Heinrich August Winkler und der Geist der Zeiten

„Wie stabil ist die Demokratie in Deutschland?“, fragte kürzlich Anne Will in ihrer Talkshow. Unter anderem fragte sie den Historiker Heinrich August Winkler, den man vielleicht kennt, weil er sich in den 1980er Jahren in den Historikerstreit einmischte, Habermas zur Seite sprang und Nolte angriff. Er gilt als irgendwie linksliberal und sozialdemokratisch. Bei Anne Will betonte Winkler zuerst, wie wichtig die sozialen Reformen des New Deal im Amerika der 1930er Jahre für die dortige Demokratie war.

Anschließend behauptete er (ab. ca. 53.10 min):

„Ohne die Agenda 2010 würde es Deutschland wirtschaftlich und sozial sehr viel schlechter gehen. Deswegen bemühen sich einige westeuropäische Staaten, etwas ähnliches zu unternehmen, um Wettbewerbsfähigkeit, aber auch um soziale Gerechtigkeit zu befördern.“

Das ist eine für heute typische Situation. Es herrscht in weiten Teilen des bürgerlichen Lagers diese völlig oberflächliche und damit falsche Analyse der Lage vor. Jeder, der es wissen will, weiß, dass es sich anders verhält. Deutschland hatte auch um 2000 herum eine außerordentlich konkurrenzfähige Wirtschaft, die jedes Jahr Exportüberschüsse erzielte. Die durch die Agenda 2010 verbesserten Konditionen fürs Kapital, vorherige Steuersenkungen sowie Lohndumping und die Verschiebung der Lohnquote zulasten der Arbeitnehmer (die Lohnquote sank zwischen 2000 und 2006 von 72 auf 66 Prozent – Ergebnis rot-grüner Politik) führten zu Problemen in den anderen Euroländern, weil deutsche Produkte billiger wurden. Daneben ging der Binnenkonsum relativ zurück. Deutsche Produkte mussten zunehmend im Ausland abgesetzt werden, das sich volkswirtschaftlich dafür verschuldete. Es ist eine Politik auf Kosten anderer. Der Außenhandelsüberschuss der einen ist das Außenhandelsdefizit der anderen.

Gleichzeitig wurde durch diese Politik so viel Kapital hierzulande frei und eben nicht real investiert, dass die Banken es anders loswerden mussten. Die Südländer standen bereit und freuten sich über massenhafte Kreditvergabe ohne ernsthafte Bonitätsprüfung. Nun kracht es. Volkswirtschaftlich ein Wahnsinn. Die Masse der Leute hierzulande hat aber nichts von der ökonomisch so tollen Bilanz „Deutschlands“.

„Deutschland“ steht also nur in ökonomischen Bilanzen gut da, die notwendigerweise eine dunkle Kehrseite haben, die früher oder später sichtbar wird, gerade in einem gemeinsamen Währungsraum. Es ist eine neoimperialistische, aggressive Politik, die das Gegenteil von demokratiefördernd ist.

Das ist nicht schwer zu begreifen, aber dennoch begreift Winkler es nicht, obwohl er diese Zusammenhänge in Bezug auf die USA der 1930er Jahre selbst betont. Woran liegt das? Wird der schon immer überschätzt? Die Personalisierung von „Deutschland“ lässt darauf schließen. Wer ist Deutschland? Oder blickt ein Historiker nur in der Vergangenheit durch? Müsste man ihn in 100 Jahren noch einmal fragen? Oder anders gefragt: Wie will jemand Urteile über komplizierte historische Verhältnisse bilden, wenn er in konkreten und relativ überschaubaren Situationen zeigt, dass sich seine Analysefähigkeiten auf Stammtischniveau bewegen?

Dazu kommt in Winklers Zitat der Zynismus, Millionen von Niedriglöhnern auszublenden und die fatale Situation in Griechenland, Spanien und Portugal zu beschreiben als einen Versuch, die soziale Gerechtigkeit zu fördern. Aus Winklers Perspektive eines Beamten mit hoher lebenslänglicher Pension ist das noch zynischer. (Die inneren und hausgemachten Probleme dieser Länder werden hier nicht geleugnet, aber darum geht es gerade nicht.)

Es zeigt sich hier erneut nicht nur der katastrophale intellektuelle Zustand der deutschen Gesellschaft, sondern auch der der deutschen Sozialdemokratie  – neben Winkler saß Gabriel bei Anne Will, der diese Legende munter mitpflegte. Sonst müsste er sich wohl selbst beerdigen. Auf diese Form der Geschichtsklitterung hat man sich hierzulande mehrheitlich geeinigt. Es ist befremdlich. Winkler und Gabriel brauchen nicht mal mehr neoliberal deformierte Begriffe wie „Reform“. Nein, sie lügen einfach die antiemanzipatorischen Ergebnisse ihrer Politik weg.

In den Medien muss man ziemlich weit nach links gucken, um eine seriöse Analyse der Tatbestände geliefert zu bekommen. Der Rest ist gekauft durch die ökonomischen Verhältnisse in den Verlagen, korrumpiert durch das kapitalistische System, durch die Verhältnisse. So wie sich rot-grün durch den BDI, durch Bertelsmann, durch Springer und andere korrumpieren ließ. Es läuft wie geschmiert.

„Was ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln“, lässt Goethe den Faust sagen. Goethe gehört ja angeblich zum Bildungskanon hierzulande, da stimmen sicher auch Winkler und Gabriel zu. So geht Sozialdemokratie heute.

Dabei sind solche Debatten wie die bei Anne Will wichtig, denn die Perspektive auf Geschichte entscheidet über deren Beurteilung.

Geschichte wird gemacht. Leider auch von Pappnasen wie Winkler und Gabriel.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland, Finanzkrise, Geschichte, Kapitalismus, Medien, Neoliberalismus, Politik abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Heinrich August Winkler und der Geist der Zeiten

  1. Peleo schreibt:

    Gut getroffen. Diese Sicht ist weit verbreitet, auch bei Radio-Kommentatoren.

    Aber peinlicher noch für den Star-Historiker: Er kennt offenbar nicht das Schuldenabkommen von 1953 (?). Das sah für die BRD vor, was den Südländern jetzt nicht zugestanden wird, nämlich ein Schuldendienst nur aus Handelsbilanz-Überschüssen. Keine Überschüsse – kein Schuldendienst, also das Moratorium, das in den „linken“ Medien, vor allem: Blogs, gefordert wird.

    Immerhin hat ein anderer Star-Historiker jetzt in der ZEIT die Vermögensverteilung thematisiert. Wenigstens das kriegen die Bildungsbürger jetzt mit. Ob´s was nützt?

    Gefällt mir

  2. genova68 schreibt:

    Danke für den Hinweis. Ja, das Schuldenabkommen von London 1953. Das ist kaum im Bewusstsein, obwohl ohne das Deutschland praktisch zerstört worden wäre. Die Schulden des Krieges hätte man nie zurückzahlen können. Es war ja im wesentlichen eine Schuldenstreichung, die da stattfand.

    Um welchen Historiker in der Zeit handelt es sich denn? Wehler?

    Gefällt mir

  3. Peleo schreibt:

    Ja, Wehler. Lt. einem Leserbrief hat er zwar möglicherweise einige Zahlen verwechselt, aber insgesamt für einen Professor ein bemerkenswert engagierter Beitrag.

    Gefällt mir

  4. genova68 schreibt:

    Lustig. Ich habe den Wehler wirklich nur spontan geraten.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s