Türkei, Brasilien punktpunktpunkt

Über eine Million Menschen in Brasilien demonstrieren gegen ein korruptes, neoliberales System. Ähnliches spielt sich in der Türkei und in Bulgarien ab. Offenbar haben immer mehr Menschen die kapitalistischen Zumutungen satt. Blöd nur, dass im Täterland Deutschland sich nichts tut. Eine unangemeldete Demonstration ist hierzulande nicht denkbar.

Schön, dass Brasilien einmal nicht dem Klischee vom dort wohnenden dauerfeiernden und leicht zufriedenzustellenden, einfach gestrickten Menschen entspricht, dem alle sozialen Missstände egal sind, solange er nur Samba tanzen und sich knapp bekleidet am Strand räkeln darf. Und schön, dass die kapitalistische Massentranquilizerveranstaltung namens Fußballweltmeisterschaft mit der korrupten Fifa nun infrage gestellt wird:

Der Fußball ist ähnlich gentrifiziert wie Kreuzberg.

Schön auch, dass es einmal nicht darum geht, dass irgendwelche religiösen Hanseln mehr Macht für sich und Einschränkungen für andere fordern.

Und ganz wunderbar: Selbst der Superstar Pelé kann die Leute nicht länger veräppeln:

„Vergessen wir dieses ganze Chaos, das in Brasilien geschieht, und denken wir daran, dass das brasilianische Team unser Land, unser Blut ist“, verkündete Pelé am Mittwoch in einer Videobotschaft für den Fernsehsender Globo. Das Volk solle nun aufhören mit den Protesten und sich darauf konzentrieren, die Mannschaft zu unterstützen: „Ich bitte die Brasilianer, nicht die Themen durcheinanderzubringen. Wir beginnen gerade, uns auf die Weltmeisterschaft vorzubereiten.“

Seit der Ausstrahlung dieses Videos ergeht ein Shitstorm über Pelé. Zehntausende, Hunderttausende machen ihrem Ärger über das Idol auf Facebook und Twitter Luft, nennen ihn einen „Verräter“ und „Vertreter des Großkapitals“. Bei der großen Demonstration in Rio de Janeiro gestern Abend schwenkten Protestler Transparente gegen ihn. In Belo Horizonte skandierten sie „Pelé, verpiss dich“.

Wäre ja gut, wenn diese billige Nationalstolznummer, die bei uns seit 2006 auch so unerträglich ist, dieses Mal nicht instrumentalisiert werden kann. Ein Teil der brasilianischen Nationalmannschaft hat sich mit den Demonstranten schon solidarisiert.

Die neuen elektronischen Medien spielen sicher eine große Rolle bei diesen Protesten, denn die nicht demokratisch organisierten Medien in den genannten Ländern können so unterlaufen werden. (Ein schöner Zufall, dass ausgerechnet jetzt die Big-Brother-Programm der USA und der Briten öffentlich werden! Die wissen, warum sie das vorantreiben.)  In Brasilien beherrscht das von einer extrem einflussreichen Familie geführte Rede Globo den TV- und Zeitungsmarkt und somit die öffentliche Meinung und ist (oder war das zumindest in den frühen Neunzigern, als ich das direkt erlebte) von einem Niveau gekennzeichnet, das unser RTL als Intellektuellensender durchgehen lässt. Telenovelas und Gameshows am Stück. Dahinter stehen rein wirtschaftliche Interessen. Vielleicht am ehesten vergleichbar mit Springer.

Inwieweit sich die Ereignisse in den verschiedenen Ländern ersnthaft ähneln, weiß ich nicht. Aber zumindest in der Türkei und in Brasilien glichen sich in den vergangenen Jahren die Meldungen, wonach ein tolles Wirtschaftswachstum so vielen Menschen zugute komme, dass man zufrieden sein könne. In Brasilien geht der Aufschwung naturgemäß an zig Millionen vorbei, ähnlich in der Türkei. Es wurden Millionen mit Erwartungen gefüllt, die sich nicht erfüllen. Sicher konnten sich Millionen Menschen aus der ganz bitteren Armut befreien, doch in erster Linie aufgrund massiver Rohstoffausbeutung durch die ökonomischen Eliten und massiver Umweltzerstörung, also nicht aufgrund einer gerechteren Politik. Solch eine Taktik kommt irgendwann an ihr Ende, wenn die Strukturen sich nicht ändern. Und es bleiben zig Millionen ganz unten.

Der Aufschwung kommt offenbar nicht ohne diktatorische Zwangsmaßnahmen aus: Abrisse ganzer Stadtviertel ohne Bürgerbeteiligung und massive Polizeieinsätze, wo Einzelne ihre sadistischen Neigungen straffrei ausleben können. Dazu wahnwitzige Träume der herrschenden Klasse, was gigantomanische Stadtarchitekturen mit Bezügen zur militarischen Vergangenheit und die Bedienung des floskelhaften „Die Welt wird bei uns zu Gast sein“ WM und Olympia) angeht. Ganz hervorragend, dass sich  offenbar viele Leute diese Unverschämtheiten nicht mehr bieten lassen wollen. In Brasília wollte vor zwei Nächten eine Menge sogar das Parlament stürmen.

