MAS: Inhalt und Form im Neoliberalismus

Worum geht es in diesem Artikel? Ich weiß es nicht genau. Zum einen darum:

Das neue Museum Aan de Strom (MAS) im stadtnahen Teil des riesengroßen Hafens von Antwerpen wirkt architektonisch wie aus einem Guss: wesentlich mit handgearbeiteten Sandsteinplatten aus Indien verkleidet, die den Kasten optisch zusammenhalten und ihm trotz seiner Monumentalität etwas Nicht-Abweisendes verleihen, da das Blockhafte durch die haptische und farbliche Differenz von Platte zu Platte gemildert konterkariert wird. Dazu die gewellten Glasscheiben ohne Fensterleibungen, die, wohl das Treppenhaus visualisierend, um die Ecken ansteigend verlaufen und auch damit den Klotz, der an die umliegenden Lagerhäuser erinnert, verweichlichen. Man könnte fast meinen, es wäre ein monolithischer Sandsteinblock in den Hafen von Antwerpen gestellt und dann von einem der großen Kräne, die in der Nachbarschaft stehen, gedehnt worden, worauf dann das Glas zum Vorschein kam, quasi als innenliegende zweite Haut. Überhaupt ist das mal wieder ein nettes Beispiel für die gestalterischen Möglichkeiten, die einem Stahlbetonskelette bieten. Der Segen der statisch nicht mehr notwendigen und damit spielerisch zu interpretierenden Abgrenzung, für dessen Erteilung wir hiermit Gott danken.

Er und die Architekten (Neutelings Riedijk Architecten) wie auch die praktisch Ausführenden haben sich Mühe gegeben.

 

Bei einem durchdachten, ganzheitlichen Entwurf fallen lustige Details um so deutlicher ins Auge: Der Ständer für den Aschenbecher vorm Eingang ruht auf einer Waschbetonplatte, die wahrscheinlich seit den 1970er Jahren da irgendwo unbeachtet rumlag. Sandstein ist nun mal empfindlich, da greift man zu praktischen Lösungen. Mit einer Waschbetonplatte kann man es ja machen.


 
Ist nun der filigrane Kompletteindruck hin? Wohl nicht, aber es macht auch die Rigorosität dieser architektonisch ums Perfekte bemühten Entwürfe deutlich: Solche Gebäude sind kaum noch anschlussfähig, was gerade bei einem Museum ein Problem darstellt, weil da doch eigentlich nur die Hülle zur Verfügung gestellt werden soll. Zum anderen geht es in diesem Artikel nämlich auch darum:

Das Museum selbst (Ich war leider an einem Montag vor Ort. Der Montag stellte sich mir einmal mehr als weltweit gültiger Museumsruhetag dar.) wird zumindest abseits der PR-Industrie kritisch betrachtet:

Mit der Form des MAS hält der museale Inhalt bei weitem nicht mit. Was einst ein Stadtmuseum werden sollte, ist nun ein Kraut- und-Rüben-Museum mit rund 470.000 Objekten und Artefakten aus insgesamt fünf Sammlungen, die in tageslichtlosen, aber mit Licht und Klang sehr theatralisch inszenierten Innenräumen strukturiert sind.

In der Abteilung „Machtentfaltung“ werden völlig zusammenhanglos afrikanische Gebrauchs- und Kunstgegenstände präsentiert. Die (grausame) belgische Kolonialgeschichte hingegen wird mit keiner Silbe erwähnt.

Tja. Vielleicht will man dem Publikum keine Bilder von abgeschnittenen schwarzen Kinderhänden und Genitalien zeigen, ganz zu schweigen von den zehn Millionen Kongolesen, die zwischen 1880 und 1920 ermordet wurden. Antwerpen als wichtigster Hafen Belgiens, in dem die Kautschukmassen aus dem Kongo Europa erreichten. Wichtiger ist der Bilbao-Effekt. Und so gibt es eine weitere Destination, wie man sagt, für Architekturtouristen, die der Hülle fröhnen und zeigen, dass neoliberales Stadtmarketing funktioniert. Wo gehobelt wird, fallen Späne, damals wie heute.

Gewohnt liberal sieht das die Zeit:

Doch das Museum, in dem gleich mehrere zuvor verstreute und kaum sichtbare städtische Sammlungen zusammengeführt sind und zum Zusammenklingen gebracht werden sollen, ist nicht nur Schauplatz der Selbstbesinnung der Antwerpener Bürger und des Rückblicks in ihre große Geschichte als Welthafen und Heimat für Kosmopoliten. Es ist auch vibrierendes »Warenhaus« und bedeutendes Kunstzentrum.

Soviel zur bürgerlichen Selbstbesinnung auf eine große Geschichte.

Architektur als die zeitgenössisch beste Möglichkeit, Kritik auszuschalten und Perspektiven umzuleiten. Da bin ich doppelt froh über die Waschbetonplatte.

(Fotos: genova 2012)

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