Die FU Berlin und Suzanne Mubarak: „Menschenrechtsverletzungen: Was kann ich dagegen tun?“

Weil ich´s gerade zufällig gelesen habe: Die ehemalige First Lady Ägyptens, Suzanne Mubarak, bekam nicht nur von der Uni Stuttgart die Ehrendoktorwürde verliehen (wie hier, hier und über Reaktionen hier berichtet), sondern im Jahr 2003 auch von der Freien Universität Berlin eine hochrangige Auszeichnung.

Der Tagesspiegel berichtete damals:

Während ihr Mann Hosni Mubarak mit Außenminister Joschka Fischer und Bundeskanzler Gerhard Schröder die Lage im Nahen Osten erörtert, erhält Suzanne Mubarak für ihr außerordentliches gesellschaftspolitisches Engagement auch in Berlin eine Auszeichnung. Suzanne Mubarak ist diplomierte Soziologin, Mutter, Großmutter und Preisträgerin zahlreicher internationaler Preise … Die Veranstaltung zu ihren Ehren wird von Jutta Limbach, Präsidentin des Goethe-Instituts eingeleitet. Die Laudatio hält Professor Peter Hüfner, der ehemalige Präsident der Deutschen Unesco-Kommission [Der Tagesspiegel meint wohl Klaus Hüfner, g.]. Als Ehrengäste werden Hans-Dietrich Genscher und Liz Mohn erwartet.

Das mit dem außerordentlichen gesellschaftspolitischen Engagement hat der Tagesspiegel übrigens in der Tat nicht in Anführungszeichen gesetzt.

Jutta Limbach, Hans-Dietrich Genscher, Liz Mohn und Klaus Hüfner, lauter ehrenwerte Leute. Sie alle priesen Frau Mubarak als soziale und menschenfreundliche Wohltäterin. Die Ehrenmedaille wird laut FU „an herausragende Persönlichkeiten der internationalen Politik verliehen“.

Wie sah das Herausragende an der Persönlichkeit von Frau Mubarak aus? Der Focus schrieb vergangenes Jahr:

Ägyptens einstige First Lady Suzanne Mubarak galt als mächtige Frau hinter den Kulissen des Regimes. Schon längst prüfen Ermittler in Kairo Unterschlagungsvorwürfe gegen die Frau, die sich als Vorkämpferin für Bildung und Gesundheit stilisierte.

Und zur Erinnerung nochmal ein wenig von dem, was der Tagesspiegel, Genscher, Limbach, Mohn und Hüfner „außerordentlichem gesellschaftspolitischen Engagement“ verstanden und bei Bedarf sicher immer noch verstehen. Eine Anektote:

Es war einer der üblichen Auftritte der Suzanne Mubarak, First Lady Ägyptens, stets auf ihr Image und ihr Renommee bedacht. Eine Mädchenschule in einer Vorstadt Kairos wurde eingeweiht, die erste ihrer Art, komplett gespendet und errichtet von dem Bauunternehmer Mamdouh Hamza. In der Eingangshalle hatte er an jeder der vier Wände ein Porträt einer erfolgreichen Ägypterin aufhängen lassen – „als Vorbilder für die künftigen Schülerinnen“, erzählt er: eine Pilotin, eine Tänzerin, eine Feministin und eine Wissenschaftlerin.

Suzanne Mubarak stolzierte in die Eingangshalle, sah die vier Bilder – und stellte fest, dass keines von ihr darunter war. „Da hat sie geschäumt vor Wut“, erinnert sich Hamza. Und seine Firma war fortan von staatlichen Bauaufträgen ausgeschlossen.

Und die aktuellen Folgen:

Sechseinhalb Jahre später, im Mai 2011, ordnete die ägyptische Justiz an, Suzanne Mubarak in Untersuchungshaft zu nehmen. Weil sie sich in großem Stil an ausländischen Hilfsgeldern bereichert haben soll – auch an den Spenden für ihre Lesekampagne. Unter anderem hatte sie offenbar direkten Zugriff auf ein 147 Millionen Dollar schweres Bankkonto der Bibliothek von Alexandria. Als Suzanne Mubarak vor zwei Wochen von dem Haftbefehl erfuhr, erlitt sie einen Zusammenbruch und verkündete noch im Krankenhaus, sie werde eine Villa sowie zwei Bankkonten mit knapp drei Millionen Euro dem Staat übergeben.