Es sind offenbar in der Türkei und in Brasilien mehrheitlich junge Mittelschichtler, die auf die Straßen gehen. Die wirklich Armen bleiben stumm, bislang, oder sie nutzen die Gelegenheit und besorgen sich schicke electronic devices, ohne zu bezahlen. Es fehlt das Selbstvertrauen oder auch die notwendige rhetorische und organisatorische Ausrüstung. Oder die Perspektive. Es suchen sich in Brasilien nach wie vor Hunderttausende oder gar Millionen Schlafplätze vor Geschäften und unter Brücken. Jede Nacht.

Diese Bilder sind ein wunderbare Symbolik, die im Grunde sinnlose Fronten aufweichen könnte. Eine Gruppe von Polizisten setzt sich zu den Demonstranten auf die Straße und zeigt so ihre Solidarität:

Das Video wurde innerhalb von drei Tagen mehr als 600.000 mal angeklickt.

Eine Million Menschen, unangemeldet, selbst organisiert, ohne Parteien. Kein Pappenstil. Tunis, Kairo, Madrid, Athen, Istanbul, Rio. Immer wieder interessant, wenn aus einer ziellosen eine zielgerichtete Menge wird, die Wellen organisieren kann. Inwieweit das Ganze nun fundiert kapitalismuskritisch ist, was notwendig wäre, ist wohl momentan noch schwer zu sagen. Vor etwa einem Jahr bemerkte ein brasilianischer Soziologe, dass die brasilianische Gesellschaft kein Gestern und kein Morgen kenne und sich deshalb Missstände nur schwer beheben ließen.

Vielleicht bildet sich gerade ein kollektives Gedächtnis.

Gegen die Gentrifizierungsscheiße, das interantional flutende Kapital und die Tendenz hin zu brasilianischen Verhältnissen hierzulande wäre eine Million auf der Straße ebenso vonnöten wie in der Türkei oder in Brasilien, am besten, bevor es hart auf hart kommt. Und zwar, ohne die Obrigkeit vorher um Erlaubnis zu fragen.

039 (3)(Foto: genova 2011)

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Kapitalismus, Neoliberalismus, Politik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Türkei, Brasilien punktpunktpunkt

  1. El_Mocho schreibt:

    Nun ja, Forderungen nach niedrigeren Nahverkehrspreisen, Investitionen in Bildung und Bekämpfung der Korruption sind ja nicht unbedingt revolutionär. Ich sehe das vielmehr so, das sich in Brasilien inzwischen eine Zivilgesellschaft gebildet hat, die sich eben nicht mehr in erster Linie um das tägliche Überleben sorgen muss, sondern darüber hinausgehende Forderungen stellt. Das ist natürlich eher eine Bestätigung für das brasilianische Modell.

    Hans Chrsitoph Buch schrieb dazu gestern in der FAZ:

    „Zwar wird der Protest auf Facebook und anderen Netzwerken organisiert, aber mit dem arabischen Frühling hat er wenig zu tun. Brasilien ist keine Diktatur, sondern eine auf Konsens und Kompromiss beruhende Demokratie: Nicht nur die Oligarchie profitiert vom Wirtschaftsboom. Anders als vor 20 Jahren sind die Favela-Bewohner heute nicht mehr unterernährt, sondern übergewichtig wie von Fastfood lebende Sozialhilfebewohner in der Bronx – der Ex-Gewerkschafter Lula hatte der Armut den Kampf angesagt, und in diesem Punkt hat er sein Versprechen eingelöst. Zwar hat der Aufschwung sich verlangsamt, doch Brasiliens Jugendrevolte richtet sich gegen eine saturierte Gesellschaft wie in der Türkei, wo nicht nur die Studenten fordern, endlich Ernst zu machen mit dem Versprechen der Demokratie.“

    Liken

  2. genova68 schreibt:

    mocho,
    ich habe all dem von dir gesagten in dem Artikel nicht widersprochen, wer weiß das alles schon so genau. Was aber revolutionär ist, kann so nicht beantwortet werden. Revolutionen entzünden sich gewöhnlich an Kleinigkeiten. Das Fass und der Tropfen.

    Dass sich der Protest in der Türkei und in Brasilien „gegen eine saturierte Gesellschaft“ richtet, halte ich allerdings für eine abenteuerliche Analyse. Saturiert ist da bestenfalls eine dünne Schicht. Aber es ist naturgemäß nicht das Talent der FAZ, soziale Bewegungen sinnvoll zu bewerten. Die bewerten lieber Aktien.

