Schichtenübergreifende Interpretationen

Endlich mal eine gute Nachricht. Die Tagesschau zitiert den Chef der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut:

Die Missachtung von Verkehrsregeln sei unter Radfahrern inflationär, an keine Altersgruppe oder soziale Schicht gebunden, sagte Witthaut. „Anzugträger ignorieren rote Ampeln ebenso wie Kinder, junge Mütter, Jugendliche und auch ältere Menschen.

Stimmt. Fällt mir auch auf. Eine prima Entwicklung in Zeiten sich entsolidarisierender Menschen: Schichtenübergreifend interpretieren Massen von Menschen blinkende Lichter als das, was sie sein sollten: Dezente Hinweise auf Vorfahrtsregeln, die man fallbezogen in die Praxis umsetzt.

Unserem Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer ist dabei etwas besonders Erschröckliches aufgefallen:

„Ich habe zum Beispiel beobachtet, wie Radler unter den Augen von Polizisten rote Ampeln und jede Verkehrsregeln missachten“, sagte Ramsauer der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Es gelte, „der Verrohung dieser Kampfradler endlich Einhalt zu gebieten“.

Ersteres stimmt auch. Vielen Polizisten ist es wohl zu dämlich, Radfahrern hinterherzurennen. Doch statt seine aus Steuergeldern bezahlten Polizisten dafür zu loben, dass sie keinen Blödsinn machen, wittert der Burschenschaftler Ramsauer sowas wie Majestätsbeleidigung und stellt eine direkte Verbindung zu Gewalt her, Kampfradler.

Es scheint ein weiteres Kapitel zu sein im Buch der zeitgemäßen und deshalb nur begrenzt spürbaren Repression. So, wie man Rauchern demnächst zehn Euro für die Schachtel abknöpfen wird (ist ja ungesund), so wie man Kiffer kriminalisiert (ungesund und senkt tendenziell die Leistungsbereitschaft, schadet der deutschen Wirtschaft, also dem Export!!!), so wie man bei jedem betrunkenen Jugendlichen und jedem bengalischen Feuer in einem Fußballstadion durchdreht und den Zusammenbruch irgendeiner nicht näher defininierten „Ordnung“ herbeifantasiert, so dreht nun auch Ramsauer mit seinem markanten Bass in der Stimme am Rad.

Ich weiß nicht, ob das wieder so eine typisch deutsche Angelegenheit ist, diese Angst vor Chaos in einem durch und durch regulierten, bürokratisierten und geordneten Land, das immer einen Schritt näher am Faschismus ist als andere. Aktuell wird das alles unter der Decke gehalten, indem man, ganz in imperialistischer Tradition, ein weiteres Mal die Welt erobert, mit guter deutscher Wertarbeit.

Die aktuelle Debatte über die Fortuna-Fans läuft ja ähnlich, da haben die Fans die rote Ampel ignoriert. Wir bleiben am Ball.

Falsch parkende Blumenkübel. Ein Fall für Ramsauer:

(Foto: genova 2012)

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13 Antworten zu Schichtenübergreifende Interpretationen

  1. Peter Horn schreibt:

    Regeln, die der Sicherheit anderer dienen, können nicht der freien Interpretation unterworfen werden. Allerdings sollte nur dort regelnd eingegriffen werden, wo es unbedingt notwendig ist – es gibt gewiss zu viele überflüssige Vorschriften aller Art (und zu viele Verkehrsampeln) in D-Land.

    Wer sich beim Fahren nicht anschnallt oder wer sich die Birne mit irgendwas zudröhnt, sollte das dürfen, solange er niemand gefährdet oder belästigt. Aber auch im Schadenfall den Versicherungsschutz verlieren.

    Jedoch: das Beachten oder Nichtbeachten von Verkehrsampeln der individuellen Interpretation zu überlassen würde die Zahl der Toten und Verletzten im Straßenverkehr so in die Höhe schnellen lassen, dass man das kaum empfehlen kann. Man schaue sich nur mal die Unfallstatistiken der Länder an, wo auf den Straßen fröhliche Anarchie regiert.

    Unschön ist auch die Tatsache, dass ein Radfahrer, der durch eigenes Verschulden einem anderen Verkehrsteilnehmer in die Quere kommt und einen Schaden an Blech oder Körper verursacht, sich allzu häufig durch Fahrerflucht seiner Verantwortung entzieht.

