Über das „Lebensgefühl“ der neuen Piratenchefin

Die FAZ über die jüngste Sendung von Maibritt Illner – Thema war „die Rente“ – und insbesondere über die neue Piraten-Vorsitzende:

Die 27 Jahre alte politische Geschäftsführerin der Piratenpartei, Katharina Nocun, formulierte das als das Lebensgefühl ihrer Generation. Diese erwarte nichts mehr von der Rentenversicherung. Sie nannte die Rentendebatte „angstbesetzt“. Man werde sicherlich nicht mit 67 in Rente gehen können – oder gar auskömmlich davon leben können. Der heutige Arbeitsmarkt sei auch nicht mehr der von früher…

Das Zitat zeigt zweierlei. Erstens, dass die Piratenpartei überflüssig ist. Für solche Sprüche braucht man keine neue Partei, da wird man bei den alten Ähnliches finden. Es gibt bei den Piraten keinen intelligenten, bewussten, fruchtbaren, vielleicht gar umsetzbaren Ansatz für „die Rente“, sondern Mainstreamgeplapper.

Zweitens, viel interessanter: Es zeigt sich auch hier der Siegeszug neoliberalen Denkens. Nach 20 Jahren erfolgreicher rechter Lobbyarbeit kommen sich Menschen wie Nocun vermutlich recht aufgeklärt vor, wenn sie behaupten, sie erwarteten von der gesetzlichen Rente nichts mehr. Genau das war die Intention: Die gesetzliche Rente sturmreif schreiben, ein funktionierendes, erfolgreiches Rentensystem über Jahre und Jahrzehnte hinweg publizistisch zerstören, und gleichzeitig die private Altersvorsorge hypen. Und schon wächst eine Generation nach, die von der Rente nichts mehr erwartet.

Praktisch für den Staat, wenn er die Zahlungen weiter kürzen und irgendwann einstellen kann; wenn nämlich die, für die diese Zahlungen gedacht waren, eh nichts mehr erwarten. Und genau diese Nocun erklärt uns dann noch, dass der Arbeitsmarkt anders sei als früher – und man vermutlich genau deshalb nichts mehr erwarten dürfe.

Man muss sich das einmal vorstellen: Da rutschte von der Leyen vergangenes Jahre die Bemerkung heraus, dass ein Drittel der heutigen mittlereren Generation eine Rente erhalten wird, die sie unter die Armutsgrenze drückt, und die unbekümmerte Frau Nocun plappert, statt emanzipatorisch zu denken.

Am lustigsten: Nichts mehr von der staatlichen Rente zu erwarten, ist laut Nocun das „Lebensgefühl“ ihrer Generation. Mit 67 in Rente gehen ist dann sicherlich Betonkopfdenken von Besitzstandswahrern.

Nocun zahlt vermutlich monatlich einen ordentlichen Betrag bei AWD ein. Erwartet sie von AWD viel? Wie sieht es aus mit der Korrelation von dynamischer, privater Rente und „Lebensgefühl“?

Es erinnert an die Tea Party, an die US-Republikaner, an die 15-Prozent-FDP: Je nötiger ein Umdenken, desto verbissener wird den Verursachern von Krisen der Rücken gestärkt.

Und so ein Plappermäulchen wird Bundesvorsitzende  einer Partei.

[Ich habe von dieser Frau vorher nichts gehört. Kann sein, dass sie auch schon Bewussteres geäußert hat, wer weiß.]

213(Foto: genova 2012)

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53 Antworten zu Über das „Lebensgefühl“ der neuen Piratenchefin

  1. Bersarin schreibt:

    Von Typinnen wie Katharina Nocun ist nichts zu erwarten als Luftblasen und das Nachplaudern dessen, was ihr seit Jahren in den Kopf geblasen wurde. Es erinnert mich an die dämlichen Kommentare von Typen aus der Medien-, Werbe- und New Economy-Welt zum Ende der 90er Jahre: „Ach, einen Betriebsrat: Sowas brauchen wir doch nicht in unserem tollen Unternehmen mit der Orangensaftmaschine und dem Kicker und dem lustig-infantilen Tretroller im langen Korridor. Betriebsrat ist doch old school!“ Drei Jahre später lief der Laden dann anders und die Chose sah nicht mehr ganz so rosig aus wie vormals. Und da wurden die Gesichter plötzlich länger.

    Mal sehen, wann das von Nocun sich in die Länge zieht.

    Schlimm an dieser Sache ist, daß sich Nocum wahrscheinlich noch für einen kritischen aufgeklärten Geist hält und nicht einmal mehr merkt, auf welche Ideologie sie da eigentlich hereinfällt.

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  2. Motherhead schreibt:

    Alles richtig, nur: Kann man dieser Generation daraus einen Vorwurf machen? Unsere Generation hat halt das Glück gehabt, noch den Geist der sozialen Marktwirtschaft mitzubekommen. Und in einer Mediengesellschaft großzuwerden, die noch nicht vom neoliberalen Zeitgeist infiltriert war.

    Selbst die Sueddeutsche stellt allen Ernstes in ihrer heutigen Wochenendbeilage in einen doppelseitigen Spezial zum 150. Geburtstag der SPD die Frage, ob die Partei heute noch eine Berechtigung habe.

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  3. Bersarin schreibt:

    Nein, nicht jeder und jedem aus dieser Generation kann man diesen Vorwurf machen. Aber wer es bis an die Spitze einer Partei geschafft hat, wird eine hinreichende Ausbildung genossen haben, um sich auch in für sie an sich fremde Zusammenhänge hineinzudenken. Zumal die Piraten mit dem Gestus des Kritischen auftreten.

    Die Frage nach der Berechtigung der SPD ist seit bald 100 Jahren berechtigt: Spätestens seit August 1914. [Für die Nocun-Generation: da brach der Erste Weltkrieg aus, die SPD stimmte der Gewährung von Kriegsanleihen zu.]

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  4. hANNES wURST schreibt:

    Ich verstehe die Vorwürfe an Nocum in der Sache nicht. Arbeitnehmer mit niedrigem Einkommen müssen heute einen Rentenbeitrag abdrücken, der ihnen im Alter de facto nichts bringt, da die spätere Rente unter der Armutsgrenze liegt. Unter anderem plädieren die Piraten deswegen als einzige Partei für ein echtes http://de.wikipedia.org/wiki/Bedingungsloses_Grundeinkommen In diesem zeitgemäßen System würde der Arbeitnehmer nur Rentenbeiträge für Einkünfte zahlen, die nicht aus dem Grundeinkommen stammen. Somit würde jeder Cent Rente auch tatsächlich höhere Altersbezüge ergeben, womit das System auch für niedrige Einkommen wieder gerecht wäre.

    Die reflektorische Anfeindung einer Kritik am Rentensystem ist ein Anzeichen beginnender Denkfaulheit von Angehörigen „unserer Generation“, die mit der Rentenanstalt diffus ein solidarisches System identifizieren. Ganz besonders gerne kritisieren alte Knacker wie wir auch die jungen Dinger, die – höhö – ohne die nötige Erfahrung von mindestens 40 Jahren Durchhängerei in die Öffentlichkeit dringen.

    Meine Stimme für die Piraten!

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  5. eb schreibt:

    Ganz besonders gerne kritisieren alte Knacker wie wir auch die jungen Dinger, die – höhö – ohne die nötige Erfahrung von mindestens 40 Jahren Durchhängerei in die Öffentlichkeit dringen.

    Das ist das Schlimme. Wo er recht hat, hadder recht. Das war einfach unsere Scheiße. Und „the next Generation“, ist bereits damit aufgewachsen. Und die Alten schauen zu, und freuen sich. Das ist das Praktische für sie.

    Trotzdem, meine Stimme nicht für die Piraten. Es gibt tausend Möglichkeiten, Blödsinn seine Stimme zu geben, – und Kinder trotzdem zu respektieren.

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  6. Die piraten wollen, wie hANNES wURST richtig anmerkte, ein bedingungsloses grundeinkommen.

    Bedeutet, daß es nach dem willen der piraten keine sozialversicherung mehr geben soll. Es soll nach kapitalistischen bedingungen weitergewirtschaftet werden und am ende soll ein »armutskrümel« an alle verteilt werden.

    Das ist ein widerspruch in sich: Es ist blödsinn, die leute erst um einen gewinn auszuquetschen, um ihnen dann so ein großartiges »geschenk« wie das grundeinkommen zu machen.

    Ich kenne frau Nocun nicht. Ich traue ihr aber unbesehen und unabhängig vom alter zu, daß sie ebenso kompetent ist, wie z.b. die von der LeyIn.

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  7. Bersarin schreibt:

    Nein, keine einzige Stimme für die Piraten. Es geht im Hinblick auf das Rentensystem auch nicht darum, die soziale Marktwirtschaft abzufeiern – die funktionierte nämlich nur, als es einen Ostblock gab. Als der wegfiel, war plötzlich, aber aus guten Grunde auch das zu verteilende Geld, das die Menschen ein wenig ruhigstellte, weg.

    Ja, es sind andere Modelle denkbar, wie mit Geld umgegangen wird: Das bedingungslose Grundeinkommen klammert sich wie Mechthild Mühlstein ganz zu recht anmerkt, an ein kapitalistisch organisiertes System. Oder es ist eine Bezahlung denkbar, die nach Jobqualität das Geld verteilt: Professoren, Lehrer, Manager erhalten wenig, weil bereit ihre Tätigkeit Erfüllung ist, Verkäufer und Verkäuferinnen oder Putzkräfte erhalten sehr viel, weil das eine Scheißarbeit ist. Oder überhaupt ließe sich Arbeit und das damit erwirtschaftetet Geld und das Kapital anders verteilen.

    Daß ein Hochschullehrer oder ein Künstler auch mit 70 noch arbeiten können, leuchtet auch mir ein, weil hier Arbeit und Lust nicht oder wenig getrennt sind. Beim normalen Angestellten/Arbeiter ist das nicht der Fall.

    Was die Piraten betrifft: „Es soll nach kapitalistischen bedingungen weitergewirtschaftet werden …“ Genau so ist es.

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  8. hANNES wURST schreibt:

    Herr Bersarin, lyrisch ausgedrückt… aber was? Was ausgedrückt? Ein kommunistisches Plädoyer? Was würden Sie denn zum Beispiel wählen, wenn Sie noch wählen gingen? Ich tendiere zur Piratenpartei (zweite Wahl wäre bei mir derzeit die Linke), weil ich darin noch am ehesten eine sozialliberale Strömung erkenne. Ich bin Liberaler. Außer in Steuerfragen, da bin ich Stalinist, Hoeneß an die Wand. Die Bezahlung nach Jobqualität finde ich auch gut, deswegen treu die APPD gewählt, aber die ist leider nicht an die Macht gekommen.

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  9. hANNES wURST schreibt:

    Frau Mühlstein, wieso meinen Sie, dass die Piraten die Sozialversicherung abschaffen wollen? Der garantierte Einkommensanteil muss natürlich nicht mehr versichert werden. Die Piraten wollen jedoch ALLE Einkommensarten UNBEGRENZT in das Sozialversicherungsvolumen einfließen lasse, also auch Kapitalerträge, Einkommen von Selbstständigen usw. – das gilt zumindest für die Renten- und die Krankenversicherung.

