Ansichtssache (1)

Ein vermutlich von einem Architekten entworfenes Haus aus den Siebzigern (Gott habe sie selig) aus einem westdeutschen Kleinstadtneubaugebiet, das in den Siebzigern zwar angelegt, aber merkwürdigerweise erst in den vergangenen fünfzehn Jahren intensiver bebaut wurde.

Da man ja kaum besser als via Architektur gesellschaftliche Phänomene sichtbar machen kann, schauen wir uns die Fassade dieses Kleinods genauer an:

Die vier symmetrisch angeordneten Fenster rekurrieren auf die ganz gewöhnlichen, konservativen rechteckigen Kästen aus der Nachkriegszeit, die man in vielen süddeutschen Gemeinden sieht: kostengünstiges Bauen ohne Firlefanz, aber mit viel Raum. Erker, Sprossen, Türmchen, Pastellfarben, künstliche Fundamente, falsche Säulen und der ganze andere unerträgliche Kleinbürgerscheiß kamen ja erst mit den 1980ern wieder, als es die Postmoderne in die deutsche Provinz geschafft hatte und seitdem jeder anständige Bauherr sich im Baumarkt und zunehmend bei der katalogisierten Fertighausindustrie aus einem reichhaltigen Sortiment angeblich ironischer, augenzwinkender, aber in Wahrheit regressiver und die neoliberale Vernichtungsmaschine vorwegnehmender Formen bedienen kann.

Die beiden Tiefgaragen, die die komplette Hausbreite einnehmen, zeugen vom ungebrochenen Glauben ans Automobil in den Siebzigern, was aus heutiger Sicht den Vorteil hat, dass ein Vorgarten verhindert wurde. Überhaupt ist positiv zu vermerken, dass es keinerlei Grünzeug gibt; keine Tanne, kein Pseudobonsaikrempel, kein Blumenkasten, nichts. Außerdem: keine Rollläden, sondern Jalousien.

Ganz hervorragend auch die Materialauswahl: Den Giebel geradezu revolutionär mit Sichtbeton gefüllt, vertikal verschalt und damit den Gegensatz zum Strukturalismus der horizontalen Betonstruktur betonend, den Zwischenraum mit Kalksandsteinen verblendet. Die Balkonbrünstung ist geschmackssicher und firlefanzfrei mit Waschbetonplatten verkleidet.

Einzig die Sichtblende links am Balkon könnte man der Kritik aussetzen. Aber die wurde sicher nachträglich angebracht.

Schließlich: Das Haus ist giebelständig ausgerichtet, die Giebelseite steht also zur Straße. Die Giebelständigkeit zitiert ein typisches süddeutsches Motiv und bei unserem genauen Hinschauen wird deutlich, dass dieses Haus, das sich in den Siebzigern einigermaßen auf dem Stand des Materials befand, Traditionsstränge in sich aufgenommen und weiterentwickelt hat. Dieses Haus macht also genau das, was ihm vom reaktionären Standpunkt abgesprochen wird: Den Blick zurück aufnehmen, Geschichte beachten. Jedes Detail dieser Fassade atmet Geschichte und denkt sie nach vorne. Die Konstruktion ist so sichtbar und an jeder Stelle ableitbar wie bei der Urhütte, im mittelalterlichen Fachwerk oder im Klassizismus. Im Gegensatz zu den Häusern der Umgebung, die Geschichte als reines Blendwerk behandelt: Fertighäuser, die jegliche bauliche Tradition ignoriert, mit einer verlogenen Materialität arbietet, bei der schon die Herstellungsprozesse entfremdet sind, mit ebenso verlogenen Formen, die keine Geschichte sind, sondern Klitterung. So ähnliche wie die Milchpackungen aus der Massentierhaltung, auf denen vorne drauf eine Kuh auf einer Alm abgebildet ist.

