Das erklärt so manches

Eine wissenschaftliche Studie einer gewissen Klarissa Lueg über die soziale Herkunft der Absolventen von Journalistenschulen, veröffentlicht bei telepolis:

Was passiert, wenn „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo auf Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor von Guttenberg trifft? Nein, es gesellt sich nicht nur Haar-Gel zu Haar-Gel und Kaschmir-Pullover zu Kaschmir-Pullover, sondern dann geht es auch um die Verständigung der Macht-Eliten, die sich gegenseitig quasi am Geruch erkennen…

Mehr als zwei Drittel der Schüler stammen aus einer „hohen Herkunftsgruppe“. Kinder von Facharbeitern etwa kommen gar nicht vor…

Im Zentrum der sozialen Auslese, so Lueg, steht dabei die Persönlichkeitsprüfung im Auswahlgespräch. Es ist der Mechanismus, über den der Habitus in Anschlag gebracht wird und der als Filter dient, um die Plebejer auszusieben. Dabei geht es um verschiedene Merkmale einer „journalistischen Persönlichkeit“ wie Anpassungsfähigkeit und Flexibilität, Sprachgefühl und Gesprächsführungskompetenz oder ein „Vertrauen erweckendes Wesen“. „Insgesamt formen diese fünf Merkmale eine journalistische Persönlichkeit, die durch eine bürgerliche Sozialisation und den daraus resultierenden Habitus begünstigt wird. Diese Merkmale können weniger durch schulische oder universitäre Sozialisation erworben werden“, so die Autorin…

Nicht blöd: Die Meinungsbilder sollen natürlich die richtige Meinung bilden. Und da bekanntlich nichts so stabil ist wie das in der individuellen Sozialisation Erlernte und Erfahrene, setzt man exakt da an. Jetzt wäre nur noch interessant zu erfahren, ob sich die wenigen Unterschichtlerabsolventen danach in ihren Artikeln vom Mainstream unterscheiden.

Die Studie bestätigt jedenfalls meine seit langem gehegte Vermutung, dass Journalistenschulen einen merkwürdigen Typus Journalist hervorbringen. Sie können schreiben, sicher, aber sie können auch um jeden neuralgischen Punkt herumschreiben, nötige Recherche ersetzen durch ein paar flotte Statements. Sperrige Erkenntnisse werden flott in Form gegossen. Man will ja an den Leser denken. Und wer da sonst noch so mitliest.

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4 Antworten zu Das erklärt so manches

  1. hanneswurst schreibt:

    Relevantes Detail in wichtiger Sache. Zumindest für die Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten kann ich den Befund aus erster Hand bestätigen. Ähnliche Verhältnisse finden sich natürlich auch in anderen Branchen, Dynastien beherrschen ganze Wirtschafts- und Kultursektoren. Jedoch ist besonders unverständlich, weshalb sich die „Vierte Gewalt“ in einem derart luftleeren Raum befindet. Die Legislative wird gewählt, die Exekutive von der Legislative kontrolliert, die Judikative agiert unabhängig innerhalb eines Regelwerks das die Legislative vorgibt. Die publikative Gewalt dagegen verpflichtet sich lediglich freiwillig einem Kodex (gegen den auch gern verstoßen wird), hat ansonsten keinerlei Ausbildungs- oder sonstige Standards und funktioniert entweder nach dem Prinzip des Merkantilismus oder dem Mäzenatentum – beides nicht gerade Garanten für objektive Darstellung. Die Auswüchse in Deutschland kann sich jeder sehr schön auf http://www.bildblog.de/ vor Augen halten.

