Danke, Hans Stimmann: „Der Sarrazin der Architektur“

So sieht es mittlerweile an vielen Ecken Berlins aus. Eine vorgetäuschte Solidität, die durch bemerkenswert tolerante Spaltmaße selbst den harmlosesten Touristen nicht mehr täuschen kann. Wichtig auch, dass Granitplatten immer poliert sind, das wirkt offenbar hochwertig.

Mittlerweile, weil man an solchen Ecken das Ergebnis der Tätigkeit des ehemaligen Berliner Senatsbaudirektors Hans Stimmann ablesen kann. Also des Menschen, der wesentlich im Berlin der 1990er Jahre (sein Einfluss dauert bis heute an) das durchsetzte, was man gerne „kritische Rekonstruktion“ nennt, wo man sich aber fragt, was denn an den gebauten Schachteln kritisch sein soll. Stimmann selbst redete ja gerne von den „Fundamenten der europäischen Stadt“, an denen er sich orientiere. Seine Fundamente dienen nun dazu, Kippen unauffällig verschwinden zu lassen. Die vielleicht ehrlichste Handlung, die man an solch einem Stimmann-Bau vollbringen kann.

Eine schöne Fünf-Minuten-Übersicht über die Auswirkungen der Stimmannschen Regression findet sich hier.

Aus dem Video:

„Dank Stimmans ästhetischem Frackzwang und diffuser Altstadtheileweltsehnsucht ergibt das neue Zentrum Berlins ein kleinbürgerliches, banales, altmodisches, reaktionäres, unrealistisches, provinzielles und vor allem dilettantisches Bild der Stadt…

Im Namen von Geschichte verleugnete Hans Stimmann die Geschichte Berlins. Er radierte ihre Spuren aus, vernichtete die besondere Qualität der Stadt und das Essentielle ihrer Identität.“

Es ist ja nicht nur der Palast der Republik, der weg musste, damit da jetzt ein großes Stück Rasen prangt, es ist auch das Außenministerium der DDR, gleich nebenan, das man eliminierte auf einem Grundstück, das heute ebenfalls immer noch leer ist. Vom zerstörten Ahornblatt, einer wahrhaften baukulturellen Katastrophe,  ganz zu schweigen.

Das slab magazine hat sich kürzlich dankenswerterweise mit den Realitäten der Stimmannschen Ideologie in Text und Bild auseinandergesetzt. Solche Schäden wären verzeihlich, wenn man mit neuen Materialien experimentiert hätte, mit neuen Verarbeitungstechniken oder Anstrichen und im praktischen Langzeitversuch entdeckt man Unzulänglichkeiten. Also das, was  Architekten der 1960er gerne vorgeworfen wird. Es geht hier aber nicht um Avantgarde, sondern um Regression, und weil auch die möglichst billig sein muss, sieht das dann so aus. Selten wird die Kluft zwischen Anspruch und Realität offensichtlicher als in der aktuellen Architektur in Berlin.

Der Architekt Arno Brandlhuber in der Welt:

„Es gibt oder gab bisher nur eine einzige Bildregie, die ganz klar kodiert und stark reglementiert war und die sich eine rückwärtsgewandte, steinerne Oberfläche zueigen gemacht hat. Gleichzeitig wurde jahrelang der Siedlungsbau der zwanziger Jahre, das architektonische Weltkulturerbe von Berlin, als sozialistisch abgelehnt und der bedeutende Architekt und Stadtbaumeister Hans Scharoun diskreditiert. Stimmann mag mit seiner Bildpolitik vielleicht das Schlimmste verhindert haben, wie er glaubt. Aber es ist eben auch nichts Gutes entstanden. Es ist völlig lächerlich, dass Berlin als eine der kulturell anregendsten Metropolen der Welt nicht in der Lage ist, gute Architektur zu produzieren. Und das wird weltweit so eingeschätzt.“ (Hervorhebung von mir)

Man kann diesen Ansatz in Berlin ruhig allgemeiner fassen: Es existiert eine spürbare Diskrepanz zwischen dem Ruf Berlins als trendiger, kreativer, progressiver, quirliger Weltstadt einerseits und der hier herrschenden Politik und den hier herrschenden Eliten andererseits. Das, was das Nette, das Differente, das Widerständige, das Interessante an Berlin ausmacht, wird von außen, von Eingewanderten produziert. Die in Berlin Geborenen kann man eh vergessen, die lokale Politik noch mehr. Zu dem alten Westberliner Filz, der solch in der Tat herausragende Persönlichkeiten wie Heinrich Lummer und Klaus-Rüdiger Landowsky hervorgebracht hat, kamen dann Politiker wie Stimmann oder Klaus Wowereit, der bundesweit vor allem deshalb als progressiv gilt, weil er schwul ist.

Wohl überflüssig zu erwähnen, dass Stimmann Mitglied der SPD ist.