Im herrschenden falschen Bewusstsein ist es aber genau umgekehrt: Die Blendwerkhäuser sind die historisch bewussten, die regional verankerten, die Traditionen aufnehmenden und deshalb richtigen. Die kleinbürgerliche Angst vorm gesellschaftlichen Abstieg soll kompensiert werden durch Nippes, der ans Großbürgerliche erinnern möge und so zumindest auf der eigenen Scholle ein Refugium schafft, wenn auch um den Preis jeglicher Authentizität.

Das Haus da oben ist das Fremde, von außen Eindringende, Intellektualisierte und somit Zersetzende, Unwohlfühlige, Falsche. Es muss weg.

Wir sehen also: eine vollständig geschmackssichere Fassade, weil sie sich in keinem Detail von der entwürdigten baulichen Umgebung leiten lässt, sondern konsequent ihren Weg geht, einen der jederzeit begründbaren Ästhetik bis ins Detail, und zwar immer traditionsbewusst. Selbst die Hausnummer verzichtet auf den Versuch der pseudobarockisierenden und doch nur massenmaschinell hergestellten Schnörkelei.

Was soll diese merkwürdige Analyse? Kein „früher war alles besser“. Doch bis etwa 1980 sind deutsche Neubaugebiete in der Regel genießbar. Regressive Bauherrn gab es sicher auch, aber ihnen wurde kein entsprechendes Material geboten. Wer heute durch ein durchschnittliches deutsches Neubaugebiet geht, bekommt bekanntlich schnell Brechreize. Diese ästhetische Barbarbei der Mittelklasse hat ihre Gründe, und darüber ist zu sprechen. Je weiter man nach Osten kommt, desto schlimmer wird es. Wobei auch die jüngste Baukunst am Niederrhein eine absolute und jedes Detail durchdringende ästhetische Katastrophe darstellt. Noch schlimmer ist Polen.

Das eine ist die Qualitätsarchitektur in Fachzeitschriften. Doch im Alltag herrscht derzeit eine ganze Baugeneration, die sich der Regression, dem Ressentiment, dem falschen Bewusstsein verschrieben hat. Sicher insgeheim ahnend, welchen Scheiß sie da machen.

Ich bedanke mich bei jenen, die allen Ernstes bis hierhin gelesen haben, für die Aufmerksamkeit.

(Foto: genova 2012)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Deutschland, Geschichte, Gesellschaft, Neoliberalismus veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

19 Antworten zu Ansichtssache (1)

  1. hanneswurst schreibt:

    Ich muss zunächst gestehen, dass ich Deinen Artikel nicht gelesen habe, sondern nur den letzten Satz, weshalb ich jetzt ein etwas schlechtes Gewissen habe. Aber schreib doch bitte noch einmal – am besten hier im Kommentarteil – was Du meinst. Es muss doch nicht immer alles so funktional sein, denn – da sollte Dir meine leider immer noch nicht abgeschlossene Serie „Der Sinn des Universums“ eine Lehre sein – Funktion rekurriert stets auf Umstände oder Tätigkeiten, die wiederum eine Funktion haben. Entitäten ohne Funktion sind per se nicht existent oder sie liegen außerhalb des transzendentalen Horizonts. Insofern ist „Form follows function“, ein ästhetisches Prinzip (dem ich persönlich auch oft anhänge). Der beliebte Kontaktanzeigenspruch „Alles kann, nichts muss“ sollte in solchen Betrachtungen jedoch auch berücksichtigt werden. Geschmacksdiktate sind unappetitlich.

    Gefällt mir

  2. Chris(o) schreibt:

    „Ich bedanke mich…..“, aber gerne!
    Das Haus gefällt mir.
    Ich denke, an einem heißen Sommertag würde ich es auch gerne betreten.
    Es suggeriert „Kühle“.
    Wie das „Wohnklima“ sich im Winter gestaltet,hängt dann wohl vom Erfindungsreichtum der Installateure ab.
    Irgendwie „japanisch“, „clean“, ein „Hauch von Zen“.Gut für die Konzentration.