    Liken

  3. genova68 schreibt:

    Ein sehr angenehmes, lehrreiches Interview in der FR mit der türkischen Schriftstellerin Sema Kaygusuz (ist ja schon typisch für die westliche Ignoranz, dass ich dreimal hingucken muss, bis ich den Namen richtig schreiben kann.):

    http://www.fr-online.de/tuerkei/proteste-in-der-tuerkei–erdogans-zeit-ist-vorbei-,23356680,23511798,view,DEFAULT.html

    Auszug:

    Wir sehen jetzt, dass die Menschen überall stillen Widerstand leisten, indem sie einfach auf Plätzen stehen. Es geht darum zu beharren. Sie machen nichts kaputt. Sie stehen. Sie bestehen auf ihrem Anliegen. In jedem Park sammeln sich abends um neun Uhr wildfremde Menschen zum Forum und diskutieren. Ich war bei mehreren Foren. Wir reden darüber, echte Repräsentanten zu finden und unsere eigene Politik zu definieren. Es gibt Vorschläge, in die Armenviertel zu gehen, um Sommerschulen abzuhalten. Eine geistige Verbindung ist da, und die Menschen beginnen, sich zu organisieren. Deshalb bin ich zum ersten Mal in meinem Leben optimistisch. Ich war nie gern ein Teil der Türkei, dieser heuchlerischen und stillen Gesellschaft. Das hat sich geändert. Eine neue Gesellschaft entsteht.

    Liken

  4. Chinook schreibt:

    „Anders als vor 20 Jahren sind die Favela-Bewohner heute nicht mehr unterernährt, sondern übergewichtig wie von Fastfood lebende Sozialhilfebewohner in der Bronx“

    Steile These. Die Favelas waren nie der Raum in dem sich die Ärmsten sammelten. Gerade durch die Nähe zu den Reichenvierteln und den sich daraus ergebenden Wirtschaftsmöglichkeiten, waren die Mieten auch Mitte der 90er schon nichtmehr ganz gering. „Wellblechcity“ findet man heute und fand man auch vor 20 Jahren in den Favelas nicht.
    Das Problem der Unterernährten stellte sich immer vor allem in ländlichen Regionen, wo man tatsächlich große Verbesserungen erzielt hat.
    Im Grunde ist es nicht erstaunlich, dass sich gerade in den Favelas Proteste an der WM entzündeten, wo einige zu bescheidenem „Wohlstand“ gekommene wohnen. Was natürlich nicht heißt, das Diejenigen mehr als einen Bruchteil dessen verdienten, was die Leute im Viertel 500m weiter bekommen. Brasilien war immer eine der ungleichsten Gesellschaften überhaupt, im Grunde gibt es wohl kaum eine Region, in der solche Ungleichgewichte zu so wenig gesellschaftlichem Aufruhr führten. Die letzten Jahre hat sich etwas getan, die Regierung wirbt z.B. mit Verbesserungen des Gini-Koeffzienten. Allerdings war es in der Hinsicht kaum möglich noch weiter abzusteigen. Am Ende des Tages bleibt eben immer eine Frage, wieviel vom Wachstum hat wie vielen, wieviel genutzt? Bspw. die großen sozialen Programme der brasilianischen Regierung. Kann man als Hilfe für Arme ansehen, die trotz der gesellschaftlichen Diskussion darum durchgesetzt wurde, oder eben als ein Minimum, welches im Grunde lediglich eine antizyklische Finanzpolitik in Zeiten der Krise darstellt, die man sich eben leisten kann. Eigentlich tut die Regierung viel für Wachstum, wenig um dieses unter Partizipation breiter gesellschaftlicher Schichten zu erzielen. Klar man hat viel getan – aber mit den gegebenen Mitteln, hätte man wohl auch die Wahl gehabt auf eine Teil des wirtschafltichen Erfolges zu verzichten und die Verteilung anders zu gestalten. Bis es in der brasilianischen Gesellschaft jedoch dazu kommt, braucht es meiner Ansicht nach noch viel Zeit. Und in einem solchen Ansatz sehe ich in die aktuellen Proteste nicht begründet.

    Liken

  5. genova68 schreibt:

    Der Fastfood-Bauch ist die moderne Version des hungernden Proletariers, das ist ja bekannt. Die Nahrungsmittelindustrie hat es geschafft, die Masse der Menschen abhängig zu machen von Fett und Zucker und Geschmacksverstärker. Die verhungern nicht, klar, aber das war es auch schon.

    In den Favelas haben sich die Proteste nicht entzündet, glaube ich. Die machen teilweise mit, aber die haben, so wie ich das sehe, andere Probleme: eine brutale Polizei, Drogenkartelle, Rechtlosigkeit. Gerade sind wieder in einer Favela in Rio in einer Nacht durch eine Polizeibestürmung zehn Menschen erschossen worden. Das sind Sondereinheiten auf SS-Niveau, die keine Gefangenen machen und die Leichen selbst wegbringen und verbrennen. Es bleiben keine Spuren. Auch das ist Alltag im Brasilien, das von der PT regiert wird.

    Aber die PT tut etwas: Gesetze gegen Korruption, die auf die gleiche Stufe wie Vergewaltigung gestellt wird, laut tagesschau.

    „Die Proteste der Menschen auf den Straßen wirken wie ein Katalysator, der Politik und Gerichte Beine macht. Die Abgeordnetenkammer im Parlament beschloss auch ein Gesetz, wonach 75 Prozent der Lizenzeinnahmen aus dem Ölgeschäft direkt in den Bildungsbereich fließen sollen, die restlichen 25 Prozent in das Gesundheitssystem. Jahrelang war darüber diskutiert worden. Nach den Protesten verabschiedeten die Parlamentarier das Gesetz binnen weniger Tage.

