Der deutsche Sonderweg – Vortrag von Heiner Flassbeck

Wer gerade eine Stunde und dreizehn Minuten Zeit hat (bzw. beim bügeln, abwaschen oder onanieren nebenbei einen interessanten Vortrag über Makroökonomie hören will), dem sei diese kürzlich in Düsseldorf gehaltene Rede von Heiner Flassbeck (1998 Staatssektretär unter Lafontaine im Wirtschaftsministerium und derzeit Chefvolkswirt bei der UNCTAD) empfohlen.

Flassbeck macht deutlich, wie aktuell die Theorie vom deutschen Sonderweg ist, diesmal rein ökonomisch gemünzt, und wie sich die deutsche Elite von realer Kriegsführung bis Fünfundvierzig auf ökonomische Schlachten heute verlegt hat. Dazu gehört natürlich auch der historische Untertan, der das alles mit sich machen lässt. Und Flassbeck belegt noch einmal, wie katastrophal die rot-grüne Politik spätestens seit 2002 war, deren Folgen – national und international – heute von den Medien weitestgehend ignoriert werden. Es kommt da auch der hier kürzlich erschienene Artikel über die Auslese an deutschen Journalistenschulen ins Spiel.

Überdies hat Flassbeck einen angenehmen Plauderflow drauf. Man beachte auch den wunderbaren grauen Vorhang, der einen geradezu zwingt, sich mit den Inhalten auseinanderzusetzen; erinnert an Robert Lembke seinerzeit.

Hier gibt´s die Folien des Vortrags einzeln

Und hier die sich an den Vortrag angeschlossene Diskussion

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10 Antworten zu Der deutsche Sonderweg – Vortrag von Heiner Flassbeck

  1. chriwi schreibt:

    Hier führt Flassbeck zwei Vetreter des neoliberalen Mainstreams vor

    http://endlessgoodnews.blogspot.de/2012/03/diskussion-zur-griechenlandkrise.html

    Sehr lustig ist der Wirtschaftsjournalist. Seine Argumente sind ziemlich flach. Gegen einen Flassbeck, der sich mit der realen Welt auseinandersetzt kommt er nicht an. Immer wenn er es probiert scheitert er.

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  2. genova68 schreibt:

    Ja, hab ich vor einer Weile mal gesehen. Das Sendeformat ist interessant,ohne Publikum, also ohne dämliches Geklatsche, locker auf dem Sofa herumsitzend, manche schenken sich Wein nach, man sitzt mal gerade, mal schräg, all das fördert die Denkfähigkeit. Und open end, glaube ich. Erinnert an die legendäre Talk Show mit Cohn-Bendit und Dutschke und Nenning und anderen, steht auch hier irgendwo im Blog. Die Moderatorin hält sich auch nett zurück. Komisch, dass das in Österreich noch geht.

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  3. Jakobiner schreibt:

    Aber was nützen uns die Oskars, die Sahras, die Flassbecks, wenn die Linkspartei systematisch ausgegrenzt wird und die SPD und die Grünen eine Politik gegenüber der Linkspartei verfolgen wie dies der Ausgrenzungkurs der SPD gegenüber der KPD in der Weimarer Republik war, die zur Machtergreifung Hitlers führte? Die Linkspartei wird isoliert, die Restlinke, insofern man sie noch so bezeichnen kann zersplittert und Merkel, die CDU/CSU sind die grossen Gewinner und können die Agenda 2020 durchziehen, zumal mit Steinbrück und der SPD in Form einer Grossen Koalition. Bleibt echt zu überlegen, was die Linken machen sollen als Gegenwehr, wo doch parlamentarsich alles schon feststeht.

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  4. Jakobiner schreibt:

    Leute wie Flassbeck können vor allem inhaltlich wichtige Ideen und Argumente liefern, aner nur Aufklärung allein wird nicht helfen.Es muss sich diese Richtigkeit der Argumente auch in sozaialen Protesten widerspiegeln und rübergebracht werden, dass sie auch Otto-Normal versteht.Es gibt ja auch Überlegungen sich gegen diesen neoliberalen Kurs zu wehren durch ausserparlamentarische Aktionen–bis hin zum Generalstreik, wie ihn Oskar Lafontaine forderte. Ich wäre ja schon mal froh, wenn es einen grösseren Streikl geben würde, da es in Deutschland bisher nur einen Generalstreik gab und der war politisch gegen den Kappputsch gemünzt.Wenn die Linke nicht völlig in Resigantion und Depression untergehen will, muss sie sich neue ausserparlamentarische Aktionen überlegen, die die SPD und die Grünen hin zur Linkspartei zwingen. Auch überlegenswert: Die Piarten einmal auf ihre antineoloberale Agenda anzusprechen nach dem Motto. Sag´mir wo du stehst, noch besser: Sag´mir, was du dagegen machst.

