EM: Gott sei es gedankt, der Seeßlen hilft mir aus der Patsche

Nachdem ich zum EM-Nationalismus nicht die richtigen Worte fand, aber naturgemäß das richtige Bauchgefühl hatte, übersetzt Georg Seeßlen meinen Bauch in den Kopf. Deshalb ausnahmsweise ein Fremdtext ohne Interpretation.

Auszug aus seinem Beitrag heute in der taz:

Die Fahne ist kein Spaß, sondern die Lizenz zur Regression

Es ist ja weder „der rechte Rand“, noch sind es unbedingt besonders Fußball-affine Menschen, die sich dem neuen deutschen Fahnenrausch hingeben, als vielmehr die Angehörigen jener in Auflösung begriffenen Mitte, die ökonomisch und kulturell zersprengte Mehrheit, die um ihren sozialen, politischen und kulturellen Status nicht mehr weiß. Man versucht zugleich, möglichst viel Wirgefühl und kollektive Wärme zu erzeugen und sich trotzdem persönlich hervorzutun, immer noch größer, besser, mehr als die anderen zu sein […]

Das Nationale und das Volkstümliche, in das man sich einkauft, scheint die Lizenz zur Regression als Lebenshaltung mit zu versprechen. Dabei kann die hedonistisch-politische Masse sich jeweils perfekt herausreden: Das Hedonistische darf sich im Nationalen verbergen und das Nationale im Hedonistischen. Es ist eine „heilige Sache“, und es ist doch nur ein Spiel. Jede Kritik ist daher Blasphemie oder Spaßverderberei […]

Das ist keine Sache, die ein paar national berauschte Dumpfbacken oder Natural Born Fähnchenhänger angeht; es ist eine innere Rekonstruktion dessen, was in der nächsten Politikerrede „Leitkultur“ genannt wird. Ein Phänomen der jeden von uns betreffenden öffentlichen Diskurskorrektur.

Nationalismus und Volkstümelei als Waren- und Eventsprache dienen zweifellos der Hegemonialisierung und der „Einschüchterung“ und werden als solche genossen. Mitmachen? Cool bleiben? Den ahnungsvollen Ärger herunterschlucken? Sich keinesfalls als Spiel- und Spaßverderber outen? Doch bitte nicht so empfindlich sein?

So leben wir von Event zu Event, von Konsumwelle zu Konsumwelle, von Zeichensturm zu Zeichensturm. Und erleben nach jedem Rausch Absturz und Ernüchterung. Denn am Ende ist noch stets diese Reintegration der Masse in die Krisen- und Finanzwirtschaftsgesellschaft gescheitert.

Morgen also brauchen wir wieder etwas anderes, um Hedonismus und „Identität“, Ich und Wir, neoliberale Wirklichkeit und nationale Träume unter ein Tuch zu bekommen. Den nächsten Anlass zur Fahnensucht, das nächste Produkt für unsere Volksempfänglichkeit. Man gewöhnt sich daran, oder? (Hervorhebung von mir, g.)

 

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2 Antworten zu EM: Gott sei es gedankt, der Seeßlen hilft mir aus der Patsche

  1. genova68 schreibt:

    Solche Sätze sagen so einiges:

    Deutschlands Fußball-Nationalspieler spielen eine passable Europameisterschaft, lassen ihr Land am Ende aber in tiefer Enttäuschung zurück.

    Das steht nicht etwa in irgendeinem schwülstigen rechten Blog, sondern in der Frankfurter Rundschau.

    http://www.fr-online.de/home/1472778,1472778.html

    Wer ist „ihr Land“? Tiefe Enttäuschung? Das ganze Land? Interessant auch, dass ESM und Fiskalpakt durchgepeitscht werden, während „das Land“ tief enttäuscht ist wegen der EM. Alles zu seiner Zeit.

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  2. silver price schreibt:

    Natürlich ist das auch einer der Anfälle von Konsum-Sucht, die uns seit einiger Zeit zyklisch erfasst. Grillwürste, Joghurt, Lakriz usw. – alles in den deutschen Farben. Und natürlich Bier. Ziemlich viel Bier. Wir haben es offensichtlich mit einem Kurzschluss zwischen sportiv grundierten (aber längst in alle anderen Lebensbereiche ausstrahlenden) Nationalismus, Volksdrogen und wohlfeilem Konsumrausch zu tun: Der Konsum wird „nationalisiert“, während umgekehrt der Nationalismus konsumfreundlich gestaltet wird. Man erkauft sich beim Discounter um die Ecke sein „Deutschtum“, bzw. die öffentliche Inszenierung derselben. Viel kostet es ja nicht. Und die Discounter haben sich auch ein feines Belohnungssystem ausgedacht: „9 Punkte, neun Prozent auf alles (außer auf Multimedia!)“ verspricht nur zum Beispiel plus online für einen Tag. Längst haben wir uns an eine Nationalisierung der Werbung gewöhnt („Wir werden auch in Zukunft deutsche Arbeitsplätze sichern!“). So erzeugt der Beinahe-„Exportweltmeister“ Deutschland ab und an kleine Schübe von Binnennachfrage. Doch dieser Konsum- und Unterhaltungsnationalismus ist auf Dauer gewiss nicht so harmlos und menschenfreundlich wie er karnevalisiert und freizeitlich daherkommt. Würden wir noch wagen unsere Gesellschaft genauer anzusehen, so würden wir einen semantischen Befall des deutschen Mainstream erblicken, vor dem einem nur grauen kann.

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