    Was die Versicherung von Arbeitslosigkeit und Unfällen betrifft weiß ich nicht genau, was die Piraten umsetzen wollen. Ich meine, beides nach der Einführung des Grundeinkommens in Privatversicherungen umgewandelt werden.

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  10. Motherhead schreibt:

    Was soll man von Mechthild halten, die er selbst in Namen das weibliche Form verwendet?
    Offensichtlich total irrin, der Frau.

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  11. Jakobiner schreibt:

    Alles, was man zu diesem Thema sagen kann, hat der Bundeskanzlerkanidat der APPD schon logisch stringent hergeleitet:

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  12. Bersarin schreibt:

    hANNES wURST, ich bin Mitglied in DIE PARTEI. Diese wähle ich auch. Ich huldige zudem unserem großen Vorsitzenden Sonneborn.

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  13. genova68 schreibt:

    eb,
    was heißt unsere Scheiße? Klar, die Nocun ist anders sozialisiert als Leute in den 40ern oder 50ern, aber was ist schon eine Generation. Es wird ja auch gerne von der 68er Generation geredet, aber das ist immer nur ein Ausschnitt. Ich würde von Nocun trotzdem mehr erwarten, es sind ja nicht alle Mitglieder der jungen Generation unwissend.

    Wir erleben seit etwas 20 Jahren ein Kaputtreden des Generationenvertrags, was m.E. einzig und allein mit Kapitalinteressen zusammenhängt. Ziel ist, die Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung nach und nach umzuleiten auf den privaten Kapitalmarkt und dann Rendite herauszuziehen. Denn so oder so: Es muss immer die gerade arbeitende Generation die mitversorgen, die nicht mehr arbeiten. Die Frage ist nur, an welchem Verfahren wer verdient. Am gesetzlichen System verdient niemand. Das gesetzliche System an die Wand zu fahren bzw. das auch noch gutzuheißen, bedeutet, das neoliberale Programm mitzumachen.

    Wenn die Nocun bei Illner noch mehr gesagt hat (alle Einkommensarten in die Sozialversicherungen einzubeziehen, beispielsweise), dann sieht die Beurteilung von Nocun vielleicht anders aus. Wie gesagt, ich weiß von der Frau fast nichts.

    Das gesetzliche Rentensystem funktioniert prinzipiell auch im Kapitalismus, zumindest im gezähmten. Ein Hinweis, dass eine Entzähmung stattfindet, zeigt sich im Kaputtreden der Rente.

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  14. hANNES wURST schreibt:

    @Bersarin: vielleicht die einzige vernünftige Alternative zu den Piraten.

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  15. genova68 schreibt:

    Ganz gut passt der Spiegelfechter zum Thema:

    …predigte sie [Merkel] die Verantwortung künftiger Generationen, die Rente mit 67 und schwadronierte um nachhaltigen Wohlstand im Land. Dass der auf Grund einer desaströsen Einkommensentwicklung und der massiven Zunahme von prekären Arbeitsverhältnissen bei weiten Teilen der Bevölkerung gar nicht mehr gegeben ist, lässt Merkel unerwähnt. Ebenso wie die Tatsache, dass die vermeintlichen Entwicklungen des demografischen Wandels in den letzten Jahren vorrangig der Versicherungswirtschaft und den Arbeitgebern zugute kommen. Letztere verabschieden sich nach und nach aus der paritätischen Finanzierung der Sozialversicherung und überlassen das immer mehr den Arbeitnehmern. Durch Riester-Rente und private Lebens- und Rentenversicherungen profitieren Versicherungen schon seit Jahren vom dunklen Bild des demografischen Wandels.

    http://www.spiegelfechter.com/wordpress/10001/der-demografie-traktor-immer-in-bewegung#more-10001

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  16. Jakobiner schreibt:

    „Denn so oder so: Es muss immer die gerade arbeitende Generation die mitversorgen, die nicht mehr arbeiten.“

    Nur: Die arbeitende Generation schrumpft und wird nach Industrie 4.0, die ab 2020 zwischen 5-15 Millionen Arbeitsplätze wegrationalisieren wird, Probleme finden, Arbeit zu finden, während die ältere Generation rapide zunimmt.
    Es könnte mittel- bis langfristig zwischen arbeitenden Jungen und reichen Alten zu einem Bündnis kommen über Masseneuthansie für arme Alte nachzudenken–sozial verträgliches Ableben wie dies Frank Scirrmacher schon prophezeit und der damalige Ärztepräsident dies offen gefordert ahtte.

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  17. hANNES wURST schreibt:

    Meine politisch und emotional aufrüttelnden Argumente wurden hier weitgehend übergangen. Das ist schade, geht aber in Ordnung, solange sich alle Beteiligten nach einiger Grübelei doch dazu bewegen, aus Vernunftsgründen die Piraten zu wählen.

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  18. @hANNES wURST
    Zufällig habe ich das programm der Piratenpartei gelesen. Die »sozialen wohltaten« darin sind recht dünn gesät. Die wollen halt »sichere existenz und gesellschaftliche teilhabe«. Das klingt toll. Dahinter steckt allerdings leider ziemlich wenig. Ich bin durchaus der auffassung, daß es eine tolle sache wäre, freien jounalismus, kunst, kultur und freie software, etc pp zu fördern.

    Im selben programm steht, daß sie armut nicht reichtum bekämpfen wöllten. Wer so etwas auf der agenda zu stehen hat, ist mutmaßlich nicht in der lage den kausalen zusammenhang zwischen armut und reichtum zu erkennen. Und da wundert es mich nicht, daß die das grundeinkommen nach Werner oder Straubhaar diskutieren. Das sind die einzigen modelle des BGE, die konsequent mit dem kapitalismus zusammenpassen.

    Es bedeutet nicht die großtat, die leute, die keine erwerbsarbeit finden, in ruhe ihren privatangelegenheiten nachgehen zu lassen, das läuft eher auf den totalen arbeitszwang raus: Die leute bekommen so »viel«, daß sie ein basiskrankenversicherung, die sie bezahlen müssen und ihre miete zahlen können. Jedes bedürfnis, was darüber hinausgeht, muß in konkurrenz zu anderen armen schluckern verdient werden.

    Da kannste den schönen slogan der APPD »arbeit ist scheiße« richtig laut brüllen, auf irgendeine scheißarbeit biste dann angewiesen. Das dürfte ein grund sein, weshalb ich nicht liberal bin, weil ich nämlich keinesfalls der auffassung bin, daß das in irgendeiner form »frei« machen würde.

    Was mich erstaunt, ist, daß so wenige menschen es schaffen, über eine gesellschaft, in der knechten gegen lohn normal ist, hinaus zu denken. Warum soll man für einen gewinn in geld arbeiten? Für wen? Eigentlich würde es doch reichen, wenn am schluß der arbeit nützliche dinge rauskommen, die verteilt werden können. Warum versicherungen, ob privat oder staatlich, wenn es doch eine selbstverständlichkeit sein könnte, daß jeder, der hilfe braucht, hilfe bekommt – und dafür braucht es keine gewinnkalkulation, sondern bloß leute, die es machen.

    Keine stimme für die Piraten!

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  19. Motherhead,
    Sofern Du glauben solltest, mich mit derartigem dünnsinn treffen zu können, irrst Du. Ein wenig einfallsreicher solltest Du Deine beleidigungen schon gestalten, sonst vertust Du Deine wertvolle lebenszeit. Auf mich wirkt das tumb.

    Solange Du keine sachdienlichen dinge zum thema schreibst, ist das für mich uninteressant.

    Aber wenn es Dir freude bereitet, auf geschlechterrollen rumzuhacken, bittesehr.

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  20. hANNES wURST schreibt:

    @Mechthild Mühlstein: Wo (im sozialen Spektrum) steht die Piratenpartei Ihrer Meinung nach? Ich meine (ich gehe auch vom Programm aus) dass die Piraten sozialer ticken als Grüne + SPD, allerdings weniger sozial als die Linkspartei. Es kommt natürlich darauf an, wie man zum Beispiel das bedingungslose Grundeinkommen bewertet, welches ich für überaus sozial halte (wenn es tatsächlich zum Leben reicht, also ungefähr den Gegenwert des aktuellen ALG II ergibt). Man kann sich fragen, ob das sozial genug ist. Was in Ihrem Kommentar als Ideal durchscheint, kommt mir diffus und schwer in ein Wahlprogramm verpackbar vor.

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  21. Chris(o) schreibt:

    @Bersarin
    „Zumal die Piraten mit dem Gestus des Kritischen auftreten.“
    Ja, stimmt. Sie kritisieren die Verhältnisse, haben aber nicht wirklich Alternativen, die ernst zu nehmen wären anzubieten.
    Auch Bersarin hat keine Alternativen, außer dem Mummenschanz (Die Partei).Von dieser Warte aus verbietet sich eigentlich jede Kritik, selbst an den Piraten.

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  22. Bersarin schreibt:

    Für Chris bleibt wahrscheinlich als einzige Alternative die SPD. Oder die Linkspartei. Die Parteiendemokratie ist mittlerweile keine Demokratie mehr, sondern dient dazu, Interessen durchzusetzen.

    Das einzige, was bleibt, ist Sand ins Getriebe zu streuen und Menschen über das, was geschieht aufzuklären. Hintergründe zu nennen. Dieses Konzept nennt sich Aufklärung. Mehr nicht. Es hatte gute Gründe, daß Jutta Ditfurth und Thomas Ebermann bei den Grünen nach einiger Zeit wieder ausstiegen.

    Solche Haltungen, wie Chris und andere, legen die an den Tag, welche nicht mehr bereit oder eher: nicht mehr dazu fähig sind, über Möglichkeiten nachzudenken, die über Sozialdemokratismus und bloßen Reformismus hinausragen.

    Auf dem Blog shifting reality (http://shiftingreality.wordpress.com/) gibt es eine kleine Serie zu Utopie und Kommunismus. Aber das wird für solche wie Chris zu hoch sein. Du denkst wahrscheinlich lieber über bedingungsloses Grundeinkommen und andere nette Reförmchen nach, die am Ende alles Wirtschaften fein und sauber so belassen wie es ist.

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  23. eb schreibt:

    @genova68 19.05 19:28
    Du denkst zu ökonomisch. Das war unsere Scheiße. (Unter anderem) Und Nocun hat das, was dabei enstanden ist übernommen. Das ist „eine Generation“. Und damit sinkt das Niveau, von Generation, – zu Generation.

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  24. eb schreibt:

    Was ich damit sagen will, – ist ganz einfach. Das was du mit „Nocun“ ist anders“ sozialisiert umschreibst, – bedeutet, – sie ist zeitgemäß sozialisiert. Und was bedeutet das?

