Iran: „…trotzdem entspannt und glücklich“

Der deutsch-iranische Schauspieler Mathias Kopetzki hat erst im Alter von 20 Jahren erfahren, dass sein Vater Iraner ist. Mit Mitte 30 reiste er zum ersten Mal in den Iran. Sein Versuch einer Einschätzung eines Landes und einer Kultur, die einem fremd ist, ist lesenswert, denn es geht hier darum, dass man nur um den Preis der teilweisen Aufgabe der eigenen Perspektive die Möglichkeit des Verstehens bekommt:

„Ich habe dort gesehen, wie Menschen Lebensweisen präferieren, die ich wohl niemals leben könnte, und wie sie trotzdem entspannt und glücklich dabei wirken. Ich denke da an die übermächtige Präsenz des Glaubens, die offensichtlichen Restriktionen.

Aber trotzdem habe ich als Westler nicht den Eindruck, dass die Leute sich nicht offen in die Augen schauen können oder paranoide Ängste voreinander entwickeln – wie ich das hierzulande, in unserer ach so freien Gesellschaft täglich erlebe.“

„Das Interesse an unserem „Lifestyle“ ist deutlich größer. Dort bin ich in meiner Verwandtschaft zum Beispiel allein deshalb ein Held, weil ich als Schauspieler bei einem wahren Straßenfeger mitgespielt habe: „Alarm für Cobra 11″, ein seit vielen Jahren vom Staatsfernsehen importiertes deutsches Produkt, das hier vermutlich westliche Sehnsüchte weckt und trotzdem mit dem staatlichen Moralkodex vereinbar scheint: Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

Jeder Satz ist wahr. Für uns restriktive Lebensweisen können eine glückliche Entspanntheit bewirken, die sich an den Gesichtern ablesen lässt; einen Eindruck, den ich auch schon in Kairo gewann – ohne genau zu wissen, ob der Eindruck stimmt. Der Besucher bleibt mit diesem Eindruck vielleicht ratlos zurück, hat er doch das Bild der von religiösen Sittenwächtern unterdrückten Gesellschaften vor Auge. Das mag auch so sein, aber es ist nicht das ganze Bild.

Dieses ganze Bild kann man eh nicht erfassen, aber Bruchstücke daraus lassen sich nur ohne Vorurteile gewinnen. Es fällt auch bei der aktuellen Berichterstattung über Ägypten auf: Mit gängigen westlichen Erklärungsmustern kommt man da nicht weiter und muss es auch nicht. Diese gängigen Muster fabulieren sowieso in der Regel vom Endsieg des westlichen Demokratiemodells, das aber massenhaft diesen nicht offenen Blick und paranoide Ängste produziert.

Richtig peinlich wird es, wenn ausgerechnet eine derart primitive TV-Produktion wie „Alarm für Cobra 11“ in fremde Länder exportiert wird. Ein vorsintflutlicher Kodex, eben das „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, ist in Deutschland mit der ach so aufgeklärten, toleranten und fortschrittlichen Gesellschaft seit Jahren ein Quotenhit. Schlimmer noch: Eine dramturgisch, schauspielerisch und plotmäßig grauenhafte Unterhaltungsserie mit faschistischen Herrenmenschentendenzen, die den Zustand dieser Gesellschaft vielleicht besser spiegelt als vieles andere. Ein Krimiformat, das in jeder Hinsicht eine einzige und absolute und im TV-Segment nicht überbietbare Katastrophe darstellt. (Ich habe eine Folge dieser Serie vor Jahren mal versehentlich angeschaut.) Dass die Iraner das offenbar gerne sehen, hängt wohl auch mit den tollen deutschen Autos zusammen, die da umherfahren und manchmal explodieren und überhaupt mit dem westlichen Lifestyle, der aber in seiner Plattheit und Geistlosigkeit dann doch nur oberflächlich akzeptiert werden kann.

Entspannt und glücklich trotz „Alarm für Cobra 11“:  Wie das geht, ist die eigentlich interessante Frage, auf die eine interessante Antwort erwartet werden kann.

Schon die Architektur ist uns Europäern fremd: Das Außenministerium in Teheran:


(Foto: genova 2011)

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18 Antworten zu Iran: „…trotzdem entspannt und glücklich“

  1. InitiativGruppe schreibt:

    Wir lernen alle, ganz selbstverständlich anzunehmen, dass die Geschichte der Menschheit im wesentlichen eine des Fortschritts ist. Automatisch denkt man da an unseren Wohlstand, an die Medizin, an die Technologien, an unsere aufgeklärte Vernunft und Wissenschaft.

