Noch was zur EM und überhaupt:

Interview mit Oskar Negt, Soziologe und Adorno-Schüler. Alles nicht neu, aber es muss ja hin und wieder gesagt werden:

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„Der Sport boomt, die Volksmusik ebenso, und vorwiegend im Privatfernsehen werden Menschen vorgeführt wie im Zirkus. Funktioniert das Prinzip Brot und Spiele auch heute noch?“

Ich glaube schon, dass die unterhaltenden Verdrängungsleistungen, so möchte ich das bezeichnen, ein gewaltiges Ausmaß angenommen haben. Insofern trifft der Vergleich mit dem späten Rom ein Stück weit zu: Je stärker die Probleme des Imperiums werden, desto größer wird der Circus maximus. Die Verdrängung der Probleme hat ein sehr großes Ausmaß erreicht, weil die Orientierungsnot der Menschen sehr groß ist.

„Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit der Arbeitswelt. Welche Rolle spielt die Verdrängung in diesem zentralen gesellschaftlichen Bereich?“

Die Verdrängung der Probleme der Arbeitsgesellschaft ist so groß, dass ich immer wieder erstaunt bin, wie wenig das in die offizielle Öffentlichkeit eindringt. Nicht die Mangelerscheinungen sind das Problem, sondern die Überflussproduktion, die erhöhte Produktivität. Wie wird die Wertschöpfung gesellschaftlich verteilt? Inzwischen wird mit Geld umgegangen, wie es noch vor zehn Jahren undenkbar war. Wenn heute über 100 Milliarden für die spanischen Banken geredet wird, dann sind das ja unvorstellbare Dimensionen, wenn man zugleich die Kürzungen der Sozialleistungen sieht.

„Zurück zur Erosion: wodurch wird die Gesellschaft zerstört?“

Der Hauptpunkt ist die Kommerzialisierung, der gesamte Produktions- und Lebensvorrat einer Gesellschaft wird warenmäßig organisiert. Dies führt zur Auflösung einer Gesellschaft. Und um sie zusammenzuhalten, da kommen wir auf den Ausgangspunkt zurück, gibt es solche Veranstaltungen wie die Fußballeuropameisterschaft gewissermaßen. Plötzlich bilden sich wieder Nationen. Das hat nicht diesen kriegerischen Charakter, noch nicht, aber das ist nicht auszuschließen. An den Rändern, den Bruchlinien nehmen die Kriege zu. Das ist etwa auf dem Balkan so gewesen. Es ist jedenfalls fatal, dass das Gewinner-und-Verlierer-Syndrom eine so große Bedeutung hat. Auch das kann man sehr gut bei der Fußball-EM studieren. Wie zum Beispiel die niederländische Mannschaft gezeigt wurde, wie sie abzog mit gesenkten Häuptern, so, als ob eine Hinrichtung stattgefunden hat.

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Brot und Spiele, Kommerzialisierung, derzeit die Eventisierung, Boulevardisierung und Nationalisierung eines an sich angenehmen Ballspiels, tja, so ist es. Und wie oft ich in den letzten Tagen gehört habe, dass Ronaldo zu viel Gel in den Haaren und hat und sich die Augenbrauen zupft, also eine Schwuchtel ist und auf dem Fußballplatz nichts zu suchen hat, weiß ich auch nicht mehr. Wie wird die Wertschöpfung gesellschaftlich verteilt? Die alte Frage, aber immer noch zentral, heute mehr denn je.

Nebenbei und ganz aktuell: Die Durchschnittsmiete in Neukölln ist im ersten Quartal 2012 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 16 Prozent gestiegen. Bei Neuvermietungen gerne auch um 50 bis 100 Prozent. Alles ganz legal im Kapitalismus, der sich seit einiger Zeit soziale Marktwirtschaft nennt. Auch nicht neu, aber es muss ja hin und wieder mal gesagt werden.

Und jetzt noch die obligatorische Bitte:

Liebe Italiener, haut den Deutschen am Donnerstag bitte ordentlich aufs Maul!

Danke im Voraus.

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23 Antworten zu Noch was zur EM und überhaupt:

  1. hANNES wURST schreibt:

    Dein zersetzender und zutiefst unpatriotischer Habitus macht mir große Freude. Dennoch kann ich nicht so weit gehen, den Italienern einen Sieg zu wünschen, auch wenn ihr Land noch so schön und unverdorben ist.