    Gut 50.000 Demonstranten waren es, die am Rande des Halbfinalspiels zwischen Brasilien und Uruguay erneut auf die Straße gingen und friedlich protestieren. Einige wenige Randalierer nutzten die Demonstration, um sich mit der Polizei eine Straßenschlacht zu liefern. Die Spezialeinheiten setzten Tränengas und Gummigeschosse ein. 24 Demonstranten wurden festgenommen, auf beiden Seiten gab es einige Verletzte.“

    Es ist eine interessante Entwicklung, wobei mich das Verhältnis der jungen Gebildeten und der Favelaeinwohner interessieren würde. Das sind bislang ja getrennte Gesellschaften. Und die Gebildeten könnten auch auf die Idee kommen, dass Hilfen für die Armen einen verschärften Verteilungskampf um Jobs etc. auslösen könnten. Würden die Armen alle in Stand gesetzt in Sachen Bildung, kämen die kapitalistischen Strukturen stärker zum Vorschein. Eine Masse rechtloser Armer hat da auch ihre Vorteile.

    Die FR beschreibt kurz und bündig die kapitalistische Logik:

    „Schritt für Schritt werden einige der einst von Drogenbanden regierten Favelas zu begehrten Lagen für Immobilienkäufer. Die Preise steigen, wohnen, essen – alles wird teurer. Manche der Favela-Bewohner können sich das nicht mehr leisten.“

    Verbesserungen ja, aber nur, wenn das Kapital davon profitiert.

    http://www.fr-online.de/tv-kritik/zdf-auslandsjournal-zorn-am-zuckerhut,1473344,23527106.html

    Liken

  6. Jakobiner schreibt:

    Diese Protestbewegungen sind wohl inzwischen ein weltweites, kulturunabhängiges Phänomen und damit ein Zeichen für eine tiefgreifende Krise des westlichen sozio-ökonomischen Systems. Das scheint der Westen nicht zu begreifen mit der Folge, daß es zu Fehldeutungen kommt wie dem „arabischen Frühling“.Und demnächst ist es vielleicht auch in China soweit: Neue Mittelklasse und zugleich eine Finanzkrise. Was mir auffällt: Während die mögliche Finanzkrise in China ein Thema für die Mainstreamzeitungen ist (FAZ, ZEIT, Welt, Münchner Merkur, etc.), habe ich in ARD und ZDF bisher noch gar kein Wort dazu gehört.Ist das öffentlichrechtliche Fernsehen angehalten zur Eurokrise nicht noch weiter beunruhigende Nachrichten zu bringen? Die Einschätzungen sind sehr unterschiedlich. Während FAZ und Welt die Lage als ernst einschätzen, meint die ZEIT, dass man diese Warnungen schon seit 2 Jahrzehnten kenne und auch diesmal nichts passieren würde.Ein befreundeter Sinologe schrieb mir dazu:
    „China steckt derzeit tatsächlich arg in der Bredouille. Der riesige Berg an Schulden und faulen Krediten (derzeit ca. 300 Prozent des BIP) ist vom Westen bislang einfach ignoriert worden. Wie Du an meinem beigefügten Beitrag für den Bayerischen Rundfunk siehst, der am 2.4.2004 gesendet wurde, hätte man dies längst erkennen müssen. Aber seither hat sich die Lage noch dramatisch verschärft, denn hinzugekommen ist in den letzten Jahren der Bereich der Schattenbanken und die Verschuldung privater Kreditnehmer, den die Zentralbank nicht einfach mit gedrucktem Geld retten kann. Und im Zusammenhang damit steht die wahnsinnige Immobilienblase, die demnächst zu platzen droht. Wenigstens darüber wurde in den letzten Jahren in den westlichen Medien gelegentlich berichtet.“Also, abewarten, ob es in China nicht auch zu einem erneuten Pekinger Frühling kommt.

    Liken

  7. genova68 schreibt:

    „Der riesige Berg an Schulden und faulen Krediten (derzeit ca. 300 Prozent des BIP) ist vom Westen bislang einfach ignoriert worden. “

    Um welche Schulden handelt es sich denn? Hat China so eine massive Staatsverschuldung? Nein, oder? Oder meinst du die Außenstände, beispielsweise in den USA?

    Mich würde es freuen, wenn China auf die Schnautze fällt mit ihrem lächerlichen Billigscheiß, den die herstellen, inklusive massiver Menschenausbeutung, genauso wie Deutschland, nur als Teuerscheiß. Das sind ökonomisch-imperialistische Mächte mit ihrem Exportwahn, das macht die Welt kaputt.

