Gustav Seibt: Geschichte wird gemacht

Wer Geschichte schreibt, hat die Macht, und mir fällt seit längerem auf, dass interessierte Kreise, wie man sagt, die fatale Geschichte der Agenda 2010 umschreiben. Jüngstes Beispiel: Der Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Gustav Seibt. Er schrieb am 3. August über Deutschland und die Agenda 2010 unter der Überschrift „Faulenzer finanzieren“:

„- mit jenen Reformen, die seine gegenwärtige Stärke begründeten und die der Rest Europas damals versäumte.“

Das ist eine Lüge.

Ganz kurz und abgesehen davon, was die Agenda 2010 bewirkte: Die Notwendigkeit dieser Politik wurde seinerzeit begründet mit der roten Laterne Deutschlands. Deutschland sei Schlusslicht in allen Statistiken, die anderen seien besser, sei es bei den Beschäftigungszahlen, bei der Jahresarbeitszeit, bei der Urlaubsdauer, beim Lohn, bei der Zahl der Feiertage und so weiter. „Abstieg eines Superstars“ hieß das Buch des leitenden Spiegel-Redakteurs Gabor Steingart. Unzählige andere Bücher bliesen ins selbe Horn. Die anderen würden alles besser machen: Die Polen, die Slowaken, die Chinesen. (Vielleicht wurden von manchen sogar Griechen, Portugiesen und Spanier erwähnt, wäre interessant zu erfahren.) Wenn wir nicht „reformieren“, wie man das in Orwellscher Manier nannte, sind wir bald weg vom Fenster. Dazu noch die Demografie.

Wir waren also die mit dem Nachholbedarf. So die tausendfach wiederholte Begründung.

Jetzt dreht Seibt, der tatsächlich Historiker ist, die Geschichte herum: Wir tollen und fleißigen Deutschen sind vorgeprescht, die anderen waren aber zu faul, um mitzuziehen.

Es ist das unter Nationalkonservativen beliebte Spiel: Der Deutsche ist der tolle, fleißige, aber leider zu zahme und wird deshalb aber gerne zum Opfer gemacht von den bösen Ausländern. Ob er sich von kriminellen Ausländern auf der Straße zusammenschlagen lässt oder ökonomisch von den Südländern ausnehmen: Wir wollen doch nur das Beste, führen Reformen durch, selbst die Gewerkschaften halten sich zurück, wir leiden und sind solide, und dann kommen die Anderen und nehmen uns alles weg. In dem Artikel ist von „Erpressung“ der Südstaaten die Rede.

Seibt ist nicht etwa Redakteur der Bild-Zeitung, nein, es ist die Süddeutsche, bei deren Anspruch man vermuten könnte, dem Leser eine solche Propaganda nicht vorsetzen zu können. Kann man aber offensichtlich doch.

Der Artikel ist weiten Teilen eine intellektuelle Katastrophe. Er bemängelt zwar zu Recht, dass es „nationale Ressentiments“, aber keine „europäische Öffentlichkeit“ gebe, kapiert aber nicht, dass es genau diese Beggar-My-Neighbour-Politik ist, die die Ressentiments produziert.

Um das zu zeigen, genügt letztlich eine Grafik:

Auch zu Zeiten der angeblichen roten Laterne erwirtschaftete Deutschland einen Außenhandelsüberschuss. Die Tatsache, dass man damals massenmedial darüber hinwegsah, zeigt das schon seinerzeitige Ausmaß der neoliberalen Verseuchung ganz gut.

Besonders skurril: Seibt erwähnt lobend Arnulf Baring, der schon vor 15 Jahren vor „einer politischen Radikalisierung in den Mitgliedsländern der Europäischen Währungsunion“ warnte. Dabei ist Baring einer derjenigen, die die Rechtsradikalisierung vorantreiben. Er redet gerne vor rechtsradikalen Burschenschaften, vertritt traditionell eine äußerst rechte Geschichtsschreibung und forderte vor exakt zehn Jahren die „Bürger“ in der FAZ auf, auf die „Barrikaden“ zu gehen. Und zwar „für Reformen“, was dann wiederum die Agenda 2010 hervorrief, womit wir erneut bei den aktuellen ökonomischen Ungleichgewichten in Europa sind.

Diese Politik führte auch dazu:

Es ist eine Geschichtsschreibung, die mich an die SED erinnert: Rein interessengeleitet, ohne jeden wissenschaftlichen Anspruch, rein ideologisch. Baring und Seibt sind, was die Seriosität angeht, davon nicht weit entfernt.

Wobei: Die zweite Grafik zeigt, dass ein Großteil der Deutschen in der Tat trottelig ist: Man spart unter Androhung der Knute, dass der Slowake uns überholt, was das Zeug hält, um den Rest der Welt mit deutscher Qualitätsarbeit zu beglücken. Dadurch werden die Leute frustriert und aggressiv, weil sie ewig zu kurz kommen, leiten den Frust aber nicht gegen die eigene herrschende Klasse, sondern gegen die Ausländer oder Südländer oder sonstwas.

Es zeigt sich auch hier, dass Nationalismus niemals von Neoliberalismus zu trennen ist: Er wird bei Bedarf als Ressentiment gebraucht, um die Akkumulation zu erhöhen.

Es weiß ja mittlerweile jeder, der es wissen will: Die deutsche Exportorientierung lief auf Kosten des Binnenmarktes und anderer Volkswirtschaften. Es ist eine neoimperialistische Politik, die gewissermaßen die Hitlersche Eroberungspolitik mit anderen Mitteln fortsetzt. Wir haben nichts dagegen, alle in den Abgrund zu reißen, wie gehabt. Die Überspitzung macht lediglich die Strukturen deutlicher.

Seibt fällt nun öfter auf als jemand, der gerne schwadroniert, der seine historische Bildung über die römische Geschichte und sonstwas als Monstranz vor sich herträgt. Um so interessanter, dass er hier der plumpen neoliberalen Geschichtsfälschung folgt, die vermutlich sein Redaktionskamerad aus der Wirtschaft, Marc Beise, vorgibt.

Es geht da um nicht wenig: Wenn nun die Agenden 2020 und 2030 auf den Weg gebracht werden sollen, muss die 2010er Version historisch festgezurrt werden. Da sind nationales Pathos und typisch deutsches Selbstmitleid gut zu gebrauchen. Und mit Steinbrück als Kanzler wird sich diese Geschichtsklitterung auch in der Sozialdemokratie verfestigen.

Die liberale SZ-Leserschaft schluckt es, vermute ich.

P.S.: Roland Berger hat schon 2004 in Portugal Klartext gesprochen. Leider nur auf portugiesisch:

https://exportabel.wordpress.com/2009/03/23/roland-berger/

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2 Antworten zu Gustav Seibt: Geschichte wird gemacht

  1. provinzbewohner schreibt:

    die sogenannte qualitätspresse ist eben schon seit jahren auf bildniveau angekommen. und die propaganda, die uns da von der jounaille verkauft wird, dürfte qualitativ noch unter dem niveau des „neuen deutschland“ zu ddr-zeiten liegen.

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  2. genova68 schreibt:

    „Die Presse“ über einen Kamm zu scheren ist auf einem ähnlichen Niveau wie die Bild. Wenn schon, dann bitte an konkreten Beispielen aufzeigen.

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