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  25. hANNES wURST schreibt:

    Wir wollen doch alle das Gleiche: Bierchen am Abend und nicht zum Amt laufen müssen. Wenn wir jedoch wie die syrischen Rebellen planlos herumrennen ohne zu realisieren wer Freund oder Feind ist, dann marschieren die Amerikaner wieder ein, werfen uns mit entblößtem Hintern auf eine Menschenpyramide und machen Facebookfotos. Deswegen mahne ich endlich zur Vernunft: Erst- und Zweitstimme für die Piraten!

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  26. eb schreibt:

    @haNNES wURST
    Naja, das kannst du nicht ernsthaft als Vernunft bezeichnen wollen, – oder etwa doch? Ich meine, die Piraten sind in ihrer Naivität die ultimative Willkommensbeute des Eingemachten. Moderierbares Leerfleisch. Die Newcomer-Möchtegern-Revolutionäre fürs Mac-Book und App-Kultur. Denen ist überhaupt nicht bewusst, was für politische Hampelmänner die spielen.

    Der Unterschied zwischen liberal und sozial, sieht übrigens ungefähr folgendermaßen aus:
    Liberal: Wir wollen doch alle das Gleiche: Bierchen am Abend und nicht zum Amt laufen müssen.
    Sozial: Wir wollen doch „für“ alle das Gleiche: Bierchen am Abend und nicht zum Amt laufen müssen.

    Das aber nur für die Ökonomen. Denn es gehört noch ein gutes Stück mehr dazu. Zum sozialen Denken, gehört auch dazu sich zu überlegen, – ob das, was wir uns so liberal alles wünschen, – desozialisierend auf „the next Generation“ wirken könnte? Da hat man wohl etwas vergessen, – dabei. Und ich sehe mit Betrübnis, dass die alten Knochen auch nix dazu gelernt haben.

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  27. hANNES wURST schreibt:

    @eb: Auch Fundamentalisten wie Sie können nutzbringend in die revolutionären Kampftruppen eingegliedert werden. Aber erklären Sie mir doch erst einmal, wieso sie irgendwelche elitären Zuckungen bei den Piraten vermuten? Auch ich will Bierchen „für“ alle, und das deckt sich doch mit jedem mir bekannten Modell des bedingungslosen Grundeinkommens?! (Solange Bier in Deutschland anerkanntes Grundnahrungsmittel bleibt, bei der Besteuerung von Bier – und nur da – wäre außerdem eine Steuersenkung wünschenswert.)

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  28. Chris(o) schreibt:

    @Bersarin, ich kann nicht glauben, dass Du ernsthaft davon ausgehen solltest, dass „Die Partei“ jener Sand im Getriebe der Parteienlandschaft sein könnte, der eingefahrene Strukturen zu zerrubbeln vermag.
    Dass Parteien auch Interessensvertretungen sind, also „Ihre“ Klientel im Blick haben, ist immer schon Sinn und Zweck von Parteien gewesen.Ansonsten genügte ja eine einzige, wie im pseudoparadisischen Alptraum vergangener Zeiten.

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  29. eb schreibt:

    @hANNESwURST
    Meine Güte. Wieso „siezen“ mich immer alle :-)
    Nee, – aber Ok. Die elitären Zuckungen, sind einfach das Lebensgefühl des Zeitgeistes. Darauf, wollte ich hinaus. Du kennst noch nicht allzu viele Piraten, – oder? Ich meine nicht die, die mal damit angefangen haben. Sonder die, die sich heute so nennen. Dann geh mal auf zeitgemäße Seefahrt. Mein eigener Sohn, (17, the third Generation), hat den Kutter schon neu gestrichen.

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  30. genova68 schreibt:

    Jakobiner,
    “ Die arbeitende Generation schrumpft und wird nach Industrie 4.0, die ab 2020 zwischen 5-15 Millionen Arbeitsplätze wegrationalisieren wird, Probleme finden, Arbeit zu finden, während die ältere Generation rapide zunimmt.“

    Das alte Lied. Produktivitätsfortschritte geben Anlass für Arbeitszeitverkürzung, die nicht kommt. Es ist genug für alle da, alles eine Frage der Verteilung und der Anreize.

    eb,
    Nocun ist zeitgemäß sozialisiert, gut möglich. Aber es gibt auch immer andere, insofern hätte man ja vermuten können, an die Spitze einer Partei, die nicht zum ökonomischen Mainstream gehört, sondern neue Konzepte präsentieren will, schafft es jemand mit mehr Bewusstsein. Dieses reine „in-Generationen-denken“ führt zu nichts konstruktivem. Aus der sogenannten 68er-Generation kamen auch die vielen CDU-Politiker, die uns ab 1982 16 Jahre lang beglückten. 68 sozialisiert worden zu sein, heißt nicht, 68er zu sein.

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  31. eb schreibt:

    @genova
    „Reines“ in-Generationen-denken alleine, führt ganz bestimmt nicht zu Konstruktivem. Genauso wenig, wie es überhaupt nicht zu berücksichtigen. (Diese Polarisierung, verstehe ich jetzt nicht) Im Moment sehe ich aber in letzterem ein ziemlich großes Manko. Bei den jüngeren verhindert es zu vergleichen, ob das was sie machen evtl. eine Unterstützung der vorherigen Verschlechterung war, und bei denen die das Vorherige verzapft haben, führt es dazu die Geschichte entweder zu ihrem Gunsten auszunutzen, oder verständnislos darüber her zu fallen. Konstruktion und Boden auf dem man konstruiert, ist eines der Tiefen, die wir im ökonomischen und systemischen Denken ganz schön verloren haben.

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  32. @hANNES wURST
    Die piratenpartei reiht sich problemlos in die einheitsfront aus parteien ein, die sich nichts schöneres vorstellen können, als den kapitalismus zu retten. Ich ordne die piratenpartei als fünften flügel der Neoliberalen Einheitspartei Deutschlands (CD/SUFDPSPDGrün) ein.

    Frau Nocun macht sich in ihrem blog allen ernstes sorgen darüber, daß bei der preispolitik der Telekom der zugang zum internet »eine frage des geldbeutels« werden könnte. Die gute frau hat politik und wirtschaft studiert und hat noch nicht mitbekommen, daß in unserem wirtschaftssystem alles eine frage des geldbeutels ist: ob man zugang zu wohnraum, essen, ärztlicher behandlung, bildung oder meinetwegen auch zu computern und internet hat oder nicht, ist generell eine frage des geldes. An anderer stelle kommt sie dann auf die etwas hilflos wirkende frage, weshalb es bail-out für banken gäbe aber nicht für die studienkredite ihrer freundinnen. Auf so eine frage kann man nur kommen, wenn man den unterschied zwischen geld und kapital nicht kennt. Manch einer kommt aus der uni offensichtlich auch nicht schlauer raus als er reingegangen ist.

    Das mit dem BGE ist eine äußerst bescheidene forderung, wenn man sich anschaut, welcher reichtum hier jeden tag geschaffen wird. Wer ein BGE fordert, gesteht ein, daß das bestehende wirtschaftssystem für millionen von menschen nicht einmal das lebensnotwendige abwirft. Das BGE ändert nichts daran, daß die leute, die kein eigentum haben, für den profit der eigentümer arbeiten müssen. Es ändert nichts daran, daß man durch das geld, von allem was man zum leben benötigt, ausgeschlossen ist. Sofern das BGE eingeführt werden sollte, wird es genau wie die hartz-reformen wieder vor allem eines bewirken: Eine verbilligung des volkes. Der preis für die ware arbeitskraft wird weiter gesenkt, genau wie für die (zeitweise) nicht benötigte reservearmee. Eines wird das BGE garantiert nicht bewirken, daß sich die lebens- und arbeitsbedingungen der leute verbessern.

    Vor jahren war ich übrigens auch für das grundeinkommen, weil ich es für sozial hielt, habe mir über jahre hinweg argumente dafür und dagegen angeschaut, bin zu dem schluß gekommen, daß das alles andere als eine soziale wohltat ist.

    Ein paar kleinigkeiten habe ich dazu auch geschrieben (auswahl):

    http://1-euro-blog.blogspot.de/2012/12/sozialpolitik-bizarr-h4empfanger-aus.html

    http://1-euro-blog.blogspot.de/2013/01/juhu-funf-grunde-fur-ein-grundeinkommen.html

    http://1-euro-blog.blogspot.de/2012/09/bedingungslos-blod.html

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  33. genova68 schreibt:

    Das BGE ändert an vielem nichts, aber das ist nicht unbedingt ein Grund, dagegen zu sein. Man sollte immer von dem ausgehen, was man vorfindet, und das ist derzeit eine Gesellschaft mit einem unerhöhrten Niveau, was die Produktionskräfte und Mittel angeht. Warum nicht gerechter verteilen?

    Waschechte Marxisten sind gegen das BGE, weil es die Verhältnisse stützt oder weil dann das vulgärmarxistische Mantra von der Arbeit als dem zentralen Lebenssinn flöten geht. Marx selbst hätte vielleicht gar nichts gegen ein BGE gehabt, so wie er auch soziale Reformen in England begrüßte.

    Deine Aussagen, Mechthild, dass das BGE eine Verarmung wie Hartz IV bewirken würde, kann man nicht treffen, ohne von der Höhe des BGE zu sprechen. Davon hinge die Akzeptanz ab. Von vielem anderem auch.

    Der Riss zwischen Befürwortern und Gegnern des BGE geht mitten durch die Linkspartei, das ist ja bezeichnend.

    Man sollte es jedenfalls nicht so komplett verteufeln.

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  34. hANNES wURST schreibt:

    @Mechthild Mühlstein: Ihre grundsätzliche Abneigung gegen den Kapitalismus in Ehren, aber Ihre Argumente gegen das BGE und Ihre Anwürfe gegen die Piraten untermauern Sie nicht. Man muss in Ihrem Blog wühlen, um überhaupt etwas Konkretes zu finden. An einer Stelle machen Sie eine Beispielrechnung auf, gehen wieder davon aus dass die Sozialversicherung weg fällt – obwohl das nichts mit dem BGE oder dem Programm der Piraten zu tun hat – und meinen außerdem, dass der Arbeitgeber das BGE sozusagen vom Lohn abzieht und so dick spart. Wieso sollte Arbeit durch das BGE billiger werden? Natürlich könnte man konstruieren, dass der Arbeitgeber durch das BGE in einer besseren Verhandlungsposition ist, denn er kann sagen „Jupp mach mal für die Hälfte, hast doch schon das BGE.“ Aber der Arbeitnehmer kann ebenso antworten „Chef sei froh, dass überhaupt noch einer arbeitet, wer hat das schon noch nötig dank BGE“. Ich vermute, an der Höhe der Arbeitseinkommen wird das BGE wenig ändern. Das BGE dient in erster Linie dazu, Menschen, die nicht arbeiten können oder wollen aus der derzeit damit verbundenen Bürokratie zu befreien und einen Teil ihrer Würde wieder herzustellen. Wieso muss ich, um das Lebensnotwendige zu bekommen, im Amt vorsprechen, mich hinzitieren lassen, meinen kompletten Lebenswandel offenbaren?

    Ihre Kritik an Frau Nocums Aussage zur Telekom… ist eine solche totale Belanglosigkeit, die nicht einmal als Anscheinsbeweis einer irgendwie gearteten politischen Einstellung dienen kann überhaupt diskussionswürdig?

