„Verwandlung von öffentlichem in privates Geld“

Lesenswerter Artikel bei Georg Seeßlen:

Ein Symptom des späten Kapitalismus ist das, was man das sinnlose Großprojekt nennen kann. Es bündelt Kapital, Mafia und Politik in einem scheinbar progressistischen Kraftakt, in aller Regel gegen die Interessen großer Teile der Gesellschaft. Unterirdische Bahnhöfe wie in Stuttgart und nun auch in Florenz, Tunnels und Flughäfen. Aber auch Kleinstädte haben ihre kleinen Großprojekte, auch hier Bahnhofsverlegungen, Altstadt-Umgestaltungen etc.

Das sinnlose Großprojekt hat als erste Aufgabe keineswegs die Verbesserung der Welt, in der wir leben. Selbst jene Vorteile, die uns versprochen werden, tolle zehn Minuten früher irgendwo ankommen, noch mehr Shopping usw., auf die wir liebend gern verzichten würden, werden konsequent verfehlt. Die Nachteile dagegen steigen ins Unermessliche, beinahe immer werden sie vorher verschwiegen, schöngeredet, unterdrückt. Nein, das sinnlose Großprojekt hat ausschließlich zum Ziel, Geld zu bewegen und Macht zu verteilen. Es ist in aller Regel gerade fertiggestellt und fängt bereits wieder an sozial und architektonisch zu verfallen. Denn alles ist hier darauf ausgerichtet, öffentlichen Raum nicht zu erzeugen, sondern zu vernichten.

Das Scheitern in Form von Verzögerungen, Pleiten und Kostenexplosionen ist struktureller Teil des sinnlosen Großprojektes. Wir sehen, nur zum Beispiel, das bizarre „Nürburgring“-Projekt als gescheitert an. Doch was für uns sogar Metapher des Scheiterns ist, ist, näher betrachtet, ein durchaus gelungener Transfer von Geld. Das sinnlose Großprojekt hat als Inhalt nichts anderes, als die Verwandlung von öffentlichem in privates Geld.

Die wahrscheinlich sinnvollste Perspektive auf diese Großprojekte. (Wobei ich so generell „Tunnel“ da oben aus der Auflistung streichen würde: Gegen Hochgeschwindigkeitsstrecken der Bahn zu opponieren, halte ich für kleinbürgerlich, da ist die Angst vor Veränderung das bestimmende Moment.)

Ansonsten Zustimmung. Was den neuen Großflughafen in Berlin angeht, lohnte auch eine nähere Untersuchung. Die prognostizierten Mehrkosten liegen mittlerweile bei 1,2 Milliarden Euro, der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg geben jetzt wahrscheinlich einen Sofortkredit von 500 Millionen. Alles öffentliche Gelder. Zudem sieht es so aus, als werde der Flughafen sich niemals wirtschaftlich betreiben lassen, weil die Planungen aus den Neunzigern stammen, wonach Berlin kurzfristig auf 4,5 Millionen Einwohner anwachsen würde, und der Flughafen Leipzig schon lange das Güterdrehkreuz geworden ist, das Berlin einmal werden wollte. Es ist anzunehmen, dass den Verantwortlichen, wie man sagt, die Nichtrentabilität des Projektes schon lange klar ist, aber das ist ja egal, denn das Projekt wird rentabel sein fürs private Kapital, da das öffentliche Kapital nachschießt.

Öffentlicher Raum wird auch beim aktuellen Stadtautobahnweiterbau in Berlin vernichtet: 3,5 Kilometer Teerstreifen für 420 Millionen Euro (diese Summe behaupten derzeit ähnliche Gestalten wie die Flughafenverantwortlichen), ein objektiv zerstörerisches, unökologisches und unsoziales Verkehrsprojekt. Gezahlt zu 100 Prozent aus Steuermitteln. Oder der Bau der U-Bahnlinie 5 derzeit vom Hauptbahnhof zum Alexanderplatz, wo überirdisch extrem viel Platz ist und man einfach eine Straßenbahn bauen könnte. Wird nicht gemacht, weil das Kapital mit einer U-Bahn die öffentlichen Haushalte effektiver plündern kann.

