Athen III

Als Goethe im Verlauf seiner italienischen Reise nach Paestum kam, war er enttäuscht. Er befand sich „in einer völlig fremden Welt“ und empfand die „stumpfen, kegelförmigen, enggedrängten Säulenmassen“ der beiden Tempel „lästig, ja furchtbar“. Aber Goethe wäre nicht Goethe und seine Aufzeichnungen der italienischen Reise nicht heute noch lesenswert, wenn er es dabei hätte bewenden lassen.

„Doch ich nahm mich bald zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der Zeit, deren Geist solche Bauart gemäß fand … und in weniger als einer Stunde fühlte ich mich befreundet.“

Goethe beschäftigte sich also mit seinem Sujet. Und er lief fast alleine in Paestum umher, heute ist man an solchen Orten nie alleine.

Reiche Brasilianer in großen Gruppen, eine hektische chilenische Geschäftsfrau auf der Durchreise, die schnell die Akropolis mitnimmt, rein körperlich, gigantisch große Schulklassen irgendwo aus Griechenland: Es sind alle da. Es sind alle schnell. Es ist ein merkwürdiges Phänomen: Die Akropolis gilt als einer der bedeutendsten Ort der Welt, zumindest der westlichen Welt, was Baukultur und Geistesgeschichte angeht, aber es ist real offenbar nur ein Punkt zum Abhaken. Die Akropolis ist nur Teil der üblichen Fast-Food-Kultur.

Ein gut situiertes Ehepaar aus Florida, um die sechzig, mit der Amerikanern üblichen Mischung aus Feistheit und Freundlichkeit: Ein kurzer Blick auf die Ruinen, dann kommen sie mit einem ähnlich situierten und ähnlich alten Ehepaar aus Australien ins Gespräch. Man steht ruinenabgewand herum, schaut auch nicht auf die Stadt herunter und unterhält sich ausschließlich über Praktisches: Der Streik in der Stadt, die Qualität des Hotels, die Dauer des Aufenthaltes, der Name der Fluglinie, wann wohl wieder Taxis fahren werden. Man könnte auch in Florida oder Sydney auf einem Supermarktparkplatz stehen.

Ein Australier um die dreißig will eine Frau kennenlernen. Das beste Mittel: Er bittet sie um darum, ein Foto zu knipsen, im Vordergrund er, im Hintergrund das Parthenon, das er sich noch gar nicht angeschaut hat. Danach schaut man sich gemeinsam das Foto auf dem Display an. Die Frau ist Deutsche aus München und erfährt nun, dass der Australier gerade auf Weltreise ist. Acht Monate hinter, vier Monate vor sich. Wo er schon war? „Berlin, Dresden and whole asia“. So geht das. Ihm geht das Gereise offensichtlich auf den Sack, alleine, ohne Interesse und nun hat er sich vom Lonely Planet auch noch das alte Gerümpel als Kulturgut andrehen lassen. Aber wer Geld hat muss reisen und good old Europe heißt nun mal auch Akropolis, was soll man da machen?

Es ist ausgeschlossen, dass der moderne Tourist die Akropolis als lästig und furchtbar empfindet. Dazu müsste er die Fähigkeit besitzen, überhaupt etwas zu empfinden. Es ist eine Stumpfheit, die wohl zeitbedingt ist. Es muss schnell gehen und es gibt noch viele andere Ziele. Es gibt kein Staunen mehr, sondern Abhaken.
Es hängt wohl mit diesem merkwürdigen Bildungsbegriff zusammen: Bildung ist wichtig heute, also rennen die Massen auf die Akropolis und in jede toskanische Kirche, die ihnen der Reiseführer für Individualisten als sehenswert markiert. Interessieren tut sie nichts.

Wieso sollen sich auch die Massen für alte Kirchen interessieren?

Mir sind die Prolls lieber, die Leute, die sich zehn Tage in Benidorm in die Sonne legen und Sangria aus Eimern trinken und nachts auf eine Frau oder einen Mann. Die machen das, was ihnen gefällt und was die anderen insgeheim auch am liebsten machen würden. Die sich aber nicht trauen, weil sie den lächerlichen Anspruch, den die Herrschaft an sie stellt, erfüllen wollen.

Die rüstigen Senioren aus Florida, die rüstigen Australier und der weltreisende Einsame: Sie hätten sich in Benidorm besser amüsiert, ohne die mühselige Kraxelei und das ständige So-tun-als-ob. Ein Hoch auf den Ballermann.

Und auf die Akropolis.

Weiteres zu Athen:

Athen II

Athen I

(Fotos: genova 2012)

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2 Antworten zu Athen III

  1. besucher schreibt:

    Das Dumme ist nur dass man in Benidorm dann auch nur Gestalten abbekommt auf die man sich vielleicht gerade noch nach einem Eimer Sangria drauflegen würde. Wer ein bisschen mehr Qualität möchte sollte sich doch mit Kunst auseinandersetzen.

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  2. genova68 schreibt:

    Ok, man sollte sich also mit Kunst auseinandersetzen, damit man was Schönes zum danach Drauflegen bekommt. Ein Argument, das nicht von der Hand zu weisen ist, wobei der Beweis geführt werden müsste, dass die Kunstinteressierten auch die Schöneren sind. Das könnte ein vorschnelles Urteil sein.

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