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  2. genova68 schreibt:

    Zum zweiten Satz: Wieso? Sportlich betrachtet ist es dir doch sicher egal, wer gewinnt, oder? (Zur Information für meine Leser: Hannes kann einen Fußball nicht von einem Basketball unterscheiden.)

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  3. hanneswurst schreibt:

    Ganz recht, mein beredter Freund, es geht mir nur um das internationale Spektakel, um die geringste Form der kulturellen Bildung, um ein Stücklein miterlebte Geschichte, um die Illusion der Authentizität und die plumpe Kumpanei. Warum sollte ich am Ende schon wieder als Angehöriger des Verlierervolks dastehen wollen? Wir armen Deutschen haben weiß Gott schon oft genug verloren, immer jedoch ist uns Großes versprochen worden. Seit dem Kaiser hat keiner der großen Führer dieses Versprechen eingelöst.

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  4. der blinde Hund schreibt:

    Ich find das immer eher albern, wenn diese unsägliche „Brot&Spiele“-Analogie auf den Tisch geknallt wird. Gibt’s irgendwas, das ausschließt, dass man tagsüber die Welt rettet und abends nach getaner politischer Arbeit ein Fußballspiel genießt? Natürlich nicht. Zu viel Adorno macht eben uncool.

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  5. genova68 schreibt:

    Siehste, blinder Hund, das ist das, was ich mit meinem Kommentar hier:

    https://exportabel.wordpress.com/2012/06/20/ein-euro-zwanzig-plus-erdbeeren/#comment-7146

    meinte:

    Diskussionen in Blogs, das ist meine Erfahrung, sind nur sinnvoll, wenn alle einer Meinung sind, dann diskutiert man die Nuancen. Alles andere ist Zeitverschwendung.

    Dein Kommentar zeigt, dass du nichts verstanden hast und auch, noch schlimmer, keine Ahnung, nicht mal eine ungefähre, hast von dem, was ich meine. „uncool“, tja, dann bin ich wohl uncool.

    Nichts für ungut, aber darauf einzugehen dünkt mir mittlerweile als Zeitverschwendung – für mich zumindest.

    Es lebe die Nichtkommunikation.

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  6. hANNES wURST schreibt:

    Am coolsten ist, wenn man sein eigenes Pseudonym vergessen hat, dann kann man sich für seine eigenen Kommentare loben. Wer sogar die Kommentarfunktion im Blog nur für sich selber freischaltet, der ist obercool, und braucht sich auf keinen Widerspruch einlassen.

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  7. hANNES wURST schreibt:

    Saucool wäre es, wenn es ein Urlaubsland gäbe, in dem die Leute ganz genauso drauf sind wie ich.

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  8. der blinde Hund schreibt:

    Dein Kommentar zeigt, dass du nichts verstanden hast und auch, noch schlimmer, keine Ahnung, nicht mal eine ungefähre, hast von dem, was ich meine.

    ?

    Ich sprach gar nicht über dich bzw. über irgendetwas von dir Gemeintes, sondern über das verlinkte Interview, genauer: die erste Frage und die erste Antwort. Ich habe auch begründet, warum mir die B&S-Analogie albern vorkommt: Weil schlicht nichts dagegen spricht, sein Brot zu essen UND zu spielen.

    Deine etwas unfreundliche und aufgeregte Antwort verstehe ich nicht ganz.

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  9. genova68 schreibt:

    Du hast begründet?? Du kommst als Philosoph daher und behauptest ernsthaft, du hättest in deinem Kommentar da oben etwas begründet?

    Gibt’s irgendwas, das ausschließt, dass man tagsüber die Welt rettet und abends nach getaner politischer Arbeit ein Fußballspiel genießt? Natürlich nicht. Zu viel Adorno macht eben uncool.

    Ist die Begründung etwa die, dass zuviel Adorno uncool macht? Oder nennst du deine verwegene Behauptung „natürlich nicht“ eine Begründung?

    Siehst du, wozu lohnt ein solches Gespräch? Zu nichts.

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  10. Nihilist schreibt:

    @ der blinde Hund

    Spitzensport IST die Brot und Spiele Methode.

