Wie klingt ein neoliberaler Sänger?

Die Süddeutsche Zeitung bzw. ein Michael Stallknecht über die aktuelle Lage von Opernsängern, wo es offenbar nur noch ein paar Überflieger gibt und ansonsten „Freie“, die sich selbst ausbeuten:

So viel ist klar: Das unterkühlte und risikoarme Singen, das man derzeit oft hört, ist auch der Klang des neoliberalen Sängermarktes.“ (2. Mai, S. 11)

Risikoarmes Singen, um das Engagement zu bekommen; man lernt nicht aus. Vielleicht ein schönes Beispiel, das zeigt, wie massiv die neoliberale Ideologie alles beeinflusst. Sogar die Stimmbänder.

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5 Antworten zu Wie klingt ein neoliberaler Sänger?

  1. eb schreibt:

    Bis in die tiefsten Ritzen,
    – zieh’n strategisch profitable Spitzen.
    Biedern an,
    – was man noch verkaufen kann.
    Auch die Kunst,
    – sucht künstlich dann die Gunst.
    Auf Märkten, die nichts and’res wollen,
    – als eigene Geister, – die funktionieren sollen.

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  2. genova68 schreibt:

    Wow. Einer der besten Kommentare ever, wie man sagt. Danke.

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  3. Chris(o) schreibt:

    Auch ich bin beeindruckt!

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  4. lemmy Caution schreibt:

    Risiko im Neoliberalismus ist so ein interessanter Punkt. Das war für mich eine beständige Frage über diese letzten Jahre. Die Ideologie stellt das Ringen mit den durch Risiken gestellten Herausforderungen als eine Hauptquelle eines kreativen, alle Boote hebenden Prozesses dar. Die Lautsprecher der Ideologie als besitzen aber in aller Regel erstaunliche Fähigkeiten, sich gegen Risiken abzusichern. Ökonomisch geschulte Menschen besitzen schon kraft ihrer Ausbildung ein hohes Bewusstsein bezüglich der Kosten von Risiken und eine gleichsam reflexhafte Art jenes auf fremden Grundstücken zu parken. Die Akteure der Finanzmärkte luden die Kosten der Risiken ihrer Aktivitäten bei den Staatsfinanzen ab. Alles was ich so über die privatisierte Grundversorgung mit Wasser und Strom lese, weist darauf hin, dass die sich in den Verträgen stark gegen Risiken absichern. Ein Wegfall staatlicher Finanzierung der Hochkultur führt sehr wahrscheinlich zu Geschäftsmodellen, in denen eher versucht wird einen gegenwärtigen Geschmack zu bedienen statt einen zukünftigen Geschmack zu kreieren. Viele der letzten Aufsteiger-Nationen hin zu technologischen bleeding edge haben starke sozialstaatliche Traditionen oder Gewerkschaften. Japan und Südkorea etwa. Chilenische Unternehmer gelten auch nach 40 Jahren Neoliberalismus immer noch als extrem risikoscheu, renten-orientiert und wenig innovativ. Da entstanden allenfalls copycats europäisch/nordamerikanischer Handels- und Dienstleistungs-Unternehmen, die kostenmässig stark von systemischen Kapitalmarkts-Subventionen und politisch niedrig gehaltenen Lohnkosten profitierten sowie auf der Basis von staatlichen Vorarbeiten operierende Rohstoff-Exporteure. Jeder, der beruflich nah am teutonischen Ingeniörswesen steht, weiss um die Bedeutung der sehr starken staatlichen Strukturen um so was wie gute staatliche Hochschulen, Fraunhofer-Institute, etc. Die beiden Potentiale aufzeigenden Gipfel Chiles, also Metro de Santiago und die Rettung der 33 Bergleute sind entweder para-staatlich bzw. beruhten weitgend auf Personen, Maschinen und Konzepten der staatlichen CODELCO.

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  5. genova68 schreibt:

    Ja, ein interessanter Punkt. Es fällt hierzulande seit Jahren auf, dass es fast ausschließlich gut abgesicherte ältere Herren sind, die Einschnitte und mehr Risiko, mehr Wagnis anderer fordern, am besten mit einem C4-Lehrstuhl. Es ist eine große Verblendung, aber auch eine Meisterleistung neoliberaler Propaganda, dass die Begriffe und die Realitäten komplett verdreht werden. Private Mehrwerterzeugung lohnt sich vor allem, indem man staatliches Vermögen abgreift,was dann euphemistisch Privatisierung nennt. Oder indem man mit Schröder die private Rentenversicherung erfindet. Die Wasserversorgungsbeispiele sind da auch aufschlussreich. In Berlin gab es dazu vor einer Weile einen Volksentscheid (der von den Medien fast ignoriert wurde), der positiv beschieden wurde: Die Verträge zwischen Stadt und privaten Betreibern musste offengelegt werden. Da kam heraus, dass es massive Gewinngarantien der Kommune für den Privaten gab.

    Neoliberale Politik zielt nicht auf mehr Konkurrenz oder mehr Markt ab, sondern auf das Gegenteil, auf möglichst monopolistische Strukturen und die Erbeutung staatlichen, also gemeingesellschaftlichen Vermögens. Nicht ohne Grund, denn dort ist die Mehrwerterzeugung am produktivsten.

    Interessant der Passus zu den ausgeprägten sozialstaatlichen Traditionen in den Aufsteigerländern. Davon profitiert das Kapital in Deutschland derzeit ja auch. Es wird also einerseits Tarifpartnerschaft gelobt, diese aber zugleich angegriffen. Das neue Lumpenproletariat in Deutschland lässt sich nicht vertreten und wird nicht vertreten. Der deutsche Ingenieur sehr wohl. Diese Traditionen sind irgendwann keine mehr.

    Die Passage mit dem unterkühlten Singen verstand ich so, dass es so eine Art Mittelweg des Singens gibt, auf dem man beim Vorsingen am ehesten überzeugt, so wie Dieter Bohlen. Oder wie das Phänomen, dass bei Radiomusik die Dynamik komplett weggelöscht wird, alles ist gleich laut, alles ist gleich bassig. Das Andere wird damit verdrängt, weil es nicht marktkonform ist.

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