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  35. @genova

    Weniger vulgäre marxisten sehen arbeit allerdings hauptsächlich als mühsal an und niemand, der halbwegs bei trost ist, möchte, daß die menschen möglichst viel mühsal haben sollen. Das ist ein notwendiges übel, aber nichts, was man im übermaß haben will. Davon möglichst wenig.

    Um zu sagen, daß das BGE zur weiteren verarmung beitragen wird, muß man nicht über die höhe diskutieren, sondern sich eher ein paar gedanken dazu machen, warum das bedürfnis nach dem BGE überhaupt in der welt ist.

    Das gibt es, weil immer weiter rationalisiert wird, es mit immer weniger arbeitskräften mehr produktivität gibt. Bekanntermaßen passiert das, um kosten zu senken. Das steht unweigerlich im widerspruch zu einem guten leben für alle. Selbst wenn die Katja Kipping die nächste bundeskanzlerin werden würde, die würde sich mit ihrem relativ menschenfreundlichen armutsbetreuungsprogramm nicht durchsetzen gegen wirtschaftsinteressen, beispielsweise von lobbyisten wie G. Werner oder T. Straubhaar. Anfangs vielleicht mit zugeständnissen – am anfang der hartz-reformen standen auch einige verbesserungen. Von denen am schluß nichts mehr geblieben ist.

    @hANNES wURST

    Meine beispielrechnung soll nichts mit dem BGE zu tun haben? Kannst gern recherchieren, worauf ich mich beziehe, steht im text drin: BGE nach Götz Werner – bei ihm soll das BGE die einzige sozialleistung sein, finanziert durch mehrwertsteuer.

    Die Piraten verraten in ihrem programm nicht, was sie wollen. Allerdings habe ich gehört, daß die genau dieses modell bevorzugen. Das ist im grunde aber auch nicht wichtig, weil für die das gleiche gilt, was ich oben über K. Kipping geschrieben habe.

    Kleine gegenfrage: Weshalb muß ein großteil der leute, um an lebensnotwendiges zu kommen tagtäglich zur arbeit latschen und gewinne erarbeiten, die ihnen dann vorenthalten werden? Die antwort darauf kann ich gleich selbst geben: Aus dem gleichen grund, weshalb Du aufs amt mußt: Weil das hier ein erpressersystem ist.

    Es ist keine belanglosigkeit, sondern etwas äußerst grundsätzliches, daß man in diesem system lebensmöglichkeiten nach geldbeutel zugeteilt bekommt – und deshalb ist es nicht unbedingt banal, daß es K. Nocun nun ausgerechnet beim zugang zum internet auffällt, daß man über das geld von der befriedigung der bedürfnisse, die man hat, ausgeschlossen wird.

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  36. genova68 schreibt:

    Mechthild,
    ich finde, du widersprichst dir. Einerseits willst du möglichst wenig (Lohn)Arbeit, andererseits kritisierst du Rationalisierung, die die Arbeitsmenge verringert.

    „warum das bedürfnis nach dem BGE überhaupt in der welt ist.

    Das gibt es, weil immer weiter rationalisiert wird, es mit immer weniger arbeitskräften mehr produktivität gibt. Bekanntermaßen passiert das, um kosten zu senken. Das steht unweigerlich im widerspruch zu einem guten leben für alle.“

    Ja, es wird immer weiter rationalisiert. Es sollen Kosten gesenkt werden. Das zu kritisieren, halte ich für ähnlich sinnvoll, wie das Wetter zu kritisieren. Der Mensch ist vernunftbegabt und besitzt Intelligenz, deshalb war er beispielsweise in der Lage, das Rad zu erfinden. Eine unglaublich nachhaltige Rationalisierungsmaßnahme. Und so geht das weiter, bis auf den heutigen Tag. Das ist doch völlig in Ordnung, der Mensch erfindet Techniken, um sich Arbeit zu sparen und das Leben angenehmer zu machen. „Kosten sparen“ ist eine intelligente Handlung.

    Das alles hat Marx, so weit ich weiß, nicht kritisiert. Er war ja geradezu ein Bewunderer der Leistungsfähigkeit des Kapitalismus und er ging nicht ohne Grund davon aus, dass eine sozialistische Gesellschaft nur entstehen kann, wenn eine kapitalistische vorher ordentlich vorgelegt hat.

    Das Problem ist nun, dass der Kapitalismus naturgemäß nichts anderes kennt als die Steigerung des Mehrwerts. Das ist barbarisch und deshalb leben wir im Prinzip in einer barbarischen Gesellschaft, in der jedes kapitalistische Movens auf exakt diese Mehrwerterzeugung abzielt und auf sonst nichts. Deshalb braucht es die Überwindung der Barbarbei. Aber eben nicht, indem man die kapitalistischen Errungenschaften über Bord wirft.

    Nicht die Rationalisierung ist das Problem, die ist zu wünschen. Sondern die Unfähigkeit, damit menschlich umzugehen, also via Arbeitszeitverkürzung, bessere Arbeitsbedingungen, mehr Muße, mehr Nachdenken über das, was man wirklich will etc. Wenn ein Roboter Autos bauen kann, muss ich das nicht mehr machen, sondern kann sie fahren. Ist doch keine schlechte Perspektive, oder?

    Und so gesehen ist das BGE EINE Möglichkeit, den Zumutungen des Kapitalismus zu begegnen. Der Kapitalismus produziert immer mehr Überflüssige. Eine Art, damit umzugehen, ist ein preisfreies Leben.

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  37. Chris(o) schreibt:

    So weit ich weiß, hat Götz Werner sehr deutlich gemacht, dass das BGE alle anderen staatlichen Transferleistungen ersetzen soll, damit es überhaupt finanzierbar ist.Vielleicht sollte man via Volksentscheid einen „Probelauf“ dazu erstreiten.Drei Jahre BGE, anstelle von Kindergeld, Steuervergünstigungen für Ehepaare, Alleinerziehende, Arbeitslosengeld etc.Ich fände dies ein spannendes und zugleich zumutbares Experiment, das die Gesellschaft mit sich selbst veranstalten könnte.
    Der Wert der Arbeit müsste wieder entsprechend „wertig“ entlohnt werden, da sich kein Arbeitnehmer mehr zwingend einen schlechtbezahlten Job zumuten müsste, vorausgesetzt, er kann sich „bescheiden“ auf sein BGE.
    Die verfügbaren Arbeitsplätze könnten geteilt werden, da die finanzielle Basis bereits gelegt ist und nicht den Vollzeitarbeitsplatz erforderlich macht.
    Die Arbeitslosigkeit könnte weiter sinken.Bislang im Arbeitsleben stehende würden vielleicht gerne mal eine ruhige Kugel schieben, um das zu tun, worauf sie gerade Lust haben.Nach dem „Probelauf“ würde das Experiment klug evaluiert und entweder eingestellt, fortgeführt oder modifiziert.

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  38. @ genova,

    vielleicht habe ich mich nicht verständlich genug ausgedrückt. Karl Marx war selbstverstänlich für den technischen fortschritt und für die rationalisierung. Marxisten sind keine amish-people, die im fortschritt etwas böses sehen und das ablehnen würden.

    Das, was Du in meinen argumenten als widerspruch ausmachst, ist ein widerspruch dem man in der kapitalistischen wirtschaftsweise gegenübersteht, jedoch keiner den ich mir höchstpersönlich ausgedacht hätte, der ist seit spätestens 1867 bekannt: Die produktivität steigt, deswegen wird die breite masse der leute ärmer.

    Das klingt paradox, ist es eigentlich auch, liegt jedoch an der wirtschaftsweise die auf private kapitalmehrung ausgerichtet ist.

    Wenn durch technische verbesserungen die arbeit produktiver wird, hat außer dem fabrikbesitzer, der die lohnkosten senken und damit den gewinn steigern kann, niemand was davon – und etwas anderes soll dabei auch nicht rauskommen, weil es von anfang an um nichts anderes als den gewinn geht.

    Daß für die einen, die ihre arbeitsstellen behalten, die arbeit nicht leichter wird, sondern im gegenteil stressiger, weil der arbeitstakt verdichtet wird und die armen mäuse, die ihre stellen verlieren und auf der straße stehen, nicht mal ihre freizeit genießen können, sondern um jeden preis wieder in arbeit genötigt werden müssen, ist kein »menschlicher betriebsunfall«, sondern die notwendige konsequenz aus dem zwang zur arbeit für privatgewinn.

    Lohnarbeit ist dienst am kapital. Daran ändert auch ein BGE nichts. Aus meiner sicht ist es unfug, so weiter produzieren zu wollen und am schluß ein krümelchen vom gewinn wegnehmen zu wollen und umzuverteilen. Das problem ist nicht die verteilung. Das problem sind die produktionsverhältnisse.

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  39. @ Chris(o),
    Die arbeit wurde schon immer »wertig« bezahlt. Und zwar mit dem schönen wörtchen »minder« davor.

    Weshalb man einen »probelauf« des BGE erstreiten sollte, müßtest Du allerdings erklären. Einen vorteil hatte das hauptsächlich für die oberschicht, die dann steuerfrei ihren finanzgeschäften nachgehen könnte. Den ganzen laden bezahlen sollen schließlich die unteren bevölkerungsschichten, die ihr geld komplett verkonsumieren müssen mit einer konsumsteuer von ca. 50%.

    Ich sehe das nicht so, daß ein »versuch« von drei jahren zumutbar sein müßte. Für jemanden, der ohnehin ausgesorgt hat, wäre das wahrscheinlich schon aushaltbar. Für die menschen, die jetzt in armut leben, weil ihre arbeitskraft, aus welchen gründen auch immer, nicht nachgefragt wird, würde es den totalen absturz bedeuten, weil das BGE nach Werner kaum für eine großstadtmiete ausreicht – um die innenstadtbezirke von armen leuten zu »säubern« wäre das eine angelegenheit von einigen monaten.

    Aus der »ruhigen kugel« für gestreßte angestellte wird so nichts, weil sich der druck eine auch noch so beschissen bezahlte arbeit anzunehmen erhöhen würde, weil das BGE nach Werner, auch bei noch so bescheidenem leben, wenn man dann auch noch miete zahlen muß, nie zum leben reicht.

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  40. Chris(o) schreibt:

    Wieso genau könnte die „Oberschicht“ im imaginierten Fall dann ungestört ihren Finanzgeschäften steuerfrei nachkommen?

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  41. Weil beim wernerschen modell des BGE die konsumsteuer die einzige steuer sein soll. Das bedeutet, daß milliardengewinne, die als kapital weiterinvestiert werden, um weitere gewinne zu generieren, steuerfrei bleiben. Wer ein solches vermögen besitzt, benutzt es nicht für den konsum, sondern setzt es als kapital ein, um damit geld zu verdienen.

    Wer hingegen nur über geld als konsumtionsmittel verfügt, wie es bei arbeitnehmern und arbeitslosen der fall ist, muß selbst für jedes glas wasser, das er verbraucht, bis zu 50% konsumsteuer zahlen.

