führung, noch der Einstellungsvoraussetzungen, die sich stark verengt haben, da kaum talentierte Quereinsteiger – in Konsequenz Verengung der Perspektive und weniger ursprüngliches Talent. Personaler die Leute für Online auswählen, haben eigentlich keine Ahnung nach welchen Kriterien sie suchen, oder gar einstellen sollten. Da hat man dann teilweise Online-Redaktionen mit Leuten voll toller Lebensläufe und Abschlüssen von Privatinstitutionen, die weder gut formulieren, noch Datenströme unter Stress prioritisiert bewältigen können. Avanti Dilentanti.
    Ich denke schon, daß die Möglichkeiten da sind, in einem kombinierten Print/Online Angebot Gewinn zu machen. Die Möglichkeit interaktive Karten anzubieten wird z.B., meiner Ansicht nach, stark unterschätzt, sowie andere Möglichkeiten des Web 2.0. Videos, Bilder, interaktive Karten, Dossiers, Videointerviews, Nutzung und Netwerke mit Freelancern aus ganz verschiedenen Regionen, etc. Insbesondere die Wahl für Abbonenten zwischen Content für Print, Online und App zu wählen. Das Internet ermöglicht es, Geschichten ganz anders an Menschen heranzutragen. Es können mehr Kommunikationskanäle genutzt werden, als es Print allein ermöglichte. Man stelle sich einen Artikel über eine Bäuerin in der Sahelzone vor, in dem eine interaktive Karte eingebunden ist, mit verschiedenen Infos, ein auf die Situation passendes Video und Bilder, neben einem gut recherchierten Artikel, der evtl. sogar eher Leitlinie darstellt, die auf andere Kommunikationskanäle hinweist/diese bewirbt. Die Möglichkeiten dazu gibt es heute, den günstigen Zugriff auf vielerlei Material auch. Den in innovative Strukturen eingebetteten Knotenpunkt, um das zu ermöglichen, nicht. Dazu müsste in den Redaktionen erstmal ankommen, daß man viele begate Leute bräuchte, die wenigsten davon aus Journalistenschmieden. Die ganze althergebrachte journalistische Struktur ist eigentlich nicht dazu geeignet, heute eine Informationsdienstleistung zu erbringen die ausreichend nachgefragt wird. Grundsätzlich, weil die etablierten Medien eben kein Monopol mehr auf Informationskanäle haben.
    So hat Spon ganz ambitioniert angefangen. Wollte auf den Handy/Ipad-Boom aufspringen. Über Handy-Apps bspw. neue kognitive Kommunikationskanäle auch für Print eröffnen. Und was dabei herauskam, war im Ergebnis schlechter, als was ein Programmierer in einem Jahr allein schafft. Im Ergebnis hat das Mutterhaus einerseits zuviel Angst vor Online-Konkurrenz, andererseits Panik davor, Online zu wenig zu päppeln und die Position zu verlieren. Was dabei rauskommt ist eben eine Online-Plattform die nichts einbringt, während sie sich zunehmend von der Zielsetzung des Mutterblattes entfernt. Wie die Maus vor der Schlange, stehen die Journalisten vorm Internet. Angststarre, Panik, Resignation und das Flüchten in althergebrachte Strukturen.

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  11. genova68 schreibt:

    „Wer sich dann dafür interessiert, dem liefert das Stück sicher Ansatzpunkte tiefergehend zu recherchieren.“

    Das sollte doch der Job des Journalisten sein, nicht der des Lesers.

    Ich wollte eigentlich darüber schreiben, dass Amazon wenig Steuern zahlt und habe beim Lesen festgestellt, dass ich das nicht behaupten kann, weil die Zahlen fehlen. Sinnlose Artikel sind nie gut, egal wie lang sie sind. Es hängt vielleicht mit der heute üblichen Hektik zusammen. In der SZ, wie du ganz richtig schreibst, wie auch der FAZ finden sich zuhauf Rechtschreibfehler, unvollständige Sätze, sinnlose Sätze und keiner merkt es. Ein kleines Zeichen für den Niedergang der Zeitungen.

