Keine Reisen mehr

[Das Folgende ist eine rein assoziative Reihung und, wie ich annehme, kaum verständlich]

Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf, Hannover: Bei Reisen fällt auf, dass diese vier Städte austauschbar sind. Bahnhof, Fußgängerzone, die üblichen Handelsketten, die Menschen treten als Konsumenten auf in den üblichen Klamotten, die Kugel Eis kostet zwischen einem Euro und einsdreißig, neuerdings ist auch Bio-Eis im Angebot, sicher ist es nachhaltig und transparent. Die Städte sind im Zentrum im Wesentlichen kriegszerstört, ein paar historische Gebäude werden gepäppelt, bemerkenswerte und nicht geschätzte Nachkriegsarchitektur gibt es eine Menge, in jeder Stadt ein schickes Museum für zeitgenössische Kunst meist in reduzierter, aufs Bauhaus und seine Weiterentwicklungen zurückgehender Architektur, alles gleich reduziert, Sichtbeton, Stahl, Glas, alles plan, alles glatt, so hat man das halt heute. Die höheren Angestellten von mercedesdeutschebankvodaphonecontinental können da ihre Distinguiertheit unter den ökonomischen Beweis stellen, wenn gewünscht.

Das Lokale und das Regionale ist nicht mehr vorhanden und wird als einzeln vorbeikommendes Treibgut nur noch im Klischee organisiert, gemanagt und via Stadtmarketing verkauft: bieder auf dem Level von Spätzle und Maultaschen, wo immer auch das Made in Germany mittransportiert wird (Mercedes ist ja auch eine regionale Marke) in Stuttgart; mit zwanghaft-neurotischem Blick auf Frönde, Kölsch und Schunkeln in Köln; ähnlich in Düsseldorf, aber hier sind die oberen Zehntausend im Fokus, die als Vorbild für die unteren 580.000 dienen; und irgendwie sicher auch in Hannover (wenn nichts geht, wird ja gerne das Grün in der Stadt gepriesen), aber da kommen die Marketingsbemühungen nicht über die Stadtgrenze hinaus. Der Hannoveraner bleibt der eigenschaftslose Bewohner eines eigenschaftslosen Oberzentrums mit tadellosem Funktionieren der Ketten, Bahnhöfe, Autobahnkreuze und Fahrkartenautomaten. Das gilt zwar auch für die drei anderen, aber in Hannover fehlt sogar die lokale Fassade. Nicht mal dialektmäßig ist da etwas herauszuholen. In dieser kompletten Eigenschaftslosigkeit ist Hannover schon wieder interessant. Und es muss hinzugefügt werden, dass die hannoveranischen Ereignisse rund um Wulff, Maschmeier, Schröder und Dunstkreis auch eine Form des Stadtmarketings sind – nicht die uninteressanteste.

Der Blick müsste also im Detail verharren, weil nur im Detail die verwaltete Welt nicht mit Ähnlichkeit geschlagen ist. Die gegenteilige Entwicklung ist der Fall. Je ähnlicher die Welt, desto geringer der Wert, der aufs Detail gelegt wird. Je gleicher die Städte, desto oberflächlicher der Blick darauf. Der Italien-Baedecker aus den Fünzigern offenbart ein Staunen über das Beschriebene, das massentouristische Pendant von heute führt nach dem flotten Abriss irgendeiner Sehenswürdigkeit zur nächsten Starbucks-Filiale. Ob sich der Tourist das Brandenburger Tor anschaut oder den Kölner Dom, ist unerheblich.

Doch der kunsthistorische Abriss bestimmter, als sehenswürdig klassifizierter Gebäude ist in der Tat belanglos. Was soll denn interessant sein an der Auskunft, dass das Haus zwischen 1780 und 1795 gebaut wurde für irgendeinen verwöhnten Prinzen? Es ist ein Detail, das aus dem Zusammenhang gerissen keines mehr ist, sondern bloße Applikation für das Publikum einer vermeintlichen Wissensgesellschaft, wie man das heute nennt. Praktischer Beleg dafür sind die Massen von Touristen, die in der Toskana in jede Kirche rennen, weil man das halt so macht und weil man ja irgendwas machen muss.

Der Blick aufs Detail wäre auch nur dann möglich, wenn das heute übliche Reisetempo radikal in Frage gestellt würde. Goethe brauchte von Karlsbad bis zum Brenner sechs Tage und fand das zu flott: „Die schnelle Abwechslung der Gegenstände gibt zu hundert Beobachtungen Anlass.“ Die Pendant zur Kutsche wäre heute ist das Fahrrad und auch das ist meist zu schnell. Der Satz Goethes ist kaum mehr sagbar, denn aus heutigen Perspektiven gibt es keine Abwechslung und keine Beobachtung: Das Detail und der Blick darauf bedingte eine radikal andere Herangehensweise an Stadt.

 

Es wäre im Rahmen dessen zu denken, was Leute wie Boris Sieverts in angenehmer Weise betreiben: Reisen von unten, Reisen aus nicht-herrschaftlicher Perspektive. Sieverts lenkt den touristischen Blick aufs Sein statt aufs Haben, auf den Effekt, den Architektur mit einem macht, weswegen eine Tiefgarage sehenswerter sein kann als ein Einkaufszentrum. Das Staunen des 50er-Jahre-Italientouristen wird von Sieverts auf einer alltäglichen Ebene rekonstruiert, die in der Regel verborgen bleibt. Es ist so ähnlich wie mit serieller Kunst, die im Museum den Bildungsbürgerdepp dazu verleitet, andächtig zu verweilen, während ganz ähnliche Phänomene in der Praxis draußen keine Sau interessieren.

Es wären völlig neue Perspektiven, die sich auch radikal von dem unterschieden, was heute die offzielle Stadtplanung vorgibt: Die totale Kontrolle aller denkbaren Bereiche, die durchrationalisierte Planung und damit Auslöschung aller Affekte. Es ist eine unselige Verbindung der Erwartungen, die der Neoliberalismus an Stadt stellt und der deutschen und also tendenziell totalitären und zwanghaften Verplanung einer jeden spontanen Regung.

In dem Zusammenhang wäre der Begriff der Heimat weiterzuenwickeln. Abseits von konkreten geographischen Bezügen, von Laubsägestil und Kitsch, vom reinen Bezug aufs Dekor ist Heimat dann das, was man sich aneignet. Vielleicht hülfen Ruskin und Morris weiter.

Was ich eigentlich sagen will? Keine Ahnung.

blablafadeout

(Foto: genova 2012)

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6 Antworten zu Keine Reisen mehr

  1. genova68 schreibt:

    Ja, das Lied zum Text.

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  2. Yunus schreibt:

    Man merkt Du warst noch nicht in Köln.

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  3. Susan schreibt:

    Da sieht es in Deutschland immer mal noch ein bisschen anders aus, in Maßen, so ab und an. In Japan sah jede gleich aus. Ist’s Tokio oder Yokohama? Sorry. Jetzt in Albanien die gleiche Frage, wenn ich die Bilder anschaue: Welche Stadt zum Kuckuck war das denn doch gleich. Sieht genau wie die oder die oder die … aus … Und überall die gleichen terranischen Plastikstühle und der chinesische Müll.

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  4. Holden schreibt:

    Ich habe auch noch ein Lied zum Text.

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  5. genova68 schreibt:

    Toll. Und sowas lief in der hitparade, wusste ich gar nicht mehr. Ich vermute, das Lied war der Ausloeser fuer Boris Sieverts, seine Vision von Stadterkundung in die Praxis umzusetzen.

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