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  42. genova68 schreibt:

    Mechthild,

    in deinem Kommentar spiegelt sich das alte Problem: Sollen wir im Kapitalismus reformorientiert sein oder müssen wir versuchen, das ganze System ideell hinwegzusprengen?

    Ich finde, mal so, mal so :-) Insofern würde ich auch über das BGE reden, wenn es innerhalb der kapitalistischen Logik zu einer gerechteren Verteilung führt.

    Ansonsten wird es schnell zu dogmatisch.

    Das, was Du in meinen argumenten als widerspruch ausmachst, ist ein widerspruch dem man in der kapitalistischen wirtschaftsweise gegenübersteht, jedoch keiner den ich mir höchstpersönlich ausgedacht hätte, der ist seit spätestens 1867 bekannt: Die produktivität steigt, deswegen wird die breite masse der leute ärmer.

    Die Empirie widerlegt diese Aussage, ich weiß auch nicht, ob Marx das so dogmatisch sah. Im Prinzip sicher richtig, immer weniger Menschen produzieren das Nötige (und das Unnötige), aber die Verteilung hat doch seit 1949 im Westen halbwegs gut geklappt, das muss man schon dazu sagen. Die Produktivität stieg seitdem massiv, die Masse der Leute wurde reicher, nicht ärmer. Der Produktivitätsanstieg hat auch zur Folge, dass die Produkte für alle preiswerter werden.

    Der Kapitalismus zeigt seit etwa 1990 wieder ein Stück weit deutlicher seine Fratze. Die grundsätzliche Bewegung des Kapitals ist die von dir und Marx beschriebene, aber Kapitalismus existiert nirgendwo in Reinkultur, sondern muss sich, gerade in Europa, mit Sozialstaatlichkeit herumschlagen. Diese Widersprüche muss man sehen, sonst könnte man sich ja nur noch fragen, warum dieses absurde System nicht schon längst auf den Müllhaufen der Geschichte gewandert ist.

    Die Logik des Kapitalismus ist ausschließlich gewinnorientiert, ein nicht menschliches System, weil es alles am Menschen abstrahiert außer sein angenommenes triebhaftes Gewinnstreben. Aber nicht nur insgeheim bewundere ich diese Effektivität, ähnlich wie ich nichts auf die Leistungen von Maschinenbauern und Ingenieuren kommen lasse, wenn sie es schaffen, ein Auto bei 250 ruhig auf der Straße zu halten. Wenn die DDR nur ein gutes Auto hervorgebracht hätte, der Sozialismus hätte es heute einfacher :-)

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  43. @ genova
    Selbstverständlich rede ich über das BGE, anders kann ich schließlich nicht mitteilen, was für eine brillante idee zur armutsbetreuung das ist.

    Mit Deinem argument, die masse der leute sei reicher geworden, nicht ärmer, setzt Du Dich auf die schiene der sarrazyniker: daß die arme oma in den 30er jahren weniger besessen habe, als der h4empfänger von heute.

    In dieser aussage steckt die erhellende erkenntnis, daß man konsumartikel, die noch nicht erfunden sind, auch nicht besitzen kann. Es ist unsinn, die armen von damals mit den heutigen armen zu vergleichen. Es sollte selbstverständlich sein, daß bei einer derart gesteigerten produktivität auch noch ein paar sachen bei den armen ankommen. Früher waren die menschen arm, weil die produktivität nicht ausreichte, alle mit dem notwendigen zu versorgen.

    Die heutigen armen hingegen ist das ergebnis des kapitalistischen wirtschaftens. Am schluß von 180 jahren produktivitätssteigerung steht eine bevölkerung, die ebenso erpreßbar ist wie am anfang und ausgebeutet wird. Wem nichts anderes übrig bleibt als seine arbeitskraft zu verkaufen, ist nicht reich, selbst wenn er sich ein dickes auto leisten kann. Mit dem schönen lebensstandard kann auch ganz schnell schluß sein, wenn er den posten verliert.

    Man muß die armen in relation zum derzeit geschaffenen reichtum betrachten. Hier gibt es keine armen leute, weil die produktivität nicht ausreichte, allen etwas zum verknuspern zu geben, sondern weil die produktion von vorn herein nicht auf versorgung ausgerichtet ist. Hier gibt es armut, weil die bedürfnisse der menschen mittel zur bereicherung sind.

    Der kapitalismus zeigt mitnichten seit etwa 1990 »seine fratze« deutlicher – es kehrt einfach bloß wieder normalität ein. Nach dem weltkrieg hatte das kapital zwei probleme: Arbeitskräfte waren knapp und dann gab es auch noch dies lästige konkurrenzsystem im osten, da waren ein paar soziale zugeständnisse notwendig.

    Überhaupt muß man nicht sagen, daß die »verteilung« in der kapitalistisch organisierten wirtschaft »damals in der BRD« einigermaßen geklappt habe. Dafür war sie zu keinem zeitpunkt da. Ein bißchen »sozialklimbim« macht aus einem kapitalismus kein anderes und schon gar kein »besseres« system. Sozialstaatlichkeit gibt es nicht trotzdem, sondern wegen des kapitalismus, das war das eingeständnis, daß leute in diesem wirtschaftssystem ständig der gefahr ausgesetzt sind, in notlagen zu geraten.

    Der Marx hatte übrigens für sozialreformerische ansätze jeder art ein noch viel drastischeres vokabular auf lager als ich. Und völlig zu recht.

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  44. genova68 schreibt:

    Die Masse der Leute ist in der Bundesrepublik reicher geworden, bis in die Siebziger zumindest, und zwar enorm. Sicher gab es den Produktivitätsfortschritt, aber der fällt nicht vom Himmel, und da ist der Kapitalismus nun einmal ziemlich effektiv. Das erkenne ich an. Es kamen nicht nur „ein paar Sachen bei den Armen an“. Von 1950 bis 1970 stiegen die Reallöhne um 250 Prozent. Das war ein ganz massiver Massenwohlstand mit Massentourismus, Massenkonsum, massiven Verbesserungen in der Wohnungsversorgung gegenüber der Weimarer Republik, später deutlich verbesserten Bildungsmöglichkeiten auch und gerade für Arbeiterkinder und mehr. Das muss man zur Kenntnis nehmen, auch wenn es einem ideologisch nicht in den Kram passt. Das ist nicht einfach „Sozialklimbim“.

    Robert Kurz kommentiert das Wirtschaftswunder ziemlich simpel, wenn er den bösen Kapitalisten unterstellt, sie hätten den Menschen das Auto förmlich aufgezwungen, das sie eigentlich nicht wollten. Falsches Bewusstsein und so. Das verkennt die menschliche Natur.

    Wenn du diese Realitäten nicht anerkennst, wirst du die Situation heute nicht verstehen. Es gibt hier in Deutschland keine ernsthafte Umbruchsstimmung, und das liegt auch an diesen gemachten Erfahrungen. Die sollte man der Masse nicht absprechen, sondern aufnehmen und die heutige Situation problematisieren.

    Die heutigen armen hingegen ist das ergebnis des kapitalistischen wirtschaftens. Am schluß von 180 jahren produktivitätssteigerung steht eine bevölkerung, die ebenso erpreßbar ist wie am anfang und ausgebeutet wird. Wem nichts anderes übrig bleibt als seine arbeitskraft zu verkaufen, ist nicht reich, selbst wenn er sich ein dickes auto leisten kann. Mit dem schönen lebensstandard kann auch ganz schnell schluß sein, wenn er den posten verliert.

    Ja, ich stimme dir komplett zu, was die aktuelle Analyse angeht. Der Kapitalismus ist ein System, das offenbar notwendig in die Barbarei verfällt, weil es rein animalisch agiert, mit dem einen Ziel der Gewinnvermehrung den Reichen.

    Noch kurz zum „besseren System“. Nein, der Kapitalismus ist bestimmt nicht das bessere System, aber die real sichtbare Alternative waren Stalin und DDR. Da lehne ich dankend ab, alleine was fehlende Meinungsfreiheit, Folter in Gefängnissen und Spießigkeit angeht. Wenn das die Alternative war, dann war die Bundesrepublik allemal das bessere System. Und schau dir die Wahlergebnisse damals im Westen an: Wie viel Prozent bekamen denn Parteien wie die Kommunisten oder die DFU? Erklärst du die Wähler zu 99,5 Prozent für verblendet und blöd?

    Mit dieser Haltung erreichst du keine Verbesserung der Situation, weil es da um genau diese 99,5 Prozent geht. Diese Einschätzung hängt natürlich auch mit meiner Herkunft als Kind der westdeutschen gehobenen Mittelklasse zusammen. Das war schon ganz gemütlich.

    Sozialstaatlichkeit gibt es nicht trotzdem, sondern wegen des kapitalismus, das war das eingeständnis, daß leute in diesem wirtschaftssystem ständig der gefahr ausgesetzt sind, in notlagen zu geraten.

    Vielleicht. Aber es klingt mir zu sehr nach Paradies, einen Zustand herbeizurufen, in dem es garantiert keine Notlagen gibt. Schon ein Unwetter und nachfolgend schlechte Ernten führen zu Notlagen, in denen Solidarität gefragt ist.

    Marxens Haltung zu Sozialreformen: Ich kenne mich da nicht genug aus, vielleicht weiß jemand besser Bescheid. Ich las nur kürzlich in Terry Eagletons „Warum Marx recht hat“ das Gegenteil: Marx sei voll des Lobes über Sozialreformen gewesen. Es ist wohl so, dass beides nicht falsch ist. Marx hat zeitlebens publiziert und es wäre unmenschlich, hätte er seine Ansichten im Laufe des Lebens nicht geändert.

    Generell sind Forderungen nach Revolution sinnlos. Entweder entwickelt sich das oder eben nicht.

    Aber grundsätzlich, Mechthild, ist Diskutieren über das Thema das einzig mögliche.

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  45. In den 70er jahren lebte es sich tatsächlich vergleichsweise gemütlich, sofern man irgendwie zur mittelschicht gehörte. Das ändert jedoch nichts an der tatsache, daß bundesdeutsche angestellte und arbeiter 1978 für den eigenen unterhalt zwei stunden täglich arbeiteten, die verbleibenden sechs stunden der täglichen arbeitszeit zur schaffung von mehrwert für das kapital. Das darf man getrost als ausbeutung bezeichnen.

    Ich kann mich daran erinnern, wie die schlechter gestellten menschen damals lebten. Beispielsweise die, die man als »gastarbeiter« bezeichnete. Die standen in den, ach, so »goldenen 70er jahren« für ca. 1mark50 pro stunde am band und wohnten in den allerletzten drecklöchern.

    Die kinder gingen betteln oder ebenfalls arbeiten, weil die sonst nicht überleben konnten. Und immer wurde so getan, als hätten die es sich selbst zuzuschreiben, daß sie so leben müssten, daß es an ihrer defizitären tüchtigkeit läge. Ansonsten hätten sie es schließlich zu etwas gebracht.

    Es steckte darin schon die selbe ignoranz mit der man heute h4empfängern begegnet.