    Liken

  8. genova68 schreibt:

    Interessanter Artikel zum Thema Brasilien im Freitag:

    Während sich die Mittelschicht über Geldverschwendung zugunsten von Bauindustrie und FIFA aufregt, bekommen die Bewohner der Armenviertel das Vorspiel auf die WM ganz anders zu spüren. Etwa 200.000 Personen werden derzeit in ganz Brasilien enteignet und teils gewaltsam aus ihren Häusern vertrieben. Abgesehen vom Schicksal jedes Betroffenen hat dieser Rigorismus langfristig Folgen für die urbane Struktur. „Es besteht das Risiko, dass durch die Umsiedlung der Unterprivilegierten die Segregation in den Städten erhöht wird. Sie sind dann nur noch das Domizil der Eliten“, meint Professor Orlando Santos Junior vom Institut für Stadt- und Regionalforschung in Rio de Janeiro. Immer unaufhaltsamer ist in das kollektive Bewusstsein Brasiliens eingedrungen: Ereignisse wie die WM oder die Olympischen Spiele waren nie für die Brasilianer gedacht, sondern für Finanzinvestoren, die Werbewirtschaft, den Fremdenverkehr und das Prestige ehrgeiziger Politiker, aber ebenso des IOC und der FIFA.

    http://www.freitag.de/autoren/felix-martens/feuer-und-flamme-fuer-die-wm

    Klassiche neoliberale Politik, die Verwertungsmöglichkeiten fürs Kapital sucht. Und eine Staatschefin der Arbeiterpartei macht mit.

    Liken

  9. Jakobiner schreibt:

    „Um welche Schulden handelt es sich denn? Hat China so eine massive Staatsverschuldung? Nein, oder? Oder meinst du die Außenstände, beispielsweise in den USA?“

    Gemeint sind vor allem die faulen Kredite, die die 4 größten Banken den Staatsbetrieben, Regionalregierungen und anderen Unternehmen geliehen haben und die wohl unrückholbar sind.Die 4 großen chinesischen Staatsbanken sind zwar rechtlich privatisiert worden, ihnen wird aber immer noch vom Staat vorgegeben faule Kredite zu vergeben.Insofern ist die Frage, ob das private oder Staatsschulden sind eine mehr sophistische Angelegenheit!

    Liken

  10. Jakobiner schreibt:

    Offiziell steht China saugut da und so wird es uns immer erzählt:
    nur 40% Staatsverschuldung, 3 Billionen Euro Devisenreserven und ein Wirtschaftswachstum zwischen 7 und 8%—aber dagegen stehen eben –nur ökonomisch betrachet–300% des BIPs an faulen Krediten der „privatisierten“ größten Banken, die aber immer noch unter Staatsägide stehen.Dazu kommt die neudazugekommene Sphäre der Schattenbanken und der uneinlösbaren Konsum- und Privatkredite neben anstehender Immobilenblase.Es ist interessant, dass während FAZ, WELT, SZ, NZZ, ZEIT darüber berichten, in den öffentlich-rechtlichen Medien gar nicht über eine mögliche Finanzkrise Chinas berichtet wird.Vielleicht will man ja keine neue Panik angesichts der Eurokrise entfachen, gilt doch Chiona und die BRICSstaaten als die neue Lokomotive der Weltwirtschaft, die alles retten wird. Da passen solche Nachrichten aus Brasilien und gegenenfalls aus China gar nicht dazu.

    Liken

  11. Jakobiner schreibt:

    Staatsverschuldung und Besitz von US-amerikanischen Staatsschuldenpapieren sind in dieser ganzen Betrachtung völlig ausgenommen. Aber bezeichnend, dass du nur diese beiden Posten nennst und dir nur beide dazu einfallen. Die Pro-China-Propaganda scheint sich bei dir im wesentlichen ins Hirn reingefressen zu haben!!!
    Aber da bist du kein Einzelphänomen ud wie gesagt: Die öffentlich-rechtlichen Staatsmedien berichten darüber überhaupt nicht!!!

    Liken

  12. genova68 schreibt:

    Wenn du einfach mal deine vielen Ausrufezeichen weglassen würdest, kämen deine Beiträge nicht als Gebrüll an. Ansonsten danke für die Hinweise.

    Liken

  13. lemmy Caution schreibt:

    1. Hans Christoph Buch, lieber Genova, hat absolut atemberaubende Dinge über Haiti erzählt. Gibt so ein Interview von dem in der Schweizer Fernsehsendung „Sternstunde Philosophie“. Ein Typ, dem ich einfach nur gebannt zuhöre. Hat eine haitianische Groß- oder Urgroßmutter. Was er über das Übergewichtsproblem der Favelha-Bewohner sagt, ist so. Ich glaube fest daran, dass ein Teil jedes Lebens von Natur aus Scheisse ist. Ich glaube NICHT, dass die Scheisse im Leben über die unterschiedlichen Völker gerecht verteilt wäre. Kein Scherz: Gestern nacht schaute ich in viele leere Gesichter unter den Passagieren des Flugs nach Manila am Flughafen Abu Dhabi. Nicht alle Gesichter waren leer. Aber übermässig viele. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wird die Unterschicht sozusagen importiert. Pakistan und Phillippinen. Ich glaub an solche konkreten Erfahrungen. Da hinzusehen, ist eine bewusste Entscheidung, ohne dass es die Welt besser machen würde. Hans Christoph Buch hat in seinem Leben sehr viel hingesehen. Vielleicht findest Du noch sein Gespräch über Haiti in Sternstunde Philosophie. Voll der burner.
    2. Deutsche Ableger der Protestbewegungen sind extrem instabil. Das erstaunliche an den chilenischen Aufständen dagegen besteht gerade in ihrer Persistenz. Auch die brasilianischen Proteste werden ein sehr hartnäckiges Phänomen darstellen. So viel ist sicher. Denk viel über diese deutlichen Unterschiede in Stabilität und Hartnäckigkeit nach. Bis auf weiteres glaube ich ihn darin zu sehen, dass DIE immer neue konkreten Ansatzpunkte finden, um die Notwendigkeit von Wandel für die Gesellschaft greifbar zu machen. Es ging ja nicht um die Annullierung von 7 cent Erhöhungen der Fahrpreise sondern es gibt eine Bewegung, die den Öffentlichen Nahverkehr grundsätzlich gratis machen will. Und sich auch für einen Ausbau des Öffentlichen Nahverkehrs einsetzen. Das Metro-Netz der 20 Mio Metropole Sao Paulo ist inzwischen 4x kleiner als das der 6 Mio Metropole Santiago de Chile. Es gibt in Sao Paulo im Gegensatz zu Santiago nicht mal ein Verbunds-Ticket. Klar ist das sehr sozialdemokratisch. Dieses Eintreten für konkrete Verbesserungen dort wird aber von sehr heterogenen Gruppen getragen. Für die Rekonstruktion einer politisch bewussteren Gesellschaft wirkt es auf mich effektiver zu sein, als die Schein-Gewissheit der „Grosser“ Theorien. In Chile läuft inzwischen viel über Gerichte. Es gibt etwa einen Prozess, der für die Geschädigten der überzogenen und z.T. gesetzlich fragwürdigen Uni-Gebühren hohe Schadensersatzsummen einfordern. In vielen Einzelklagen, für die Geld gesammelt wird. Wie bei uns gibts dort keine Sammelklage. Diese permanente Suche nach neuen konkreten Ansatzpunkten ist natürlich anstrengend, bislang aber nicht erschöpfend.
    Ziemlich ähnlich zu den typischen Wesen eines dieser gutbezahlten Technlogie-Jobs. Du pilgerst dort jeden Tag hin und hast 2 Optionen:
    a) Du drehst wirklich ein paar Steine um und versuchst den Wahnsinn zu verbessern. Gute Chance, dass Du auf ein schwer zu kalkulierendes Monster triffst, falsche Prognosen für Verbesserungs-Aktivitäten abgibst, arbeiten-wie-bescheuert-und-sich-noch-rechtfertigen-müssen, etc. 8 Stunden jeden Tages machst Du den Sisyphos. Fühlst Du dich als Prometheus, wechsel das Projekt. In meiner Oberstufenzeit hatte ich so eine Camus-Phase, die mich vermutlich stark geprägt hat.
    b) Du lässt die Steine liegen und schwadronierst rum. In bestimmten Organisationen/Projekten kannst Du damit lange überleben. Ich hatte selbst so Phasen. Auf Dauer wird man mit der Strategie aber dumm.
    In dem Airbus beobachtete ich im Morgen über Süd-Polen ein ca 3-jähriges Kind, das immer wieder versuchte diese Essens-Ablage im Airbus hochzuklappen und diesen Befestigungs-Schalter umzulegen. Sein Vater bemerkte das nicht, weil er zu sehr damit beschäftigt war, seine Zeitung zu lesen. Das Kind versuchte es über 10 Minuten, aber es gelang ihm nicht. Am Ende lachte es. Ich hab ein Jahrzehnt gebraucht, um diese Fähigkeit wieder zu erlernen. Seitdem gehts mir auf der Arbeit besser. Programmieren bleibt ein beständiges Wechselbad der Selbstwahrnehmung als Gottes Kleiner Bruder und Der Größte Idiot, ever. Der beste Spruch des Jahres: „When it works, its not technology anymore“. Wie ich Freitag-Nacht beim Zelten in den omanischen Bergen erfahren konnte, geht es meinen dortigen europäischen Regenerative Energie consultants und projecteers genau so.
    3. Im Lateinamerikanischen Fernsehen hampeln die viel rum. Es gibt auch einige ruhigere Inseln einer zivilisierten Debatten-Kultur, mehr aber nicht nur im Internet und Radio. Allerdings empfind ich deutsche Polit-Sendungen z.T. auch ziemlich speziell. Inzwischen gibts aber im chilenischen Fernsehen einige Formate, die diesen Hampel-Stil zum Schaden meiner Nerven übernehmen und darüber sehr kritische Inhalte vermitteln (Los Parisi, Mentiras Verdaderas). Was bei mir als mal ganz ehrlich unmotiviertes Herumschreien und affen-artige Effekthascherei ankommt, sehen andere als super-simpático und no-fome (nicht-langweilig). Ich will solche kulturellen Unterschiede respektieren.
    4. Als 8-jähriger habe ich mit großer Begeisterung eine Kinder-Version von „Die Schildbürger“ gelesen. Meine seltsame nicht ermüdende quixoteskes „Begeisterung“ am chavistischen proceso, die ja z.B. aktuell auch zeitraubende Werke wie George Ciccariello-Mahers „We Created Chavez: A People’s History of the Venezuelan Revolution“ und Roger Santodomingos „De verde a maduro“ einschliesst, speist sich aus der gleichen Quelle.