Der einzige Grund für diese wahnsinnigen Großprojekte ist die zwanghaft notwendige Verwertung von überschüssigem Kapital. Und diese Verwertung wird auf Kosten öffentlicher Gelder inszeniert. Die Öffentlichkeit wehrt sich nicht.

Sie wehrt sich auch nicht beim aktuellen Fall aperto/Heilmann (siehe letzten Artikel hier im Blog): Auch hier geht es um die planmäßig und dauerhafte Veruntreuung öffentlicher Gelder.

Eigentlich einfach zu begreifen. In neoliberalen Zeiten sollte man sich aber auch Selbstverständliches abschminken.

Gefüllt wird die Lücke, die entsteht, weil sich die Zusammenhänge nicht mehr klargemacht werden, mit gebrandeter Identität, wie Seeßlen gegen Ende seines Artikels schreibt. Das ist Junkieverhalten, eigentlich. Und vielleicht deshalb so verlockend.

Dieser Beitrag wurde unter Aufmerksamkeitsökonomie, Gesellschaft, Kapitalismus, Neoliberalismus abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu „Verwandlung von öffentlichem in privates Geld“

  1. Motherhead schreibt:

    Die Frage ist dann natürlich, ob der Senat, Bund oder wer auch immer solche Projekte letztlich absegnet, vor allem naiv, teilweise naiv oder wenig bis gar nicht naiv in diese Projekte hineinstolpert. Naivität wäre ja, wenn man deiner Aussage folgt, dass die Öffentlichkeit sich nicht wehrt, nicht unwahrscheinlich: Schließlich ist der „einfache“, nicht direkt in solche Entscheidungsprozesse einbezogene Abgeordnete ja auch Teil der Öffentlichkeit.
    Fragt sich also: In welchem Maße fließt im Hintergrund Geld (oder vielleicht auch: In wie hohem Maße sind Abgeordnete erpressbar)? Dass Korruption gerade in der Baubranche eine immense Rolle spielt, ist ja ein offenes Geheimnis. Dass sie aber bis in den Bundestag reicht, würde ich jetzt zumindest nicht pauschal unterschreiben. Vielleicht zu naiv?
    Mir fehlen mir da allerdings die Kenntnisse über Entscheidungsabläufe bei solchen Großprojekten. Wer weiß Näheres?

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  2. Yunus schreibt:

    „Ein Symptom des späten Kapitalismus ist das, was man das sinnlose Großprojekt nennen kann. Es bündelt Kapital, Mafia und Politik in einem scheinbar progressistischen Kraftakt, in aller Regel gegen die Interessen großer Teile der Gesellschaft.“

    Dann haben wir ja in China diesen „späten Kapitalismus“ schon seit 30 Jahren. Heißt dass nicht nach Marx dass dann Mao bald wieder auferstehen müsste?

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  3. genova68 schreibt:

    Yunus: nein.

    Motherhead: Ein Problem ist die Finanzierung: Autobahnen und U-Bahnen werden in Deutschland vom Bund finanziert, deshalb beantragen Städte und Länder gerne Autobahnen und U-Bahnen in der Hoffnung, dass das irgendwann genehmigt wird und man hat dann auch immer eine Forderungsmöglichkeit direkt bei der Hand. Die Wehrhahnlinie in Düsseldorf wird aus exakt diesem Grund und aus keinem anderen gebaut.

    Bei der Stadtautobahn in Berlin ist es merkwürdig, weil Ramsauer von der CSU das genehmigt hat, und zwar einem roten Bürgermeister in Berlin. Wie die internen Vorgänge da sind, weiß ich nicht. Aber Wowereit lehnt die Autobahn nicht ab, weil er sonst das Geld nicht kriegt und entsprechend weniger Arbeitsplätze, Steuereinnahmen etc.

    Ramsauer könnte darauf spekuliert haben, dass die Autobahnfrage eine mögliche rot-grüne Koalition sprengen würde und die CDU deshalb in Berlin in die Regierung kommt. Ich weiß nicht, ob der so denkt, aber es ist zumindest genauso passiert. Ohne die 3,5 Kilometer projektierte Autobahn säße die CDU nicht im Roten Rathaus.