    Ich fand den SZ-Artikel auch deshalb interessant, weil andere Medien einen Tag später abgeschrieben haben. Überall wurden dieselben sinnlosen Zahlen genannt, also Umsatz und dann die gezahlten Steuern. Das ist objektiv sinnlos, weil ich auch mit hohem Umsatz keinen Gewinn machen muss. Es interessiert aber ausschließlich der Gewinn, wenn man von Steuern redet. Alles andere ist sinnlos. Der Gewinn beträgt offiziell etwa 10 Millionen. Dann wäre der Steuersatz ok. Wenn man sagt, dass der Steuersatz zu niedrig sei, muss man den korrekten Gewinn nennen oder schweigen.

    Ja, Amazon kann man keinen Vorwurf machen, es ist die korrupte herrschende Politikerklasse, die angeblich immer total überrascht sind, wenn Unternehmen Schlupflöcher finden und dann Jahre beraten, wie man die schließen könnte, was dann doch nicht klappt.

    Ich habe vor zwei Tagen übrigens auch Neuware bei Amazon bestellt, zum ersten Mal seit zehn Jahren. Einen Wasserkocher. Warum? Weil die Hotline beim Mediamarkt dauerbesetzt war und Amazon am praktischsten war. Die sind am professionellsten. So geht das.

    Exportorientierung: Das is ja eh schon die crux, der moderne Imperialismus, die moderne Kriegsführung. Davon profitieren nicht alle, sondern wenige, würde ich sagen, schaut man sich die Reallohnentwicklung und die derzeitigen Europrobleme an.

    PR in Zeitungen: passiert längst, täglich. Es gibt haufenweise sogenannte Studien, die nichts als Werbung sind, die von Agenturen intelligent an Zeitungen vertickt werden, das kriegen die Leser kaum noch mit. Alle möglichen Studien zu Themen wie Standortvergleiche, Wohnqualität, Reformbedarf, Konkurrenzfähigkeit usw. sind von großen Playern organisiert, Bertelsmann-Stiftung, Arbeitgeberlobbyisten etc. Reise- und Autoteile sind da noch krasser, in der Tat.

    Aktuell Springer: Hamburger Abendblatt und Berliner Mopo haben in den vergangenen 15 Jahren mehr als ein Drittel an Auflage verloren. Was meinst du, wie das kostenmäßig ausgeglichen wird?

    Ja, hoffentlich kommen lückenlose Bezahlsysteme für Online-Zeitungen, ich bin da optimistisch. Wichtiger wäre aber eine Strukturreform, was die Eigentumsverhältnisse angeht. Die SZ muss neoliberal schreiben, weil ihr sonst die Anzeigekunden wegrennen. Ein Marc Beise ist da sicher lebensrettend. Je menschenverachtender, desto besser fürs Geschäft. Hier könnte online Strukturen aufbrechen, schon deswegen, weil es viel kostengünstiger ist als print.

    „kapitalistisches System von Wettbewerb“: Was soll das sein? Es gibt keinen kapitalistischen Wettbewerb, weil das Kapital Monpole will, sonst nichts. Wettbewerb ist dem Kapital so fremd wie Schnee dem Amazonasbecken. Es ist die übliche ideologische Suppe, dass das hierzulande verklärt wird. Arbeitgeber tun ja gerne so, als würden sie sich freiwillig dem Wettbewerb stellen, weil sie so ein tolles Produkt am Start haben. Quatsch. Die wollen Rendite, und je weniger Wettbewerb da ist, desto höher ist die.

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  12. Chinook schreibt:

    „Das sollte doch der Job des Journalisten sein, nicht der des Lesers.“

    Naja, bei einem Lückenfüller in der Randspalte auf Seite 20 sind die Möglichkeiten schon etwas begrenzt.