(Foto: genova 2011)

Dieser Beitrag wurde unter Architektur, Berlin, Neoliberalismus, Rechtsaußen abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Danke, Hans Stimmann: „Der Sarrazin der Architektur“

  1. Peleo schreibt:

    Den Potsdamer Platz nicht zu vergessen, diese Orgie der Sterilität.

    Liken

  2. genova68 schreibt:

    Ja, wobei der Potsdamer Platz noch eine andere Nummer ist. Da wurde Stimmann, der die historische Stadt auch dort wollte, halbwegs ausgespielt, die Investoren setzten sich einem Konzept verdichteter und in Teilen „moderner“ Architektur durch. So oder so ist das Resultat banaler Kommerz. Beim Potsdamer Platz kommt erschwerend hinzu, dass die Marketingmaschine (Info Box) in den 90er Jahren den Eindruck vermittelte, hier entstehe der avantgardistischste Platz Europas. Das Ergebnis ist um so peinlicher. Der Libeskind-Entwurf wirkt heute wie aus einer anderen Zeit. Der Jude Liebeskind war den Verantwortlichen damals ja „Faschismus“ vor.

    Eigentlich ganz fähige Architekten wie Renzo Piano sagten danach auch öffentlich, dass der Platz, auch die eigene Architektur, enttäuschend sei.

    Es ist der Geist des reaktionären Kleinbürgertums, das in Stimmann seinen zuverlässigsten Vertreter fand.

    Liken

  3. InitiativGruppe schreibt:

    Das, was das Nette, das Differente, das Widerständige, das Interessante an Berlin ausmacht, wird von außen, von Eingewanderten produziert. Die in Berlin Geborenen kann man eh vergessen, die lokale Politik noch mehr.

    Kann man sagen, dass die Geschichte 1933 – 1990 (3. Reich, Naziterror gegen linke und liberale Urbanität, Verlust der jüdischen Bevölkerung, Kriegszerstörung, Teilung, DDR, Insellage, Subventionsabhängigkeit) den Berlinern das moralische Großstadtgenick gebrochen hat? Dass diese Serie von Geschichtskatastrophen Ursache eines erheblichen Urbanitätsverlustes geworden ist?

    Liken

  4. genova68 schreibt:

    Ein spannendes Thema, aber kompliziert. „Die Berliner“ gibt es nicht, die wenigsten, die aktuell hier wohnen, wurden hier geboren (so wie in München wahrscheinlich auch). Der alteingesessene Marzahner hat mit dem Mitte-Juppie nichts zu tun, auch geographisch, die laufen sich nicht über den Weg. Aber wenn du von so einer Art vorherrschender Mentalität in der Stadt ausgehst: Hm. Da ist sicher was dran, aber dazu müsste man über die Stimmung in der Stadt vor 1933 informiert sein. Es gibt eine Diskussion unter Architekturbewegten, wonach die architekturtheoretischen Debatten in Deutschland bis 68 quasi nicht existent waren, während in den USA, aber auch in Italien und Frankreich man da schon viel weiter war. In Deutschland wurde gebaut und der Mund gehalten. Das ist sicher auf die intellektuelle Ausdünnung zurückzuführen.

    Andererseits finde ich die Urberliner ganz sympathisch, weil die alles mit sich machen lassen. Ich habe kürzlich einer Urprenlauerbergerin vorgeworfen, dass sie Berliner Dialekt redet. Und sie hat sich tatsächlich dafür entschuldigt, lol.

    Die Subventionsabhängigkeit ist ja nicht mehr da, die wurden mach 1990 komplett gestrichen,deshalb ja auch die Schulden von 63 Milliarden Euro. Das Inselllagenphänomen gibt es auch nicht mehr, würde ich sagen, schon wegen des Zuzugs seitdem. Der Osten war ja eh keine Insel. Und was ist ein „moralisches Großstadtgenick“? Du hast in Berlin im wesentlichen abgeschottete Milieus, die sich nie begegnen. Berlin als Stadt existiert eigentlich nicht. Ich habe kürzlich mit einer 20 Jahre alten Spandauerin geredet, die mir ernsthaft mitteilte, dass sie in ihrem Leben nur einmal kurz in Kreuzberg gewesen sei, das sei aber nichts für sie.

    Was ich mit dem Zitat da oben meinte, ist, dass die Leute hier, die irgendwie auffallen, immer von auswärts kommen. Die Urberliner sind graue Mäuse, die die Veränderungen mit Gelassenheit hinnehmen.

    Liken

  5. InitiativGruppe schreibt:

    Die, die eine Neigung hatten, aufzufallen, sind erst von den Nazis wegrasiert worden, einschließlich der als Gruppe besonders auffälligen Juden (5% der Bevölkerung, die so etwa die Hälfte aller Rechtsanwälte gestellt haben, um nur einen Bereich zu nennen …), die nächste junge Generation hat sich im Krieg kaputt machen lassen, dann kamen die Kommunisten hüben und die Antikommunisten drüben (äh, umgekehrt!) – Verhältnisse, die allen das Anpassen nahe gelegt haben, dazu die Vorstellung vieler, dass das Geldverdienen und Karrieremachen doch am Ende mehr bringt als der Versuch, etwas Besonderes zu sein und etwas Besonderes zu machen und dafür dann angepöbelt, blockiert, rausgedrängt oder sogar eingesperrt zu werden.

