Bildanalyse. Heute: Gerhard Richter

Im Folgenden drei eher unbekannte Bilder von Gerhard Richter, die ich kürzlich in einer Privatsammlung fotografieren durfte. Sie sind alle drei 1989 entstanden und im Zuge der Revolutionswirren nicht weiter beachtet worden. Die zugrunde liegenden Fotos klaute Helmut Schmidt in Stammheim aus den Prozessakten und ließ sie ein paar Jahre später bei einem Atelierbesuch seines Freundes Gerhard Richter liegen.

Richter nutzte die Gunst der Stunde. Sie gehen dem Zyklus 18. Oktober 1977 zeitlich knapp voraus, denn sie thematisieren Momentaufnahmen einer Top-Terroristin, wie man sagt, kurz vor ihrer Festnahme. Es sind die letzten drei Fotos von Frau Ensslin überhaupt.

Das erste Bild Landschaft II zeigt die Flucht Gudrun Ensslins aus der Modeboutique, geknipst vom Rücksitz des Fluchtwagens, einem orangefarbenen BMW 1802 mit Doppelvergaser. Man bemerkt sofort die bleierne Schwere der norddeutschen Landschaft, die verseuchte Natur, die sinnbildlich für die erstarrten und spätkapitalistisch deprivierten Verhältnisse der seinerzeitigen BRD stehen:

 
Zweites Bild, Landschaft IV, gleiches Thema; die Polizei ist ihnen auf den Fersen. Es wird hektischer, diffuser; die Bedrohung von Baader und Co. überträgt sich auf die Kamerahaltung:

 
Nach der Festnahme erfolgt der Transport nach Stammheim; im Panzerglasmercedes, auf deutscher Autobahn, mit Höchstgeschwindigkeit (Landschaft CIX):

 
Die Kamera wurde Frau Ensslin übrigens am 17. Oktober 1977 auf Anweisung Helmut Schmidts abgenommen. Er wollte nicht, dass sie auch noch ihren Selbstmord knipst. Eine Frage der Pietät.

(Bilder: G. Richter 1989, abfotografiert von genova 2012)

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4 Antworten zu Bildanalyse. Heute: Gerhard Richter

  1. hanneswurst schreibt:

    Helmut Schmidt IST Gudrun Ensslin, der Austausch fand in den frühen Morgenstunden des 18. Oktobers 1977 statt. So viel zu seiner / ihrer enormen Vitalität. Ensslin schlug drei Fliegen mit einer Klappe: Geschlechtsumwandung, modische Frisur und Unterwanderung der Republik. Im Gegenzug musste sie leider ihr Biotop in Stammheim verlassen. Baader wurde erst 1989 durch die CIA gestellt (in der Gestalt von Alfred Herrhausen drohte er das Bankensystem zu sozialisieren), Raspe 1991 (in der Gestalt von Detlev Rohwedder hatte er versucht, die Folgen der Privatisierung der Volkseigenen Betriebe sozialverträglich zu gestalten; Mitterand befahl Kopfschuss).

    Die gezeigten Aufnahmen stammen nicht von Gerhard Richter, vielmehr wurden sie 1992 von dem eher unbekannten Bildhauer Albert E. Bronkowicz in volltrunkenem Zustand aus einem fahrenden Zug heraus aufgenommen und gerieten dann als Pionierleistung der Digitalfotographie durch Erwerb auf einem Floh- und Antikflohmarkt in Richters Hände.

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  2. Tony Mach schreibt:

    Der letzte Absatz, ein Fnord.

    Danke, für dieses schöne Gefühl die Fnords sehen zu können.

    I can see clearly the fnords, now that the rain is gone
    I can see all obstacles in my way
    Gone are the dark clouds that had me blind
    It’s gonna be a bright sun-shiny day

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  3. genova68 schreibt:

    Schmidt ist Ensslin? Wahnsinn, hätte ich nicht gedacht. Danke für den Hinweis. In den Mainstreammedien findet man solche Meldungen ja nicht, gut, dass es Blogs gibt.

    Interessant auch deine Interpretation der Bilderherkunft. Allerdings können die Fotos nur von Herrn Bronkowicz gemacht worden sein, wenn er mit im Fluchtwagen saß. Auch davon liest man in den Mainstreammedien nichts. Mal in Blogs nachgucken.

    Tony,
    keine Ursache.

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  4. ben schreibt:

    Groß-ar-tig! (die Fotos natürlich)

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