    Jemand müsste das mal umdrehen: Die Geschichte der Menschheit als Geschichte des Verlustes, des Rückschritts, der Entmenschlichung, der Degeneration, der Selbstversklavung, der Sentimentalisierung, der zunehmenden Nervosität, der Abnahme der sozialen Intensität und der Zunahme der Todespanik zu schreiben.

    Es gibt schon einzelne kleine Beispiele dafür, „Der Prozess der Zivilisation“ von Norbert Elias bietet da etwas, auch einige ethnologische Studien. Aber keine Zusammenschau aller einschlägigen Aspekte.

    Die Falle, in die man dabei nicht gehen darf, wäre die Verklärung der Vergangenheit. Es gibt keinen Weg zurück.

    Zeitreise als Gedankenspiel: Wir Heutigen wären meistens viel zu schwach, um es in vergangenen Epochen auszuhalten.

    Mir selber ist es unter die Haut gegangen, als ich – vor vielen Jahren – von meinen ausländischen Schülern hören musste, dass wir Deutsche erstaunlich unglücklich dreinschauen und uns nervös bewegen. Und dass es uns schwer fällt, ausgelassen zu feiern.

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  2. genova68 schreibt:

    Wir bewegen uns nervös? Klingt interessant.

    Jemand müsste das mal umdrehen: Die Geschichte der Menschheit als Geschichte des Verlustes, des Rückschritts, der Entmenschlichung, der Degeneration, der Selbstversklavung, der Sentimentalisierung, der zunehmenden Nervosität, der Abnahme der sozialen Intensität und der Zunahme der Todespanik zu schreiben.

    Ich glaube, da ist das „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz genau das Richtige für dich.

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  3. Yunus schreibt:

    Ist das nicht ein Treppenhaus???

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  4. Yunus schreibt:

    @IG

    Wahrscheinlich waren diese „Ausländer“ noch nie auf dem Kölner Karneval oder auf einem Weinfest in der Pfalz.
    Unglücklich sind doch nur die großstädtischen, emanzipierten, aufgeklärten
    (wohl eher abgeklärten) Trübsalbläser…

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  5. genova68 schreibt:

    „Ist das nicht ein Treppenhaus???“

    Bravo! Endlich hat es jemand gecheckt. Das ist ein altes, leerstehendes DDR-Gebäude am Alexanderplatz in Berlin.

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  6. Yunus schreibt:

    Dass das DDR-Architektur ist hab ich wohl erkannt :-)
    Die findet man aber auch im gesamten ehemaligem Ostblock und darüber hinaus deswegen wundert es mich nicht wenn die im Iran genau so gebaut hätten nach irgendwelchen internationalen Vorlagen.

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  7. Jakobiner schreibt:

    „Für uns restriktive Lebensweisen können eine glückliche Entspanntheit bewirken, die sich an den Gesichtern ablesen lässt; einen Eindruck, den ich auch schon in Kairo gewann – ohne genau zu wissen, ob der Eindruck stimmt. Der Besucher bleibt mit diesem Eindruck vielleicht ratlos zurück, hat er doch das Bild der von religiösen Sittenwächtern unterdrückten Gesellschaften vor Auge. Das mag auch so sein, aber es ist nicht das ganze Bild.“
    Naja, in Diktaturen versuchen sich die Menschen eben auch ihre Nischen zu schaffen und ein normales Leben zu führen so weit es eben geht.Der Alltag im 3. Reich wurde ja auch von vielen nicht als diktatorisch wahrgenommen. Gefeiert und ganz normal gelebt wurde in der Volksgemeinschaft da genauso wie in der DDR, die ja auch bekannt ist für ihre Nachbarschaftshilfe,etc.
    Hinzu kommt, dass in mulsimischen Ländern sehr viele Leute vom Land in die Städte strömen und das Dorfleben und dessen Einstellungen da quasi mitbringen. Da werden demzufolge auch härtere Sittenkodexe als normal angesehen. Kein Wunder, dass in Ägypten, Tunesien und Syrien die Muslimbrüder so stark sind. Dass die Menschen im Iran aber fröhlicher und unbeschwingter sind als die angeblichen miesepetrigen Deutschen halte ich für eine Pauschalsierung nach dem Motto: Der Südländer weiss das Leben zu geniessen, der Nordländer nicht.

