German Angst oder: Katastrophen im Kachelofen Kassel

Die Kasselaner, wie man sagt, haben es nicht leicht. Kassel liegt bekanntlich in einer Art subtropischen Zone, es ist heiß, schwül, man kann kaum atmen, geschweige denn nachts schlafen. Und das dicke Ende kommt erst: Es wird alles noch schlimmer. Das behauptet zumindest die Süddeutsche Zeitung.

Sich in der Apokalypse wohl fühlen kann man auch in der nordhessischen Provinz. Da ist die Welt nicht etwa noch in Ordnung, nein, die Nordhessen stehen kurz vor dem Exitus. In der Rubrik „Wissen“ (!) schreibt ein Christopher Schrader, dass die Bewohner Kassels  im Sommer unter der „Hitze … zu leiden haben“. Grund: Dort steigt die Temperatur an sage und schreibe 42 Tagen im Jahr über 25 Grad! Und jetzt kommt es: Bis zum Jahr 2050 sollen es sogar 54 Tage sein! Heinke Schlünzen von der Uni Hamburg leidet wohl schon selbst physisch, wenn sie meint, dass es „auf die Gesundheit geht“, wenn Menschen bei Temperaturen über 20 Grad schlafen müssen. Sie nennt die Stadt einen „solaren Kachelofen“.

Für Hamburger sind bekanntlich Temperaturen von mehr als 25 Grad in der Tat nicht vorstellbar. Für die liegt Kassel somit schon in Italien und also in einem Land, von dessen Bewohnern der sympathische bürgerliche Nicht-Nazi-Schriftsteller Thomas Mann meinte, die „südliche Sonne“ lasse „tiefere, uneinfachere Bedürfnisse der nordischen Seele auf verödende Weise unbefriedigt“ (Mario und der Zauberer, Ffm 1989, S. 21). Was sagt das über die „Bedürfnisse“ der „südlichen Seele“ aus?

Das waren die 2011er Höchsttemperaturen im aus Hamburger Perspektive definierten Kachelofen Kassel:

SZ-Autor Schrader ahnt an dieser Stelle vielleicht, dass diese Art von Wissensjournalismus noch nicht alle SZ-Leser überzeugt hat und legt ein paar Briketts nach: „Bis 2100 könnte zum Beispiel Berlin ein Klima wie Städte in Nordspanien bekommen“.

Aha. Spanien klingt ja schon mal prima nach Katastrophe: Sonnenbrand, Hitzeschlag, aus die Maus. In Nordspanien aber ist das Klima atlantisch geprägt. Im Sommer eher kühler als in Berlin, viel regenreicher, im Winter ziemlich mild, alles ist grün. Das also erwartet Berlin in 78 Jahren? Der Artikel wird an dieser Stelle nicht genauer, aber das ist ja auch egal, denn in 78 Jahren sind wir – bis auf ein paar ganz junge SZ-Leser – alle tot. Prognosen haben bekanntlich wenig mit der prognostizierten Epoche zu tun, sondern vor allem mit dem atmosphärischen Überbau der Zeit, in der die Prognose erstellt wird.

Es geht dennoch nicht darum, die globalen klimatischen Veränderungen in Frage zu stellen. Nach allem, was man weiß, gibt es die. Und es gibt wohl eine Menge Städte auf der Welt, die mit diesen Veränderungen Probleme kriegen werden, sei es, weil sie am Meer liegen, sei es, weil sie sehr eng bebaut sind und es dort in der Tat ziemlich heiß ist.

Aber doch bitte nicht Kassel! Es geht mir darum, diese typisch deutsche Hysterie zu entlarven, diese gewaltige und immer wachsende Zahl deutscher Hampelmänner und -frauen, deren Hauptbeschäftigung es ist, apokalyptische Szenarien zu entwerfen, denenzufolge Deutschland (und der Rest der Welt) untergeht. Wenn es schon mit dem Waldsterben nicht so richtig geklappt hat und auch die Moslems mit ihrer Islamisierung nicht in die Pötte kommen, dann doch bitte jetzt mit der Klimakatastrophe. Irgendwie wird´s schon klappen. Während real eine neoliberale Politik Gesellschaft nachhaltig zum Schlechteren verändert, während Schröder gerade eine „Agenda 2030“ fordert, während unsere Hirne immer mehr kapitalistisch zugerichtet werden, während vielen für das Unbehagen immer mehr die Begriffe fehlen, sorgen sich diese Leute um das, was man einfach „Sommer“ nennen könnte. 26 oder 28 Grad in Kassel, sonst nichts. Wenn in Kassel klimamäßig überhaupt irgendwas problematisiert werden muss, dann sind es die 323 Tage jährlich unter 25 Grad. Es spielt hier mit hinein, was ich vor einer Weile über Norddeutschland geschrieben habe.

