Athen I: Trottel unter sich

Der Parthenon auf der Akropolis in Athen wurde um 460 v. Chr. gebaut und stand rund 2150 Jahre einigermaßen unbeschädigt da oben rum. Dann kam das Jahr 1687. Die Türken hatten Athen schon im 13. Jahrhundert erobert und sich auf der Akropolis gemütlich eingerichtet, unter anderem mit einem Harem im  Erechteiontempel. Dummerweise hatten sie ausgerechnet den Parthenon als Munitionsdepot auserkoren: Die dicken Innenraumwände würden sicher alle Angreifer aufhalten.

Sie hatten die Rechnung ohne den Lüneburger Kanonier gemacht, der in Diensten der Venezianer stand, die in besagtem Jahr 1687 Athen angriffen. Er schlug vor, eine Kanone auf einen benachbarten Hügel zu schieben und von dort loszuballern. Gesagt, getan. Nach 700 Kanonenkugeln war es soweit: Das Munitionsdepot fing Feuer, es gab einen lauten Knall und das Zentrum des Gebäudes flog in die Luft, dazu 28 Säulen, ein Großteil des Frieses und der Innenräume und mehr. Die wohl fatalste Meisterleistung eines deutschen Kanoniers überhaupt, meinte der Architekturhistoriker Gottfried Gruben dazu.

Immerhin, der Westgiebel war unbeschädigt. Noch.

Denn nachdem sich der Rauch verzogen hatte, stieg der stolze Oberbefehlshaber der Venezianer, ein General Morosini, von dem Kanonenhügel runter und die Akropolis rauf, um sein Werk zu begutachten. Erfreut sah er die intakten Figuren des Westgiebels und beschloss, sie mit nach Hause zu nehmen. Doch der mechanische Aufzug, den er benutzte, um die Skulpturen vom Gebälk herunterzubekommen, brach zusammen. Die Skulpturen krachten auf den Boden und wurden Fragmente. Jetzt war endgültig alles hin.

Und damit nicht genug: Nach wenigen Monaten in Athen merkten die Venezianer, dass sie nicht die militärischen Mittel hatten, um die Stadt dauerhaft zu besetzen. So zogen sie ab. Jetzt trauten sich die Türken wieder auf die Akropolis und alles war wie zuvor. Fast zumindest.

Eine architektonische Meisterleistung nach mehr als 2000 Jahren Existenz im Eimer, für nichts. Venezianer, Türken, Lüneburger: Trottel unter sich.

Seitdem wird aufgeräumt. Mehr und weniger fachgerecht:

(Foto: genova 2012)
(Quellen: Gottfried Gruben: Griechische Tempel und Heiligtümer, 2001; Mary Beard: Der Parthenon, 2009)

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2 Antworten zu Athen I: Trottel unter sich

  1. hanneswurst schreibt:

    Ich wusste gar nicht, dass Du auch im historischen Kontext so schön kritisch schreiben kannst. Detail am Rande: während der Bombardierung soll der Lüneburger Kanonier sehr zum Verdruss der Venezianer unablässig „Aber heidschi bumbeidschi bumbum“ gesungen haben.

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für das Lob, du hast recht: Ich kann unglaublich viel. Danke auch für den Hinweis auf das Lied, mit dem wir einst in den Schlaf gewogen wurden. Auch das haben wir also dem Lünbeburger Kanonier zu verdanken.

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