    Breitensport, ohne Welt-, Europa- oder Landesmeister in seiner Sportart werden zu wollen, das ist echter Sport. Seine eigene Leistung zu verbessern, das ist ein lobenswertes Ziel. Sich mit anderen Menschen zu vergleichen und sich an denen zu messen und besser als diese sein zu wollen ist kein Sport. Das ist „Krieg mit anderen Mitteln“. Marathonlauf – nur weil einmal ein Soldat … Facepalm! Biathlon … nicht anderes.

    Wir sind Weltmeister oder was auch immer – DAS ist dem Motto „Brot und Spiele“ zu verdanken.

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  11. der blinde Hund schreibt:

    Gut, ich hätte das nicht „Begründung“ nennen müssen. Es war schlicht die Frage nach einem Argument, da die zur Diskussion stehende These im Interview ja nur begründungslos behauptet wird. Wer eine solche Behauptung aufstellt, steht selbst in der Begründungspflicht. Und hier wurden keine Gründe geliefert und ich gehe bis zur Erweisung des Gegenteils auch davon aus, dass es diese nicht gibt.

    Abgesehen davon scheint’s mir vollkommen unstrittig und trivial zu sein, dass man von 9-17 Uhr die Welt retten und ab 20:45 Uhr mit Genuss Viertelfinale gucken kann.

    Ist die Begründung etwa die, dass zuviel Adorno uncool macht?

    Nö, das war nur ein bisschen Polemik zum Abgang. Allerdings glaube ich tatsächlich, dass Adornos verkrampfter Umgang mit unterhaltsamen Vergnügungen zwar verständlich war, aber kein Grund besteht, ihm in seiner Vergnügungsparanoia zu folgen.

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  12. Chris schreibt:

    Wen WM oder EM als Konzepte im Stile Von „Brot und Spiele“ einfach nur „anwidern“, kann sich stattdessen dem widmen, was seine „aufgeklärte“ Gesinnung ihm empfiehlt.
    Wer gar „Krieg mit anderen Mitteln“ in einem internationalen Fußballwettbewerb zu erkennen glaubt, dem empfehle ich ein hübsches Spiel zur Förderung der Kooperationsfähigkeit mit seinen Nachbarn.Falls die Nachbarn anderweitig beschäftigt sind,z.B. auf dem Kriegspfad sind,verdonnert Eure Kinder zu ein paar Runden:“Wir tragen den Ball transnational ins freundschaftliche Tor auf der anderen Seite.“Die Kleinen können dazu mit gemeinen Drohungen erpresst werden.Das klappt immer.
    Der Rest der Nation dürfte unbeeindruckt bleiben.Alles andere würde mich auch sehr beunruhigen.
    Selbstredend gehe ich davon aus, wieder nicht „auf Linie“ zu liegen, doch das wollen wir ja auch nicht mehr in diesem Land,oder.
    Das Brüllen im Chor sollte wirklich nur und ausschließlich im Fußballstadion zur „Kultur“ gehören.Ansonsten ist Echolalie eine miese Angewohnheit und kann selbst als Ausrede für „Denkfaulheit“ nicht mehr durchgehen.Doch im Reich der Ideologie gilt sie immer noch als Tugend, wie es scheint.

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  13. genova68 schreibt:

    Meine Fresse, womit habe ich solche Kommentatoren verdient? Trage ich eine Mitschuld? Was mache ich falsch?

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  14. hANNES wURST schreibt:

    Diskutieren ist doch immer schön, der Weg ist das Ziel – also das Diskussionsergebnis Nebensache. Stell es Dir einfach wie Amöben beim Formationsschwimmen vor – ob die Formationen nun hübsch sind ist doch völlig egal.

    Zum Thema „panem et cricenses“ gab es gestern was Kleines auf Tagesschau.de: http://www.tagesschau.de/sport/em156.html

    Die Problematik der Verdeckung und Entpolitisierung durch Großereignisse ist aber eigentlich trivial und wurde von Oskar Negt meiner Meinung nach etwas adornohaft-nebulös beschrieben.

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  15. genova68 schreibt:

    Ja, das Interview ist eigentlich nicht dolle, von Negt selber habe ich überhaupt noch nie etwas wirklich Interessantes gehört, insofern hätte ich die Publikation auch weglassen können. Ich habe das ja im zweiten Satz des Artikels schon indirekt problematisiert. Seinen Ansichten fehlt der Tiefgang, es ist ja schon ein lohnendes Thema, und ich kann da derzeit nur meine gefühlte Abneigung dieses Medienzirkusses anbieten, die dummen blonden Frauen, die nun allerortern präsentiert werden, immer auf der Schulter von irgendwem sitzend und mit Fahne und irgendwas um den Hals jubelnd. Die Boulevardisierung von Fußball, die ganz ins neoliberale Konzept passt. Ich hätte ja gerne mal eine gute Interpretation dessen, mir fällt dazu nur gerade nichts Veröffentlichungswertes ein.