    Ich würde da auch nicht direkt von Erpressung reden, sondern es ist wohl eher systemisch. Autobahnen sind Großprojekte, die für ein paar Jahre lange viele Menschen beschäftigen, da sagt ein Abgeordneter nicht gerne nein. Und wer weiß, was Wowereit dem Ramsauer versprechen musste, damit das Geld fließt.

    Die Wehrhahnlinie ist übrigens genauso lang und kostet genauso viel wie die Verlängerung der A 100.

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  4. #?!@"? schreibt:

    Diese komische Zusatzrente, die von der Leyen jetzt durchdrücken will, passt auch ganz gut dazu. Schließlich wälzt man staatliche Verantwortung, Planung, Ausgaben auf Privatpersonen ab. Wahrscheinlich damit mehr der staatlichen Einnahmen für Großprojekte zur Verfügung stehen, nachdem dann auch mal wieder die Versicherungswirtschaft profitiert hat. Ich muss zugeben, dass ich jedesmal selbst über mich erschrocken bin, wenn ich merke wie die Aggression in mir aufsteigt sobald ich diese komischen Politikerdarsteller reden höre. Angeblich wären sie ja so besorgt um die arbeitende Bevölkerung. Ha. Ha. Ha. Die von der Leyen gibt sich immer ganz besonders besorgt. Wenn sie nicht gerade Merkel verteidigt. Bei Jauch hatte sie dann auch gesagt dass wenn die BK nicht mit ihren Ministern zufrieden wäre, dann müsste sie diese natürlich entlassen, das würde auch auf ihre (vdL) Person zutreffen. Is klar. Das wird bei der sicher nie passieren. Mir is schlecht.

    Seeßlen muss ich in einem Punkt mehr oder weniger widersprechen. Ich glaube nicht, dass es am ‚Branden‘ lag, dass Schlecker und Neckermann untergegangen sind. Eine Marke entsteht im Kopf — als Resultat sämtlicher Eindrücke. Schlecker und Neckermann waren durchaus ‚gebrandet‘ und besaßen ‚Identität‘. Nur keine die verkaufsfördernd gewirkt hat, gerade bei Schlecker. Wobei ich ihm wieder zustimme wenn er von “unspezifische[n]“ Angeboten schreibt.

    Das große Problem in der politischen Kommunikation, und nicht nur da, ist ganz sicher diese — nennen wir es einfach mal — Verarsche. Es wird gezielt nach irgendwelchen Vorteilen gesucht die dann aufgebauscht werden — bis zur totalen Realitätsentkopplung –, auch wenn die originären Vorteile den Nachteilen bei weitem unterlegen sind. Dieses Vorgehen findet sich überall.

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  5. genova68 schreibt:

    Was soll denn das Branding von Schlecker gewesen sein? Billig? Vielleicht. Aber im Drogeriebereich ist dm auch billig, hat aber gleichzeitig das Image, bessere Produkte anzubieten. Schlecker hatte doch vor allem das Image, die Angestellten auszubeuten und seine Kunden ganz offen nicht für voll zu nehmen. Man denke an die Fernsehgeräte, die da früher liefen, mit surrealen Werbeprogrammen. Außerdem war die Stimmung in den Läden schlecht. Wenn die eine Identität hatten, dann keine Verkaufsfördernde.

    Bei Neckermann kenne ich mich nicht aus, interessant ist aber die Geschichte des Nazis Neckermann. Eine typisch deutsche Karriere:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Neckermann_%28Versandhandel%29

    Immerhin trug er eine coole Brille. Da kommt selbst so mancher Kreuzberger nicht mit:

    http://www.br.de/franken/inhalt/mainfranken/neckermann-unternehmer148~_v-image512_-6a0b0d9618fb94fd9ee05a84a1099a13ec9d3321.jpg%3Fversion%3D1337589244445

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  6. #?!@"? schreibt:

    Wenn ich an Schlecker denke, dann sehe ich abgelaufene/alte Produkte, es ist staubig, der Laden wirkt unfreundlich, unaufgeräumt und kühl. Als ‚billig‘ würde ich die Preise nicht bezeichnen — sicher auch gemessen am Eindruck der Wertigkeit in dem Umfeld. Ich kann mich aber gar nicht mehr erinnern wann ich das letzte Mal in einem Schlecker war. Muss bestimmt zehn Jahre her sein. An diese Fernseher erinner ich mich auch. Wie im Baumarkt — und da nervt das schon.

