Der deutsche Herrenmensch im Update

„…der Krieg gegen die europäischen Völker wird zwar nicht mehr mit Gewehren und Kanonen geführt, sondern indem die Deutschen ihre europäischen Nachbarn ökonomisch niederzwingen und ausbluten wollen. Eine Mehrheit hat offenbar aus den beiden katastrophalen Niederlagen des letzten Jahrhunderts nichts gelernt. Der von der Politik und den Medien geschürte Größenwahn der Deutschen kann nur erneut in einer Katastrophe enden.“

Das schreibt Wolfgang Lieb von den nachdenkseiten. Vielleicht im letzten Satz zu dick aufgetragen, aber vom Ansatz her dringend notwendig zu betonen: die deutsche Herrenmenschenmentalität, die den faulen Südeuropäer und also den Ansatz minderwertigen Lebens immer noch so bereitwillig ins bodenständige Argumentationsrepertoire aufnimmt. Türken, Moslems, Griechen, Portugiesen, Spanier, Italiener sowieso: immer noch das gleiche Pack, das uns das Leben schwer macht und uns ausnutzt. Und es ist doch offensichtlich: Das, was „wir“ bis 45 nicht schafften, wird nun auf dem ökonomischen Schlachtfeld nachgeholt. Alleine diese pubertäre Freude über den Exportweltmeister, was ja immer auch ein Treten nach unten ist. Bar eines jeden ökonomischen Sachverstandes freuen wir uns, weil wir so „fleißig“ sind, eine regressive Freude, die ohne das Verächtlichmachen derer, die unsere Waren kaufen, nicht möglich ist. Gerade das Wirtschaftswunder zeigte doch, das wir Deutsche offenbar genetisch so unglaublich tüchtig sind, da reicht niemand heran. DAS ist doch die eigentliche Lektion unserer Vergangenheitsbewältigung.

Und das darf man jetzt wieder etwas lauter sagen. Sarrazin hat es vorgemacht.

Derzeit besetzt Markus Söder die Stelle des Hetzers. Auszug aus einem Interview mit der Bild am Sonntag (gemeinsam mit Sahra Wagenknecht):

„Hier gilt eine alte Regel vom Bergsteigen: Wenn jemand an deinem Seil hängt und dabei ist, dich mit in den Abgrund zu reißen, musst du das Seil kappen.“

sagt er mit Blick auf Griechenland. Und:

„Weitere Hilfen für Griechenland ist wie Wasser in der Wüste vergießen… Irgendwann muss jeder bei Mama ausziehen, und die Griechen sind jetzt so weit.“

Söder markiert derzeit den Rechtsaußen, weil Sommer ist und weil rechtsaußen parteipolitisch eine Leerstelle herrscht, die die CSU seit Strauß niemand anderem überlassen will. Die Willfährigkeit, mit der die Medien ihn unterstützen (wie oft wurde Söder eigentlich schon vom Deutschlandfunk interviewt?) und die Popularität, zu der er mit solchen Aussagen kommt, sind bezeichnend.

Noch eine kurze Sequenz aus dem Interview der Bild am Sonntag mit Söder:

BamS: An Athen muss ein Exempel statuiert werden, dass diese Eurozone auch Zähne zeigen kann.

Söder: Die Deutschen können nicht länger der Zahlmeister für Griechenland sein.

Ökonomische Analyse wird ersetzt durch Rassismus und Stammtisch und Plakatives. Der Zahlmeister zeigt Zähne und statuiert ein Exempel. Die Bild-Journalistin (Anna von Bayern heißt sie, kein Scherz) hat da oben übrigens tatsächlich keine Frage gestellt, sondern eine Feststellung getroffen. Wir armen Deutschen sind Zahlmeister, wo wir doch so schuften und alles reformiert haben. Vor zehn Jahren waren wir noch bemitleidenswert, weil die Chinesen und die Slowaken uns die Arbeitsplätze wegnehmen. Irgendwer will uns ja immer böse. Wir helfen allen, aber uns hilft niemand.

Nun sind Bild und Söder das eine. Das andere ist, dass es funktioniert. Söder kriegt nach solchen Aussagen keinen Shitstorm ab, er hat ja nur tief in Volkes Seele geguckt. Die Herrenmenschenlogik ist offenbar nach wie vor tief verwurzelt.

Wichtig in diesem Drama auch, Linke als vaterlandslose Gesellen darzustellen, wieder in einem bemerkenswerten Zusammenspiel mit Anna von Bayern. Söder an Wagenknecht gewandt:

SÖDER: Deutschland ist ein starkes, stabiles Land. Reden Sie Deutschland nicht immer schlecht! Gibt es ein Land in Europa, in dem Sie lieber leben würden?

BamS: Alle in Europa beneiden uns.

Wer interviewt da eigentlich wen? Skurril: Söder ist ja nun einer der personifizierten Gründe, „Deutschland“ schlecht zu reden. Ich weiß nicht, wie viel Prozent der Bevölkerung Söder mit sowas erreicht. Gefühlt würde ich sagen: es werden mehr.

Gleichzeitig läuft eine neoliberale Politik, die immer mehr an Naomi Kleins Schock-Therapie erinnert, auf Hochtouren. Schuldenbremse und Fiskalunion sind zwei Ansätze, die vermittelbar sind, wir haben ja schon genug Schulden.

Das Kapital lacht sich derweil gestaltlos ins Fäustchen. Rendite wird gemacht, ob in nationalem oder internationalem Gewand, ist egal. Anna von Bayern wird es schon richten.

 

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6 Antworten zu Der deutsche Herrenmensch im Update

  1. hanneswurst schreibt:

    Sollte es heute nicht „Damen- und Herrenmenschen“ heißen?

