Mietverdoppelung: „Weil wir keine Sprache haben“

Und schon wieder eine kleine Geschichte, die hilft, gesellschaftliche Realitäten zu begreifen. Derzeit kämpfen Senioren in Berlin-Friedrichshain gegen die Verdopplung ihrer Mieten. Die Berliner Zeitung schreibt:

„Unser Vermieter hat im Juni angekündigt, dass er nach dem Wegfall der Anschlussförderung des Landes im Oktober die Miete wahrscheinlich verdoppeln muss, weil er sonst seine Kredite nicht mehr bedienen kann“, sagt Joachim Konieczny (58). Die Mieten in den fünf Sozialbauten mit ihren 1,5- und 2-Zimmer-Wohnungen würden von 6 auf 12 Euro pro Quadratmeter netto kalt steigen.

Die Renten der Betroffenen liegen bei „meist unter 1000 Euro“, die Verdopplung würde den zwangsweisen Auszug bedeuten. Über eine Mieterin schreibt die Zeitung:

Als sie mit ihrem Mann 2006 in die Wohnung eingezogen sei, habe sie geglaubt, dies sei der letzte Umzug gewesen. „Wir wissen nicht mehr ein noch aus. Es gibt nirgendwo bezahlbare Wohnungen mehr.“

Doch, es gibt noch ein paar Ghettoviertel am Stadtrand.

Der eigentliche Gag ist aber der Vermieter, der die Mieten verdoppeln „muss“, weil er seine Kredite sonst nicht bedienen kann. So geht das. Ein Kapitalist erzählt solch einen blühenden Unsinn. Der Journalistin Thorkit Treichel fällt das offenbar nicht auf, doch es wäre ihre ureigenste Aufgabe, dieser absurden Behauptung nachzugehen. Und Frau Treichel ist für das Thema sensibilisiert, es ist nicht ihr erster Artikel dazu.

Eine Mietverdoppelung auf Münchner Niveau und drohende Obdachlosigkeit alter Menschen: Das ist nötig, weil ein Kapitalist behauptet, sonst pleite zu gehen. Friedrichshain ist ein angesagter, wie man sagt, Bezirk, die Mieten steigen dort überall rasant. Alte Menschen sind dort doppelt unattraktiv.

Solche Geschichten passieren in Berlin derzeit massenhaft. (Mir persönlich nicht; nur falls jemand meint, ich würde mich nur mit meinem eigenen Problem beschäftigen.) Der organisierte Widerstand verhandelt mit der Bürokratie, studiert Gesetze, versucht, sich mit dem Kapital zu arrangieren. Das kostet viel Zeit und Mühe und bringt nichts. Effektiv wäre vielleicht die massenhafte Verweigerung der Mietzahlungen, aber eben wirklich nur massenhaft.

Der Freitag bilanziert die gescheiterte deutsche Sektion der Occupy-Bewegung und meint:

Occupy hat offene Türen eingerannt und bisher dennoch nichts erreicht. Wir fühlen uns frei, weil wir keine Sprache haben, unsere Unfreiheit zu artikulieren. Dieser Mangel bedeutet, dass alle wichtigen Begriffe, die wir verwenden, um den gegenwärtigen Konflikt zu benennen, falsche sind. Es sind Slogans, die das Denken vernebeln und das Handeln unnütz erscheinen lassen.

So kann man das wohl sagen. Es fehlt das Vokabular, weil wir seit zwanzig Jahren in einem Maße neoliberal verseucht sind, das man den Strategen, die dahinter stehen, fast schon Respekt zollen muss. Die Mietgeschichten in Berlin zeigen das deutlich. Es gibt, bis auf ein paar Libertäre, niemand, der diese Entwicklung in Ordnung fände. Doch bei der Beschreibung des Phänomens geht es schnell in die Kindergartensprache und der Einfachheit halber sieht man Mietsteigerungen als Naturgesetz. Thorkit Treichel findet nicht mal erklärende Worte zu dem Vermieter und den zugrundeliegenden Strukturen.

Marxisten sind die einzigen, die noch den Durchblick haben, die erklären können, was da abläuft. Aber die sind nicht so richtig en vogue, hab ich gehört.

Der Freitag empfiehlt übrigens:

Versucht´s mal mit Gewalt.

Nicht, dass man das so einfach unterschreiben könnte. Doch wenn die Worte fehlen…

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