    Schicke Brille. Da stand der Herr Neckermann wohl Modell für die Herren Politiker-Hipster — jetzt auch mit Profil, von Dobrindt bis Wulff.

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  7. genova68 schreibt:

    Ja, das sind die Attribute, die auch ich mit Schlecker verbinde. Und deshalb ging da keiner mehr hin. Schlecker hat nichts kapiert, der hat auch nicht kapiert, dass man nicht jahrelang eine Diskussion über entwürdigte Mitarbeiter zulassen kann. Man kann entwürdigte Mitarbeiter zulassen, aber nicht die Diskussion darüber.

    Die Fernsehgeräte durften übrigens von den Mitarbeitern nicht abgestellt werden, die mussten sich also den ganzen Tag dieses Programm angucken, die Filme dauerten etwa zehn Minuten und wurden endlos wiederholt. Es war eine Form der Folter.

    Der Schlecker war vermutich ein Neureicher, so Albrecht-mäßig. Keine Bildung, keine Reflexion, aber die Millionen auf dem Konto. Das sind die schlimmsten. Siehe auch Gerhard Schröder.

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  8. #?!@"? schreibt:

    Abgesehen davon, dass ich nicht finde dass man entwürdigte Mitarbeiter zulassen darf — aus rein menschlichen Gründen, bin ich überzeugt dass man eine Diskussion darüber heutzutage eher schwerlich unterbinden kann. Man kann die Diskussion darüber nicht zulassen, aber dafür müsste man das Übel an der Wuzel packen und die Ursachen beseitigen, am besten indem man die Mitarbeiter nicht entwürdigt. Siehst du sicher ähnlich, nehm ich an.

    Ich weiß nicht ob der Schlecker typischer Neureicher war, aber ja, die zu Geld gekommenen sind die Schlimmsten, das ist wohl so. Die Kohle wird ins innere Vakuum gesogen wie in ein schwarzes Loch — da sollte eigentlich sowas wie ein gut durchbluteter Herzmuskel sitzen der übers Rückgrat mit dem Denkmuskel verbunden ist.
    Wobei die Aufstrebenden mit spitzen Ellenbogen und Solinger Messerset sicher auch nicht zu unterschätzen sind.

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  9. genova68 schreibt:

    Ja, das mit den entwürdigten Mitarbeitern meint nur, dass ich mich in die Perspektive von Schlecker hineinzusetzen versuche. Es geht um Aufmerksamkeitsökonomie und da hat Herr Schlecker gnadenlos versagt. Der Laden hatte seit vielen Jahren ein schlechtes Image. Es gibt eine Menge Firmen, bei denen Entwürdigung der Arbeiter stattfindet, die aber denoch ein tolles Image haben. Allen voran Apple, die ihre Geräte komplett entwürdigt und spottbillig herstellen lassen und als Premiumprodukt verkaufen. Oder Sportschuhe, Nike, Reebock, Puma. Das Geheimnis besteht darin, die Ausbeutung nicht öffentlich oder zu öffentlich werden zu lassen. Das hat Herr Schlecker nicht gecheckert.

    Vielleicht fehlt ihm die richtige Brille auf der Nase. Mit so einer Neckermannbrille hätte ihm wohl keiner was Böses zugetraut ;-)

    Wenn ich das richtig sehe, bedient sich Schlecker indirekt gerade auch staatlicher Gelder. Sein Vermögen hat er jedenfalls rechtzeitig verschoben, die Mär seiner Tochter, dass „nichts mehr da ist“, ist hinfällig:

    „Laut Manager Magazin verfügte die Familie Anton Schlecker 2011 über ein Gesamtvermögen von ca. 1,95 Mrd. Euro und belegte damit Platz 56 unter den 500 reichsten Deutschen im Jahr 2011.