    Sympathisiert unser Blogautor mit der Sorte Radfahrer, die einem auf Gehwegen knapp vor der Nase vorbeizischen? Es gibt sie sehr wohl, die Spezies der Kampfradler, die sich in Einzelkämpfermanier durch den Großstadtdschungel schlagen, Licht am Fahrrad für überflüssig halten und einem das A-Wort hinterherbrüllen, wenn man ihr Verhalten kritisiert.

    Was betrunkene Jugendliche angeht, so bin ich heilfroh, dass man am Wochenende in Hamburg wieder die S-Bahn benutzen kann, ohne ständig Bierpfützen oder Schlimmerem ausweichen zu müssen. Das Alkoholverbot in Bussen und Bahnen wäre nie eingeführt worden, wenn die Selbstregulierung funktionieren würde.

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  2. genova68 schreibt:

    So eine Antwort habe ich befürchtet. Nein, ich habe nichts befürchtet, aber die Antwort ist symptomatisch und bestätigt nur meine Überlegungen zur deutschen Angelegenheit.

    genova, wenn es sein muss: arrogant

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  3. Yunus schreibt:

    Hmm… Die Erfahrungen die ich in südeuropäischen Ländern gemacht habe in Bezug auf Verkehr sind auch nicht sonderlich berauschend. Als sogenannter kampfradler muss ich allerdings sagen dass man im Großstadtdschungel schon etwas mehr Präsenz zeigen muss um im Straßenverkehr wahrgenommen zu werden.

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  4. Chris schreibt:

    Ja, ich weiß jetzt auch nicht, wem oder was genova hier das Wort redet:
    Spass muss sein; auch im Straßenverkehr gilt das anarchisch beanspruchte Übertretungsrecht aller verbindlichen Regeln.
    Ständig mit dem Rad unterwegs, weiß ich: die Anarchie hat gewonnen, und ich tue gut daran, mir genau das immer wieder klar zu machen, aus selbst-
    bezogenem Sicherheitsbedürfnis.
    Egal, wie ichs drehe: Faschismus in der Straßenverkehrsordnung zu entdecken, gelingt mir nicht.Wohl aber scheint mir genova das chaotische Spielzimmer seiner Kindertage irgendwie zu vermissen, mit der Aufschrift auf der Tür „FÜR ERWACHSENE VERBOTEN“.

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  5. genova68 schreibt:

    Ich dachte, der Text ist nicht so schwer zu verstehen. Die „Missachtung von Verkehrsregeln“ ist ein Tatbestand ohne Relevanz. Als Radfahrer eine rote Ampel zu missachten ist nur dann ein Problem, wenn Querverkehr kommt, der den Radfahrer umfährt. Sowas passiert praktisch nie, kein Radfahrer ist so blöd, sich derart umfahren zulassen. Insofern ist das Lamentieren über Radfahrer, die Verkehrsregeln missachten, nichts als rechte und typische deutsche und im Ernstfall faschistische Scheiße. Es geht diesen Lamentierern nicht um Verkehrssicherheit, es geht um die Ordnung der Herrschaft.

    „Kampfradler“, also Leute, die rücksichtslos radfahren, mag es geben, aber das macht man nicht an roten Ampeln fest. Genau das passiert aber in den obigen Zitaten.

    Zumal in Berlin die Situation so ist, dass man als Radfahrer praktisch gezwungen ist, Verkehrsregeln zu missachten, weil es haufenweise Gefahrenstellen gibt und Punkte, wo Verkehrsplaner an Radfahrer nicht gedacht haben. In Amsterdam beispielsweise hat man als Radfahrer viel eher Respekt vor dem Verkehrssystem, weil es Radfahrer konsequent mitdenkt.

    Ich finde die Anarchie ok und fände Verkehrssysteme wie in Kairo angenehm: Jeder macht, was er will, aber ohne Aggression. Sowas funktioniert in Deutschland aber nur nach vollständiger Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Vielleicht sollten wir alle Moslems werden.

