Fortuna Düsseldorf: kein Skandalspiel, sondern Skandalmedien

Mal ehrlich: Was ist denn in der Schlussphase des Relegationsspiels der Fortuna überhaupt Schlimmes passiert? Ein paar hundert oder tausend Fans sind zwei Minuten zu früh aufs Spielfeld gerannt. Wahrscheinlich dachten sie, das Spiel sei schon vorbei. Nachdem sie ihren Irrtum eingesehen hatten, sind sie brav wieder auf die Ränge zurückgekehrt. Ansonsten war doch alles friedlich, soweit man das überblicken kann. Mit Feuer spielen liegt in der Natur des Menschen, wie Andreas Lambertz zeigte.

Und es ist doch nett anarchisch, dass die Fans nach dem Spiel das Tor zerlegen und sich Rasenstücke mitnehmen. Andere sammeln schnelle Autos. Der Moment, in dem Zuschauer den Rasen betreten, ist ja ein ganz besonderer. Eine normalerweise nicht überschreitbare Grenze, deren Überschreitung eben deshalb reizvoll wird. Und wann soll dafür der richtige Moment sein, wenn nicht beim Aufstieg? Und wenn ich wissen will, was denn wirklich Gravierendes vorgefallen sein soll in den Minuten kurz vorm Abpfiff, finde ich Folgendes:

Mit einem Mal lagen die Menschen sich auf dem Platz in den Armen, einige brannten Feuerwerkskörper ab, ein Mann schnitt den Elfmeterpunkt aus dem Rasen.

Ja, wirklich schlimm.

Was da rauskommt, ist doch in erster Linie die Verlogenheit weiter Teile der Medien. Man will ein „Fußballfest“, heitere Fans, aber bitte alles im Rahmen, und zwar in dem, in dem die Bundesliga finanziell attraktiver wird. Da sind die abgesperrten VIP-Lounges für irgendwelche Lobbyhanseln eben wichtiger als jemand, der eine Fackel hochhält. „Skandal-Spiel“ heißt es jetzt, und man spürt die Aufgeregtheit der Medien, die es total geil finden, dass etwas passiert. Die Fotostrecke bei Spiegel-online bringt prima Bilder, stimmungsgeladen, atmosphärisch dicht, es menschelt, und ohne die Feuer wäre das nur halb so bunt.

Die Mediengesellschaft braucht den prinzipiell unkontrollierbaren Effekt, er bringt dem Karussel Millionen. Die zahlenden Deppen sitzen zuhause vorm Fernseher und empören sich über ein Feuerwerk, ganz so, wie es der Kommentator vorgibt. Nur bitte immer schön im Rahmen bleiben. Nicht zufällig redet diese Männerwelt ja auch immer über Emotionen, nie über Gefühle.

Also, Glückwunsch der Fortuna zum Aufstieg und den Fans für die gute Unterhaltung!

P.S.: Zum Thema Fußball und Gewalt ist das hier interessanter.

Dieser Beitrag wurde unter Düsseldorf, Deutschland, Gesellschaft, Lebensweisen, Medien abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Fortuna Düsseldorf: kein Skandalspiel, sondern Skandalmedien

  1. Ferdinand schreibt:

    Ich musste auch herzlichst lachen, wie dumm und pseudomoralisch der Kommentator die Szenerie die ganze Zeit beschrieb. Vor allem dieses stigmatisieren und schlechtreden der bengalos war wirklich zum erbrechen. Ich denke auch, dass die Leute scheinbar nen Pfiff gehört haben und dann los sind. Wenn hertha damit vorm gericht durchkommt , zeigt sich einmal mehr, dass die Fankultur nur noch der Füllung der Stadien dient, damits auf der Kamera nicht ganz so leer aussieht. Das alles als Skandalspiel zu beschreiben, ist wieder mehr aufgeblase, als alles andere. Und was erwartet man heutzutage auch noch von sowas wie Spiegel oder SPiegelonline, linksliberale/kritische Einstellungen haben die doch schon lange nich mehr.. Gruß Ferdinand

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  2. hanneswurst schreibt:

    Ja, das haben wir drauf in Düsseldorf: die kontrollierte Eskalation. Wirklich total lächerlich das aufgeregte Getue der Journaille. SPON: „Selbst Kinder rannten nach dem Chaosspiel über den Platz und sicherten sich ein Stück vom Aufstiegsrasen.“ Selbst Kinder! In dieses schlimmste Schlachtfeld nach Omaha Beach!