    Im Januar 2012 meldete Schlecker Insolvenz an. Nach Aussage von Schleckers Tochter Meike sei sein Vermögen und das der Familie aufgezehrt bzw. kein signifikantes Vermögen mehr vorhanden.[11] Laut Manager Magazin stehen der Familie weiterhin rund 70.000 € monatlich (aus Vermögen der Kinder und der Ehefrau) zur Verfügung.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Schlecker#Verm.C3.B6gen

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  10. #?!@"? schreibt:

    Bei den genannten Beispielen (Apple, Nike, etc.) ist es sicher auch so, dass die armen Ausgebeuteten zu weit weg sind. Da fehlt der Bezug und die Identifikation ist für den gemeinen ‚Westler‘ eher schwer zu bewerkstelligen. Und dann kommen da gern noch so Sätze ins Spiel dass die ja froh sein könnten dass überhaupt jemand Arbeitsplätze dort schafft, alles gar nicht so schlimm wäre – die kennen das noch schlimmer, sowieso der Subunternehmer schuld ist und man ab jetzt alles besser macht. Das reicht dann, rosa Brille zurück auf die Nase, und alle sind wieder zufrieden und beruhigt dass sie ihre Moneten für irgendwelchen Kram ausgeben dürfen.

    Dass der Schlecker Vermögen in Sicherheit gebracht hat, ist anzunehmen. Von einer Verschieberei an die Tochter hatte ich mal was gehört. Gerade gesucht und gefunden http://www.swp.de/ehingen/lokales/ehingen/Print-Geiwitz-Geiwitz-will-Vermoegen-rigoros-zurueckfordern;art4295,1615747

    Nicht dass ich es gut finde wenn jemand die Allgemeinheit oder überhaupt andere Leute bescheißt. Aber es so zu machen dass es auch noch auffallen muss, so in-your-face, das ist schon der Gipfel der Dreistigkeit.

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  11. genova68 schreibt:

    Ja, es ist dreist, aber es ist auch dämlich. Schlecker ist ein Loser, das macht ihn schon fast wieder sympathisch. Er stellt sich dämlich an, im Gegensatz zu den AppleNiketc.-Leuten. Ich kaufe mir ja auch Jogging-Schuhe für 100 Euro, obwohl ich weiß, dass Nike für dieses Paar der produzierenden Fabrik in Asien ca. 4 Euro bezahlt. Die Näherin kriegt 40 Cent. Das ist auch so ein Fall, der die Normalität kaptitalistischer Perversion aufzeigt: Man müsste das Paar Schuhe nur für 100,40 Euro verkaufen und die 40 Cent durchreichen, und schon hätte man eine Lohnsteigerung der Näherin um 100 Prozent.

    http://www.checked4you.de/UNIQ134674708905104/turnschuh

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  12. #?!@"? schreibt:

    Als selten dämlich würde ich den Schlecker auch bezeichnen. Ja, er ist ein Loser, aber ich finde das nicht sympathisch, auch nicht unter größten Anstrengungen, weil es bei ihm mit einer gewissen ignoranten Boshaftigkeit einherzugehen scheint. Anders kann ich mir den Umgang mit den Mitarbeitern und auch den Kunden nicht erklären. Alles Konsumenten- und Arbeitsvieh.

    Die Bezahlung der Arbeiter ist auf jeden Fall pervers. Vor allem weil, und da bin ich mir sicher, die Kunden die fünfzig Cent mehr zahlen würden, bei einem T-Shirt für zehn Euro und bei Laufschuhen für über hundert erst recht. Und es liegt eindeutig am Unternehmen. Die haben ihre Marktmacht nicht genutzt bessere Bezahlung durchzudrücken, weil sie die Gewinnmarge so hoch wie möglich haben wollen. Fünfzig Cent bei soundsovielen verkauften Schuhen, das hat durchaus Einfluss auf die Zahlen. Es fehlt einfach Bewusstsein und Verantwortsungsgefühl das weiter reicht als bis in die Bücher hinein, zu mehr verwendet wird als das Aufblähen von Quartalszaheln. Aber mit solchen Qualitäten macht man keine Karriere bei international tätigen, börsennotierten Konzernen.

