Neues aus Kreuzberg und von Gott

Der Tagesspiegel über Gentrifizierung im westlichen Kreuzberg:

Am Mehringdamm weist die Mietenspirale nach oben. Investoren kaufen jedes Haus, dessen sie habhaft werden können. Im Schlepptau der in jedem Reiseführer erwähnten Bergmannstraße hat sich auch die extrabreite sechsspurige Ausfallstraße aus dem Stadtzentrum nach Süden zu einer attraktiven Touristenverweilzone entwickelt, trotz des dichten Verkehrs…

Das Café do Brasil, seit 2001 am westlichen Mehringdamm angesiedelt, hat geschlossen, das Lokal steht leer. „Die Miete wurde fast verdoppelt“, sagt Inhaber Thomas Kleindienst, von 23 auf 40 Euro pro Quadratmeter, da habe er die Segel gestrichen. In der Bergmannstraße sollen Kneipenmieten innerhalb weniger Jahre verzehnfacht worden sein. Das strahlt aus. Weiter südlich hat das Ø aufgemacht, ein Gourmetschuppen des Ex-Borchardt-Kochs Markus Herbicht. Auch Sänger Herbert Grönemeyer soll mit im Boot sein. Das Ø will vom subversiven Image Kreuzbergs jenseits von „Ordnung und Gelecktheit“ profitieren. So was wirkt ungemein anziehend…

Eigentlich nichts Neues, aber das zumindest anschaulich. Das Image von Kreuzberg jenseits von Ordnung und Gelecktheit wird genutzt, um Ordnung und Gelecktheit zu etablieren und Menschen auszubeuten. Mietverdoppelung, Mietverzehnfachung: Alles kein Problem im Rechts- und Sozialstaat Deutschland. „Investoren“ sind im Kapitalismus sowas wie Gott bei Religionsfanatikern, beiden darf nicht widersprochen werden. In der Bergmannstraße gibt es jetzt ein neues indisches Restaurant, das es vielleicht mit Kampfpreisen und einer sehr großen Fläche irgendwie schafft, dem Eigentümer das Konto zu füllen. Über Bio, vernünftige Löhne oder gar artgerechte Tierhaltung kann man da natürlich nicht mehr reden. Der Investor hätte etwas dagegen.

Man merkt an solchen Beispielen auch, wie sehr die Ideologie, die sich als Nichtideologie sieht, unsere Hirne aufweicht: Rechtsstaat, Sozialstaat, Marktwirtschaft, alles idologisierte Begriffe herrschaftlichen Denkens. Man könnte Deutschland genauso überzeugend als feudalistischen Unrechtsstaat beschreiben.

Eine Hoffnung gibt es allerdings: Wenn Grönemeyer so gut kocht wie er singt, macht der Laden noch vor dem Sommer wieder zu.

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3 Antworten zu Neues aus Kreuzberg und von Gott

  1. Pia Köppel schreibt:

    zu „Investoren als Gott“:
    Walter Benjamin: Kapitalismus als Religion.
    http://raumgegenzement.blogsport.de/2009/11/02/walter-benjamin-kapitalismus-als-religion-fragment-1921/

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  2. hildegardlewi schreibt:

    Stimmt alles. Aber der letzte Satz gefällt mir am besten.

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  3. genova68 schreibt:

    hildegarlewi,
    ich vermutete eher, dass irgendwer mich darauf hinweist, dass Grönemeyer in dem Restaurant vermutlich nicht als Koch arbeitet :-)

    Aber der Sache müsste man eigentlich nachgehen. Der tolle linke, sozial engagierte Sänger sucht nach Verwertungsmöglichkeiten seines Kapitals und gentrifiziert kräftig mit. Wobei ich nichts gegen gute und teure Restaurants an sich habe.

    Pia Köppel,
    danke für den Hinweis, ein schöner Text. Benjamin sagt dort u.a., dass Kapitalismus der Befriedigung derselben Sorgen dient wie früher die Religion, dass man das aber in Gänze erst später überblicken könne, nicht als Zeitgenosse. Und Kapitalismus habe erstens kein Dogma, sondern es gehe nur um einen „Kultus“, vermutlich um die Mehrwerterzeugung, er sei ohne Träume und ohne Dank, also ohne Vision und ohne tieferen Sinn. Der Gott wird verheimlicht, schreibt Benjamin auch, das ist ein typisches Erkennungsmerkmal des Kapitalismus: Die Kapitalisten reden nicht gerne von ihm. „Soziale Marktwirtschaft“ heißt das, was heute schon an Orwell denken lässt.

    Überlassen wir also Marx den weiteren Gang der Geschichte. Demnach wird es irgendwann eh knallen.

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