Lucas Zeise: „Ein Kurswechsel wäre populär und einfach“

Der coole und sympathische Lucas Zeise, Mitbegründer der Financial Times Deutschland und Marxist, in der jungen welt:

Das Hauptproblem ist grob gesprochen die ungleiche Entwicklung in der Eurozone, die ihrerseits die Finanzprobleme verursacht. Konkret erkennt man das an den wachsenden Export- und Leistungsbilanzüberschüssen Deutschlands und den entsprechend wachsenden Defiziten in den meisten Südländern. Nach der 2007 einsetzenden Weltwirtschaftskrise haben sich die Staaten noch stärker auseinanderentwickelt. Sinkende Reallöhne in Deutschland und entsprechend sinkende Kosten haben die deutschen Exportunternehmen in die Lage versetzt, in den Märkten der schwächeren Euro-Länder die heimische Konkurrenz zurückzudrängen.

Einen Kurswechsel vorzunehmen und damit das Kernproblem im Euro-Raum zu lösen, wäre für die deutsche Wirtschaftspolitik einfach. Sie müßte nur ihren auf Lohnkürzung und Sozialabbau ausgerichteten Kurs um 180 Grad ändern, Mindestlöhne einführen, die Leiharbeit abschaffen, Renten erhöhen, die Sozialversicherungen auf alte Standards zurückführen und zum Ausgleich die obere Einkommens- und Vermögenszehntel sowie die Unternehmen höher besteuern.

Ein solcher Kurswechsel wäre beim Volk durchaus populär. Dennoch weiß jeder, daß er nicht kommen wird. Deshalb wird auch die Krise der Währungsunion nicht gelöst.

Nichts neues, aber schön zusammengefasst und wichtig in diesen unübersichtlichen Zeiten, in denen immer mehr Leute mit merkwürdigen Theorien kommen, nach denen alles zusammenbrechen müsse und den Begriff der „Blase“ dahingehend missverstehen, dass keine realen Werte hinter den Zahlen stehen. Apokaplyptiker und Esoteriker haben Hochkonjunktur derzeit.

Doch, es gibt Vermögen. Und da muss man ran. Eigentlich ganz einfach, sagt nicht nur Lucas Zeise. Dass das einfach wäre und gleichzeitig nicht kommt, ist das interessante, das systemisch bemerkenswerte, worüber man reden und ansetzen muss.

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4 Antworten zu Lucas Zeise: „Ein Kurswechsel wäre populär und einfach“

  1. genova68 schreibt:

    Ergänzend dazu Matthias Greffrath in der taz:

    Wir sind am Ende der Aufklärungsphase; nun geht es darum, Ernst zu machen mit unseren Einsichten, mit der Wiedereroberung der kaputten Parlamente, Redaktionen, Fakultäten.

    Und weiter: http://taz.de/Kolumne-Das-Schlagloch/!84132/

    Greffrath zitiert auch Hardt-/Negri:

    „Was wir heute erleben ist das Äquivalent zum Krieg – aber nun gegen die Macht der Regierungen! Es hat die Form eines Finanzkrieges, aber die Ziele sind die gleichen wie bei militärischen Eroberungen – zuerst Land und Bodenschätze, dann die öffentliche Infrastruktur, deren Nutzen kostenpflichtig gemacht wird, und schließlich andere staatliche Unternehmen oder Vermögenswerte. Dieser neue Finanzkrieg zwingt Regierungen, im Auftrag der Eroberer gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen.“

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  2. InitiativGruppe schreibt:

    Wie bekommt man eine solche Sicht der Dinge in die Köpfe von so vielen Leuten, dass sie politisch wirksam wird?

    Es wäre eine Aufgabe der Grünen und der Linken, eigentlich auch der SPD, diese Kampfansage, diesen Eroberungsfeldzug der Finanzoligarchie zum Thema und zum Gegenstand der Programmatik zu machen.

    Auch eine Aufgabe der Gewerkschaften.
    Occupy könnte auch in diese Kerbe hauen.

    Die mainstream media werden diese radikale Sichtweise nicht zulassen. Können wir sie dazu zwingen, die Frontlinie zu thematisieren?

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  3. genova68 schreibt:

    Vielleicht wäre es die Aufgabe der SPD und der Grünen, das in die Köpfe zu bekommen. Faktisch tun beide das Gegenteil, auch wenn dir das nicht passt, IG. Die Grünen sind teil des neoliberalen Mainstreams, und hier in Berlin ist die aktuelle Entwicklung die, dass der neoliberale Flügel es wohl übertrieben hat und die Restlinken motzen. Die Politik der Grünen in Kreuzberg (seit 15 Jahren stellen die den Bürgermeister) zeigt, was für eine Scheißpartei die Grünen geworden sind. Verspießerte Ökotrottel, teilweise menschenverachtend, da jede Mücke schützend. Zumal sie effektiven Widerstand nach wie vor aufsaugen können.

    Das ist alles Teil der herrschenden Klasse, von denen ist nichts zu erwarten. Dass es faktisch nicht so einfach ist, wie Zeise meint, liegt eben an der Unübersichtlichkeit. Ich wurde gestern von einem Freund gefragt, warum ich nichts „zum Euro“ schreibe, und ich merkte dann, das mir das zu kompliziert ist und mich deshalb nicht ernsthaft interessiert.

    Und wenn mir das zu kompliziert ist, wer soll das dann noch verstehen?

    Fragt sich in aller Bescheidenheit
    genova

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  4. Justin schreibt:

    Toller Artikel. Würde gern mehr Posts zu der Thematik lesen.

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