    Die Geschichte von der Macht der Konsumenten hab ich übrigens noch nie gekauft. Boykottiere allerdings Nike seit ewigen Zeiten. Nur mache ich mir keine Illusionen, dass ich damit etwas bewirke außer mir selbst gerecht zu werden. Nicht ohne Selbstgerechtigkeit. Meine etwas eingestaubten Joggingschuhe sind dann auch von adidas http://www.waronwant.org/olympics-home Der Kapitalismus versucht mich höhnisch lachend in die Schizophrenie zu drängen. Das werde ich ihm nie verzeihen.

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  13. genova68 schreibt:

    Ich finde den auch nicht sympathisch, vielleicht ist es so eine gewisse Grundsympathie mit Losern.

    Die Macht der Konsumenten halte ich in erster Linie für eine neoliberale Falle. Der Einzelne soll im Supermarkt quasi nebenbei das Richtige auswählen. Da existiert der Gesellschaftsbegriff genausowenig wie bei Thatcher.

    Was du beschreibst, würde ich einfach Kapitalismus nennen: Rendite erzielen, sonst nichts.

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  14. #?!@"? schreibt:

    Ich mag Loser, meist mehr als Gewinner. Aber keine Arschlöcher.

    Das sehe ich auch so, man hat die Menschen aufs Sein als Individuum zurückgedrängt, ihnen Verantwortung aufgeladen die sie freudestrahlend als Freiheit begreifen sollen, der sie aber niemals gerecht werden können, denn das ist keine Freiheit sondern das Gegenteil. Und die, die tatsächlich mehr Möglichkeiten hätten, nutzen sie nicht. Unsere schöne neue Welt bringt das schlechteste in den Menschen hervor, und das dann nach oben. Der ewige Kreislauf. Rendite muss sein, nur wieviel und zu welchem Preis. Ich geh jetzt in die Sonne, sonst werd ich noch depressiv.

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  15. genova68 schreibt:

    Ja, besser nicht depressiv werden. Man muss das ja nicht persönlich an sich ran lassen.

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  16. #?!@"? schreibt:

    Das war mehr so frustriert gemeint–im Angesicht der eigenen Unfähigkeit die Welt zu verändern. Außerdem schien die Sonne so schön :)

    Persönlich–im Sinne von Angriff auf meine Person–nehme ich nichts (mehr). Das bedürfte erschütternder Fragen die ich mir nicht schon einmal selbst über mich gestellt hätte.

    Aber generell finde ich, dass der Mensch viel zu wenig nah an sich heran lässt. Nicht mal sich selbst. Wobei u.a. schon Erich Fromm meinte, dass das Vor- und Nachteile hätte–je nachdem wo man so steht was den gesellschaftlichen Status quo angeht.

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  17. genova68 schreibt:

    Ja, ich stimme dir eigentlich in allem zu :-) Das persönliche Ranlassen: Bei einer hohen gesellschaftlichen Position kann man persönlich ja kaum was ranlassen, weil die Not einen persönlich nicht betrifft. Ich kann auch den Hunger in Afrika nicht an mich ranlassen, ich bin da außen vor.

    Es ist zweischneidig: Ich lasse da eigentlich nichts an mich ran, mich interessiert einerseits die theoretische Ebene mehr, die Strukturen, und andererseits habe ich keine Lust, mir mein Leben zu vermiesen, indem ich mich von irgendwas betroffen fühle. Das Ranlassen passiert mir am ehesten bei den vielen Bettlern überall, wo ich dann entscheiden muss, wie viel ich gebe pro Tag. Das ist dann sowas wie ein persönliches Verhältnis. Aber Umweltschutz und solche Sachen: Ich käme nie auf die Idee, mich da persönlich zu verhalten, Wahl des Verkehrsmittels oder so.

    Es ist menschlich völlig unmöglich, solche Lasten auf sich zu nehmen. Das ist wohl so ein christlicher Krempel. Ich würde auch nur Politiker in einer linken Partei werden, wenn ich dabei gut verdienen würde und mir der Job Spaß machen würde. Um die Welt zu verbessern macht das doch keiner. Ist ja schön, wenn das dabei rauskommt, aber wir sind nicht Jesus.