    Dieses system hat immer davon gelebt, daß es leute gibt, die irgendwie unter die räder geraten und deren not weidlich ausgenutzt wurde. Die armut damals hatte die selben ursachen wie heute, weshalb ich der damaligen sozialdemokratie, die dem kapitalismus erfolglos einige zähne ziehen wollte, keine träne nachweine.

    Weshalb solche programme, die dem kapitalismus die sozialen härten nehmen wollen, zum scheitern verurteilt sind, hat Karl Marx im »Kapital« aufgeschrieben, ohne daß er hätte ahnen können, was die sozialdemokratie im 20. jahrhundert alles anrichten würde. Das alles ist relativ einfach zu verstehen, wenn man einigermaßen begriffen hat, wie der kapitalismus funktioniert.

    Ich halte die mehrheit der leute, die wählen geht, nicht für bescheuert, sondern für »gute staatsbürger«, die das klassenziel in sozialkunde erreicht haben, nämlich zu erkennen, daß sie es in diesem staat besser getroffen haben als sonst irgendwo auf der welt. Zwar sieht das ein vermutlich nicht eben gerade geringer teil überhaupt nicht so, jedoch wissen sie, daß ihnen nichts anderes übrig bleibt als genau so zu denken.

    Wenn sie einigermaßen gescheit leben wollen, sind sie gezwungen hier mitzumachen. Die menschen sind äußerst duldsam, die ertragen die schlimmsten grausamkeiten, um die bescheuerte illusion von »freiheit« aufrecht zu erhalten. Und meist geht es nicht einmal darum, sondern nur um die möglichkeit, irgendwie zu überleben.

    Dieser staat, der bekanntermaßen ein hort der meinungsfreiheit ist, hat in puncto verfolgung politisch andersdenkender eine finstere geschichte, das gemahnt an diktatur.

    Von einer »demokratie« sollte man einen anderen umgang mit andersdenkenden erwarten. Oppositionelle bewegungen wurden stets im keim erstickt – und komm jetzt bloß nicht mit diesen doofen GRÜNEN als gegenbeispiel an! Wer kommunistisch dachte, hatte in der zeit zwischen 1956 bis 1968 gute chancen, von den selben faschistischen richtern, die widerständler zwischen 33 und 45 ins zuchthaus, KZ oder in den tod geschickt hatten, erneut für die weltanschauung eingesperrt zu werden.

    Oft reichte der verdacht für politische verfolgung. In den frühen 60er jahren wurden beispielsweise frauen eingesperrt, weil sie ferienreisen für arbeiterkinder an die Ostsee organisiert haben – die DDR ermöglichte es damals, daß auch kinder aus dem Ruhrgebiet in die ferienheime dürfen, die auf der BRDseite verantwortlichen wurden dafür verfolgt.

    Nach dem »radikalenerlaß« vom 28. januar 72 gab es reihenweise berufsverbote für menschen, die »falsch« dachten. Und das gilt bis heute. Und Ossis, die sich daran erinnern, gern in der DDR gelebt zu haben, gelten in diesem staat als nicht hinnehmbar, weil man die DDR und den gesamten ostblock als riesiges, von stacheldraht umgebenes GULag zu sehen hat.

    Aus Deinem argument mit den angeblichen 99,5 % lese ich raus, daß Du der auffassung bist, daß die leute sich hier aus freien stücken entscheiden würden, so zu leben wie sie müssen. Sie tun es ebenso »freiwillig«, wie die menschen sich in Saudiland, Nordkorea, USA oder sonstwo auf der welt der jeweiligen herrschaft fügen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Die tolle freiheit, die Du an der BRD als »besseres system« erkennst, besteht darin, daß man so denken darf, wie es erlaubt ist.

    Wie Du darauf kommst mir dinge zu unterstellen, die Robert Kurz schrieb, ist mir ein rätsel. Ich sehe das mit den autos völlig anders. Die dinger gibt’s, die leute stellen fest, daß die einen nutzen haben und möchten gern auch eins. Daraus, daß die industrie das bedürfnis nach autos für ihren profit genutzt hat, wie sie jedes bedürfnis für profit nutzt, einen zwang in der »wirtschaftswunderzeit« ableiten zu wollen, ist eine absurde idee. War aber nicht das einzige mal, daß der herr Kurz krause gedanken geäußert hätte.

    Die reformen des sozialsystems haben immer dazu gedient, das volk billiger zu machen und den druck, eine arbeit anzunehmen und so zur kapitalmehrung beizutragen, zu erhöhen.

    So lange für profit und nicht für die versorgung produziert wird, wird sich daran nichts ändern.

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  46. genova68 schreibt:

    Ich schreibe die Tage etwas dazu :-)

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  47. genova68 schreibt:

    Das ändert jedoch nichts an der tatsache, daß bundesdeutsche angestellte und arbeiter 1978 für den eigenen unterhalt zwei stunden täglich arbeiteten, die verbleibenden sechs stunden der täglichen arbeitszeit zur schaffung von mehrwert für das kapital.

    Da würde mich deine Quelle interessieren.

    Ansonsten: Ich stimme dir eigentlich in allem zu. Andererseits habe ich mit solchen Sichtweisen das Problem, dass sie sehr generalisierend sind. Man kann bei gesamtgesellschaftlichen Betrachtungen sich immer auf die Missstände konzentrieren. Man versteht Entwicklungen dadurch aber nicht besser. Die 99,5 Prozent: Was sind „freie Stücke“, was ist Freiheit, was wollen die einen oder die anderen? Das Sein bestimmt das Bewusstsein, insofern ist der Freiheitsbegriff ein problematischer. Ich gebrauche ihn nie. Freiheit, Jazz und Gott sind Begriffe, die überflüssig geworden sind.

    Und es ist mir eindeutig zu undifferenziert, wenn du diesen BRD-Nordkorea-Vergleich ziehst. Das führt zu nichts. Ich halte die BRD in der Tat für einen besseren Staat als Nordkorea. Die Freiheiten des Denkens sind hier in weiten Teilen gegeben, das siehst du schon an unserer Unterhaltung. Das muss man bitte zur Kenntnis nehmen. Man kann auch ohne weiteres sagen, dass man gerne in der DDR gelebt hat. Man konnte in der DDR aber nicht sagen, dass man gerne in der BRD leben würde. Das hat alles seine historischen Ursachen, aber als es drauf ankam, wurden die Sozialisten zu Massenmördern. Und zwar fast überall. Dass Kapitalisten Massenmörder sind, verwundert nicht, die haben aber auch nicht den Anspruch, in irgendeiner Weise gute Menschen zu sein.

    In den frühen 60er jahren wurden beispielsweise frauen eingesperrt, weil sie ferienreisen für arbeiterkinder an die Ostsee organisiert haben – die DDR ermöglichte es damals, daß auch kinder aus dem Ruhrgebiet in die ferienheime dürfen, die auf der BRDseite verantwortlichen wurden dafür verfolgt.

    Auch so eine einseitige Sichtweise. Stimmt sicher, aber schau dir bitte die Gesamtsituation an. Die DDR wurde unter Stalin gegründet und war m.E. vom Anfang an zum Scheitern verurteilt. Es kamen Kleinbürger an die Macht, die von Freiheit oder Pluralismus so viel hielten, wie die Reaktionären in der BRD, dieselbe Mischpoke. Das argumentierst du weg mit Ferienheimen für Ruhrgebietler. Eine beliebte Taktik, die aber nicht überzeugt. Die DDR war ein repressives Scheißsystem. Da helfen auch die billigen Mieten nicht.

    Aufgrund dieser grauenhaften Entwicklung bin ich sehr fürs Zögern. Kapitalismuskritik bitte immer reflexiv, gerade in der jungen BRD wurde die Mittelschicht massiv ausgeweitet, es war vom Ergebnis her für die allermeisten ein Erfolgsmodell, das nicht in erster Linie auf der Ausbeutung von Gastarbeitern beruhte, sondern mehr von Keynes beeinflusst war: Geld für die Masse, damit die den Krempel kaufen.

    Die innere Logik des Kapitalismus führt zu mannigfaltiger Zerstörung, aber Weiterentwicklungen kommen nicht, indem ich 99,5 Prozent der Menschen als nicht zurechnungsfähig beschreibe. Das machst du letztendlich.

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  48. Die quelle liefer ich gern nach: Jugendlexikon Politische Ökonomie, Leipzig 1981. Im grunde ist es jedoch unerheblich ob die relation zwei stunden arbeit für den unterhalt zu sechs stunden mehrarbeit genau stimmt. Die kann genausogut bei vier zu vier oder eins zu sieben liegen. Die grundbedingung für lohnarbeit ist in jedem fall, daß der arbeiter mehr ertrag erarbeiten muß, als er kostet, sonst gibt es seine arbeitsstelle nicht.

    Interessant finde ich, daß Du schreibst, daß Freiheit, Jazz und Gott begriffe wären, die überflüssig wären, und daß Du den freiheitsbegriff nie verwenden würdest. Dafür kommt er im weiteren text recht häufig vor.

    Im sinne von Marx sind die arbeiter im kapitalismus nicht bloß »frei« sondern gleich »doppelt frei«: Sie sind frei, weil sie nicht in abhängigkeit von einer anderen person stehen, sie sind keine sklaven oder fronarbeiter wie im feudalismus, die auf ihren herrn hören müssen. Also sind sie frei, sich um ihren lebensunterhalt selbst zu kümmern. Das ist die form der »freiheit«, die allgemein dem kapitalismus als große wohltat angerechnet wird, weil man nicht unter dem kommando eines großgrundbesitzers oder (kirchen)fürsten steht. Die breite masse ist jedoch auch noch in einem zweiten sinne »frei«: nämlich frei von den mitteln, die man haben müßte, um die dinge, die man zum leben braucht, herzustellen. Und da stellt sich der zwang des marktes ein, sich geld verschaffen zu müssen, was man aber nur kann, wenn man etwas zu verkaufen hat und das ist, wenn man sonst nichts hat, lebenszeit und arbeitskraft. Die vielbeschworene »freiheit« gibt es. Etwas positives muß man darin nicht sehen.

    Ja, meine geschichtsbetrachtung ist etwas einseitig. Das liegt keinesfalls daran, daß ich an der DDR nichts zu kritisieren hätte. Die BRD gibt jedoch jedes jahr millionen für die »aufarbeitung der geschichte« aus und tut so, als gäbe es ausschließlich in der DDR etwas aufzuarbeiten. Ich gehe davon aus, daß dieses offizielle geschichtsbild weitgehend bekannt ist. In dem von Dir zitierten satz habe ich kaum etwas über die DDR gesagt, sondern hauptsächlich etwas über die verfolgung politisch unerwünschter in der BRD. Die kommt in der offiziellen geschichtsschreibung nicht vor. Das waren oft menschen, die im widerstand gegen Hitler gewesen waren und die in der BRD gleich wieder verfolgt und eingesperrt wurden. Die werden nicht als opfer des kalten krieges betrachtet, die gab es bekanntermaßen im westen nicht.