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  8. Jakobiner schreibt:

    Dazu glaube ich auch, wäre das 3. Reich noch heute an der Macht, Goebbels hätte Cobra 11 im Volksempfänger-Fernsehen gelassen wie auch die meisten Sendungen der heutigen deutschen Fernsehunterhaltung.In der DDR wahrscheinlich weniger, könnte man doch mit Trabis und Warburgs nicht solche rasanten Verfolgungsjagden hinlegen und galt in der DDR der Trabi mehr als Fortbewegungsmittel.

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  9. Jakobiner schreibt:

    Als Lesetip zu Cobra 11 noch die Studie „Das Automoil im italienischen Futurismus und Faschismus“. Mussolini und Hitler hätten an Cobra 11 ihre wahre Freude gehabt, ist diese Serie doch auch Ausdruck sozialdarwnistischen Futurismus, der ben keineswegs nur auf die Kunst beschränkt bilieb:

    http://bibliothek.wzb.eu/pdf/2002/ii02-115.pdf

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  10. Jakobiner schreibt:

    Wenn man im 3. Reich unpolitisch war, im ausgelassenen Suff keinen Witz über den Führer machte, kein Jude oder politisch Vorbelasteter der Weimarer Republik war, hätte man auch nicht gefühlt, dass man in einer Diktatur lebte. Selbst im Kriege betrachteten sich die Volkskameraden als von Polen und äusseren Kräften angegriffen und wollten ihr Deutschland verteidigen.Wäre nicht Stalibngrad gewesen, wäre den meisten gar nicht aufgefallen, dass sie in einer Diktatur lebten und wären „trotzdem entspamnnt und glücklich“ gewesen!

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  11. Jakobiner schreibt:

    Dazu merkt man in islamoautoritären Ländern wie Iran die Diktatur erst, wenn man politisch aktiv wird. Auf dem Migrationsblog kann Fatima Özuguz und der Muslimmarkt scheinbar ungestört ihrer Hetze gegen den zum Christentum konvertierten Muslim nachgehen:

    Er sei ein Zuhälter und Vergwaltiger, im dritten Satz erfährt man dann noch, dass er prozionistische Propaganda betrieben haben soll. Für mich hört sich das an danach, dass der gute Mann sich eben gegen die Holocaust- und Israelhetze des Regimes ausgesprochen hat und er deshalb andersweitig angeklagt wird. In autoritären Sytemen ist man ja da nicht zimperlich. In Malysia wurde der neue Reformpremierminister Ibrahim jeweils unter der Anklage der Sodomie, dann Homosexualität jahrelang in den Knast geworfen, um ihn unschädlich zu machen. Erst jetzt wird er wieder rahbliliterit. Ai Weiwei wurde in China auch unter dem Vorwand des Steuerbetrugs verhaftet, obwohl jeder weiss, dass es um politische Gründe ging . Auch im Dritten Reich wurde ein General oder Röhm unter dem Vorwand der Homosexualität beseitigt. Abgesehen davon, dass ich in Homosexcualität nichts Schlimmes entdecken kann, ist doch augenfällig wie diese sexuellen Vergehen vorgeschoben und instrumentalisiert werden.Von daher wäre es mal nötg, der dreisten Jihadhenne Fatima auf dem Migrationsblog entschiedener zu widersprechen, wenn Dissidenten vom Muslimmarkt als Zuhälter und Vergewaltiger angeschwärzt werden!!!

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  12. Jakobiner schreibt:

    Dazu: Gefühlszustände an dem Lächeln des Gegenübers abzulesen ist völlig falsch. Das ganze asiatische Gegrinse, das jeweilige“Land des Lächelns“ wie China, Japan, Kambodscha, Vietnam oder Thailand ist doch mehr der Verdrängungspsychologie entsprungen.Die Leute wollen eben nicht ihr „Gesicht verlieren“ und geben sich problemlos. Dementsprechend heissen Nars im damailigen kambodschanischen Kriegsgebiet, wo ich war auch „No Problem-Bar“. Verdängen, beschönigen, die Gefühle unterdücken, bis sie dann in solch massiv gewalttätigen rruptionen wie unter Mao, Tojo oder Pol Pot ausbrechen und sich ihren Weg schlagen!!1

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  13. genova68 schreibt:

    Jakobiner,
    ich habe den Artikeln aus den Gründen geschrieben, die ich dort angegeben habe: die teilweise Aufgabe der eigenen Perspektive, um dazuzulernen. Genau das versucht der Kopetzki zu vermitteln. Hingucken, versuchen zu erkennen, das Unerkannte unerkannt lassen, Details beachten und sich ansonsten zurückhalten, weil das eine fremde Kultur ist.