    Gefällt mir

  3. genova68 schreibt:

    Es geht in meinem Artikel nur am Rande um Funktionalismus. Es geht darum, dass das regressive Bauen seinerseits Historizität beansprucht mit Giebeln und Erkern und Sprossen etc., das aber ein Rekurrieren auf Herrschaft ist: Man wäre gerne so wie die, so unterdrückend, machtausübend. Da die Häuslebauer das nicht sind, bedienen sie sich billiger Applikationen, die massenhaft hergestellt werden und billig im Baumarkt angeboten werden. Diese Widersprüche machen die Ästhetik dieser Häuser lächerlich, es ist ein falsches Bewusstsein, das sich darin ausdrückt, eine Beschränktheit der Bewohner, die zudem unterschwellig aggressiv sind, weil sie wissen, dass ihre Träume nicht in Erfüllung gehen.

    Das Haus da oben ist da der Fremdkörper, der die Wahrheit veranschaulicht und der den regressiven Nachbarn deshalb ein schlechtes Gewissen macht. Die Wahrheit liegt darin, dass all die erwähnten Details sich ihrer Geschichte bewusst sind. Es steckt Geist dahinter, wenn du so willst. Es wird die Vergangenheit ernst genommen in ihrer Fortführung in der Gegenwart. Wenn ich beispielsweise die Tragkonstruktion nach außen sichtbar mache, also die horizontalen Betonbänder, dann rekurriere ich auf unzählige Bautraditionen, die das so machten, nur eben heute mit dem zeitgemäßen Baustoff Beton. Das ist die Wahrheit in dem Haus.

    Die Konstruktion liegt offen, was nicht bedeutet, dass es nur eine Möglichkeit gäbe zu bauen oder alles „kühl“ aussehen muss, aber diese Konstruktion zeigt, dass man sich der Verlogenheit der Allgemeinheit bewusst ist: Wer Sprossenfenster verwendet, um nur das eine Beispiel zu nennen, ignoriert, dass die seinerzeit nötig waren, weil große Fensterflächen zu teuer waren. Heute ist es umgekehrt: Sprossenfenster sind teuer als große, sie sind unpraktischer, sie sind in der Herstellung aufwendiger, sie sollen lediglich eine gute alte Zeit signalisieren, die es eh nicht gab. Sie werden heute von einer Klasse eingesetzt, die zur Zeit der Sprossenfenster noch gar keine Fenster hatte, die also damals das Ideal nicht erreicht. Doch statt sich von diesem veralteten Wunsch zu emanzipieren und sich heute klassenbewusst zu orientieren, verlegt man sich aufs Anbeten einer regressiven Vergangenheit, die es der herrschenden Klasse heute um so einfacher macht, ihrem Imperialismus zu frönen. Ein jedes eingesetzte Sprossenfenster heute veranschaulicht die Regression der Gesellschaft und die immer schwieriger werdenden Bedingungen ihrer Erneuerung, denn je mehr Bauherrn sich mit Sprossenfensterscheiße zufrieden geben, desto weniger notwendig ist die Entwicklung zeitgemäßerer Formate.

    Ich kann das spontan hingeschrieben nicht besser ausdrücken, was aber sicher möglich wäre.

    Ich mache das gleich mal an einer Säule deutlich.

    Gefällt mir

  4. hanneswurst schreibt:

    @genova: Das finde ich profunder als die Rede vom „unnötigen Schnickschnack“. Du meinst also, dass die Übernahme von Herrschaftssymbolen die Herrschaft symbolisch verlängert und auch psychosoziale Auswirkungen hat (nicht nur deren Spiegel ist). Dem stimme ich zu, offensichtlich ist diese Herangehensweise wohl bei unterprivilegierten und verklemmten Würstchen, die sich mit Hakenkreuzen schmücken. Sie werden keine Blitzkriege führen und die Massen werden ihnen nicht zujubeln – außer in Ihrer Phantasie.

