Hüther mag Heine: Historisch betrachtet siegt die Lüge

Michael Hüther ist (seit 1981) Mitglied der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Gesellschaft.

Das sind solche scheinbar nebensächlichen Meldungen, bei denen ich hängenbleibe. Hüther ist also Fan von Heine. Hüther ist seit 2004 Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, vom Kapital finanziert. Er sitzt auch im Kuratorium der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, einer Organisation, die die Lüge schon im Namen trägt. Hüthers Redneragentur Podium drückt das mit Heine so aus:

Er unterhält langjährige Mitgliedschaften bei namhaften Zusammenschlüssen, so der Heinrich-Heine-Gesellschaft…

Langjährige Mitgliedschaften unterhalten, klingt nach einem Rentenfonds, in den man langjährig einzahlt, um etwas herauszukriegen. „Namhaft“ verrät unfreiwillig die rein formale Herangehensweise ans Thema. Heine als intellektuelles Kapital, das man sich aneignet und Jahresbeiträge an die mir schon immer suspekte Heine-Gesellschaft Düsseldorf zahlt, weil es sich gut macht, irgendwie. Heine sorgt für ideellen Mehrwert. Heine ist nicht zu beneiden, dass eine Stadt in seinem Namen spricht, in der der Anspruch, alles zu verwerten, was irgendwie dazu taugen könnte, institutionalisiert ist. Heinrich Heine? Ein Fall für eine PR-Agentur.

Zurück zu diesem Hüther, von dessen unerhöhrt dauerlangweiligem Gesichtsausdruck ich doch immer wieder angetan bin; der ist also Fan vom Wüterich Heine. Wovon genau? Vom Stil? Vom Inhalt? Oder ist Hüther vielleicht von Heines Frankreichliebe angetan, die auf egalité, fraternité und liberté fußte? Also auch das, was mit Hüthers Ideologie zerstört wird?

Ist Hüther angetan von seinen politischen Ansichten im Vormärz? Von seiner Beschreibung des Leides der schlesischen Weber, weil sie Hüthers ökonomisch-politische Wünsche von heute vorwegnehmen? Dass Hüthers Ansichten dahin führten, ist anzunehmen. Mag Hüther an Heine auch seine Nähe zu Karl Marx? Mag Hüther, dass Marx im Kommunistischen Manifest bei Heine abschrieb? Vielleicht gefallen ihm die Heineschen Zustandsbeschreibungen des deutschen Gemüts (Wintermärchen, Caput XVII):

Ich habe mich mit dem Kaiser gezankt

Im Traum, im Traum, versteht sich, –

Im wachenden Zustand sprechen wir nicht

Mit Fürsten so widersetzig.

Nur träumend, im idealen Traum,

Wagt ihnen der Deutsche zu sagen

Die deutsche Meinung, die er so tief

Im treuen Herzen getragen.

Oder ist Heine mittlerweile genau das, was die Heinrich-Heine-Gesellschaft in Düsseldorf vermutlich schon lange aus ihm machen will: Ein historisches Accessoire, das schon so lange tot ist, von dem eh keiner mehr weiß, was es seinerzeit gesagt und geschrieben hat. Aber der bloße Name macht etwas her. So gesehen ist der Düsseldorfer Hüther genau der Richtige Heine-Fan.

Noch was: Ich lese gerade, dass der Historiker Heinrich August Winkler erneut die Agenda 2010 verteidigt hat:

Ohne diese tiefgreifende Reform des Sozialstaats stünde Deutschland heute sehr viel schlechter da. Schröder hatte, ganz im Sinne Bernsteins, begriffen, dass gesellschaftlicher Fortschritt die ständige Bereitschaft zur Selbstrevision verlangt … Das Wort „Erst das Land, dann die Partei“, die Devise aller sozialdemokratischen Bundeskanzler, mag sehr deutsch klingen, aber es bleibt trotzdem richtig. Es steht für eine Haltung, für die sich die Sozialdemokraten nicht zu entschuldigen brauchen.

Nicht nur der letzte Satz zeigt, dass man Winkler leider dumm nennen muss. Es ist eigentlich schon beschämend festzustellen, dass einer der angesehensten Historiker (Deutsche Gesellschaftsgeschichte) hierzulande keine Vorstellung von Systemischem hat. Wie schreibt der Mann nur Geschichtsbücher? Es kommt mir ein wenig vor wie die Herrschaftsgeschichtsschreibung vor 100 Jahren, wo es nur um die Befindlichkeiten der Regenten und ihrer Bündnisse ging. 99,9 Prozent derer, von denen „Geschichte“ handeln sollte, kommt nur als anonyme, verschiebbare Masse für Kriege und Steuereintreibungen vor. Die Masse wurde nur dann erwähnt, wenn sie politisch nötig wurde.