    Natürlich sollten Veröffentlichungen weiterhin so frei wie möglich und nur so reglementiert wie nötig sein. Dennoch ist nicht einzusehen, weshalb journalistische Organe je nach Reichweite nicht bestimmte Mindeststandards an das Wissen und die Ethik ihrer Mitarbeiter stellen sollten. Abzuwarten bleibt, was der „Bürgerjournalismus“ im Stile der Wikipedia für Veränderungen mit sich bringt Prinzipiell kann ich mir vorstellen, dass Agenturjournalismus und Bürgerjournalismus gemeinsam als Vierte Gewalt insgesamt besser taugen, als das zur Zeit vorliegende Heer von profit- und machtorientierten Medienmenschen.

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  2. genova68 schreibt:

    Danke für den Beitrag. Die Vierte Gewalt befindet sich wohl deshalb im luftleeren Raum, weil ja gerade sie kontrollieren soll, nicht kontrolliert werdne soll (was schnell als Einschränkung von Meinungsfreihei betrachtet wird). Und kritisch über diese Zustände berichten können ja wiederum nur Medien selbst, was sie nicht tun. Bezeichnenderweise wird über die erwähnte Studie nur im Internet berichtet, wenn ich das überblicke.

    Es ist aber auch, etwas weiter gefasst, das Los des Journalisten unterm Kapital. Eine linke Zeitung hat faktisch keine Existenzmöglichkeit, wenn keine potenten Geldgeber wie Gewerkschaften oder Parteien dahinterstehen, weil die Anzeigekunden wegbleiben. Da geht es auch nur begrenzt um die Höhe der Auflage, weil die ja nur dann relevant ist, wenn es relevante Werbeeinnahmen gibt.

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  3. hanneswurst schreibt:

    Für mich ein sehr passendes Beispiel (weil ich selber darauf reingefallen bin) für die allgegenwärtige Propaganda: http://www.sueddeutsche.de/kultur/umstrittenes-zitat-von-ahmadinedschad-der-iranische-schluesselsatz-1.287333

    Jahrelang hing mir das Mem von der iranischen Vernichtungsdrohung im Gehirn herum und hat dazu geführt, dass ich wenigstens eine Spur von Verständnis für die mutmaßlichen präventiven Angriffspläne Israels hatte. Und wer ist schuld an meiner Verwirrung? Die deutschen Medien.

    Verwundert es außer mir jemanden, dass im Rahmen des „arabischen Frühlings“, der jetzt gerade in Syrien tobt, fast ausschließlich die Aussagen von sogenannten „Rebellen“ zu lesen sind – zum Beispiel auf spiegel-online.de? Von Assad gibt es nur Homestories über Schuhkauf in Paris und ausschweifende Amazon-Shopping-Orgien.

    Schwer zu sagen (jedenfalls im Fall „arabischer Frühling“) welche Interessen dahinter stecken (vielleicht auch nur eine verquere Form des „Gutmenschentums“), aber der Mangel an Objektivität ist evident.

    Ich bin ein dummes Bürgerlein, betäubt vom Wohlstand, bereit jedes Unrecht hinzunehmen das dazu beiträgt dass ich und die meinen sich möglichst lange der „1. Welt“ zugehörig fühlen können.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, die Berichterstattung über Syrien ist wirklich merkwürdig, Todenhöfer war in Syrien (er ist überall, das ist auch merkwürdig): http://taz.de/Antwort-auf-Rafik-Schami/!89947/

    Die Absolventen der Journalistenschulen sind wirklich eine Art schwarzes Loch der Berichterstattung, weil sie selber die Berichte erstatten. Da ballt sich wahrscheinlich unglaublich viel Macht zusammen, und das sind ja dann die Leitfiguren im Medienzirkus, von denen jede Deppenzeitung abschreibt.

    Paradebeispiel ist da immer noch die Berichterstattung über Studien neoliberaler Stiftungen wie Bertelsmann. Wenn die einen Bildungsmonitor oder ähnliches erstellen, steht das in jedem Käseblatt. Über die Auftraggeber und die Absichten spricht niemand. Das sind ja Aufgaben, die angeblich der Bloggosphäre zukommen, zumindest wird das immer so gehandelt. Aber ick wees nich.

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