    Möglich, dass sich solches Möchtegern-Verhalten auch in der Architektur wiederspiegeln. Ich meine aber, dass man – gerade was billigen Tand und Archaik betrifft – nicht so streng sein sollte. Ästhetisches Empfinden wird unter anderem durch Märchen, Hollywood, Barbiepuppen, und Lego geprägt. Auch natürlich durch die romantisierte Vorstellungen von Adel und Großbürgertum. Wenn sich also jemand einen rosaroten Rapunzelturm aus Lego mit Conan der aus einem Sprossenfenster glotzt in den Vorgarten stellt, dann nehme ich ihm das Sprossenfenster nicht übel.

    Gefällt mir

  5. genova68 schreibt:

    Ein schwieriges Thema: Ja, ich meine nicht unnötigen Schnickschnack im Sinne eines strengen oberflächlichen Funktionalismus, Gott bewahre, das wäre ein Fall für die Dialektik der Aufklärung. Es geht, wie du richtig erkannt hast, um die Übernahme von Herrschaftssymbolen, und zwar einer Herrschaft, die sie nie erreichen werden und deren Sicherheiten sich nicht einstellen, nur weil man Erker, glasierte Ziegeln und Sprossenfenster einsetzt. Es wird auch keine Rückkehr zu einer vermeintlich guten alten Zeit geben.

    Ich bin aber nicht streng und ich nehme auch nicht übel. Ich bin niemandem böse. Ich bin lediglich der der Arzt, der diagnostiziert. Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist auch der Unterschied: Noch in den Siebzigern gab es den historisierenden Nonsense nicht, es wurde so nicht gebaut. Es geht um diese Zeitzeichen und was sie gesellschaftlich bedeuten. Und die gesellschaftliche Regression drückt sich in den Neubaugebieten hervorragend aus. Ich würde da ja gerne mehr fotografieren, man kriegt aber zumindest verbal schnell eine aufs Maul, wenn man das macht. Die Leute wollen ihre Häuser nicht fotografiert wissen, es ist das einerseits unbewusst schlechte Gewissen, andererseits die konkrete Angst vorm Ausspionieren in Bezug auf Einbruch.

    Es nervt auch gewissermaßen. Schaut man sich die Archtekturdebatten der Zwanziger an, oder liest man selbst bei Schinkel nach, sieht man, wie weit man damals schon war und wie unglaublich die Regression heutzutage voranschreitet. Baukultur ist ja wesentlich. So, wie heute in der Masse, also privat, gebaut wird, kann man von einem vollständigen Kulturverfall reden. Und in Berlin zeugen die Ergebnisse der 90er-Jahre-Diskussion davon, dass die Regression staatlich befördert wurde, die Elite machte es vor. Das darf man doch thematisieren, meine ich.

    Und: Ja, die rennen keinen Hakenkreuzen hinterher, so simpel wiederholt sich Geschichte nicht. Sie haben in ihrer Regressivität aber keine Möglichkeiten, gegen den Faschismus unserer Zeit, die neoliberale Ideologie zu wehren, es fehlt das Bewusstsein, diese Architektur ist das Ergebnis neoliberalen Denkens, EIN Ergebnis davon, vielleicht kann man es antiemanzipatorisch nennen.

    Gefällt mir

  6. Chris(o) schreibt:

    „Antiemanzipatorisch“, das ist der Schlüsselbegriff!
    Die Leute bauen halt, wie sie wollen.Sie nehmen, auch wenn sie das könnten,die Diskurse, die ihnen das „richtige“ Bewusstsein vorbuchstabieren wollen, einfach nicht ernst genug.Sie haben ihre eigenen Motive, die selbst genova nicht wirklich kennen kann, auch wenn er vorgibt, für alle sichtbaren Erzeugnisse menschlicher Entscheidungen ein passendes Etikett zu haben.Die Leute sind zumindest soweit emanzipiert, um sich der Bewertung ihres Bewusstseins gänzlich ignorant zu entziehen.
    So gibt es in meiner Stadt ein Viertel der betuchten Bauherrenschaft, die sich in der Realisierung dessen, was der Geldbeutel hergab, durch keinerlei geschmäcklerische Restriktionen aufhalten ließ.
    Da steht das Hochschwarzwaldhaus neben dem dionysischen Tempel, der kubistische Würfel neben dem englischen Landhaus usw. usw.
    Haus B konterkariert die Symbolik von Haus A,Haus C streckt A und B die Zunge heraus, und Haus D lacht sich über die gesamte Riege schlapp.
    Witzigerweise, aber nicht überraschend: kaum ein Eigentümer bewohnt seinen „Traum“ höchstpersönlich.Die Immobilien werden durchweg an internationale Firmen und deren Mitarbeiter vermietet.Die Fluktuation ist entsprechend hoch in dieser „Musterhaus“- Siedlung für den betuchten Konsumenten.Doch wer oder was will hier herrschen? Nichts und Niemand, nur das Geld und der „schlechte“ Geschmack.