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  3. genova68 schreibt:

    Die beste Überschrift hatte die FAZ:

    „Düsseldorf versinkt im Chaos“.

    Die Bild war bestimmt neidisch, und so langsam frage ich mich auch, ob man nicht berechtigterweise von „Journaille“ reden kann.

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  4. che2001 schreibt:

    Man wird solche Leute nicht in meinem Dunstkreis vermuten, aber mir erzählte mal ein Einsatzleiter der Polizei, bei jedem Auswärtsspiel von Dynamo Dresden sei eine höhere Gefahrenlage als beim 1. Mai in Kreuzberg. Die Bericherstattung darüber würde aus guten Gründen kleingehalten.

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  5. hanneswurst schreibt:

    @che: Aus welchen guten Gründen?

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  6. gedankenfest schreibt:

    DANKE!

    Das war der erste vernünftige Beitrag, den ich heute über dieses Spiel bei WordPress gelesen habe.

    Ich selbst bin starke Fortunasympathisantin. Fortuna ist meine Heimat, Fortuna ist ein Teil meines Herzens. Auch damals schon, als sie noch in der dritten Liga spielten.

    Dass die Fans den Rasen stürmten, fand ich nicht schlimm. Es ging nicht darum Terror zu machen, es war der Ausdruck einer tiefen Freude, eines Ankommens nach 15 Jahren. Man wollte nichts anderes, als gemeinsam miteinander feiern.

    Natürlich hätte es gefährlich enden können und natürlich hätte man diese letzte Minute noch abwarten können. Hätte, hätte, Fahrradkette. Es ist passiert und am Ende ist Gott sei Dank nichts Schlimmes passiert.

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  7. Nihilist schreibt:

    Trotzdem, Düsseldorf müsste bestraft werden – z.B: das nächste Heimspiel ohne Zuschauer. .

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  8. gedankenfest schreibt:

    Wofür? Für eine allgemeine Verwirrung, bei der die Nachspielzeit für die Zuschauer nicht ersichtlich war und der Anstoßpfiff mit dem Schlusspfiff verwechselt wurde? Oder für die zehn Leute, die Bengalos und Böller gezündet haben? Dann müsste Hertha ebenso bestraft werden.
    Und was passiert mit den Kölnfans, die nach dem Abstieg so ein Chaos geschaffen haben? Welche Strafen kriegen die Vereine vom Relegationsspiel der 2. Bundesliga?

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  9. genova68 schreibt:

    Vielleicht sollte man erstmal konkret sagen, was in den besagten 20 Minuten so schlimmes passiert ist. Krass ist ja, dass der DFB jetzt wohl gegen Lambertz ermittelt, weil der nach dem Spiel mit einer Fackel rumgerannt ist. Mein Gott, wie peinlich.

    Das Problem ist doch eher die ganz normale Randale. Wer mal zufällig mit Hardcore-Fußballfans im Zug oder in der S-Bahn unterwegs war, lacht sich über die Handvoll Salafisten oder ähnliche Kameraden kaputt. Darum geht es fast nie, nur jetzt der lächerliche Medienzirkus.

    Wie gesagt, man müsste die Berichterstattung stärker unter die Lupe nehmen, aber wer soll das machen, wenn die Berichtenden selbst betroffen sind?.

    Die Düsseldorf-Berlin-Connection ist eine gefährliche, ob im Fußball oder in der Politik, wie man gerade sieht.

    gedankenfest, danke für deine Beiträge. Hoffen wir mal, dass das Spiel nicht wiederholt werden muss.

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  10. genova68 schreibt:

    Ganz coole Darstellung für einen Polizeipräsidenten: Schenkelberg im Interview mit der Rheinischen Post:

    Schenkelberg: Mich hat der hochaggressive Einsatz von Pyrotechnik bei den Hertha-Fans entsetzt. Da wurden die Fackeln gezielt in Richtung Spieler, Zuschauer und Rasen geschleudert. Mich hätte nicht gewundert, wenn der Schiedsrichter in diesem Moment die Partie abgebrochen hätte.

    Fackeln gab es auch bei Fortuna.