    „Wenn man sagt, dass der Steuersatz zu niedrig sei, muss man den korrekten Gewinn nennen oder schweigen.“

    Dann könnte man dazu kaum mehr etwas schreiben. Die Gewinne die Amazon durch seine Aktivitäten in Deutschland erwirtschaftet und in welchen Bereichen, werden eben nicht gesondert ausgewiesen. Da können die Journalisten wenig dran ändern, konkrete Daten sind nicht verfügbar, weshalb diese auch nicht genannt werden können. Wenn es stimmt, daß Amazon die letzten Jahre gut 2 Milliarden steuerfrei angehäuft hat, und damit weitere Expansion finanziert, können die in der BRD gezahlten Steuern von 3,2 Millionen nicht hoch sein. In Ermangelung konkreter Daten, können die Journalisten nicht mehr tun als darauf zu verweisen. Ich halte das für legitim und auch wichtig. Ob das nun in dem SZ-Artikel besonders elegant gelöst wurde, ist eine andere Frage.

    „Ich wollte eigentlich darüber schreiben, dass Amazon wenig Steuern zahlt und habe beim Lesen festgestellt, dass ich das nicht behaupten kann, weil die Zahlen fehlen“

    Klar kann man das schreiben. Amazon wickelt fast alle Gewinne über Luxemburg ab, wo es so gut wie keine Steuern zahlt. So gut wie null Steuern zahlen, halte ich für ziemlich wenig.

    „Ich fand den SZ-Artikel auch deshalb interessant, weil andere Medien einen Tag später abgeschrieben haben.“

    Abgeschrieben schon, aber kaum von der SZ. Wird halt eine Agenturmeldung gewesen sein, die andere Medien erst am nächsten Tag in die Berichterstattung einbrachten. Bei kleinen Onlineredaktionen verständlich, daß diese praktisch unverändert veröffentlicht werden. Bei nem Bezahlangebot kritisch, wenn es ein gewisses Maß übersteigt. Und in Tageszeitungen ist jenes mittlerweile schon verdammt hoch, egal ob SZ oder andere. Halte ich für ein großes Problem. Im Endeffekt kann der Kunde schon erwarten, daß Agenturmeldungen nicht einfach mit zwei Sätzen mehr, oder ein paar umgestellten Absätzen veröffentlicht werden, sondern daß ein Redakteur sich auch einem kleineren Stück mal eine halbe Stunde widmet.

    „Es gibt haufenweise sogenannte Studien, die nichts als Werbung sind, die von Agenturen intelligent an Zeitungen vertickt werden“

    Naja, die Redakteure entscheiden schon noch selbst, was sie veröffentlichen wollen. Das viele Studien im Grunde a priori so ausgelegt sind, daß ein gewisses Ergebnis ein Stück weit befördert wird, ist klar. Aber da schaffen es die Journalisten, wie ich finde, meist ganz gut, das dann auch auf vernünftige Weise darzulegen und es gilt natürlich für alle Studien gleichermaßen. Ob von Exxon oder Greenpeace. Interpretieren muß der Leser bis zu einem gewissen Grad schon selbst, wobei der Journalist dafür Anküpfungspunkte schaffen sollte.
    Findet heute aber keinesfalls stärker statt, als z.B. vor 30 Jahren auch schon. Die Diskussion darum wird nicht abreißen. Die meisten Artikel sollen informieren, für anderes ist der Kommentarteil vorhanden. Ich habe nicht den Eindruck, daß die Journalisten heute anders an solche Studien rangehen als früher.