    Das alles hast du nicht kapiert, du kommst stattdessen wie üblich mit dem Vorschlaghammer des Politikwissenschaftlers und belehrst uns, wie die NS-Zeit war, wie die Asiaten lächeln, was die Menschen im Iran so schaffen blablabla. Lies einfach das, was der Kopetzki sagt und schweige. Gerade jemand wie du kann da viel lernen, wenn er nur lernen wollte. Der hat genau und individuell beobachtet und bleibt auch mal ratlos und versucht nicht permanent, mit bestenfalls theoretischem Wissen die ganze Welt zu erklären.

    Immer dieser Blick von weit oben, der einen nichts erkennen lässt. Gibt es nicht haufenweise andere Blogs, in denen die User wild politisierend vor sich hin diskutieren? Probier´s mal bei wallstreet-online.de, da gab es zumindest früher eine Polit-Sektion, da warten die nur auf Leute wie dich.

    Yunus,

    das iranische Außenministerium sieht so aus:

    http://www.google.de/imgres?q=iran+foreign+ministry+building&hl=de&biw=1145&bih=729&tbm=isch&tbnid=6aiXO9Hnb83BuM:&imgrefurl=http://www.presstv.ir/detail/142249.html&docid=m0cqRWUXWTqMLM&imgurl=http://previous.presstv.ir/photo/20100912/davari-s20100912131136140.jpg&w=450&h=300&ei=Bqd0T6-4HJHktQbU3Z22DQ&zoom=1&iact=rc&dur=273&sig=101732256031820208512&page=1&tbnh=120&tbnw=147&start=0&ndsp=24&ved=1t:429,r:1,s:0&tx=123&ty=96

    hab ich aber auch nur gegoogelt, weil ich jetzt neugierig war.

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  14. Yunus schreibt:

    @genova

    :-) Wurde das von Albert Speer erbaut?

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  15. Jakobiner schreibt:

    Das „Unerkannte unerkannt lassen“, Iran ein „Land mit 7 Siegeln“–man kann sich auch der eigenen Ratlosigkeit ausliefern und dann viel reinrätseln WOLLEN. Natürlich darf auch das Hohelied von den anderen Kulturen, die man nicht verstehen könne, nicht fehlen.Man verbaut sich dadurch rationale Erklärungen.Das soll wohl die höhere Art der Kontemplation sein.

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  16. Jakobiner schreibt:

    „Jakobiner,
    ich habe den Artikeln aus den Gründen geschrieben, die ich dort angegeben habe: die teilweise Aufgabe der eigenen Perspektive, um dazuzulernen. Genau das versucht der Kopetzki zu vermitteln. Hingucken, versuchen zu erkennen, das Unerkannte unerkannt lassen, Details beachten und sich ansonsten zurückhalten, weil das eine fremde Kultur ist.

    Das alles hast du nicht kapiert, du kommst stattdessen wie üblich mit dem Vorschlaghammer des Politikwissenschaftlers und belehrst uns, ….“

    Tja, das hängt eben damit zusammen, dass ich neben der Perspektive der Aufgabe der eigenen Perspektive nur die Ersetzung dieser durch eine stimmige Perspektive akzeptiere. Die lieferst du aber nicht, stattdessen ersatzlose Kapitulation und Gewäsch mit aggressiver Perspektive gegen politikwissenschaftliche Perspektiven. Wie du auf dem Migrationsblog schreibst: Der Iran, ein Land mit 7 Siegeln, das dir unerschlossen bleibt, weil du es gar nicht analysieren willst. Aber vielleicht kann dich ja Fatima Özuguz oder Cobra11-Idioten an dieses angebliche Unerkannte heranführen–der Jakobiner ist da sicherlich die falsche Addresseda hast du schon recht!!

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  17. Jakobiner schreibt:

    Du willst den Iran nicht mehr selbst verstehen und appelierst an eine ausserirdische Kraft, die „ihn“ dir erklären soll.Du scheinst schon so verzweifelt, dass du den Cobra-11-Idioten dazu zitieren musst–zumal mit einem eigenen Artikel hierfür. Du belässt dich im Unverständis-sein-Wollen-Suhlen.Das ist die eigene SELBSTGEWOLLTE Selbstaufgabe!

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  18. genova68 schreibt:

    „der Jakobiner ist da sicherlich die falsche Addresseda hast du schon recht!!“

    Wunderbar, da sind wir uns einig. Also tschüss!!!

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