    Gefällt mir

  7. hANNES wURST schreibt:

    @chos(o): Meinen Sie Köln-Hahnwald?

    Gefällt mir

  8. Chris(o) schreibt:

    „Hahnwald“ kenne ich nicht aus eigener Betrachtung, aber die Kategorie ist schon stimmig, denke ich.

    Gefällt mir

  9. genova68 schreibt:

    Diese Leute haben kein Bewusstsein von der Sache, insofern können sie sich ihr nicht entziehen. Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Ich beschreibe auf der Meta-Ebene. Geschmack ist eben keine Geschmackssache, sondern immer gesellschaftlich bedingt. Ich lege in diesem Artikel ein wenig die Strukturen offen, mit meinen begrenzten Mitteln.

    Diese Leute sollen natürlich bauen wie sie wollen, ich schreibe nichts vor, kann ich nicht, will ich nicht. Ich diagnostiziere nur, wie gesagt. Es wäre ja auch billig, den Kleinbürger da offen zu kritisieren.

    Ich habe hier im Blog vor längerer Zeit einmal etwas über eine aktuelle Neubausiedlung in Berlin geschrieben:

    https://exportabel.wordpress.com/2009/09/07/das-bauhaus-vom-politikum-zur-distinktionsmaschine/

    Dort bauen die, die es ökonomisch und bildungsmäßig nicht nötig haben, auf Erker zu spekulieren, aber doch die Bauhausidee einseitig instrumentalisieren, auf die bloße ästhetische Oberfläche reduzieren. Dort funktionieren dann der glatte Putz, das Weiß, der Kubus, die Reduziertheit etc. als Distinktionsmoment.

    Beides ist bewusst zu machen.

    Ich will schon seit Wochen etwas über aktuelle Architektur im Bregenzer Wald schreiben. Unglaublich erstaunlich ist, dass man dort sieht, dass es auch anders geht.

    Gefällt mir

  10. Chris(o) schreibt:

    Und wie sieht in diesem Fall die Diagnose aus:Das obige Haus wird bewohnt von Menschen, die wissen, was das Haus ausdrückt.
    Insofern befinden sie sich genau an dem Ort, wo sie sein möchten.
    Im Laufe der Zeit könnte sich der äußere Eindruck verändern.Wenn eine Familie sich genötigt sieht, den Blumentopf auf den Balkon zu stellen,den eines der Kinder mit Sonnenblumenkernen bestückt hat.Im Spätsommer ist das „Malheur“ für alle sichtbar.Ein anderer Bewohner hängt plötzlich Gardinen auf und zieht die Jalousien hoch.Ein anders Fenster wird mit Weihnachtssternen beklebt (sehr wahrscheinlich von der Sonnenblumen-Familie).Kurz, die Fassade ist im Eimer.Was nu?