    „Was meinst du, wie das kostenmäßig ausgeglichen wird?“

    Die Einnahmen durch Anzeigen sind insgesamt gesunken, da Online viele Leute zu erreichen sind und es deutlich günstiger ist. Wobei man das kritisch sehen sollte. Onlinewerbung erreicht zwar viele Leute, teilweise stellt aber ein Problem dar, wenn es um den Kontext geht, in dem die Werbeflächen dann evtl. auftauchen und insgesamt gibt es viele Hinweise, daß es eine der Werbeformen ist, die am wenigsten bringt. Hinzu kommt natürlich noch, daß die Auflage sinkt, was das Hauptroblem darstellt. Kostenmäßig kann das nur durch Einsparen von Personalkosten aufgefangen werden. Findet schon seit einigen Jahren statt, auch wenn es erst seit ca. zwei Jahren eine breitere Aufmerksamkeit genießt. Da werden dann verschiedene Maßnahmen ergriffen. Abteilungen werden effizienter organisiert. Teilweise gibt es noch die ein oder andere, die personell mehr Leute hat als man in 70% der Zeit benötigt. Da spart man ein und wenn dann mal viel los ist, wird das beispielsweise durch Überstunden aufgefangen.
    Redakteure die den Job wechseln oder in Rente gehen, werden nicht ersetzt und mehr Hospitanten „eingestellt“, die dann auch wichtigere Tätigkeiten übertragen bekommen. Hier sehe ich mittlerweile ein Problem, da Hospitanten manchen Aufgaben eben nicht zur Gänze gewachsen sind, was man auch nicht erwarten kann. Zudem bildet sich mittlerweile ein geschlossenes System, welches Leuten ohne entsprechende Kontakte, Auslandsaufenthalte, angesehenen oder Privatschulen/-unis, eigentlich kaum noch offensteht. Insbesondere solchen, die nebenher jobben, um das Studium zu finanzieren. Selbst die sich ansonsten sehr sozial gerierende taz zahlt da nicht mehr als ca 250 Euro, bei anderen Medien bekommen die Hospitanten teilweise lediglich Essensgutscheine für 1,80 Euro am Tag ausgegeben, wovon wohl ein Snickers plus Glas Wasser in der Kantine drin ist. Das ist schon recht heftig, vor allem da diese Arbeiten machen, für die vor ein paar Jahren meist noch jemand fest angestellt war. Hat natürlich Auswirkungen auf die Qualität, insbesondere auch, weil mittlerweile teilweise teurere Volontärstellen, die ein Jahr gehen, durch Hospitantenstellen ersetzt werden. Dadurch geht meiner Ansicht nach viel Talent verloren. Jemand der nicht in einer entsprechenden Stadt wohnt, jobben muß und keinen flexiblen Nebenjob hat, kann sich das kaum leisten.
    Der letzte Weg Personalkosten zu reduzieren ist dann oft Outsourcen oder unter Androhung desselbigen die Löhne reduzieren. Denke viele festangestellte Journalisten werden heute gut ein Drittel weniger verdienen, als z.B. noch vor zehn Jahren. So oder so, es läuft darauf hinaus weniger Journalisten in Festanstellung zu beschäftigen, mehr auf freie zu setzen und dann nach Bedarf einzkaufen. Wobei so wenig für Artikel bezahlt wird, daß auch Freie teilweise nicht besonders viel Zeitaufwand reinstecken können. Im Onlinebereich, aber auch bei etablierten Printmedien, kommt es heute auch mal vor, daß Artikel von Privatpersonen eingeschickt, nochmal nachbearbeitet und veröffentlicht werden. Zwar eher selten, gabs früher aber gar nicht. Wenn man mal drauf achtet fällt auch auf, wie viele originäre Journalisten heute Vorträge halten, Workshops geben, an Büchern mitschreiben, etc.und sich so versuchen weitere Standbeine zu erschließen.
    Insgesamt gesehen wird heute mehr Arbeit für weniger Geld und mit weniger Zeitaufwand pro Artikel betrieben, teilweise von (zwangsweise) weniger qualifizierten Leuten. Meiner Einschätzung nach kommt man da evtl. in eine Abwärtsspirale – sinkende Abos -> sinkende Qualität -> wiederum sinkende Abozahlen/Werbeeinnahmen -> etc. Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber wenn ich bspw. die SZ heute mit der vor 12 Jahren vergleiche, fallen mir verschiedene Sachen auf. Deutlich geringerer Umfang, oft verhältnismäßig mehr Werbung, weniger tiefgehende Artikel, mehr recycelte Artikel wo man das Gefühl hat – habe ich schonmal in der Art gesehen, deutlich mehr übernommene Agenturmeldungen, welche man in andern Medien so auch sieht, kürzere Artikel, mehr Fehler, immer weniger tiefergehende Auslandsberichterstattung wo auch jemand vor Ort war und ausführlicher recherchiert hat. Msan merkt vielen Artikeln den geringeren Rechercheaufwand an. All das was Geld oder Zeit kostet findet immer weniger statt. Ich glaube das läßt sich teilweise kaschieren, aber gerade Stammleser, die sich evtl. wirklich pro Tag etwas Zeit nehmen die Zeitung ausführlicher zu lesen, merken dies. Ob bewußt oder unterbewußt. Zu einer Zeit, in der ein Tageszeitungsabo für viele Menschen nicht eben mal aus der Portokasse zu bezahlen ist.

