Das Antiparktaschenbild

Ein Foto, das mich seit Jahren beeindruckt:

 

Aus einer Zeitung ausgeschnitten, Herkunft, Zeitpunkt und Zusammenhang vergessen, die leichte vertikale Farbnuance im rechten Drittel ist dem durchschimmernden Aufdruck auf der Rückseite geschuldet.

Warum beeindruckt mich das Bild? Es ist wohl der Antiparktascheneffekt. Es ist eine städtebauliche Situation, die man in Deutschland immer seltener zu Gesicht bekommt. Eine nichtaufgeräumte suburbane Landschaft, eine vorübergehende, variable Situation, die sich ändernden Kontexten angepasst werden kann. Eine Landschaft, die offen ist, in der das Unfertige ein Interesse erzeugt, ein Interesse am nicht Eindeutigen. Eine Fläche, die komplett undefiniert ist. Zudem eine Fläche ohne Abstandsgrün, ohne Markierungen, ohne planvolle Variationen bestimmter Oberflächen und Materialien, ohne erwzungene Auflockerungen, ohne irgendeinen Aspekt der üblichen verniedlichenenden selbstberuhigenden Spießerscheiße.

Dazu kommt eine so wunderbare zufällige Anordnung wie die rechts unten: Drei Parkbegrenzer, ihrer eigentlichen Funktion enthoben, angeordnet in einer sehr elegant wirkenden leichten Verschiebung aus dem rechten Winkel, dazu die beiden Mülltonnen, die ein Verhältnis eingehen. Die beiden coolen Autos sind natürlich auch nicht zu verachten.

Die vier quadratischen Platten zwischen den Autos hatten sicher einmal einen konkreten Nutzen. Er ist nicht mehr zu ermitteln, auf den ersten Blick zumindest. Ein zweiter Blick würde lohnen. Eine Art archäologisches Interesse legitimierte ihn.

Ganz rechts unten eine Einfassung, aber ohne Rasen, ohne Grün, eine Einfassung, deren Sinn vergessen wurde, die dennoch existiert.

Im Hintergrund ebenfalls ein Rätsel: Ein Freibad mit Liegen?

Es erinnert mich auch ein wenig an Italienaufenthalte. In Rom jenseits des touristischen kleinen Kerns stehen seit zweitausend Jahren Mauern herum, halbe ehemalige Stadttore, irgendwelches Gerümpel, bei dem niemand auf die Idee kommt und offenbar 2000 Jahre lang niemand auf die Idee kam, dass das jetzt entweder weggeräumt werden müsse oder renoviert, weil der aktuelle Zustand auf keinen Fall erträglich sei. Doch er ist erträglich, solange man das Andere, das Nichtbestimmte, das Ungefähre nicht nur erträglich, sondern ertragenswert findet. Autos und Vespas fahren mal hindurch durch das halbe Stadttor, mal knapp vorbei, Gras sprießt. Man betrachte dagegen das Brandenburger Tor und den Pariser Platz, die gute Stube Berlins. Eine mittlerweile kaum noch steigerbare Banalisierung von Stadt, ein Fantasiapark der Instantgesellschaft. Aber immer historisch-reaktionär aufgeladen mit Adlon und Blockrand und Sockel und Steinfassade und Dachneigung und dem ganzen Preußengeplapper. Starbucks ist auch mit von der Partie.

Situationen wie auf dem Foto dagegen sind Bilder und Stadtlandschaften, die zum Hinsehen einladen, weil es etwas zu Entdecken gibt, das erst im Moment des Sehens definiert wird. Es sind nicht von oben definierte Räume, die in ihrer Bedeutung besetzt werden, sich verändern, flexibel sind in einem positiven Sinn.

Diese zufällig-planvollen Welten sind, von Ausnahmen abgesehen, in westlich aufgeräumten Städten, die nurmehr dem Marketinggedanken und dem weltweit herumlatschenden Touristen, der schnell genießen und verdauen will, zugerichtet werden, kaum noch zu finden. Aktuell laufen im Prenzlauer Berg um die Kastanienallee und die Oderberger Straße solche Parktaschenaktionen. Es wird hergerichtet fürs neue Bürgertum, gerne mit alt wirkenden Granitsteinen und „Abenteuerspielplätzen“ für die Sprösslinge. Im Osten und der dritten Welt braucht es keine extra eingerichteten Sonderzonen, wo das Abenteuer geplant eintritt. Weswegen sich Reisen dahin naturgemäß lohnen.

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5 Antworten zu Das Antiparktaschenbild

  1. Frijor Meint schreibt:

    ich möchte kurz und knapp uneingeschränkt dem charme dieses photos und den gegebenheiten die dieses endstanden ließen zustimmen. kürzlich erst führte mich eine gute gelegenheit in die ukraine und ich war verzückt von dem weitesgehenden fehlen jenes planungs und vor allem erneuerungswahn der wie bei dir absolut trefflich beschrieben speziell in deutschland und in berlin praktiziert wird!

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, danke, Ukraine stelle ich mir auch toll vor in dieser Hinsicht, war ich leider noch nicht. Polen, Slowakei und Rumänien sind da zu empfehlen.

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  3. Chris schreibt:

    Auch ganz schön: Hinterhöfe, verkrautet und unaufgeräumt
    Vor ein paar Jahren konnte man sie in Berlin noch finden.

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  4. mesaki schreibt:

    Nicht vergessen werden sollte der Autor hinter dem Bild.
    Joachim Brohm und das Bild ist aus dem Buch Ohio.

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  5. genova68 schreibt:

    Aha, danke für Ross und Reiter.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Brohm

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