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  18. #?!@"? schreibt:

    Das stimmt irgendwie nicht so ganz mit meiner Sichtweise überein. Verdammt ;) Später mehr.

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  19. #?!@"? schreibt:

    So, also. Sich in einer hohen gesellschaftlichen Position befinden. Das ist ja nun relativ. Was soll das überhaupt sein. Ist wohl mehr so die Selbstwahrnehmung und -verortung. Wie auch immer. Sich in den anderen hineinzufühlen, etwas an sich heranzulassen, das muss man zunächst einmal wollen. Man muss das aushalten können, sollte man Diskrepanzen erkennen. Das ist es wohl auch was Fromm meinte, nämlich dass ein sich bewusst werden nur zu (gesellschaftlichen) Veränderungen führen kann. Jung äußerte sich da ähnlich im Bezug auf die Person sobald sie sich der eigenen Schattenwelt bewusst wird. Dass das nicht jeder ohne weiteres aushalten kann, war auch gegeben. Da schließt für mich auch das Konzept vom Übermensch an.
    Und was passiert mit einem selbst wenn man sich in Situationen befindet, die nach Einfühlungsvermögen durch andere verlangen, die anderen sich aber den Tag nicht mit trüben Gedanken vermiesen lassen wollen. Diese Form des Selbsterhaltungstriebs ist ziemlich ausgeprägt, genau wie Wettbewerbsverhalten. Ist aber eher destruktiv für die Gesellschaft, und letztlich einzelne Menschen.

    Mich interessieren auch die abstrakten Zusammenhänge, nur kann man die m.E. nicht wirklich erkennen wenn man sich vor Dingen verschließt. Und was man tut wenn man Obdachlosen Geld gibt, als Almosen, ist sicher zweischneidig. Zum einen mag das aus einem Helfenwollen kommen, zum anderen ist es auch ein sich freikaufen vom Berührtsein. Auch wenn einer einzelnen Person in solch einer Beziehung nicht viel mehr übrig bleibt als eben das zu tun, was man tun kann.

    Was Umweltschutz angeht. Und überhaupt andere Dinge. Man verhält sich immer. Geht ja gar nicht anders. Ich zum Beispiel tue das, was mir richtig erscheint und mit relativ wenig Aufwand verbunden ist. Müll trennen. Freilandeier kaufen. Den Gedanken zulassen, dass es gerade kickt mit zweihundert Sachen auf der Autobahn, aber nicht der umweltfreundlichste Akt ist; mich zu freuen dass das überteuerte Bahnticket dann immerhin noch irgendwie der Umwelt geholfen hat etc.

    Sicher ist es menschlich als Individuum völlig unmöglich die Last der Welt auf den eigenen Schultern zu tragen. Darunter kann man nur zusammenbrechen. Es ist aber sicher auch eine Illusion zu glauben, man könnte sich davon befreien und hätte nichts zu schultern. Wäre frei von Verantwortung. A principle is only a principle if it costs you money. Oder auch unangenehme Wahrheiten.

    Ich hoffe, und das auch nur weil die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, dass es Politiker in linken Parteien (wobei mir da nur eine größere einfällt) gibt, die die Welt tatsächlich verbessern wollen, und nicht nur so tun, sich verkaufen, in ihrer eigenen Hoffnung wirtschaftlich voranzukommen. Die Welt verbessern zu wollen – das halte ich für einen zutiefst menschlichen Wunsch. Auch wenn uns das immer und überall abtrainiert wird, in statische Bahnen gelenkt in denen dieser Wunsch pervertiert u.U. zur Verschlimmbesserung beiträgt… Ich denke es ist überaus wichtig sich mit ethischen Fragen immer wieder auseinanderzusetzen. Sonst ist man innerlich tot. Und davon gibt’s dann auch kein Auferstehen mehr.

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  20. genova68 schreibt:

    Danke für diesen angenehmen Kommentar! Ich schreibe die Tage etwas dazu, ich habe vorerst leider keine Zeit.

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