    Deine einschätzung, die DDR betreffend ist falsch. Im gegensatz zur Bonner Republik hatte die DDR nicht das staatsziel, das volk für die kapitalistische verwertung zuzurichten. Die DDR war eine diktatur des proletariats und war im eigenen selbstverständnis ein arbeiter und bauernstaat unter einbindung der intelligenz. Die produktion war auf versorgung ausgerichtet und nicht auf profit. Die versorgung mit guten produkten aus der DDR hat vorzüglich geklappt, allerdings hauptsächlich beim klassenfeind im westen. Ohne die hochwertigen konsumartikel aus dem osten hätte die warenwelt im westen nicht so bunt und schön ausgesehen.

    Die DDR ist nicht gescheitert, weil sie »unter Stalin« gegründet wurde, sondern weil von anfang an die interessen des kapitals gegen sie standen.

    In der DDR durfte man selbstverständlich sagen, daß man lieber in der BRD wohnen will. Das konnte man sogar ganz offiziell auf dem amt kundtun und dann durfte man früher oder später ausreisen.

    Du unterstellst mir, daß ich die menschen, die sich mit dem sachzwang, geld verdienen zu müssen, abfinden für unzurechnungsfähig hielte. Das ist zwar eine kritik an dem, was ich geschrieben habe. Ein argument enthält es nicht. Lange bevor ich anfing, Marx zu lesen, habe ich darüber nachgedacht, wie das mit den arbeitsverhältnissen hier eigentlich aussieht. Gewerkschafter und arbeiter sagten mir damals in diskussionen, daß sie sich derartige gedanken nicht leisten könnten. Und damit hatten sie recht. Man kann nicht einfach gegen das sein, wovon man abhängig ist.

    Ich bin durchaus der auffassung, daß man staaten miteinander vergleichen kann. Ein vergleich ist etwas anderes als gleichsetzen, auch wenn ich über etwas schrieb, das überall auf der welt ähnlich ist: für gewöhnlich halten die leute, den staat, in dem sie geboren sind und in dem sie leben für den besten. In sofern ist es keine kunst, daß Du im vergleich zu Nordkorea die BRD für den besseren staat hältst. Es sei denn, Du hättest es Dir ausgesucht, anstatt in Nordkorea lieber in der BRD leben zu wollen. Die mehrheit der Nordkoreaner sieht das anders. Um das festzustellen, muß man übrigens überhaupt kein fan von Kim Jong Un sein.

    Selben vergleich zog ich zu Saudiland und den USA, die hast Du allerdings unter den tisch fallen lassen.

    Abschließend einige worte zu Keynes. Die keynesianisch beeinflußten programme in der jungen BRD konnten deshalb durchgesetzt werden, weil die leute gebraucht wurden – nicht nur zum arbeiten, sondern weil die gegebenenfalls gegen die bösen kommunisten im osten in den krieg ziehen sollten.

    Aber diese »wohltaten« hat das kapital nicht freiwillig rausgerückt, die gewerkschaften mußten selbst diesen scheiß erstreiten.

    Die massen sollen mit kaufkraft ausgestattet werden, um die wirtschaft anzukurbeln. Wenn das gut für das kapital wäre, dann müßte nicht fortwährend um jeden lohnpfennig gestritten werden. Aus sicht des kapitals ist es völliger unsinn, geld zu verteilen, damit konsumiert werden kann, denn wenn die kapitalisten einfach nur wieder die beträge einsammeln, die sie zuvor vorgeschossen haben, dann können die das produzieren genau so gut bleiben lassen, weil so kein gewinn rauskommt. Das dürfte der grund sein, weshalb sich keynsianische programme nie lange bestand hatten.

    Wenn Du eine andere idee hast, weil Du die entwicklungen der vergangenen 50 jahre viel besser verstehst als ich, erkläre es, ich bin sehr gespannt.

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  49. besucher schreibt:

    Ohne die hochwertigen konsumartikel aus dem osten hätte die warenwelt im westen nicht so bunt und schön ausgesehen.

    Sie sprechen wahrscheinlich vom Radeberger Pilsner, dem Meißner Porzellan und den Ruhla-Uhren. Stimmt, ohne diese Dinge wären die im Westen todunglücklich gewesen.

    Die DDR ist nicht gescheitert, weil sie »unter Stalin« gegründet wurde, sondern weil von anfang an die interessen des kapitals gegen sie standen.

    Stimmt, ich erinnere mich, heute vor 60 Jahren erfolgte ein konzentrierter Angriff westdeutscher Agenten auf den jungen, aufblühenden Arbeiter und Bauernstaat. Welch ein Frevel. Gottseidank musste der Ernst Thälmann dass nicht mehr miterleben. Apropos Ernst Thälmann: Können Sie mir vielleicht erklären warum nach Stalins bestem Mann in der KPD (Ruth Fischer) immer noch in der Ostzone soviele Straßen benannt sind? Das ist ja ein dicker Hund, oder?

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  50. genova68 schreibt:

    Mechthild,
    die Berechnung der Mehrwertstunden hätte mich interessiert, aber wenn die Zahl von 1981 ist, ist die eh nicht mehr aktuell. Bei einem DDR-Lehrbuch wäre ich naturgemäß sehr vorsichtig. Und dem BRD-Arbeiter ging es auch nach so viel geleisteter Fremdarbeit materiell immer noch besser als seinem DDR-Pendant.

    Ansonsten finde ich es gut, dass du der einseitigen Geschichte der Sieger ausweichst, aber, nun ja. Wenn du an die BRD nur halb so streng Maßstäbe anlegen würdest wie an die DDR, dann wäre letztere komplett im Eimer. Du bastelst dir banal-dialektische Tricks, damit das nicht so deutlich wird. Jetzt ist an der Versorgungslage in der DDR der böse Westen Schuld, so kommt es ja rüber. Die Wahrheit ist doch die: Die DDR hat es bis zum Schluss nicht geschafft, die Bevölkerung angemessen zu versorgen. Mangelwirtschaft überall. Was hat man von einer Versorgung, die auf Versorgung ausgerichtet ist, wenn die Versorgung nicht gewährleistet ist?

    In der BRD wurden auch Leute eingesperrt, stimmt, aber die von mir bewusst erlebten 80er Jahre waren nicht dadurch gekennzeichnet, dass Menschen eingesperrt wurden, weil sie ihre Meinung sagten. Und bitte verharmlose die Repression in der DDR nicht. Dort wurde gefoltert, dort wurden Menschen wegen minimalster Meinungsäußerungen verhaftet, darüber müssen wir nicht reden.

    Ein Staat ohne Meinungsfreiheit ist ein Scheißstaat. Das ist grundlegend. Diese Dauergängelei, meine Güte, ohne mich.

    Die DDR ist nicht gescheitert, weil sie »unter Stalin« gegründet wurde, sondern weil von anfang an die interessen des kapitals gegen sie standen.

    Na, sowas. Das böse Kapital war gegen den Sozialismus. Wenn Sozialismus immer scheitert, wenn das Kapital dagegen ist, dann können wir uns die Anstrengung ja sparen ;-)

    Generell: Du machst das, was SEHR überzeugte Menschen gerne machen: Sie biegen sich die Wahrheit hin. Alleine der Satz, dass die Nordkoreaner sind für ihr Land entscheiden. Klar, der Hamster bleibt auch im Käfig.

    Die mehrheit der Nordkoreaner sieht das anders. Um das festzustellen, muß man übrigens überhaupt kein fan von Kim Jong Un sein..

    Nein, aber man müsste belastbares Material haben, um zu einer solchen Aussage zu kommen. Du scheinst gute Quellen zu haben. Es war übrigens auch mal die Mehrheit der Deutschen für Hitler. Was sagt das jetzt über den aus?

    Keynes und Kapital: Kapitalismus funktioniert so, dass aus Geld mehr Geld wird, das Prinzip ist bekannt, und dementsprechend ist es die Urbewegung des Kapitals, nach Formen der Vermehrung zu suchen und die Notenpresse hilft bei Bedarf ein wenig nach. Keynes nutzt das aus, indem er staatliche Mehrwertproduktion antreibt und den Menschen einen guten Anteil des Mehrwerts zukommen lässt. Keynes hat in den USA von etwa 1935 bis 1970 ganz gut funktioniert, wenn ich mir die Wachstumsraten anschaue. Das ist alles innerhalb des Kapitalismus gedacht, aber dass das nicht klappt, ist eine immer wieder aufgestellte Behauptung, deren Beleg ich nicht erkenne.

    Der Markt: Ich wüsste keinen Marxisten mehr, der den Markt komplett verflucht. Ohne Markt keine Eigeninitiative. Und ohne die geht nichts in einer Gesellschaft.

    Geschichte ist dynamisch, Geschichtsschreibung erst recht, und ich will dich da nicht über Gebühr angreifen, schon einmal weil du mit deinem Standpunkt sehr in der Minderheit bist, und das ist ja erst einmal sympathisch. Mir ist es auch nicht in die Wiege gelegt, den Kapitalismus zu verteidigen, aber der Vergleich BRD-DDR zeigt doch eindeutig, dass die BRD da irgendwas besser gemacht haben muss, rein von der Versorgung gesehen.

    Geschichtsschreibung, dein letzter Absatz: Die DDR ist da nun im Nachteil, stimmt, deshalb lese ich immer wieder gerne etwas über die frühen Jahre der DDR/BRD, aber man muss doch, gerade mit einem linken Anspruch, die DDR extrem kritisch sehen. Die DDR ist untergegangen, erstens weil Stalin kein guter Pate für einen fortschrittlichen Staat ist und Repression von Anfang an angelegt war, zweitens weil die USA die BRD massiver unterstützen konnte und sie auch deshalb besser dastand, drittens weil es keine vom Volk getragene Entwicklung war, viertens, weil die DDR extrem kleinbürgerlich war und freiheitliche Geister in den Westen gingen. Der Osten konnte auf Dauer ökonomisch mit dem Westen nicht mithalten, aber ich würde da eh keinen Sozialismus sehen, sondern so eine Art diktatorischen Staatsmonopolkapitalismus.

    Was hätte ich als Linker an der DDR den toll finden sollen? Die kaputte Umwelt? Die fehlende Möglichkeit der Kriegsdienstverweigerung? Die nicht existenten Demos gegen die SS 20?Die fehlende Meinungsfreiheit? Ein Punkt, an den ich mich erinnere, war die Absage einer BAP-Tournee durch die DDR. Das war im Westen (zumindest in den 80ern) völlig unmöglich: Dass der Staat eingreift, weil ein Sänger einen nicht genehmen Text singt. Sowas geht nun mal überhaupt nicht.

    Ich war wegen Ostverwandschaft jedes Jahr in der DDR, ich bin von den Eindrücken schon geprägt, und deshalb wäre ich nie auf die Idee gekommen, die DDR als ein Vorbild zu sehen, im Gegensatz manch durchgeknalltem Westlinken.

    Und dann noch der 17. Juni. Der Arbeiterstaat geht gegen die Arbeiter vor. Die DDR hatte damals Glück, dass sie nicht zusammengebrochen ist. Wäre sie es, es wäre vielen vieles erspart geblieben. Oder war das deiner Meinung nach auch nur ein vom Westen gesteuerter Aufstand?

