Vom Elend der Germanisterei

Ingo Schule, Unsere schönen neuen Kleider:

Worte wie Kapitalismus, Klassenkampf, Profitmaximierung oder gar Ausbeutung wurden als veraltet belächelt und im Sprachgebrauch tunlichst vermieden. Zu fragen, wer woran verdient, wem dies oder das nutzt und zu wessen Nachteil dieses oder jenes ist, galten als unfein und als Ausdruck vulgären Denkens. So verschwand eine ganze Gruppe von Worten und Fragen ausgerechnet in dem Moment, da sie notwendiger denn je gewesen wären, um die alte neue Wirklichkeit beschreiben zu können.

Die alte neue Ideologie besteht darin, die Fakten und Tatsachen so aussehen zu lassen, als handelte es sich um etwas Gegebenes, naturgesetzlich Vorgefundenes, womit wir uns abzufinden haben. Dieser Sprachgebrauch lockt von den politischen, sozialen, ökonomischen und historischen Zusammenhängen und Fragen weg und führt in Gefilde, in denen es keine Infragestellung des Status quo gibt, in denen alle Zwänge Sachzwänge sind und gegensätzliche Interessen nur an der Oberfläche existieren. Eine Sprache, die aus Geschichte Natur macht, eine Natur, die zu ändern nicht in unserer Macht steht, mit der wir uns zu arrangieren, an die wir uns zu gewöhnen haben. Die neu geltenden Spielregeln wurden als die einzig anstrebenswerten vorausgesetzt und verabsolutiert, wer sie nicht akzeptiert, stellt sich außerhalb des Diskurses.

Natur statt Geschichte, schön erkannt von Schulze. Das ist der Kern des Problems. Die neoliberale Ideologie als die naturgegebene, quasi göttliche. Widerstand zwecklos.

Weiter mit Schulze:

Vor kurzem hörte ich in einem Interview des Deutschlandfunks die Formulierung: »Wir müssen endlich unsere Sozialsysteme entrümpeln!« Leider fragte der Interviewer nicht nach, was unter einer Entrümpelung der Sozialsysteme zu verstehen wäre…

Man pflegt das Schiller-Distichon von der ›gebildeten Sprache, die für dich dichtet und denkt‹, rein ästhetisch und sozusagen harmlos aufzufassen«, schreibt Victor Klemperer in seiner LTI. »Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewußter ich mich ihr überlasse.«

Exkurs:

Ich bekenne, dass ich dem Fach Germanistik gegenüber eine gewisse Abneigung hege, weil es immer mehr schlechte Schriftsteller gibt. Sie sind schlecht, weil sie mittlerweile zuerst Germanistik studieren und dann anfangen zu schreiben. Diese unpolitisch-mittelklassierte, nerdbebrillte Verkopfung, Rationalisierung, Verbegrifflichung und auf Kontrolle ausseienden Herangehensweise an eine schöpferische, unsichere, den Absturz immer vor Augen habende, sensible und unvorhersehbare Tätigkeit. Dieses Gezittere vor dem Markt und den Renditeerwartungen. Schriftsteller sollten sich bei Schlecker an die Kasse setzen oder bei Foxconn ans Band stellen und danach schreiben. Bernhard oder Kippenberger in seeliger Erinnerung. Das abschreckendste Beispiel ist meiner bisherigen Erfahrung nach G.W. Seebald. Eine unglaublich konstruierte langweilige möchtegernintellektuelle Scheiße. Der Mann war sogar Literaturdozent. Immerhin ein bemerkenswerter Stil, aber das allein trägt keine Geschichte.

Vielleicht ist das aber auch kompletter Quatsch. Wahrscheinlich stört mich nur die Anmaßung, dass es so viele Leute gibt, die allen Ernstes meinen, nicht nur schreiben, sondern auch veröffentlichen zu müssen, also mir viele Stunden meiner Zeit stehlen wollen mit Belanglosigkeiten.

Was ich eigentlich schreiben will: Wenn das Fach Germanistik mal etwas Interessantes untersuchen könnte, machen die Vertreter die Augen zu. Oder wie ist das sonst zu erklären, dass es zum Thema “neoliberale Sprache” praktisch keine wissenschaftlichen Untersuchungen gibt? Es fällt seit mindestens fünfzehn Jahren jedem halbwegs wachen Zeitgenossen auf, dass unsere Sprache langsam, aber eindeutig umgemodelt wird. “Reform” ist das bekannteste Beispiel. Nur Germanisten merken das nicht. Die bleiben lieber weiter brav bei der Literatur und schreiben die fünfzigste Einführung in solch brisante Werke wie “Michael Koohlhas”, wo doch eine Einführung genügte.

Eigentlich geht die Kritik konkret an die Sprachwissenschaftler: Die merken nix und beschweren sich, wenn ihnen Irrelevanz vorgehalten wird.

Dummerweise meist von Neoliberalen.

Und ganz konkret die Soziolinguisten. Es gibt nichts zum Thema “neoliberale Sprache”. Die hatten offenbar ihre Hochzeit in den Siebzigern, als man noch in gesellschaftlichen Kategorien dachte, seitdem: Sendepause. Das ist so, wie wenn Bordelle alles anbieten außer Sex.

Wer mir das Gegenteil beweisen kann (in Bezug auf die Soziolinguisten, nicht auf die Bordelle), möge das tun. Ich werde dann öffentlich reuig sein.