Der Lieblingssohn von Suzanne, Gamal:

Gamal Mubarak, von seiner Mutter angeblich schon früh zum Thronfolger auserkoren, lernte als Banker in London sein Handwerk, gründete dort eine Investmentfirma namens Medinvest, kaufte sich ein Haus im teuren Knights bridge. Und baute offenbar über die Jahre mit seinem Bruder Ala’a ein komplexes System auf, das dazu diente, öffentliche Mittel Ägyptens in ausländischen Firmen und Fonds verschwinden zu lassen, unter anderem wohl auf Zypern und den als Steueroase berüchtigten Cayman-Inseln.
Und insgesamt:
Seit der Revolution sprudeln in Ägypten Tag für Tag neue Details zutage, die zeigen: Der Mubarak- Clan hat sein Land geplündert, gemolken, verramscht und sich in einem Ausmaß bereichert, das selbst nach gängigen Diktatorenstandards atemberaubend ist … Wie viel Geld haben Husni Mubarak, seine Frau Suzanne und die Söhne Gamal und Ala’a im In- und Ausland tatsächlich auf die Seite geschafft? Anfang Februar 2011 hatte der britische „Guardian“ unter Berufung auf nicht näher benannte Quellen geschrieben: „Das Vermögen der Mubarak-Familie könnte sich auf 70 Milliarden Dollar belaufen.“
70 Milliarden. Sehr freundlich von Frau Mubarak, dass sie davon nun drei Millionen ihren Untertanen überlassen möchte.
Sage nun niemand, das habe die FU und ihre illustren Alumni 2003 nicht gewusst. Dass Jutta Limbach damals als Chefin aller Goethe-Institute da mitmachte, hat eine besondere Note. Aber lassen wir die Goetherianer mittels ihres „Leitbildes“ selbst zu Wort kommen:
Wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in aller Welt, stehen für ein offenes Deutschland. Über kulturelle und politische Grenzen hinweg bauen wir Brücken. Durch unsere Arbeit entsteht Neues und Außergewöhnliches, weil Menschen offen miteinander reden und phantasievoll zusammen arbeiten. Wir entwickeln die Fähigkeit, Eigen- und Fremdbilder zu hinterfragen und konstruktiv mit kultureller Vielfalt umzugehen.

Das Beste ist das mit dem Hinterfragen.

Den Vogel aber schießt, wie man sagt, Klaus Hüfner ab. Der sorgte nämlich 2009 dafür, dass das seit 1998 erscheinende Handbuch „Menschenrechtsverletzungen: Was kann ich dagegen tun?“ 2009 in hebräischer Sprache erschien:

Das Handbuch von Klaus Hüfner informiert über die Menschenrechtsinstitutionen und -verfahren der Vereinten Nationen, der UNESCO und der ILO. Es veranschaulicht die unterschiedlichen Menschenrechtsverfahren, liefert Formblätter für Beschwerden und Hinweise für die Menschenrechtsarbeit. Die Publikation klärt auf, wie Nichtregierungsorganisationen, Einzelpersonen und Opfer bei Menschenrechtsverletzungen verfahren können.

„Dies ist mein längstes Projekt, an dem ich bisher gearbeitet habe. Es fehlen noch die spanischen und chinesischen Ausgaben, dann wären die sechs Amtssprachen der UNESCO abgedeckt. Dies wäre eine wichtige Grundlage, um den Beitrag der UNESCO zur Wahrung der Menschenrechte weltweit bekannter zu machen“, sagte Klaus Hüfner.

Gab es 2003 noch keine Ausgabe des Menschenrechtsverletzungsbuches in einer Sprache, derer der nette Herr Hüfner mächtig gewesen ist? Vielleicht spricht er ja nur chinesisch und hebräisch, dann sei ihm verziehen. Vielleicht steht in dem Buch aber auch, dass man den Verantwortlichen der Menschenrechtsverletzungen möglichst viele Preise überreichen muss, wer weiß?

Ich werde die genannten Supermänner und -frauen dezent auf diesen Artikel hinweisen. Mal sehen, ob ihnen mehr einfällt, als jenen, die ich vor einem Jahr dazu befragte: Bis auf ein wachsweiches, um nicht zu sagen menschenverachtendes Statement der Uni Stuttgart kam auch nach diversen Erinnerungen keine Reaktion.

(Foto: genova 2010)

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2 Antworten zu Die FU Berlin und Suzanne Mubarak: „Menschenrechtsverletzungen: Was kann ich dagegen tun?“

  1. hanneswurst schreibt:

    Ich habe eine Info, bitte jedoch darum, dass Du mich nicht näher als Quelle benennst: Das Vermögen der Mubarak-Familie könnte sich sogar auf 500 Billiarden Dollar belaufen! (500 Billiarden! Dafür muss ein kleiner Mann lange Brötchen backen, nämlich ca. 5 Billiarden Jahre lang. Man könnte dafür eine Brücke aus Diamant zum Mond bauen!) Außerdem steckt Husni alten Menschen Dreck in die Schuhe. Aber bleibt unter uns, Helmut. Übrigens habe ich wieder neue Fotos von Asma al-Assad beim Einkaufsbummel in Paris. Sie hat auf einem Foto zwei Paar Schuhe an! Wenigstens hat ihr Husni nachts im Hotel Dreck reingesteckt.

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  2. genova68 schreibt:

    Die Avantgarde der Kommentatorenschaft zeigt ihr Können ab drei Promille aufwärts.

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