Berlin: konformistisch umzingelt

Der niederländische Architekt Winy Maas auf die Frage, wie er Berlin im Zusammenhang mit Innovation sieht:

„Ich liebe und hasse Berlin. Die Stadt ist ein liebenswerter Ort. Bei niedriger Wirtschaftsleistung kann man hier eine Menge Freizeitspaß haben. Wie könnte man also gegen Berlin sein? Auf der anderen Seite pflegen eure Wortführer auf städtebaulichem Gebiet einen enormen Konformismus, sie umzingeln Berlin mit klassischen Baublocks. Die Art, wie sie den Städtebau festlegen, tötet viele mögliche Experimente.“

Meine Rede. Berlin ist, wie hier kürzlich beschrieben, noch in der angenehmen Situation, dass eine Menge fitter Leute von außen kommen und hier loslegen. Die zunehmende kapitalistische Zurichtung wird das nach und nach abwürgen.

Die „Wortführer auf städtebaulichem Gebiet“ sind nach wie vor massiv beeinflusst von dem unseligen Hans Stimmann, dem Sarrazin der Architektur, der die Entwicklung der Stadt auf unvorhehbare Zeit auf eine katastrophale Art bestimmt hat und mit flachen Publikationen weiter bestimmt. Stimmann hat mit seinem Begriff der kritischen Rekonstruktion den Begriff der Kritik denunziert. Das historische Gedächtnis der Stadt erfahrbar machen, wie das genannt wurde. Das historische Gedächtnis der Stadt sind jetzt Blöcke, die fassadenmäßig kleinteilig kaschiert werden, um die wahren Eigentumsverhältnisse zu verschleiern. Die Kaschierung findet statt, um die immergleiche Stahlbetonbauweise zu verkleiden, mit in der Regel schlampig angehängten Billiggranitplatten, die dem ordentlichen Deutschen sowas wie Solidität vorgaukeln. Zwischen die Platten schiebt der Passant Abfall. Eigentlich unglaublich, dass das Haus in der Brunnenstraße von Brandlhuber das weit und breit einzige Beispiel für wirklich interessante Architektur ist, die außen und innen und bei der Materialität und auch von der Kostenseite her Neues bietet.

Stimmann wirkt auch sechs Jahre nach seinem Abdanken massiv nach. 15 Jahre hat diese intellektuelle, banale und sozialdemokratische Einöde hier die Pfähle gesteckt. In seine Verantwortlichkeit fällt auch der Abriss des Ahornblatts, nur um an diese Katastrophe einmal wieder zu erinnern.

Dass sich trotz der vielen fitten Leute hier einer wie Stimmann austoben darf, macht stutzig. Offenbar wird den Kreativen, wie man sagt, ein paar Ecken gegeben, in denen sie sich austoben dürfen. Den Rest besorgen die Erwachsenen.

Libeskind hatte seinerzeit ganz anderes vor, am Potsdamer Platz. Er wurde von Stimmann und seinem Vordenker Fritz Neumeyer zurückgepfiffen. Natürlich. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass zwischen den vielen banalen Christenarchitekten ein Jude sich besser zurückhalten soll.

Es war damals die angeblich größte Baustelle Europas, auf jeden Fall die meistbeachtete. Es sollte der tollste Platz der Welt werden, nach Aussage der Erbauer. Alle schauen auf Berlin, was sonst. Heraus kam ein Shoppingcenter in einer größtenteils dümmlichen, banalen Kommerzarchitektur. Ein Platz, wie er in Bielefeld oder Ludwigshafen stehen könnte (und auch steht). Das wäre nicht so tragisch, wenn man sich nicht vorher den Anspruch gehabt hätte, mehr bieten zu müssen als Bielefeld. So macht man sich lächerlich.

Stimmann merkt das nicht und freut sich, vermute ich, und plappert irgendwas von „europäisch“, kommt ja immer gut. Es hat vielleicht auch etwas mit dem preußischen Erbe in Berlin zu tun, das trotz aller verzweifelten Aufpolierungsversuche der vergangenen 20 Jahre nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass wir uns in Ostdeutschland in größtenteils unkultiviertem und noch nie mit Kultur, sondern nur mit Obrigkeit berührtem Gebiet befinden. Die zivilisatorische Schicht ist hier besonders dünn, das merkt man bei jeder Busfahrt mit der BVG.

Nochmal zum Ahornblatt: Diese konsequente Entsorgung von DDR-Vergangenheit, die sich auch im Abriss des Palastes der Republik ausdrückt, ist Stimmanns ganz besonderes Anliegen. Jetzt will er die „Altstadt“ am Alexanderplatz wieder aufbauen, wobei es sich von selbst versteht, dass der Baukomplex um den Fernsehturm herum weichen soll. Es ist auch hier wieder zielgerichet eines der wenigen DDR-Ensembles, die erhaltenswert wären. Exakt das muss plattgemacht werden. Es könnte daran erinnern, dass jenseits der eigenen Granitplattenkleinbürgerlichkeit noch etwas anderes existierte, das der eigenen Mittelmäßigkeit gefährlich werden könnte, das als Alternative stumm, aber qua Existenz doch nicht so stumm dastünde.