    Es gibt in Deutschland, in einer Kleinstadt in Niedersachsen, derzeit ein Pilotprojekt: Keine Verkehrsregeln und keine Ampeln mehr in der ganzen Stadt, Rücksichtnahme ist die einzige Regel. In vernünftigeren Gesellschaften wie in Spanien wird das derzeit in Barcelona schon großflächiger ausprobiert. Hierzulande setzt man, ganz in deutsch-obrigkeitsstaatlicher Tradition, lieber auf Ampeln an jeder Ecke. Wer dann stirbt, hatte wenigstens selbst schuld, das ist dem Deutschen ja das wichtigste.

    Hupen und Fahrradklingeln gehören auch zum Thema. Das ist hierzulande verpönt, weil jeder sich gleich persönlich betroffen fühlt, wenn es hupt. Deshalb fahren viele Radler knapp an Fußgängern vorbei, ohne sich bemerkbar zu machen. Das ist Teil der deutschen gesellschaftlichen kommunikativen Defizite. Ohne Event geht nix.

    Meine These ist: Je mehr in einem Land im Straßenverkehr gehupt wird, desto aggressionsloser die Gesellschaft.

    Der Ramsauer und der Polizeiheini kann also diesen Scheiß da oben nur erzählen, weil er auf Strukturen trifft, die ihm das abnehmen. Wäre diese Gesellschaft eine aufgeklärte, würde er sich blamieren und deshalb schweigen.

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  6. Yunus schreibt:

    Ich fand deinen letzten kommentar besser als deinen Artikel. Genau darum geht es: rücksichtnahme und einschätzung der Verkehrssituation. Der radfahrer wäre schön dämlich wenn er sich auf einen Zweikampf mit einem Autofahrer einließe…

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  7. Nihilist schreibt:

    Als Radfahrer und Fußgänger kenne ich Situationen, in denen man nur am Verstand der anderen Verkehrsteilnehmern zweifeln muss.

    Ampeln mit Knopfdruckmöglichkeit. Aber niemand drückt, sondern dann stehen dort Radfahrer UND Fußgänger die nur auf eine Lücke im Autoverkehr warten um schnell über die Straße zu eilen.

    Fußgänger die reine Radwege benutzen oder in Fußgängerzonen Slalom fahren, Radfahrer die zu dritt nebeneinander Fuß- und Radweg benutzen, Autofahrer die nicht an Zebrastreifen anhalten, obwohl Schulkinder dort über die Straße wollen, Polizisten, die kein Interesse zeigen, Verkehrssünder anzuhalten …

    Eine Bekannte stürzte mit dem Rad, beschädigte dabei ein falsch geparktes Auto, brach sich dabei zwei Zehen, Krankenwagen und Polizei kamen, sie wurde Verwarnung und musste zahlen. Dem Autofahrer des beschädigten falschparkenden Wagen wurde aber nur empfohlen sein Auto doch bitte woanders zu parken. Was der sofort machte. Die anderen dort falschparkenden Autos wurden nicht beachtet. Ein Hinweis meiner Bekannten, dass doch auch gegen diese Falschparker ein Bußgeld verhängt werden müsse, wurde mit den Worten abgetan, gegen wen sie einen Bußgeldbescheid ausstellen würden sei nicht ihre Sache.

    Wenn ich diese Strecke gelegentlich fahre, stehen dort IMMER falschparkende Autos. Ich zähle die dann, bisher waren es immer acht Autos, die dort standen. Parkplätze sind eben rar.

    Deswegen, auch wenn durch das eigene Verhalten keine Gefahr ausgeht, man sich selber auch nicht gefährdet, so sollten sich doch ALLE an die Verkehrsregeln halten, auch wenn man sie für sinnlos hält.

    Ein paar Minuten an einer roten Ampel warten ist doch kein Beinbruch. Es sind eben keine „dezenten Hinweise“.

    Andernfalls wünsche ich einmal an einem unbeschrankten Bahnübergang mit reinem Andreaskreuz ein „Nahzugerlebnis“. So ein Schreck kann heilsam wirken.

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  8. Nihilist schreibt:

    Ein Fehler – ich hatte einen Satz geändert – nicht Verwarnung – verwarnt – gehört an die Stelle.

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  9. silberfink schreibt:

    „Die “Missachtung von Verkehrsregeln” ist ein Tatbestand ohne Relevanz. Als Radfahrer eine rote Ampel zu missachten ist nur dann ein Problem, wenn Querverkehr kommt, der den Radfahrer umfährt. Sowas passiert praktisch nie“

    Sowas passiert nie? In Berlin?