Die „Hitze“ als neues (oder auch nicht neues) Phänomen des Fremden, des Unbekannten, des Lebendigen, dessen man sich erwehren muss. Wo kommen wir sonst hin? Und was den Bürgermeister Thomas Mann ins Schwitzen brachte, muss man nun wirklich problematisieren dürfen, gell?

Diese sogenannten Fachleute sind Büttel des Kapitals. Und dank der neoliberalen Zurichtung merken die das wahrscheinlich nicht mal. Man kämpft ja für das Gute, für „die Umwelt“ oder so.

Was dieser Artikel in der Süddeutschen also eigentlich aussagt: Das in Deutschland problematische Verhältnis zur Urbanität, zu Kultur, zu Leben und die Lust am Untergang. In Kassel sollten jetzt „Frischluftbahnen“ geschaffen werden, mehr Grün. Es geht aber unterbewusst nicht um mehr Grün, sondern um weniger Stadt. Ist doch toll, wenn angebliche Wissenschaftler endlich objektive Gründe gefunden haben, Stadt, Urbanität, Enge, Unkontrollierbarkeit, Pluralismus, Spontanität, Schweiß, Herzschlag, Dichte, Intensität abzuschaffen.

Selbst wenn es sich um Kassel handelt.

Kurz vor Nordspanien: Kassel im Dezember 2011:


(Foto: genova 2011)

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5 Antworten zu German Angst oder: Katastrophen im Kachelofen Kassel

  1. Nihilist schreibt:

    Kassel im Kessel? LOL – klar, unter einem Kessel wird Feuer entfacht um darin etwas zu „Kochen“. Koch, der war ja mal …

    Jetzt wird mir alles klar, Koch hat Kassel in den Kessel gelegt, dann Feuer in Hessen entfacht, z.B. in dem er Steuerfahnder …

    Da kann man den Kasselern (die zum Grünkohl so gut passen) nur ermutigen, verlasst den Kessel, seid keine Frösche … wandert aus, nach Oldenburg, der Hauptstadt der „Oldenburger Palme“. das passt dann schon.

    Obwohl, der Vergleich soll ja auch falsch sein, seitdem er von Rösler benutzt wurde. Der hat ihn ja geklaut. Plagiator! da war doc der US-Kandidat der Präsident werden wollte, der den wohl zuerst …

    Damals ist das noch keinem aufgefallen, dass so ein Vergleich zwei unterschiedlich lange Beine hat.

    Bin ich wieder sarkastisch heute.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, so wird es wohl sein. Jetzt regen sich leider alle über Herrn Krass auf, dabei ist das Thema „Kasseler Katastrophen im Klimakessel des Kachelofens“ wesentlich ergiebiger. Es geht der Journaille ganz augenscheinlich darum, von der Brisanz des Kasseler Katastrophenkessels abzulenken, indem man über irgendwas mit Juden redet.

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  3. Nihilist schreibt:

    Tja, der Herr Krass wird in die Zange genommen.

    ;-)

    http://www.der-postillon.com/2012/04/un-verhangen-tinten-und.html

    Da lese ich auch täglich – aber die Kommentare seit einiger Zeit nicht mehr.

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  4. che2001 schreibt:

    Na, dann will ich mal ein paar Wissenslücken zu Kassel beseitigen:

    Dort befindet sich die Kurhessentherme, eine der größten Saunalandschaften Deutschlands. Außerdem wohnt dort Netbitch, und die ist nun wirklich dermaßen heiß, dass es unmöglich ist, in ihrer unmittelbaren Nähe ruhig zu schlafen;-)

    Die Klimaunterschiede zwischen Nordwestspanien (in Asturien und Euskadi so ähnlich wie in der Bretagne) und Südandalusien (von Mai bis September in Sevilla Höchsttemperaturen zwischen 30 und 37 Grad), zwischen Nordkatalonien (etwa der Provence oder Toskana vergleichbar) und der Extremadura (milde Sommer und arschkalte Winter) sowie Kastilien (staubtrocken, glutheiße Sommer, kalte Winter, heiße Tage, kalte Nächte, Temeperaturunterschiede von 25 Grad an einem Tag) sind u.U. größer als die zwischen Deutschland und Teilen der Mittelmeerregion.

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  5. genova68 schreibt:

    my thoughts exactly.

    Will man die Klimakatastrophe in Kassel ernsthaft bekämpfen, muss man also keine Grünschneisen freischlagen, sondern netbitch der Stadt verweisen. Interessanter Ansatz. Zu fragen wäre dann, ob man diese Art von Katastrophe wirklich bekämpfen will.

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