    Gefällt mir

  11. hANNES wURST schreibt:

    @genova: Wie lautet denn Deine Diagnose zu Umgestaltung des Microsoft Logos:

    http://www.slashgear.com/microsoft-logo-updated-for-first-time-in-25-years-23243695/

    Gefällt mir

  12. genova68 schreibt:

    Ich bin kein Design-Experte, äußere mich aber gerne zu Themen, von denen ich keine Ahnung habe. Also: Mir gefällt es gut, schlicht, übersichtlich, schnell erfassbar, schlankere Schrift, wirkt zurückhaltender, nicht so protzig, Microsoft ist protzig genug. Die bisherige Dynamik des flaggenähnlichen Symbols fand ich immer schon pseudo. Aber vielleicht ist die Neuversion zu nüchtern, wer weiß. Ist bei Microsoft aber sicher egal, die verkaufen ihren Krempel über ihre Marktmacht, auch wenn sie einen stilisierten Pickelarsch als Logo benutzen.

    Designdiagnosen müssen andere geben. Ich würde Otl Aicher, Max Bill und Dieter Rams fragen. Erstere nur, wenn sie noch lebten.

    chris,
    Ein Haus verändert sich mit der Zeit, notgedrungen und das ist auch völlig ok. Mir geht es, wie gesagt, um Diagnose. Die sollen ihre Sterne und sonstwas dahinkleben. Auch Gardinen wären ok, es käme auf den Stil an.Das muss ja nicht schlecht sein, auch Blumenkästen sind kein grundsätzliches Übel.

    Man könnte aber durchaus vermuten, dass das Haus da oben im Artikel nichts Individuelles aussagt, alles sehr ordentlich. Gut möglich, dass die Bewohner unanangehme Menschen sind und sich via Geld und Architekt eine geschmackssichere Residenz bauen ließen. Das ginge dann wieder Richtung Bauhaus-Manipulation. Es ist ja heutzutage ohne weiteres möglich, sich einen Geschmacksberater zu besorgen, der einem dann einen bestimmten Stil überstülpt, der wiederum nur instrumentalisiert ist. Schöne Beispiele sind derzeit die neuen Brillen von Westerwelle, Dobrindt und Wulff.

    Es geht um Authentizität, um ein Bewusstsein von Geschichte, darum, dass Sprossenfenster immer politisch sind, ob mir das bewusst ist oder nicht. Der Unterschied zwischen den Sprossenfensterleuten und den Bauhausleuten ist vielleicht, dass letzter besser instrumentalisieren können, weil sie über das Wissen verfügen. Die Sprossenfensterleute sind unbeleckt, vermute ich.

    Das wäre sicher alles eine große Untersuchung wert, wenn es die nicht schon gibt, also eine Art aktualisierte Version der feinen Unterschiede von Bourdieu.

    Und das ist natürlich alles politisch auch in der Hinsicht, dass so Geschichte gemacht wird. Die übelste neue Architektur findet man in Polen, dem Land, dem x-fach seine Geschichte geraubt wurde. Heraus kommt regressiver Schrott, wenn es schlecht läuft:

    https://exportabel.wordpress.com/2010/03/05/polen-mit-der-wende-ging%C2%B4s-bergab/

    https://exportabel.wordpress.com/2010/01/27/woher-naturliche-schonheit-kommt/

    https://exportabel.wordpress.com/2011/10/25/postrealsozialistische-realitaten/

    Gefällt mir

  13. hANNES wURST schreibt:

    @genova: Ich finde, die Microsoft Logo Gestaltung demonstriert, dass Funktionalität und Authentizität auch nur Modeerscheinungen sind. Sogar wer sich stoisch allen Trends sperrt setzt damit vielleicht schon wieder einen Trend. Man kann der Sache nicht entkommen, der Mensch ästhetisiert wo es nur geht. Das neuen Amazon Design gefällt, die S-Klasse ist ein Genuss, der Schlachter hat wunderschöne Schmetterlingssteaks im Angebot, Programmierer sprechen sogar von „beautiful code“. Der Stil unterstützt nicht immer die Funktionalität, zugunsten der Ästhetik wird die Wand gestrichen, die Tapete beschädigt. Funktionalität wird selber zum Stilelement, so wie die Farbe und das Material gefallen, so gefällt auch die Funktionalität. Vielleicht wird ein Korkenzieher oder ein Aschenbecher als weniger schön empfunden, wenn er zu funktional ist, man hätte ihn gerne etwas verspielter.

