Athen II

Kraftvoll, wütend, entschlossen: So kann man die Atmosphäre der Demonstration am 7. November in Athen gegen Sparbeschlüsse der Regierung beschreiben. Versuch einer Eindrücklichmachung.

Es ist zwar schon zwei Monate her und meine Aufzeichnungen habe ich mittlerweile auch verbaselt, aber ich möchte dennoch kurz meine Eindrücke von einer Demonstration in Athen am Mittwoch, den 7. November 2012 zu Protokoll geben, bei der ich eher zufällig anwesend war. Hintergrund war eine Parlamentsdebatte, die am späten Mittwochabend weitreichende Kürzungen beschließen sollte. Vorausgegangen war ein zweitätiger Generalstreik, der nicht nur so heißt. Der komplette öffentliche Dienst inklusive der Taxen hatte sich angeschlossen.

Die Demo war Tage zuvor auf hunderten Plakaten in der ganzen Stadt angekündigt worden, aber, soweit ich das sehe, nicht angemeldet. Es kamen dennoch 70.000. Die Polizei sperrte Straßen für den Autoverkehr und es war offenbar die Stadtverwaltung, die aus Lautsprechern, die dauerhaft an den Straßenlaternen zu hängen scheinen, nette, beruhigende Musik ertönen ließ.

Das half aber wenig, denn die Leute waren wütend. Nicht nur ein paar Junge, die Krawall machten, sondern alle: Gewerkschaftler, Parteimitglieder, Rentner, Teenies, Junge, Alte. Die Menge zog aus verschiedenen Richtungen am Abend in Dunkelheit auf den Syntagma-Platz, der direkt vorm Parlament ansteigt.

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Dann fing es an zu regnen. Junge pakistanische Einwanderer waren sofort zur Stelle und verkauften Regenschirme, fünf Euro das Stück. Ältere Gewerkschaftler handelten sie auf drei Euro runter und zogen beschirmt weiter.

Die griechische Linke ist offenbar recht nationalistisch. Jedenfalls bieten Straßenhändler am Rande der Demo griechische Flaggen an. Die Griechen, die demonstrieren, sollten aber kapieren, dass sie mit ihrer Flagge nichts reißen, eher im Gegenteil. Glücklicherweise habe ich niemanden gesehen, der solch eine Flagge auch gekauft hätte.

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Es geht bei einer Demo auf dem Syntagma-Platz augenscheinlich um nichts geringeres als um die Erstürmung des Parlamentsgebäudes. Haufenweise werden Leuchtraketen auf die Fassade und übers Dach geschossen, ein paar hundert Polizisten stehen schwerbewaffnet davor und demonstrieren Entschlossenheit. Sehen können sie wohl wenig, denn aus der Schar der Demonstranten wird ihnen pausenlos mit Lasern ins Gesicht geleuchtet. Es scheint, das einzige, was die herrschende griechische Klasse derzeit rettet, ist die Topographie, nämlich der Anstieg auf dem Syntagma-Platz: Um das Gebäude einzunehmen, muss man bergauf. Und oben stehen Polizisten. Ginge es bergab, so meine Einschätzung, wäre dieser merkwürdige neoklassizistische Klotz schon längst gefallen. Eine Bannmeile gibt es in Griechenland nicht; Griechen, denen ich von dieser Erfindung erzählte, reagierten mit Unverständnis.

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Es beginnen die üblichen Scharmützel von ein paar hundert Vermummten, die Polizei schießt zurück, mit Wasserwerfern und Unmengen an Tränengas. Viele Demonstranten haben Mundschutzmasken aus dem Krankenhaus dabei, wer noch nicht versorgt ist, kann sich auf die jungen pakistanischen Einwanderer verlassen, die nun, nachdem der Regen aufgehört hat, Mundschutzmasken anbieten. Den Preis habe ich nicht ermittelt.