    „Wichtiger wäre aber eine Strukturreform, was die Eigentumsverhältnisse angeht. Die SZ muss neoliberal schreiben, weil ihr sonst die Anzeigekunden wegrennen.“

    Hmmm, wird schon in der Schule so erläutert. Aber ganz so einfach ist das nicht. Oft wird ja quasi unterstellt, Verlage würden ständig ganz gezielt eine Auslese betreiben, damit Anzeigenkunden nicht vergrault werden und da fast schon strategisch geplant ist was publiziert wird. Die Entscheidungsprozesse verlaufen deutlich profaner. Die große Ausnahme ist die Bildzeitung, die jedoch andere Strukturen hat als andere Häuser und auch Journalisten/Strukturen, die fähig dazu sind strategische Planung überhaupt im publizierten Ergebnis pointiert umzusetzen. Bei andern Blättern ist der Arbeitsablauf ein anderer.
    Für viele Unternehmen ist Werbung in SZ/FAZ/Zeit/etc. ziemlich wichtig, weil eben die entsprechenden Zielgruppen gut angesprochen werden können. Da will man es sich nicht wirklich leisten Konkurrenten das (Werbe)Feld zu überlassen und erst recht nicht eine negativere Berichterstattung bzgl. einer Marke in Kauf nehmen. Klar gibt es Versuche von Einflußnahme und die Gefahr das dies zunehmend mal klappen könnte, ist evident. Aktuell sehe ich da jedoch (noch) eine gute Balance. Bei einem Regionalblatt mag das funktionieren, in Bezugauf überregionalen Zeitungen (und insebsondere Chefredakteure die sich durch eine gewisse Reaktanz auszeichnen) stellt es für Marketingstrategen ein großes Risiko dar. Aber natürlich wird darauf geachtet in welcher Ausgabe, in welchem Kontext welche Werbung eingebunden wird. Da muß man die Kriche im Dorf lassen. Natürlich kann bspw. Mercedes als Anzeigenkunde erwarten, daß die Werbung für den neuesten SUV nicht neben einem CO2-Ausstoß-kritischen Artikel steht.
    Grundlegend ist die Berichterstattung einer Zeitung durch die Journalisten die sie machen geprägt, die wiederum eher Leute einstellen, die ihrer Ansicht nahe stehen. Eine ganz normale Systematik. Für wen die SZ zu „neoliberal“ ist, der sollte vielleicht lieber zur taz greifen. Es kann doch jeder zu einem Blatt greifen, welches seine persönlichen Ansichten widerspiegelt. Finde ich seltsam, etwas zu lesen was mit dessen Ausrichtung man nicht d’accord geht und sich dann darüber aufzuregen, anstatt sich bei etwas anderem zu bedienen.

    „Hier könnte online Strukturen aufbrechen, schon deswegen, weil es viel kostengünstiger ist als print.“

    Selbst angenommen dem wäre so. Online ist zwar kostengünstiger als Print, aber bei gleicher Qualität lediglich für den Konsumenten. Das ist ja das Problem. Wovon fundierte Berichterstattung bezahlen wenn nichts reinkommt? Ist eine Ironie, daß viele Online-Informationsangebote sich auf etablierte Medien stützen, deren Infos umarbeiten und sie dann umsonst zur Verfügung stellen. Im Grunde wäre der Verfall der Printmedien, in der aktuellen Struktur, ebenso der Niedergang belastbarer Online-Berichterstattung. Zumindest auf althergebrachte journalistische Standards bezogen.