    Liken

  14. Chinook schreibt:

    „In den Favelas haben sich die Proteste nicht entzündet, glaube ich. Die machen teilweise mit, aber die haben, so wie ich das sehe, andere Probleme:..“

    Das schätze ich anders ein. Die im Zuge der „Eventplanungen“ durchgeführten Enteignungen werden einigen Umnut ausgelöst haben. Wichtiger noch sind die Preissteigerungen. Die meisten Favelabewohner sind eben darauf angewiesen oft verhältnismäßig lange Strecken mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arbeitsplatz zurückzulegen, wofür ein guter Teil des Einkommens drauf geht. Gleichzeitig sehen Bewohner die kostenintensiven Bautätigkeiten um sie herum, welche Milliarden kosten. Auf der einen Seite will der Staat ihnen ans Geld und den Ertrag versenkt er dann in ihrer direkten Nachbarschaft in Stadien etc. Vereinfacht ausgedrückt, wenn man enteignet wird, damit Schnellstraßen zu den Stadien gebaut werden können, die man selbst nicht in Anspruch nehmen braucht, weil man über kein Auto verfügt, dies durch höhere Abgaben finanziert und das dann aus nächster Nähe noch „bewundern“ darf, kann sich schon einiger Unmut regen. Sinkendes Wirtschaftswachstum und hohe Inflationsrate tun ihr übriges.
    Ich denke schon, dass die Proteste sich in den Favelas entzündet haben, mittlerweile demonstrieren da wohl ganz verschiedene Gruppen, mit unterschiedlichen Interessen. Sieht man ganz gut daran, dass die Demonstranten unglaublich vielfältige Themen anschneiden, es aber erhebliche Probleme gibt gemeinsame Forderungen zu formulieren. Was für mich auf eine Grundproblematik der brasilianischen Gesellschaft insgesamt hindeutet. Einen über soziale Gruppen oder bestimmte Räume hinausgehenden Gemeinsinn gibt es nicht in der Form, dass sich gesamtgesellschaftliche wirtschaftliche, politische Ziele etc. mit Nachdruck herauskristallisierten. Das hat weniger mit kapitalistischer Logik zu tun, sondern liegt in der historischen Gesellschaftsstruktur und – organisation begründet. Brasiliens Gesellschaft war immer eine ungleiche und hatte nie ein Verständnis von Gleichheit, wie es beispielsweise in der französischen Revolution formuliert wurde. Was wohl ein Grund für die doch verhältnismäßig hohe Akzeptanz der eigenen Situation unter den Armen Brasiliens ist.
    Deshalb sind die aktuellen Proteste sehr interessant und bieten Chancen, vor allem weil verschiedene Gruppen in Austausch treten können, die eben nicht schon Teil des korrumpierten Gesamtsystems sind, oder bisher ihre Ziele praktisch gar nicht öffentlich kommuniziert haben. Vielleicht bilden sich da neue Kontakte und Organisationsmöglichkeiten heraus. Was Brasilien eigentlich braucht, ist ein vollkommen geänderter „Gesellschaftsvertrag“. Von heute auf morgen wird das nicht gehen, nur, man muß irgendwann mal anfangen.
    Das zweite große Problem ist die allgegenwärtige und den gesamten Staatsapparat umfassende Korruption, die von der Politik praktisch gedeckt wird, beispielsweise durch PEC37.

    „Aber die PT tut etwas: Gesetze gegen Korruption, die auf die gleiche Stufe wie Vergewaltigung gestellt wird,“

    Längst überfällig, allerdings, ein Gesetz bringt nur etwas wenn dahinter ein funktionierender Apparat steht, der es durchsetzt. Da habe ich so meine Zweifel. Effektive Korruptionsbekämpfung dürfte nicht die Hauptpriorität brasilianischer Politiker sein, ziemlich egal aus welchem Lager. Aber es ist ein Anfang und wenn das einzige was die Demonstranten erreicht haben dieses Gesetz ist und die Ablehnung von PEC37, hat es sich fast schon gelohnt. Immerhin. Es ist schon erstaunlich, wie ruhig die brasiliansiche Gesellschaft allein auf die Haltung und praktischen Handlungen von Politikern gegenüber Korruption reagiert. Wobei die Regierung ja durchaus etwas tun kann, wenn sie will. Beispielsweise werden einige Transferleistungen auf eine Geldkarte der Empfänger direkt überwiesen, damit weniger Leute sich bedienen können, bis es beim Empfänger ankommt. Wenn es aber um mehr geht als Korruption von einigen kleinen Beamten, wird es schnell ganz still im Wald.

