„Außerdem müssen mir die Menschen sympathisch sein.“

Der Architekt Peter Zumthor (er war im Blog hier schon einmal ungenannt Thema) über seine Kriterien, nach denen er Aufträge auswählt:

„Ich nehme Aufträge dann an, wenn ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt vorhanden ist. Außerdem müssen mir die Menschen sympathisch sein. Ich lese mir die Leute aus, für die ich ganzheitlich und sorgfältig arbeiten kann, um ein schönes, gut funktionierendes Haus zu bauen.“

Ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt, wie nett. Zumthor ist in der seltenen Lage, als Freiberufler oder Selbstständiger tatsächlich nur die Aufträge annehmen zu müssen, die ihn wirklich interessieren. Und nicht nur das:

„Ich arbeite nicht nur am Wie, sondern auch am Was, also an Form und Inhalt. Ich habe das zurückschauend auch immer so gemacht: In Bregenz hat man eine Landesgalerie bestellt und zehn Jahre später eine internationale Kunsthalle bekommen; die Thermen in Vals hatten vor zwanzig Jahren ein besseres Sportbad bestellt und etwas ganz anderes bekommen. Die Inhalte wurden nicht über Nacht, sondern nach langen Diskussionen neu formuliert.“

Zumthor macht, was er will, weil das, was er macht, mit voller Überzeugung macht, vielleicht auch mit Liebe zum Gegenstand. Man sieht und fühlt es bei seinen Bauten. Wer Zumthor einmal erlebt hat, weiß, dass er nicht gerade ein Rhetorik-Genie ist. Dennoch (oder deswegen?) ist er glaubwürdig, man nimmt ihm ab, was er sagt. Und man sieht, dass man ihm abnehmen kann, was er sagt. Er behandelt die verwendeten Materialien wie andere nur ihr Geschlechtsteil. Es ist von Vorteil, wenn ein Architekt auch ausgebildeter Schreiner ist.

Das ungefähre Gegenteil von Zumthor ist unser aller Freund Hans Stimmann, der kürzlich auf diesem Blog behandelte rechtsreaktionäre und zugleich sozialdemokratische Berliner Architektur- und Stadtzerstörer. Und es ist sicher kein Zufall, dass Peter Zumthor gerade in Berlin seine größte Pleite erlebte, nämlich mit dem von ihm geplanten Neubau der Topographie des Terrors. Ein komplexer und technisch anspruchsvoller Entwurf ließ die Kosten steigen, Zumthor flog raus, der Rohbau wurde abgerissen. Selbst wenn man bar jedes kulturellen und architektonischen Verständnisses ist, muss man als rein monetär denkender Mensch in einer Touristenstadt wie Berlin ein Volltrottel sein, um einen Zumthor abzureißen.

In Berlin kommen solche Leute in Entscheiderpositionen.

Egal. Was wollte ich sagen? Wohl nur das: Jemand wie Zumthor ist selten, einer, dem es unangenehm wäre, man würde ihm zum Bilbao-Effekt eines von ihm gebauten Museums gratulieren. Einer, der macht, was er will, und erfolgreich ist. Einer, der aus der Zeit gefallen scheint. „Ein gutes Leben braucht viel Geduld“, meinte er anlässlich der Eröffnung des Kolumba-Museums in Köln, aber Geduld ist ja nun nicht mal mehr eine Sekundärtugend.

Ein schöner kultureller oder sozialer Gehalt. Könnte eine Floskel, PR-Gelaber sein. Ist es bei Zumthor aber nicht, habe ich das Gefühl. Und ich habe das Gefühl, das mich mein Gefühl hier nicht trügt.

(Zitate aus der bauwelt 6/2012)

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4 Antworten zu „Außerdem müssen mir die Menschen sympathisch sein.“

  1. hanneswurst schreibt:

    Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Davon kann Zumthors Geschlechtsteil ein Lied singen.

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  2. genova68 schreibt:

    Du scheinst dich mit Zumthors Geschlechtsteil gut auszukennen. Dafür meinen Respekt.

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  3. Motherhead schreibt:

    Ins immer offne Thor
    schiebt hanneswurst sein Rohr.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, Motherhead.

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