    Guter Hinweis auf das BamS Interview – so übel finde ich es gar nicht, auch wenn im Abdruck manchmal schwer zu sehen ist, wer gerade spricht oder fragt (wahrscheinlich Geschlamperl von der Online-Redaktion). Söder und Wagenknecht, was für eine Paarung. Markus Söder ist meiner Meinung nach das hohlste, was deutsche Politik zu bieten hat und natürlich ist er deshalb viel gefährlicher als Sarrazin und andere Rechtsabgerutschte, die für die Zielgruppe, die für plumpnationales Vorteilsdenken empfänglich ist, noch auf zu hohem Niveau daherplappern. Diese Bilder aus der rechtsnationalen Bergsteigerromantik kommen bestimmt gut an. Die Bams gibt aber erstaunlicherweise auch Wagenknecht ganz gute Vorlagen („BamS: Lafontaine wurde als der „gefährlichste Mann Europas“ bezeichnet, weil er die Banken an die Kette legen wollte.“) und lässt Wagenknecht sogar das letzte Wort, das sie für einen Söder/Lafontaine Schwanzvergleich nutzt – nicht schlecht.

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  2. genova68 schreibt:

    Reden tut immer der, dessen Name zuletzt genannt wurde, auch wenn die BamS zwischendurch fragt.

    Interessant auch zum Thema:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=14063#more-14063

    Müller schreibt da, dass er es geheuchelt findet, die blonde Olympiafrau, die Ruderin, wegen ihrer Beziehung nach Hause zu schicken, aber den Bild-Rassismus gegen die Griechen oder die Söder-Äußerungen für im Rahmen zu halten.

    „Je mehr gegen die NPD und ihre Freunde wenigstens gelegentlich eingeschritten und durchgegriffen wird, umso mehr gewinnen die rechtskonservativen und rechtsradikalen etablierten Kreise in den traditionellen konservativen Parteien an Spielraum. Sie können sich wirklich menschenverachtend und volksverhetzend äußern. An ihnen bleibt in der breiten Öffentlichkeit nichts an rechtsradikalem Verdacht hängen. Dieser wird auf Personen wie Drygulla und ihr Umfeld gerichtet. Diese Art von Meinungsbildung funktioniert. Man kann sie an sich selbst studieren.“

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  3. hanneswurst schreibt:

    Unterschreibe ich. Der rechte Rand – ein Haufen von traumatisierten Außenseitern und einigen wenigen Irren die ihnen die Ideologie zurechtlegen – wirkt in der BRD als Schutzschild für eine wachsende Bürgerschicht, die ihre Privilegien bedroht sieht und deswegen die Globalisierung neu interpretieren möchte – als einen Prozess, der endlich erlaubt, mit den vorgeblichen deutschen Tugenden Kasse zu machen. Werden dann die Nachteile der neuen Verbundenheit offenbar, in Form von nötigen Solidarleistungen in der EU oder chinesischen oder indischen Dumpingpreisen, dann sind auf einmal alle Nutten außer Mutti, und der gute Deutsche singt das Klagelied von den Schmarotzern und Untermenschen, die ihm den verdienten Wohlstand streitig machen wollen.

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  4. Yunus schreibt:

    Welchem Sinn macht es überhaupt dass ganz Europa eine Währung hat?
    Gar keinen, weil es nur Großunternehmen und den Banken nutzt während der Mittelstand die Zeche zahlt.
    Glaubt hier jemand ernsthaft dass nur wenn D die Schulden übernimmt dann verschwinden die einfach? In 5 Jahren spätestens hat man wieder genau dasselbe Problem. Einfach mal Produktivität googeln…

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  5. Jakobiner schreibt:

    Die Hetze wendet sich inzwischen nicht nur gegen „Südländer“und Nichtdeutsche, sondern auch innerhalb Deutschlands. So torpediert jetzt die CSU auch noch den Länderfinanzausgleich.Als Hauptkampffeind wird Berlin und Wowereit erkoren. „Spree-Athen“, Berlin als dekadente, urbane Zentralmetropole, die „unser Griechenland im Inland“ ist.All jene Deutsche, denen der Sparkurs gegen die Griechen und anderen PIIGS-Staaten gar nicht weit genug geht, werden sich selber noch umschauen, wenn es heisst: Wenn die Griechen sparen, müssen wir Deutschen das aber auch. Somit wird Neoliberalismus und Austeritätspolitik das Wort geredet. Bezeichnend, dass im ZDF-Heute und anderen Medien jetzt die Agenda 2010 von Schröder so gelobt wird. Klaus Kleber kam auch gleich zum eigentlichen Punkt: Jetzt bräuchte es eine Agenda 2020, ja Schröder redet schon von einer Agenda 2030. Nebenbei erfährt man noch als Randnotiz, dass sich der Niedrigstlohnsektor unter der Agedna 2010 verdoppelt hat und nun 22% der Beschäftigten ausmacht. Eine Agenda 2020, die unter einer Grossen Koalition nach 2013 so sicher wie das Amen in der Kirche kommt , würde den Niedrigstlohnsektor auf 30- 40% erhöhen. Alle zehn Jahre eine neue Agenda und bald beträgt der Niedriglohnsektor die Hälfte aller Beschäftigten–der Sozialstaat wird dann gänzlich abgeschafft.

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  6. genova68 schreibt:

    Systemisches Ziel ist die Kapitalakkumulation bis zum Knall. Man sollte Begriffe wie Faschismus und Namen wie Hitler wieder stärker in die Diskussion bringen. Es sind ähnliche Entwicklungen.

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