    Ich verteidige nicht die gegenwärtigen Verhältnisse im Kapitalismus, die sind barbarisch, und in mancherlei Hinsicht ist die Kritik an der DDR von damals heuchlerisch, stimmt schon. Mangelwirtschaft ist heute ein Zeichen des Kapitalismus, wenn man sich beispielsweise den Wohnungs- und den Arbeits“markt“ anschaut. Ich verteidige da nichts. Aber die DDR? Nö, danke.

    So weit mal ganz unsortiert.

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  51. besucher schreibt:

    Die DDR war von den Sechzigern bis Ende der Siebziger der wohlhabendste Staat im Ostblock. Das will was heißen. Das Problem war dann die Überalterung der Führungsriege welche einen sogenannten „Reformstau“ nach sich zog. Dazu kam eine zunehmende ideologische Verbohrtheit weil man Dinge, die nicht funktionierten dem Klassenfeind zuschob und so natürlich sich die Selbstkritik sparen konnte. Die 80er waren bleiernde Jahre, ohne Innovation, dafür mit viel Repression.
    Das die DDR bald am Ende war hat man !oh Wunder! in den wirtschaftswissenschaftlichen Kreisen, z.B. der hellsichtige Plankommissionschef Gerhard Schürer, schon Anfang der 80er erkannt.
    Dummerweise hat Honecker auf den Idioten Günter Mittag gehört.

    n der Endphase der DDR konnte er sich gegenüber dem mächtigen ZK-Wirtschaftssekretär Günter Mittag nicht durchsetzen. Als Schürer im Ziel der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik eine Überforderung der DDR-Wirtschaft erkannte sowie die drohende Devisenzahlungsunfähigkeit im SED-Politbüro ansprach, wurde er von Erich Honecker als „Saboteur“ bezeichnet, was in sozialistischen bzw. kommunistischen Parteien einen der schwersten Vorwürfe darstellte.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Schürer#Partei

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  52. genova68 schreibt:

    Danke. Man kann ja manchmal wirklich etwas lernen in der Bloggosphäre. Bei Honecker fällt mir noch ein, dass diese Kleinbürgerlichkeit im Osten unangenehm war, das merkt man ja heute noch. Aber fehlende Demokratie, fehlender Pluralismus und fehlende Rohstoffe sind wohl keine gute Mischung. Es war eine Diktatur, in der zunehmend dümmliche Kleinbürger den Ton angaben. Ich habe bei meinen jährlichen Besuchen die abstrusesten Sachen erlebt, wo ich mir irgendwann dachte: „Wenn die Ossis sich das bieten lassen, sind sie selbst schuld.“ Das ist ja die eigentliche crux: Da wurden im Wesentlichen Lämmer herangezogen, die sich darum kümmerten, die Mangelware von irgendwoher zu bekommen und sich in Schlangen zu stellen. Ist eigentlich ähnlich wie heute: Der Konsum bestimmt alles und belegt viel Speicherkapazität im Hirn.

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  53. Mir geht es nicht darum, die DDR als den »besseren staat« darstellen zu wollen, weil ich unheimlich überzeugt vom realsozialismus wäre. Weiter oben schrieb ich, daß ich nicht der auffassung bin, daß es an der DDR nichts zu kritisieren gäbe, sozialismus stelle ich mir anders vor – und kommunismus ist etwas anderes. Allerdings existierte die DDR nicht irgendwo im luftleeren raum, sondern war grenzstaat zwischen zwei systemen, die miteinander nicht vereinbar sind. Mittlerweile gibts die DDR seit bald 23 jahren nicht mehr, weshalb kritik am übriggebliebenen staat weit mehr not tut. Wenn ich schreibe, daß die Bundesrepublik ihren insassen ziemlich viel zumutet, dann heißt das nicht im umkehrschluß, daß ich glaube, daß es in einem anderen staat stattdessen vorbildlich zuginge. Nicht mehr vorhandene staaten und Nordkorea eingeschlossen.

    Die DDR war anders, als das heutige offizielle geschichtsbild es vermittelt. Angeblich wissen heutzutage katholische klosterschüler aus München oder Köln, die alles von irgendwelchen pfaffen vorgebetet bekommen, besser über die DDR bescheid, als ihre kollegen aus Brandenburg oder MeckPomm, die ihre eltern fragen, wie sie in der DDR gelebt haben. Wenn mir kollegen oder freunde über das leben in der DDR erzählt haben, sah das nie auch nur annähernd so aus, wie die bezahlten geschichtenerzähler aus hohenschönhausen es darstellen. Einige von denen waren in der friedens- oder umweltbewegung engagiert und waren in untersuchungshaft beim MfS gewesen, keiner von denen wurde dort gefoltert oder konnte sich vorstellen, daß das MfS gefoltert haben könnte. Einen historischen beleg für folter in DDRgefängnissen gibt es nicht.

    Die sache mit dem 17. juni ist in sofern interessant, daß nun ausgerechnet die kapitalistischen machthaber im westen, denen die eigenen lohnarbeiter nie billig und anspruchslos genug sein konnten, plötzlich begeistert von einem streik waren. Im vorfeld des 17. juni haben in der DDR arbeiter gestreikt, weil sie von Ulbricht nicht auf diät gesetzt werden wollten. Die wollten für ihren lebensunterhalt nicht noch mehr schuften. In der BRD war und ist es durchgesetztes programm, daß die arbeiter für möglichst wenig lohn möglichst viel leisten müssen und durch die notwendigkeit geld zu verdienen gezwungen sind, jede »normerhöhung« hinzunehmen.

    Den streik fanden die machthaber im westen klasse, weil das den verhaßten feindstaat im osten, den sie nicht haben wollten, in schwierigkeiten brachte. Dergestalte sympathiebekundungen benötigten die streikenden arbeiter im osten ebenso dringend wie eingeschlagene schädel. Dreist, was sich die machthaber im westen erlaubten: wenn arbeiter sich gegen die arbeiterregierung erheben, dann wird das zum nationalfeiertag erhoben. Als fünf jahre zuvor arbeiter in der Bizone gegen die wirtschaftspolitik Erhardts demonstrierten, wurde das vom USmillitär mit panzern, kavallerie und bajonetten niedergeknüppelt. Die BRD war ebenso wenig vom volk gewünscht wie die DDR. Sicher, wäre die DDR 1953 krachen gegangen, wäre den westlichen arbeitgebern viel erspart geblieben, die hätten damals schon mit den leuten machen können, was sie wollen. Sicher, die arbeiter waren am 17. juni nationalistisch genug, ein geeintes Deutschland zu fordern. Daß sie »heim ins reich« zu Adenauer wollten, haben sie nicht gefordert.

    Was haben in der BRD die demos gegen den Natodoppelbeschluß genützt? Die leute sind auf die straße gegangen, haben ihren unmut kundgetan und das war’s. Im westen hatte man die auffassung, die leute halt nörgeln zu lassen, wenn sie nörgeln wollen. Im osten gab es nörgelverbot und eine kirchlich organisierte friedensbewegung. »Schwerter zu pflugscharen« brachten sie hervor. Den millitärdienst an der waffe konnte man in der DDR in sofern verweigern, daß man bausoldat wurde. Ein tatsächlicher »zivildienst« wie im westen war das nicht, dafür wurde es schon im zweiten jahr nach einführung der wehrpflicht, also 1962, in der DDR eingeführt. Im westen stand das recht zur verweigerung von kriegsdienst von anfang an auf dem papier, war aber bis in die 80er jahre schwierig. Und bedeutete auch dann noch, daß man eine berufliche karriere, die man vor dem zivildienst in der industrie begonnen hatte, nicht oder nur unter schwierigkeiten fortsetzen konnte. In wieweit friedensbewegte personen, die womöglich dann auch noch linksorientiert waren, in der Bonner Republik probleme bekamen, ist meines wissens nie historisch erforscht worden.

    Ich wußte gar nicht, daß BAP in den 80ern zu den bands gehörte, die nicht auftreten durften. Da hat die kulturkomission tatsächlich mal richtig geschmack bewiesen! Aus politischen gründen kann das wohl kaum gewesen sein. Diese dummen, vernuschelten kölschen texte hat doch eh keine sau verstanden. Aber scherz beiseite: In der DDR war der kulturbetrieb völlig anders organisiert. Der staat hat die künstler, die auftraten bezahlt und so bestimmt, wer auftritt und wer nicht. Der kulturbereich wurde stark subventioniert, weshalb die eintrittspreise eher symbolisch waren. Der grundgedanken, daß niemand aus geldgründen auf einen konzertbesuch verzichten muß, ist völlig in ordnung. Viel schlimmer, als daß ein paar blöde westfatzkes nicht auftreten durften, war doch, daß sie die eigenen leute abgewürgt haben: man konnte nicht einfach in seiner freizeit mit ein paar leuten eine band gründen und ausprobieren, ob es leute gibt, denen das gefällt und konzerte geben, da war die »einstufung« zwischen. Und wer aus welchen gründen auch immer keine bekam, durfte nicht öffentlich auftreten. Garstig, daß die sozialisten die jungen leute damit in die arme der kirche getrieben haben. Die kirche hatte nämlich die freiheit, musiker auch ohne einstufung spielen zu lassen.

    Eigentlich ist das jetzt schon ein zu langer riemen, obgleich ich noch nicht alles ausreichend beantwortet habe. Eines noch:

    Die BRD hat überhaupt nichts besser gemacht, was die versorgung der menschen betrifft. Wenn man auf einem weichen kissen hockt, das die eigene herkunft bietet, kann man das getrost feststellen, daß die versorgungslage mit allen dingen, die man gern hätte, wunderbar ist. Wenn man festgestellt hat, daß das kissen vielleicht gar nicht so weich ist, oder man festgestellt hat, daß es für andere überhaupt nicht vorhanden ist, sieht die sache anders aus. Man kann dann die frage stellen, weshalb die schönen dinge, die das leben oder die schöne warenwelt zu bieten hat, keinesfalls für alle da sind.

    Der »zauber« der kapitalistisch organisierten warenwelt ist keinesfalls die versorgung mit benötigtem zeug, sondern das abschöpfen von kaufkraft. Schau Dir den automarkt an: für zahlungskräftige gibt es Mercedes oder BMW oder was-weiß-ich. Für arme bringt der automarkt auch noch den TataNano, der ist zwar in sachen verkehrssicherheit fragwürdig und wenn man damit fährt, schmort die elektronik durch. Zwar nicht wirklich attraktiv, so ein ding zu kaufen. Aber erschwinglich. So verhält es sich überall in der warenwelt: Es gibt das solide ding, das etwas taugt und seinen preis hat. Es gibt das ding, das nichts taugt aber trotzdem seinen preis hat. Und dann noch diverse varianten für arme. So wird kaufkraft abgeschöpft mit mehr oder minder tauglichen angeboten.

    Mit versorgung der leute hat das jedoch nichts zu tun.

    Wer kein mit kaufkraft gedecktes bedürfnis hat, bekommt nichts.

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