    Schenkelberg: Stimmt. Das ist auch nicht in Ordnung, das muss man genauso verurteilen. Aber: Bei Fortuna brannte das Feuerwerk geordnet ab, wurde nicht geworfen. Das hat eine andere Qualität.

    Und der Sturm aufs Spielfeld?

    Schenkelberg: Hat mir natürlich auch nicht gefallen. Das war großer Mist. Aber das war nicht von Aggression getrieben, basierte auf einem missverstandenen Pfiff. Hätte dieser Platzsturm – auch wenn er eigentlich nicht erwünscht war – 90 Sekunden später stattgefunden, wäre in der Arena eine Stimmung gewesen wie bei der Meisterfeier in Dortmund.

    http://www.rp-online.de/region-duesseldorf/duesseldorf/nachrichten/fortunen-waren-nicht-aggressiv-1.2835971

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  11. hanneswurst schreibt:

    Die ARD schließt sich dem hier vorgebrachten Tenor an: http://tagesschau.de/kommentar/kommentarrelegation100.html

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  12. genova68 schreibt:

    Ja, die taz auch:

    http://taz.de/Nachspiel-der-Relegation/!93558/

    Der dümmste Kommentar zum Thema steht in der FAZ:

    http://www.faz.net/aktuell/sport/fussball/kommentar-gedankenlose-regelbrecher-11754122.html

    Die Fortuna-Fans haben „die Grundregeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt.“

    Es ist diese verlogene Perspektive: Die Fans sind einerseits Millionen wert, beispielsweise eine halbe Milliarde, die die ARD für die Übertragungsrechte für die kommende Saison zahlt, sie sollen aber immer schon im Rahmen bleiben und bitteschön nur für das Sorgen, was die Kommentatoren „Emotionen“ nennen.

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  13. che2001 schreibt:

    Bei Fußballspielen in Südamerika oder der Türkei bejubelt das zuschauende deutsche Publikum die Pyro als „exotischen Reiz“.

    @Hanneswurst: Die „guten Gründe“ sind

    1) Es ist politisch erwünscht, den Maikrawall in Kreuzberg groß herauszustellen. Einen in weiten Teilen der neuen Länder hochpopulären Traditionsverein und Sympathieträöger wie Dynamo Dresden mit besonders brutalen Hooligans

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  14. che2001 schreibt:

    in Verbindung zu bringen sollte hingegen tunlichst vermieden werden, weil das die „Seele des Ostens treffe“.

    2) Berichterstattung über Gewalt rund um Fußball findet nur statt, wenn es im Stadion passiert. Massenkloppereien zwischen Fans außerhalb werden öffentlich nicht wahrgenommen.

    3) Ganz unterm Deckel werden die politischen Dimensionen gehalte

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  15. che2001 schreibt:

    n: Von rechts finanzierte Hooligans und vom VS unterwanderte Skins gegen linke Ultras und Sharpskins und die Rolle der radikalen Linken in den Fanprojekten, da besteht staatlicherseits überhaupt kein Interesse an einer Berichterstattung. Da zeigt sich nämlich z.B., dass Autonome seit vielen Jahren sehr erfolgreich antifaschistische Kultur- und Sozialarbeit machen und dass vom Verfassungsschutz infiltrierte Schlägerbanden da gezielt gegen vorgehen.

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  16. genova68 schreibt:

    :D

    Ist dein Eingabefeld kaputt, che?

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  17. che2001 schreibt:

    So ähnlich: Habe auf WordPress das merkwürdige Problem, dass alles, was mehr als vier Zeilen umfasst für mich nicht mehr sichtbar ist- unabhängig davon, mit welchem Rechner ich mich bei WordPress einwähle. Na ja, nicht ganz, bei der Grafikworkstation tritt das Problem nicht auf, aber bei jedem Laptop.

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  18. gedankenfest schreibt:

    Das Problem habe ich gelegentlich auch. Wenn ich die Pfeiltaste nach unten benutze, kann ich jedoch wieder sehen, was ich zuvor blind getippt habe.

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  19. genova68 schreibt:

    Das Problem hatte ich vor einer Weile auch, es hing bei mir mit akismet zusammen, weswegen ich anderswo auch oft im Spamfilter hängenblieb. Ich habe es behoben durch eine direkte Mail an akismet, da dann direkt irgendeinen Hebel umgelegt haben.

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