Die Masken sind nötig, denn nach einer Weile ist nicht nur der Platz komplett mit Tränengas eingedeckt, sondern das ganze Viertel. Die Frage, welche Straße man längsgehen soll, wird durch die Heftigkeit des Augenbrennens entschieden.

Es ist eine ganz andere Demo als man das aus Deutschland kennt. Die Leute sind wütend, schreien, singen, haken sich unter und stehen alle unglaublich dicht, tausende von Menschen auf einem abschüssigen Platz mit vielen Treppen. Eine Panik würde zu üblem Getrampel führen. Einzelne Gruppen haben Anführer, die immer wieder Zeichen geben: vor, zurück, zur Seite. Die Menge folgt. Im Zweifelsfall geht es darum, dichter ans Parlament und den Krawallbereich zu kommen. Es machen alle mit, egal welchen Alters. Auch anders: Kaum jemand fotografiert oder filmt. Es gibt keine Beobachter, sondern nur Teilnehmer.

Es ist intensiver. Vorbeifahrende Polizeiautos werden mit allem beworfen, was man gerade in der Hand hat, Polizisten werden extrem angebrüllt, die wiederum schlagen ordentlich auf wehrlose Leute, auch Frauen ein. Angeblich wählen 50 Prozent der griechischen Polizisten die rechtsradikale Partei der Morgenröte. Brennende Mülltonnen in der angrenzenden Altstadt entzücken Touristen, die mit Rollkoffern passieren.

Alexis Tsipras von der SYRIZA kam auch aus dem Parlamentsgebäude raus und sprach mit den Demonstranten. Dann ging er rein und stimmte dagegen. Nehme ich zumindest an.

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Aufgelöst wurde die Demo schließlich durch einen spät am Abend einsetzenden Starkregen, der die Straßen in Bäche verwandelte und die Masse zum Heimgehen animierte. Jetzt tauchten erneut die jungen pakistanischen Einwanderer auf, diesmal wieder mit Schirmen. Nun kaufte ich mir einen.

Ich handelte nicht. Der Schirm leistet mir im verregneten Deutschland seitdem gute Dienste.

Die Parlamentarier entschieden sich in dieser Nacht schließlich für die Annahme des Sparpakets. Die Zahl, die am nächsten Tag in allen Zeitungen auf der Titelseite zu lesen war: 153. So viele Parlamentarier stimmten für das Paket. Im Parlament sitzen insgesamt 300 Abgeordnete. Die Regierung verfügte im November eigentlich noch über 169 Sitze.

Spitz auf Knopf in Griechenland. Vielleicht hätten die Demonstranten noch mehr Leuchtraketen mitbringen müssen. Oder die Pakistanis mehr Mundschutzmasken. Oder die Topographie zu ihren Gunsten verändern.

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Zurück im Hotel im TV: Merkel dumm lächelnd in Brüssel. Zum ersten Mal fand ich diese Frau ernsthaft zum kotzen.

Tags drauf konnte man sehen, woher die Demonstranten ihre Wurfgeschosse hatten: Lustigerweise Marmorbrocken aus den Treppenstufen der an den Syntagmaplatz angrenzenden Luxushotels, die im ersten Bild links zu sehen sind.

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Aber die fleißigen Griechen haben gleich alles repariert.

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Wie auch immer: Die notleidenden Griechen sollten ihrer herrschenden Klasse auch künftig ordentlich aus Maul hauen. Und danach in Berlin vorbeischauen. Von Griechen kann man lernen.

(Fotos: genova 2012)

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Eine Antwort zu Athen II

  1. besucher schreibt:

    Hehe, die griechische Linke und nationalistisch: im Notfall kommt erst das Fressen und dann die Moral. Oder anders: das Hemd ist näher als die Hose. Kennt man doch. Auch ein Tsipras wird genug Lafontaines und Elsässers in seiner Partei haben: Ohne die geht es nicht, man muss seine Klientel bei der Stange halten. Übrigens, schade, noch kein Artikel über Broder und das Walser-Halbblut Augstein hier.

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