1950

Mit der Architektur der 1950er Jahre in Deutschland ist das so eine Sache. Wie ist die einzuordnen? Die offizielle Lesart ist ja die: Die junge Bundesrepublik wollte sich von allem Mackertum lossagen und übte sich deshalb auch architektonisch in Bescheidenheit. Dafür stehen Leute wie Eiermann, Ruf, Schwippert. (Dass auch und gerade die hochrangigen Naziarchitekten unmittelbar nach Gründung der BRD ihre Karriere meist bruchlos in westdeutschen Städten fortsetzen konnten – Düsseldorf und Hannover sind die bekanntesten Beispiele – gerät erst nach und nach ins öffentliche Bewusstsein.)

Nun gerät diese Perspektive ins Wanken. Der Städtebautheoretiker Thilo Hilpert beschreibt das in einem Interview in der Arch+ (Nr. 200, S. 74 f.) so:

Was man heute in der Nach-Postmoderne-Ära als wohltuende Ehrlichkeit, als detailsaubere Nüchternheit, als im Angesicht von Architektenstarkult und Marketinggehabe erfreuliche Zurückhaltung interpretieren kann, war damals vielleicht schlicht ein Anwenden des „Keine Experimente!“-Slogans in der zu bebauenden Umwelt, verbunden mit der aus der Vergangenheit begründeten und unter allen Umständen zu vermeidenden Monumentalität. Vom Architekten vieler moderner Kirchen, Rudolf Schwarz, ist die Aufforderung überliefert

„Bilde, Künstler, und rede nicht!“

Schmale Profile, sanft geschwungene Treppen, dünne, schmucklose Geländerstreben, diese ganze Zurückhaltung als Ausdruck des Bestrebens, nur nicht mehr experimentieren zu wollen?

So sind merkwürdige Verteidigungshaltungen entstanden: Während die Progressiven, eine linke Architektur Suchenden und Verteidigenden die herausragenden Beispiele guter 50er-Jahre-Architektur auf die Denkmallisten setzen und den Zeitgeist einer wie auch immer gewendeten Zurückhaltung bewahren wollen, plädieren die Rechten heute für einen Abriss der damals konservativen Architektur und wollen sie durch heimattümelnden Kaiserzeit- und Mittelalterkrempel ersetzen, siehe Marktplatz Hildesheim, Altstadt Frankfurt, Schlösser Braunschweig und Berlin, die mittlerweile unzähligen Heile-Welt-Outlets in vollendetem Kitsch und mehr. Die Progessiven haben also eine konservative Architektur sinnhaft umgemünzt, die Rechten sehen im  damaligen Konservatismus eine Stilrichtung, die eigentlich schon viel zu international und der Moderne verpflichtet war, die eine deutsche Identität nicht abzubilden vermag.

Da ich bei dem Thema nicht weiterkomme: fade out.

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8 Antworten zu 1950

  1. Jakobiner schreibt:

    Also ich kenne mich mit der 50er Jahre Architektur überhaupt nicht aus, habe nur ein Büch über deutsche Architekten gelesen, in dem geschrieben steht, dass sich die KPD-Leute ums Bauhaus gruppierten und die Nationalsozialisten um eine Archtitektengruppe unter einem Professor der Münchner TU. Mir gefällt aber weder das Bauhaus, noch dieser klassizistisch-pompöse Stil der Rechten, aber ebenso wenig der Baustil der 50er Jahre.Alles irgendwie hässlich und daneben. Die Altstadt Frankrfurt finde ich gar nicht daneben–mir gefällt es um den „alten“ Römer herum. Was soll daran rechts oder hässlich sein? Zumal bin ich als Asienreisender die hässlichen Megacities Asiens gewohnt und fühle mich im Millionendorf München und anderen deutschen Städten, die sich ihren– im Vergleich zu asiatischen Megacities– durchaus dörflichen und kleinstädtlichen Charakter bewahrt haben wohl.

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  2. Jakobiner schreibt:

    Tip an Genova: Reise erst mal nach Peking, Shanghai, Bombay, Mexiko City, Tokio oder Bangkok–dann reden wir nochmals über deutsche Stadtarchitektur.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Und was mich ohnehin nervt an diesem Blog: Tausende Photos städteplanerischer Sünden und archtitekotinischer Fehler, ohne halt andere Seiten der Grossstädte zu zeigen, die durchaus gelungen sind oder mal selber einen Vorschlag zu machen, was man sich denn architektonisch selbst vorstellt. Immer nur Niedermachen, aber eben keine Optionen und Alternativen!!! Da war „Grün kaputt!!“ damals eine ernstzuinehmeden Streitschrift, aber bei Genova vermisse ich selbst dies!!!

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  4. Jakobiner schreibt:

    Ja, Genova sollte mal eine Gruppe ihm genehmer Architekten zusammenbringen, um das „Neue Berlin“ zu entwerfen. Alles andere ist nur destruktiv und ohne Idee!!!

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  5. besucher schreibt:

    Es gibt auch in Köln genügend Plätze die betonverschandelt daherkommen:

    Und auch der Architekt der Domplatte muss sich den Vorwurf gefallen lassen dass es jetzt aussieht als wäre der Dom von unten durch die Platte nach oben geschossen.

    Also: Beton wegsprengen! Die Verhältnisse auf den Plätzen zum Tanzen bringen!

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  6. genova68 schreibt:

    „Also ich kenne mich mit der 50er Jahre Architektur überhaupt nicht aus“

    Ja, dabei hättest du es belassen können.

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  7. genova68 schreibt:

    Tja, hierzu bekomme ich keine Antwort. Aber wäre ja auch zuviel verlangt von einem Quasselblog wie diesem.

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