    „Ja, hoffentlich kommen lückenlose Bezahlsysteme für Online-Zeitungen, ich bin da optimistisch.“

    Ich bin da sehr pessimistisch. Gab schon Machbarkeitsstudien, praktische Erfahrungen, etc. Weist alles daraifhin, daß es eine zunehmend geringere Bereitschaft gibt Information einen monetären Wert beizumessen. Besonders krass hat es da die SZ erwischt, nachdem sie viele gute Inhalte kostenlos online gestellt hat. Die Abozahlen sind daraufhin stark gesunken und das kann man ursächlich damit verknüpfen. Erstaunlich ist dabei lediglich, daß Entscheider tatsächlich gedacht haben, man könne umfangreich gute Infos gratis rausgeben und das würde sich nicht negativ auf die Abozahlen auswirken. Das ist naiv und, meiner EInschätzung nach, dem Umstand geschuldet, daß die journalistische Szene Online eigentlich nicht will. Die wollen in den Strukturen arbeiten, in denen sie immer gearbeitet haben. Es herrscht so eine Grundstimmung, daß es ohne Online nicht geht. Aber was Online überhaupt sein soll, wie es gestaltet wird, welche Herantragensweisen man nutzen könnte, das weiß man nicht. und die Leute die in der Position wären das zu entscheiden, lassen sich teilweise Emails von der Sekretärin ausdrucken und Copy-Paste erklären. Verbittern gleichzeitig darüber, daß immer weniger bereit sind für ihre immer schrottigere Berichterstattung zu bezahlen. Da werden teilweise kosten-/personalintensive Onlineredaktionen gegründet, deren Aufgabe es vornehmlich ist über CMS zu befüllen was keinen Eingang in Print schafft, Facebook /Twitter zu pflegen. Und das wird dann noch für innovativ gehalten. Teilweise ist das total wahnwitzig.

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  13. genova68 schreibt:

    Ich weiß nicht, ob die Qualität der SZ in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren abgenommen hat. Das müsste man einmal wissenschaftlich untersuchen. Ich finde die Qualität in weiten Teilen immer noch ganz gut, vor allem im Mantel, den Umfang absolut ausreichend (eigentlich zuviel), die Probleme des Geplappers im Feuilleton haben damit nichts zu tun. Die Fehlerquote hat sicher zugenommen.

    Ich könnte mir vorstellen, dass die Tageszeitungen auf dreiwöchentliche Erscheinungsweise umstellen, Mo, Mi, Fr. Wäre ausreichend und die Tagesaktualität ist eh kein Thema mehr bei Printprodukten. Zeitung eher als Hintergrundinformationsangebot.

    „Für wen die SZ zu “neoliberal” ist, der sollte vielleicht lieber zur taz greifen.“

    Das hat etwas von dem Spruch, man solle doch nach drüben gehen, wenn einem etwas nicht passt. Gesellschaftskritik hat nichts damit zu tun, was ich persönlich am liebsten lese, sondern mit einem umfassenden Anspruch auf begründbare Beobachtungen und Analysen.

    Zukunft des Journalismus: Es wird m.E. einer stattlichen Zahl von Leser schon noch bewusst werden, dass ohne Informationen gar nichs geht und dass das Geld kostet. Im Moment wird online nichts gezahlt, aber alle wären bereit zu zahlen, wenn das Bezahlsystem überzeugen würde,beispielsweise flatrates für viele Online-Zeitungen oder ähnliches. Wir werden sehen. Es geht momentan auch so, via Werbung. Wenn es nicht mehr geht, wird etwas passieren.

    Es wird derzeit ja auch ein wenig die Spreu vom Weizen getrennt. Ein Großteil der Tageszeitungen sind überflüssig, qualitativer Schrott, reaktionär, die können auch untergehen.

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