    Das alles bedarf keiner Diagnose, oder Diagnose ist jedenfalls das falsche Wort dafür. Es geht um die schönen Dinge, die den Menschen beschäftigen, obwohl es nicht notwendig wäre sich damit zu beschäftigen. Also diagnostizierst Du nicht, sondern Du kommentierst. Denn anders als ethische Entscheidungen sind ästhetische Entscheidungen nicht auf Konsens angewiesen, auch wenn sie oft versuchen, gerade diesen herzustellen. Ich gebe aber gerne zu, dass meine Ansicht wiederum eine Form der Ästhetisierung ist, nämlich eine Form der Ästhetisierung wie sie normalerweise von Menschen betrieben wird, die alt und weise sind und die daher eine gewisse Gelassenheit gegenüber der Ästhetik selbst entwickelt haben.

    Gefällt mir

  14. genova68 schreibt:

    Hannes,
    wir sind, was dein erster Absatz betrifft, völlig einer Meinung. Das ist ja der Bauhaus-Effekt, von dem ich vorher gesprochen hatte: Eine bestimmte Ästhetik wird eines Teil ihres Inhalts beraubt und dann zur reinen Selbstaufwertung eingesetzt. Funktionalität gefällt um ihrer selbst willen, ja.

    Das ist das, was man derzeit in Kreuzberg massenhaft beobachten kann. Es fallen hier haufenweise Hipster ein, die für sich alle den Eindruck machen wollen, sie seien besonders individuell. Dabei sind sie geradewegs einem Modekatalog entstiegen.

    Was ich meine ist nur, dass Geschmack eben nicht Geschmackssache ist, sondern soziale, politische, kulturelle und sonstwelche Ursachen hat. Und deshalb ist es interessant, sich ein Neubaugebiet anzugucken. Gerade, weil da die Verbindungen so offensichtlich sind, also welches Attribut wofür steht.

    Gefällt mir

  15. Chris(o) schreibt:

    Zitat: „Immer wieder waren in aller Angepasstheit und Blindheit Beziehungsformen und Deutungsmuster zu erkennen, die keineswegs nur von Auflösung,Entfremdung, Illusion, täppischem Konsum, Ratlosigkeit,Geschichtsverlust und Erstarrung in Konventionen künden……….und sind auf Fähigkeiten gestoßen, die es nicht zu denunzieren, sondern zu stützen und auszubauen gilt.“
    Hier ging es um die Dinge des täglichen Lebens,Gegenstände,Einrichtungen etc.und die Frage, wie und auf welche Weise diese in das Leben der Betroffenen Eingang gefunden haben.

    Gefällt mir

  16. Chris(o) schreibt:

    Ich denke, diese Aussage lässt sich auch auf die Art und Weise beziehen, wie private Häuslebauer Architektur umgesetzt sehen wollen.
    Dogmatismus und Denunziation in der Bewertung der „Fehlgriffe“, auch auf das Polen-Beispiel bezogen, sind kein guter Ansatz, Die „Negation“ als Mittel der Wahl wäre doch nur eine weitere „Beraubung“ von „Geschichte“, selbst wenn diese Geschichte ausschließlich darin bestand, die Werbebroschüren der Baumärkte zu studieren.

    Gefällt mir

  17. genova68 schreibt:

    Von wem stammt denn das „Zitat“?

    Gefällt mir

  18. Chris(o) schreibt:

    Gert Selle/Jutta Boche :Leben mit den schönen Dingen, Anpassung und Eigensinn im Alltag des Wohnens, 1986

    Also auch schon älteren Datums, aber ich verfolge solche Diskussionen nicht systematisch, sondern nur interessengeleitet zufällig.

    In meinem nächsten Leben werde ich hier einziehen:
    http://vimeo.com/search?q=802540

    Gefällt mir

  19. genova68 schreibt:

    Chris,
    das sind ganz interessante Aussagen, finde ich. Ich schreibe die Tage etwas dazu.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s