    Ich hab mir das zuerst beim Studium der Geschichte Russlands 1900 – 2000 gedacht: Einen solchen Raubbau an freien, unabhängigen, leidenschaftlichen, eigensinnigen Menschen, wie ihn Russland 1900 – 1950 hatte, überlebt kein Volk, ohne am Ende völlig erschöpft und ausgepowert zu sein. Das begann im 1. Weltkrieg mit den ungeheuerlichen Opferzahlen unter den Soldaten, dann kam die Flucht ins Exil eines erheblichen Teils der Elite, die Ausrottung des Rests durch die Kommunisten im Bürgerkrieg, dann kam die Ausrottung der Parteielite durch Säuberungen und Gulag, dann kam der irrsinnige Aderlass durch den 2. Weltkrieg (es sind prozentual eher die körperlich und geistig Fitten, die vorn an der Front kämpfen und sterben), dann ging’s weiter mit Stalin bis 1954. Viel ist da nicht übrig geblieben von dem gewaltigen Potenzial an kreativen Menschen, das sich vor 1914 in Russland abgezeichnet hat.

    Deutschland, und Berlin im besonderen, hat es nicht ganz so schlimm erwischt, aber schlimm genug.

    Übrig bleiben in solchen Prozessen eher die Angepassten, die, die alles mit sich machen lassen, die, die sich darauf beschränken, gut zu überleben und Karriere im Rahmen der Vorschriften zu machen. Ist ihnen auch nicht vorzuwerfen. Aber das, was die Weimarer Republik kulturell so großartig gemacht hat, das war 1945 ff weg. Nicht ganz, aber fast ganz.

    Normalität war gefragt, auch noch danach.

    Ich schätze, durch die Verluste im 1. Weltkrieg, 3. Reich + 2. Weltkrieg und die Fixierung auf den Wiederaufbau danach hat Deutschland mindestens zwei Drittel seines kreativen Potentials eingebüßt – in Kunst, Architektur, Wissenschaft, technologischer Innovationskraft, vitaler Alltagskultur.

    Dieser Verlust kommt auf dreierlei Weise zustande:
    1. durch den Tod oder die Flucht von kreativen Menschen,
    2. durch eine Sozialisation, die das Kreative eher unterdrückt (3. Reich, Biedermeierkultur im Westen, DDR-Kultur),
    3. durch die Prämierung der Normalität und die sanktionierende Abscheu vor dem, was als unnormal und abseitig gilt.

    Eigentlich haben wir in den letzten Jahrzehnten hier wieder aufgeholt, uns ein bisschen erholt. Ich genieße den deutschen Pluralismus in vollen Zügen. Man kann sich was trauen.

    Jetzt ist es was anderes, was an der Kreativität frisst. Ich weiß nicht genau und nicht sicher, was es ist. Ein paar Mal hab ich hier schon meinen Verdacht gegen den exzessiven Individualismus geäußert … (der ja die mentale Voraussetzung für den exzessiven Konsumismus und Kommerzialismus ist).

    Liken

  6. genova68 schreibt:

    Ja, mag alles sein, aber das trifft nicht mehr aufs aktuelle Berlin zu. Wie gesagt, Bevölkerungsaustausch. Die Ruhe um die Vorgänge am Lützowplatz sind dennoch merkwürdig. Auch die hiesige Szene, die sich um sowas eigentlich kümmert, schweigt größtenteils.

    Dass die Juden als Gruppe besonders auffällig gewesen sein sollen, ist aber eher deinem merkwürdigen Blick zu verdanken. Die fielen nur auf, wenn sie vorher als Gruppe gebrandmarkt wurden. Die waren ja in den 20ern relativ assimiliert, mehr als je zuvor in Deutschland.

    Aber das hat ja nun alles nichts mehr mit dem Lützowplatz zu tun.

    Liken

  7. InitiativGruppe schreibt:

    Der Lützowplatz würde anders ausschauen, hätte sich Berlin ohne Terror, Krieg und Teilung entwickeln können.

    Juden sind aus mehreren Gründen aufgefallen: aufgrund des antisemitischen Blicks, aufgrund der Zuwanderung aus dem Osten (die erste Generation war sozusagen optisch und akustisch identifizierbar), aufgrund der Leistungsfähigkeit und Modernitätsoffenheit relativ vieler Angehöriger dieser ethnischen Gruppe. In meinem Argument: Menschen jüdischer Herkunft haben einen erheblichen Teil des kreativen Berlin ausgemacht.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.