Oder hat diese Enthaltsamkeit der Sprachwissenschaftler damit zu tun, dass man für gesellschaftskritische Projekte keine Drittmittel einwerben kann? Dass sich dann auch solch potente Geldgeber wie die Volkswagen-Stiftung schnell verabschiedet? Dass ein Jungwissenschaftler sich um seine unsichere Karriere kümmern muss, die er mit Belanglosigkeiten besser fördert als mit Fundamentalkritik? Ist das eine Auswirkung von Bologna?

Jedenfalls danke an Ingo Schule, der da offenbar ein dringend notwendiges Buch geschrieben hat. Wenn auch essayistisch, nicht wissenschaftlich.

Ob der Mann gute Romane schreibt, weiß ich allerdings nicht.

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5 Antworten zu Vom Elend der Germanisterei

  1. Jakobiner schreibt:

    Die völlige Tilgung von Klassenbewusstsein zeigt sich nicht nur in der verbalen Streichung von Klassenkampf, Klasse, etc., sondern vor allem in der New Speak über die Arbeiterklasse: Arbeiter will keiner mehr sein, denn das ist inzwischen auf der Stufe von „Nigger“. Alle Welt betrachtet sich als Mittelschicht, Lohnabhängiger (aber selbst dies Wort wird inzwischen gemieden, da es doch die Herrschaftsverhältnisse noch zu klar beschreibt), aber vor allem als Arbeitnehmer. Ein interessantes Wortspiel: Der Arbeitnehmer NIMMT–ganz egoistisch- Arbeit, der Arbeitgeber GIBT–ganz spendabel und generös. Ein Geben und Nehmen eben. Arbeitslose definieren sich um in Freischaffende, Hausmeister und Sekretärinnen in Assisent Manager, Familienmütter als Family Manager, etc. Und dann nicht vergessen: Die ICH-AG–die wohl weitreichendste Wortschöpfung der Agenda 2010. Keiner will Arbeiter sein, alle wollen irgendwie Manager und Freigeister sein.Die Altersarmut mit einhergehendem Suizid wird sie frühestenfalls von einem besseren belehren!!!

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  2. Jakobiner schreibt:

    Genovas hervorragdener Artikel hat mich dazu inspiriert zum selben Thema einen eigenen Artikel unter einer anderen Sichtweise zu verfassen–nachzulesen unter:

    http://www.global-review.info/2012/09/04/die-nicht-nur-semantische-liquidierung-von-klassenbewusstsein-keiner-will-ein-arbeiter-nigger-sein/

    [Jakobiner: Der link reicht, meinst du nicht?]

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  3. damals schreibt:

    Natürlich gibts das, dass neoliberlae Sprache aueinandergenommen wird. Erst neulich im Lehrerzimmer las ich im Buch unseres Politik-Lehres die ebenso kluge wie witzige Interpretation einer Rede von Ackermann unter dem Motto „Wie Phrasen entstehen und welchen Zweck sie haben“, leider bin ich nicht mehr sicher, welches Buch es war, ich glaube, „Der Sprachverführer“ von Thomas Steinfeld.
    Von ingo Schulze hab ich bisher erst einen Roman gelesen („Simple Storys“), der war eher so mittel – Journalismus kann er besser.

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  4. genova68 schreibt:

    Danke für den Hinweis auf Steinfeld. Aber der ist Kulturredakteur, und soweit ich das sehe geht es um Phrasen, um Sprachgeschichte insgesamt, nicht um den neoliberalen Aspekt.

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  5. Motherhead schreibt:

    Die Sorachwissenschaft ist meines Erachtens ein Musterbeispiel dafür, wie sich das Wissenschaftssystem um sich selbst dreht und irgendwann in immer engeren Kreisen bewegt. Die müssen halt auf Teufel komm raus veröffentlichen, um Anerkennung und damit auch Geld zu bekommen – egal, für welchen Quatsch. Ich habe anno 97 für meine Magister-Nebenfach-Prüfung mir als eines von dreii zu behandelnden Themen Ellipsen (sprachliche Auslassungen, die aber z. B. kontextbedingt mitgedacht werden, wodurch Sätze dann doch verständlich werden) ausgesucht. Ich stürzte mich in ein 200-seitiges Standradwerk voller pseudomathematischer „Formeln“, dem ich leider nach 20 Seiten nicht mehr folgen konnte.
    Diese Verwissenschatlichung um ihrer selbst sieht man aber ja keineswegs nur bei den Geisteswissenschaftlern. Ob die Welt wirklich auf die Information wartet, dass der kalifornische Springwurm nachts eine Schleimspur hinterlässt, um Feinde von seiner 7 Millimeter großen Höhle abzuhalten, ist ja zumindest diskutabel.

    Womit genovas Frage, warum sich Sprachwissenschaftler nicht stärker mit aktuellen Themen beschäftigen, natürlich nicht beantwortet ist. Dieser Geisteswissenschaftsapparat ist womöglich einfach zu träge. Das beste Beispiel ist doch die Rechtschreibreform, die mehr Verwirrrung als Klarheit gestiftet hat und an der über zehn Jahre lang verschieden besetzte Kommissionen rumgemurkst haben – um letztlich jämmerliche Ergebnisse hervorzubringen.

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