Schröder hat also nur „an Deutschland“ gedacht. An den deutschen Volkskörper, an die vielen Arier hier, an das große Ganze, an das deutsche Volk. An Winkler scheinen alle Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft der letzten 40, 50 Jahre vorbeigegangen zu sein, obwohl er die doch angeblich selbst mitbegründet hat. Winkler kommt mir so ähnlich vor wie Grass: Vielleicht irgendwann früher einmal interessant, heute jedoch nur noch banal. Es ist dieses völlige Ignorieren aller volkwirtschaftlichen Zusammenhänge, die erstaunt. Ein Historiker hätte das zumindest zu thematisieren, Stellung zu nehmen, zu argumentieren. Dabei wäre das ganz einfach: Nicht um gesellschaftlichen Fortschritt handelt es sich, sondern darum, die Interessen des Kapitals zu bedienen. Dazu braucht man in der Tat die ständige Bereitschaft zur Selbstrevision, wenn man einmal für etwas ganz anderes angetreten ist. Aber das ist ja auch 150 Jahre her.

Es ist diese Umschreibung der Geschichte durch die herrschenden Klassen. Bei Heine hat es länger gedauert, Winkler schafft die herrschaftsorientierte Geschichtsklitterung quasi in zeitgeschichtlicher Geschwindigkeit. Der Heine-Zeitgenosse Ludwig Börne ist ein ähnlicher Fall. Seinerzeit forderte er eine Revolution in Deutschland, heute heißen die Träger des nach ihm benannten Preises Henryk Broder und Joachim Gauck. Zu den Juroren gehörten schon solch bedeutende politische Feuilletonisten wie Helmut Markwort. Die Lüge etabliert sich mit zunehmendem Abstand zum Gelogenen. Die herrschende Klasse biegt sich Leute wie Heine und Börne zurecht, irgendwo müssen Traditionen ja herkommen.

Das sind vermutlich alles Auswirkungen des postmodernen anything goes. Sozialdemokraten machen FDP-Politik, dumme Historiker legitimieren das und der deutsche Chefideologe des Neoliberalismus mag Heine. Beethoven ist vermutlich auch nur ein Bürgerlicher, dessen Bestreben die musikalische Absicherung der herrschenden Klasse war. Aber damals hieß der Herausgeber des Vorwärts ja auch noch Karl Marx.

002 (2)(Foto: genova 2013)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Düsseldorf, Deutschland, Kunst, Literatur, Neoliberalismus, Rechtsaußen, Wirtschaft abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Hüther mag Heine: Historisch betrachtet siegt die Lüge

  1. Jakobiner schreibt:

    Ja, dieses Uminterpretieren von verstorbenen Schriftstellern, die sich nicht mehr gegen diese Inbesitznahme wehren können, trifft auch auf Berthold Brecht zu.Früher verschmäht, wird er jetzt zum Großen Sohn der Stadt Augsburg umgedichtet.Inzwischen ist es sogar Mode geworden, Brecht als eigentlichen Konservativen umzulügen, den Kommunisten läßt man da einfach unter den Tisch fallen.

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Brecht, ja, eine ähnliche Tendenz. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass ein Typ wie Hüther Brechtfan ist. Es ist aber auch erklärlich aus der neoliberalen Barbarei. Wo sollten da kulturelle Werte herkommen? Für die FDP machen auch nur Sky du Mont und Bernhard Brink Werbung. Da ist man förmlich gezwungen, sich anderswo umzusehen.

    Gefällt mir

  3. KL schreibt:

    Kleine Anmerkung: Autor der „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ ist nicht Heinrich-August Winkler, sondern Hans-Ulrich Wehler.
    Der hat sich zwar manchmal auch nicht mit Ruhm bekleckert (so bei der Ablehnung von Canforas Schrift über die Demokratie), aber wenigstens zur Agenda 2010 eine vernünftige Meinung („Die neue Umverteilung: Soziale Ungleichheit in Deutschland“, C. H. Beck).

    Grüße,
    KL

    Gefällt mir

  4. genova68 schreibt:

    Oh, danke für den Hinweis, die beiden habe ich schon einmal verwechselt.

    Gefällt mir

  5. Pingback: Als ich beinahe einmal Wagner inszenierte… | Kritik und Kunst

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s