    Auch ich gehe / fahradle gelegentlich mal bei Rot über die Ampel. Es macht keinen Sinn drei Minuten an der Straße zu warten wenn kein einziges Auto fährt. Ich achte aber peinlich genau darauf, dass keine Kinder in der Nähe sind, die sich an mir ein Beispiel nehmen oder eine Grundsatzdiskussion mit ihren Eltern anfangen könnten.
    Andererseits könnte man diese drei Minuten gut nutzen um mal in sich zu gehen…

    Das Beachten der Regeln im Straßenverkehr beruht vornehmlich auf dem Anerkennen der eigenen Fehlbarkeit (und damit der Überwindung von maßloser Selbstüberschätzung) und den nicht kalkulierbaren Risiken. Denn Unfälle passieren i.d.R. nur dann, wenn jemand einen Fehler gemacht hat. Von einem Unfall sind fast immer auch andere Menschen, nicht nur der Verursacher selbst betroffen, neben den direkt Beteiligten auch die Familien, Zeugen und Rettungskräfte.

    Für das Entladen evtl. vorhandener Agressionen gibt es Sandsäcke oder Sofakissen… :-)

    > http://www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/archiv/380857/index.html
    > http://www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/archiv/380879/index.html
    > http://www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/archiv/380892/index.html
    > http://www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/archiv/380877/index.html
    > http://www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/archiv/380853/index.html
    > http://www.berlin.de/polizei/presse-fahndung/presse.html

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  10. genova68 schreibt:

    Also, silberfink, die Meldungen haben, wie ich finde, wenig mit dem Artikel zu tun. Da geht es um 90jährige, die bei rot über die Ampel gehen und umgefahren werden und um Radfahrer, die bei grün die Straße queren und von Autofahrern umgefahren werden.

    Generell: Fußgänger sind keine ernsthaften Verkehrsteilnehmer und queren auch mal die Straße, ohne zu gucken, weil sie gerade in Gedanken sind. Flaneure. Als Radfahrer kennt man das. Was hat das aber mit meinen Beispielen zu tun?

    Und das mit der eigenen Fehlbarkeit: Ja, genau, finde ich auch. Aber wieso dann bei rot stehenbleiben? Das Bewusstsein der eigenen Fehlbarkeit würde doch eher darauf hinauslaufen, dass man genauer guckt. Wir kennen das Phänomen, dass Kinder an einer Ampel stehen und wie gebannt draufgucken und bei grün losrennen. Sinnvoller wäre es, den Kindern beizubringen, dass sie doch noch mal gucken, ob vielleicht ein verspätetes Auto kommt. Und ich glaube, Kinder können gut einschätzen, ob sie bei rot drüberrennen oder nicht. Denen wird auch immer weniger zugetraut. Angstgesellschaft halt.

    Drei Minuten in sich gehen ist gut. Aber das muss man doch selbst entscheiden, man kann ja nicht jeden Tag x-mal drei Minuten in sich gehen.

    Mir geht es eher um individuelle Verantwortung. Zumal, das zeigen ja deine Beispiele auch, korrektes Verhalten zu Unglücken führen kann. Wenn man als Radfahrer in Berlin einfach nur nach den Regel fährt, landet man früher oder später im Krankenhaus, weil beispielsweise ein Rechtsabbieger dich übersieht.

    Ich wollte schon länger mal was zum Thema shared space schreiben, ein hochinteressantes Thema, das es in Deutschland naturgemäß sehr schwer hat. Kommt noch.

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  11. Bersarin schreibt:

    Ich möchte keinen shared space. Oder doch, aus der Abenteuerlust heraus: Aber da fahre ich dann so wie bisher.

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  12. genova68 schreibt:

    Aus Abenteuerlust, ja, ein gutes Argument. Autofahren in Deutschland ist doch meist langweilig, außer auf der Autobahn mit 200. Noch langweiliger ist es nur in Holland.

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  13. silberfink schreibt:

    Angstgesellschaft? Langeweile? Bissl kümmerlich das Radfahren bei Rot, oder? Für Abenteuer und Aktion empfehle ich die Autobahn in falscher Richtung. Wenn schon denn schon. Und wer die meisten Kollisionen hat, gewinnt… :-)

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