    „In den Favelas…andere Probleme: eine brutale Polizei, Drogenkartelle, Rechtlosigkeit.“

    Naja, Drogenkartelle sind das nicht. Aber klar stellen die Dealer ein großes Problem dar. Auf der einen Seite bringen sie eigene Rechtsnormen in die Viertel ein, teilweise drakonische Strafen, auf der anderen Seite generieren sie Wirtschaftsmöglichkeiten und leisten teilweise „soziale Unterstütrzung“, leihen Eltern beispielsweise das Geld für die Behandlung erkrankter Kinder. Der Staat „vergisst“ die Favelabewohner und braucht sich anschließend eigentlich nicht wundern, dass er in den Räumen sein Gewaltmonopol verliert und es den Dealern sehr einfach macht, ihre aufoktroyierte Ordnung als passable Alternative zur staatlichen hinzustellen. Ich würde also nicht sagen, dass in Favelas generell Rechtlosigkeit herrscht. Einige Favelabewohner sehen in den Dealern auch einen Schutz vor der korrupten Polizei. Der Ordnung der Drogenhändler ist grausam, aber oft nicht willkürlich, wohingegen staatliche Sicherheitskräfte als willkürlich und korrupt angesehen werden. Ein Problem was auf den gesamten korrupten Staat zurückgeht. Wobei die Haltung der Bevölkerung gegenüber den Drogenhändlern sich die letzten Jahre wohl verschlechtert hat. Robin Hoods und soziale Wohltäter sind das nicht, obwohl der Handel durch Sozialisten erst so richtig ausgebaut wurde.
    Ich gehe mal davon aus, dass Sie mit der SS-Anspielung die B.O.P.E. meinen. Böte sich an, wegen dem Totenkopf im Abzeichen. Diese Einheit ist mit Sicheheit brutal, nimmt es mit Menschenrechten nicht ganz so genau und ist sehr effizient. Ein wichtiger Baustein bei allen zukünftigen Strategien, um staatl. Zugriff in einigen Räumen überhaupt wieder herzustellen. Ohne eine solche hätten auch soziale Projekte eher weniger Chancen nachhaltig zu wirken. Interessant ist, dass genau diese besonders aggressiv und kalt vorgehende Einheit unter den Favelabewohnern mittlerweile einen gar nicht so schlechten Ruf genießt. Sie geht zwar brutal vor, gilt aber nicht als korrupt, bestiehlt die EInwohner nicht und handelt nicht so willkürlich wie der ein oder andere normale Polizist. Das zeigt eben auch, dass das oft gezeichnete Bild vom Drogendealenden oder die Dealer unterstützenden Favelabewohner nicht stimmig ist. Die EInheit hat trotz ihrer Vorgehensweise eine vergleichsweise hohe Akzeptanz der Favelabewohner und „alles was dazu nötig war“, ist ein Image der Unbestechlichkeit. Auch hier sieht man, das der Staat hier nicht wirklich etwas grundlegend ändern will, auch nicht die PT. Wenn man sieht, dass die Bevölkerung vernünftigen Polizisten keineswegs grundsätzlich ablehnend gegenüberstünde, die Bewohner eigentlich mit wenig an sozialen Maßnahmen schon sehr zufrieden wären und auf 1000 Bewohner vielleicht 10 Dealer kommen, muß man davon ausgehen, dass wenn es wirklich einen gesellschaftlichen und politischen Willen zur Inklusion dieser Bevölkerungsgruppen gäbe, sich Verbesserungen erzielen ließen.

    „Es ist eine interessante Entwicklung, wobei mich das Verhältnis der jungen Gebildeten und der Favelaeinwohner interessieren würde“

    Naja, hängt auch davon ab was man noch als Favela bewertet. Grundlegend kommen schon einige junge gebildete aus Favelas, die in sich meist keine homogene Struktur aufweisen. Auch sind die letzten Jahre zig Millionen Brasilianer in die Mittelschicht aufgestiegen. Mein Eindruck ist, dass es in Brasilien allgemein eher eine Skepsis gegenüber sozialen Transferleistungen gibt. Auch von sozialen Aufsteigern, aber nicht unbedingt, weil man die Konkurrenz fürchtet. Eher schon weil man stigmatisierten Bevölkerungsgruppen selbst die Schuld an ihrer Situation gibt. Während soziale Aufsteiger sich oft als den lebenden Beweis dafür sehen, dass man durch Anstrengung aufsteigen kann.
    Ausgaben für Bildung und Gesundheit sind schön und gut, aber ohne Wirtschafts-, Organisations- und Infrastrukturmaßnahmen sind diese Ausgaben nutzlos. Ein diplomierter Tagelöhner erhält trotzdem das Tagelöhnergehalt. Da hat sich in Brasilien was getan, die Rohstoffeinnahmen bieten Chancen wirtschaftlich nachhaltig profitable Strukturen aufzubauen und eine bessere Sozialpolitik zu betreiben. Allerdings habe ich zumindest Bedenken, dass sich mit dem aktuellen Maß vor allem an staatl. Korruption und deren Einfluß auf wirtschaftl. Strukturen eine nachhaltig wettbewerbsfähige Wirtschaft in den Bereichen entwickelt, wo eine hohe Wertschöpfung generiert werden kann. Umso wichtiger, dass die Bevölkerung sich jetzt zu Wort meldet, auch wenn das direkt zunächst wenig bringen wird, da Brasilien vor ganz anderen Herausforderungen steht, als solchen die allein durch Staatsausgaben in welche Sektoren auch immer, gelöst werden könnten. Wird Zeit in Anspruch nehmen, tendenziell sind schon einige richtige Pfade beschritten worden. Abzuwarten bleibt eben, wie diese langfristigen Erfordernisse unter weniger optimalen wirtschaftlichen Vorzeichen angegangen werden.

    Liken

  15. genova68 schreibt:

    ich schreibe naechste woche was dazu, habe jetzt keine zeit.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.