    Die antideutsche Linie dazu ist Quatsch, das reine Betrachten der deutschen Nazi-Fans in Polen oder Lemberg halte ich auch nicht für zielführend. Es ist gerade die so harmlos daherkommende Begeisterung der blonden Frauen in Trikots auf Fanmeilen, die so unglaublich unangenehm ist.

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  16. Chris schreibt:

    „……die dummen blonden Frauen, die nun allerorten präsentiert werden,immer auf der Schulter von irgendwem sitzend und mit Fahne und irgendwas um den Hals jubelnd.“

    Dazu hätte ich eine Interpretation anzubieten, die mir naheliegend scheint.
    Die Frauen nutzen die Fanmeilen als Jagdtrevier.Auf der Schulter eines Auslaufmodells schauen sie aus nach Beute.Die Aussicht ist hervorragend, das Angebot vielseitig, die Signalwirkung schriller Töne „unverdächtig“ auszutesten.Die Gelegenheit für Frauen, das Flirtpotenzial im Fanzirkus voll auszukosten,bietet sich so nicht alle Tage…….Natürlich brauchen Sie männlicherseits eine etwas andere Resonanz, als die von genova, versteht sich.

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  17. Yunus schreibt:

    Dass in Italien die soziale Schere viel weiter auseinanderklafft, Nationalismus und Rassismus viel verbreiteter sind sollte eigentlich bekannt sein. Aber wenn es gegen D geht ist jeder Gegner gerade gut genug. Das hat so etwas vom Elsässer, der ist ja auch von jedem ein Riesenfan der etwas gegen den internationalen Imperialismus und Israel zu Kamellen hat . Zu Deiner Beruhigung Genova, die Bayern-spieler haben wirklich alles getan dass es Italien mal wieder geschafft hat. Nicht umsonst wird München als die nördlichste Stadt Italiens bezeichnet.

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  18. genova68 schreibt:

    Aber wenn es gegen D geht ist jeder Gegner gerade gut genug.

    Genau so ist es :-)

    Nachträglich noch mal vielen Dank, liebe Italiener!

    (Wäre ich Italiener, hätte ich vermutlich Deutschland die Daumen gedrückt.)

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  19. Nihilist schreibt:

    Die Spieler und der Trainer sollten sich merken:

    2010 – Merkel war bei den Spielern – nächstes Spiel verloren
    2012 – Wiese verweigert Ansprache – weil nach der Ansprache verloren
    2012 – Merkel war bei den Spielern – nächstes Spiel verloren
    2014 – Merkel darf nicht zu den Spielern …

    den Sport ist Sport – Keine PR für Merkel!

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  20. Chris schreibt:

    Nu ist die Welt wieder in Ordnung.Da kann die Nation ja jetzt ganz im Einklang mit sich und den besänftigten Phobien das Endspiel genießen.
    Möchte jemand Trainer Löw für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen?
    Immerhin hat er seine Fehlentscheidungen doch genial und „gesundheitsfördernd“ platziert.

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  21. Yunus schreibt:

    Mittlerweile schafft es Löw und sein um ihn herumtanzendes Eventmanagement wirklich die Fußballfans zu vergraulen.
    Wer will schon kampfesunfähige, waschweiberhafte Memmen sehen?

    Danke Italien, man sah schon bei der Hymne wohin die Reise in diesem Spiel geht.

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  22. genova68 schreibt:

    Waschweiber kämpfen mit ihrer Wäsche am Waschplatz, dazu braucht es einiges.

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  23. p-a-u-p-a-u schreibt:

    Die „Brot und Spiele“ Nummer hat sich auch mMn inzwischen selbst überholt. Der offene Nationalismus (soll heißen: Deutschlandfixiiertheit auch bei Spielen, in denen die Deutsche Elf gar nicht auf dem Platz stand), der von den Kommentatoren im öffentlich-rechtlichen Fernsehen praktiziert wurde, ist schon einen Schritt weiter.

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