Diese reaktionäre Städtebaupolitik macht sich, so meine Vermutung, auch in den aktuellen Gentrifizierungsdebatten bemerkbar. Wer formal zurück in die heile Welt will, wer „Bürgerlichkeit“ sucht und dazu nicht mehr bietet als Granitplatten, wer überhaupt unter Architektur im Wesentlichen Granitplatten schrauben und ökonomische Akkumulationsverhältnisse zementieren versteht, von dem ist nichts zu erwarten. Es ist das alte Ding: Gesellschaft, Strukturen, Prozesse finden im neoliberalen Denken nicht mehr statt, also kann man sie auch nicht erkennen. Ein Platz ist ein Platz ist ein Platz. Granitplatten sind Granitplatten sind Granitplatten. Stimmanns Aufgabe wäre natürlich auch gewesen, sich um die sozialen Bezüge seiner Arbeit Gedanken zu machen. Solche emanzipatorischen Gedanken exitieren für aber den nicht. So gesehen ist der schlicht ein Sozialdemokrat neuer Schule.

Es ist diese deutsche verlogene, kulturlose Kleinbürgerlichkeit, die sich in ihrer verholenen Aggressivität als bedeutsam feiert. Stimmann könnte als Achtundsechziger durchgehen und birgt im Kern das Gegenteil. Lauter merkwürdige Verhältnisse.

Wer Experimente tötet, naturalisiert das Gegebene. So ist es, es gibt keine Alternative. In Berlin nicht einmal zu Granitplatten.

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4 Antworten zu Berlin: konformistisch umzingelt

  1. Peleo schreibt:

    Am Potsdamer Platz war ich (aus der Provinz) erst zwei Mal. Das erste Mal war er noch Wiese, beim zweiten Mal die kalte, abweisende, phantasielose Betonburg, wie Du sie schilderst. Was für eine vertane Chance. Das schmerzt selbst den Touristen, der nur wenige Tage in der Stadt weilt. Von der verhinderten Alternativplanung wusste ich nichts. Ist die noch im Netz zu finden?

    Was und wo war das „Ahornblatt“?

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  2. genova68 schreibt:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fgastst%C3%A4tte_Ahornblatt

    Jetzt steht da banalste Kommerzarchitektur.

    Als Betonburg würde ich den Potsdamer Platz nicht bezeichnen, man sieht dort keinen Beton. Es ist eine durchkommerzialisierte Gegend, alles hochpreisig und gleichzeitig billig, keine Wohnungen, die versprochen wurden. Betonburg halte ich eh für einen sinnlosen, weil diskreditierenden Begriff. Die im November-Artikel erwähnte Nevigeskirche ist so eine Art Betonburg, aber eben eine architektonische Spitzenleistung. Beton als Baustoff an sich ist erst einmal neutral.

    Touristen gefällt das aber, habe ich das Gefühl. Das sind fast die einzigen, die da abends unterwegs sind.

    Libeskinds Vorwentwurf:

    Wobei man in so einem Modell eigentlich nichts sieht. Online wüsste ich nicht, woher man mehr Informationen bekommt.

    Empfehlen kann ich: „Potsdamer Platz. Soziologische Theorien zu einem Ort der Moderne“, von 2004.

    Das Problem des jetztigen Potsdamer Platzes liegt auch in seiner Verlogenheit, typisch für Stimmann. Es werden haufenweise architektonische Ikonen der 1920er Jahre zitiert, am bekanntesten die Chicago School, die Kohllhoff zitiert, aber es wird da eine seinerzeit wegweisende, neue, moderne, gewagte Architektur konserviert und damit im Ansatz umgekehrt. Das Neue, Moderne, Gewagte ist nun 100 Jahre alt und deshalb alt, behäbig, konservativ. Für Stimmann und Co. ist das aber schon das Höchste der Gefühle.

    Und es ist auf der anderen Seite ganz simple Darstellung von Herrschaft. Das Großkapital stellt sich dar, und das auf eine so billige Art. Es erobert mit völliger Selbstverständlichkeit das angebliche Zentrum der Stadt, den wichtigsten Platz der Stadt. Auch dort stand im Ausschreibungstext, es solle eine „kritische Rekonstruktion“ der Stadtgeschichte entstehen. Es ist eher eine Verharmlosung alter Strukturen durch Konservierung und Überhahme kapitalistischer Herrschaftsstrukturen.

    Man könnte dazu viel schreiben. Jetzt nicht.

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  3. genova68 schreibt:

    Auch nicht schlecht: Der Sohn des Stimmann-Vordenkers Fritz Neumeyer heißt wie? Genau, Fritz Neumeyer, er ist auch Architekt und er arbeitet in welchem Büro? Bei Kollhoff.

    Da beschwere sich noch einer über griechische Vetternwirtschaft.

    http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/junge-architekten-entwerfen-um-jeden-preis-a-788846.html

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  4. Jakobiner schreibt:

    Also, ich war seinerzeit Ende der 90er in Berlin, als der Potsdamer Platz noch Baustelle war und man die Zukunftsentwürfe in der Roten Box begutachten konnte. Berlin ist aber nicht nur der Potsdamer Platz. Eine Bekannte ist aus München hochgezogen und meint, dass es da noch sehr viele nette alte Kieze gibt. Der Film über den Sarrazin der Architektur, Hans Stimmann zeigt ja wohl nur die schrecklichen Ecken Berlins. Dessen Architektur ist allerdings schrecklich monoton. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es keine anderen Bauten in Berlin gibt.Wohl eine sehr selektive Betrachtung der Hauptstadt.

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