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  5. genova68 schreibt:

    Der Flassbeck erzählt relativ stoisch seit 15 Jahren immer wieder dasselbe. Dass man nicht auf Leute wie ihn hört, könnte ihn wohl auf die Palme bringen, aber er wird ja gut bezahlt. Und es gibt ja Gegenbewegungen. In Deutschland läuft es ja relativ gut, eine Schande ist eigentlich die Tatsache, dass hier nicht mehr Solidarität geübt wird mit anderen, auch in Europa. Es fehlen wohl die Strukturen, Occupy hat ja gezeigt, wie man es nicht macht. Es war der konkrete Beweis für die herrschende Klasse, dass sie weitermachen können wie bisher.

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  6. Jakobiner schreibt:

    „Es fehlen wohl die Strukturen, Occupy hat ja gezeigt, wie man es nicht macht. Es war der konkrete Beweis für die herrschende Klasse, dass sie weitermachen können wie bisher‘

    Occupy hat uns zwar gezeigt wie man es nicht macht (ein paar friedliche Hippie-Sit-Ins vor den Nanken), aber umgekehrt waren einige Forderungen nicht falsch: Die internationale Ausrichtung–falsch an Occupy war nur zu fordern, dass es eine World revolution geben sollte ohne deren Subjekte zu bennen–richtig wäre es:die jeweiligen nationalen Arbeiterklassen müssten viel mehr Druck auf den Internationalen BundFreier Gewerkschaften machen oder diesen Eigengründungen androhen, dass sie gehört werden.Eine richtige Forderung wäre mal ein europäischer Streik der Arbeiter und Angestellten, der auch auf die USA, Japan, China, Indien, etc, auststrahlen könnte.Das Kapital und vor allem das Finanzkapital ist international–die Gewrkschaften bestenfalls in nationalen Standortdebatten ohne internationalitsische Perspektive.DAS ist das wesentliche „Strukturproblem“!!!

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  7. genova68 schreibt:

    Occupy war als Idee, als Graswurzelansatz, ok, aber ohne organisatorische Strukturen geht nichts, deshalb halte ich es für Quatsch, sich von der Linkspartei und attac und den fortschrittlichen Kräften in den Gewerkschaften und von radikalen Linken abzugrenzen, für Quatsch. Und der Empörungs-Ansatz ist Kindergarten. Es hätte ja schon stutzig machen müssen, dass da jeder FDPler wohlgesonnen war. Occupy war auch das Ergebnis von 20 Jahren verblödender Strukturen. Hegemonie hat die Rechte, der neoliberale Ansatz. Das lässt sich nicht so schnell drehen. Vielleicht nach der nächsten Krise. In Berlin herrscht zumindest ein dauerhaftes, vernehmbares Widerstandsrauschen.

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  8. Jakobiner schreibt:

    Für mich ist Occupy der Ausdruck von der Shell-Jugendstudie so gelobten „pragmatischen Jugend“, die eine Wahnsinnsparanoia vor sogenannten Ideologien hat.Alles, was nach Organistaion. Klassenorientierung oder klarem politischem Standpunkt riecht, wird abgelehnt–mit der Folge, dass eben nichts mehr zusammengeht.Das ist so ähnlich sektiererisch wie da,als bei den Autonomen, obgleich da die politische Regression noch nicht so fortgeschritten war (immerhin hatte man ja selbst noch solch Theoriekonstrukte wie die Tripple Oppression oder ähnliches) . Occupy scheint mir völlig beim Postmodernismus gelandet zu sein, wo man alles nur noch subjektiv wahrnimmt und nebeneinander unverbindlich und beliebig bestehen lässt.Mehr eine Wohlfühlbewegung, dass man sich empört und seinen Gefühlen ein Ventil bietet, ohne aber wirklich was verändern zu wollen.Und zumal noch unter der Vorgabe, es allen recht machen zu wollen: Habt uns lieb, „wir“99%.

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  9. genova68 schreibt:

    Zum Flassbeck sollte man vielleicht noch sagen, dass er genuiner Sozialdemokrat ist. Der denkt immer nur innersystemisch. Es gibt demnach nur zwei wirtschaftswissenschaftliche Ansätze: Neoklassik und Keynes. Innerhalb dieser Logik ist er aber nett anzuhören.

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  10. genova68 schreibt:

    Interessant zum Thema Flassbeck, dem Chefvolkswirt der UNCTAD:

    Der Westen möchte die UNCTAD als kritische Stimme loswerden

    Heute erschien in Asia Times ein Artikel von Vijay Prashad mit dem Titel “Ex-UNCTAD staff join battle on North“. Es geht darin wie auch schon in einem Artikel von Robert Wade im Guardian blog “West strikes back against new world order” vom 3. April um den Versuch des Westens/Nordens, die Kapazität der UNCTAD in Fragen der Makroökonomie und Finanzpolitik so zu beschränken, dass diese Stimme kein Störfaktor mehr für die neoliberale Einheitsideologie darstellt. Es stehen einige Termine an, bei denen über diese kritische Kapazität entschieden wird.

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=12857#more-12857

    Schade, dass so wenig über mögliche Parallelen von Neoliberalismus und Faschismus im Sinne umfassender, totalitärer Ideologien gesprochen wird. Es würde Zeit.

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