Cora Stephan: „Keiner hört Sloterdijk zu“

Kurz nochmal zu Cora Stephan. Ich habe die Krimischriftstellerin, die sich gerne auch politisch äußert, vor einem knappen Jahr an dieser Stelle als „Teil des informellen deutschen rechten Deppennetzwerks“ und aufgrund ihrer intellektuellen Fähigkeiten als mögliche Protagonistin einer deutschen Tea Party bezeichnet. Man könnte sagen, das war bösartig. Was ich damit meinte, wird aber in einem jüngst in der Welt und auf ihrem Blog erschienenen Artikel über „die deutschen Intellektuellen“ und „die derzeitige Krise“ deutlich.

Mir geht es nun gar nicht um die eigentliche Aussage ihres Artikels. Ich halte die, um es kurz zu sagen, für Bullshit, doch Cora Stephan ist für Bullshit bekannt, insofern ist das keinen weiteren Artikel wert.

Interessant in dem Welt-Artikel aber ist folgende Bemerkung. Den Intellektuellen, die „zur Sache argumentieren“ höre man nicht zu:

„Sie reden ja. Doch den einen hört man nicht zu – etwa Botho Strauß und Peter Sloterdijk, die Kluges zu sagen haben.“

Es sind exakt diese Details, die mich interessieren. Sloterdijk ist – neben Habermas – der bekannteste Philosoph Deutschlands. Er hat eine eigene Fernsehsendung, er sitzt alle Nase lang auf Podien vor immer überfüllen Zuschauerrängen und diskutiert, er schreibt ein Buch nach dem anderen, die überall besprochen werden. Kein Philosoph in Deutschland ist auch nur annähernd so oft in den Medien präsent, entwickelt seine Theorien – egal ob zu Sozialstaat, Feudalismus, Architektur, Genetik, Biopolitik etc. – und wird öffentlich diskutiert. Da waren vor knapp 15 Jahren seine „Regeln für den Menschenpark“, sein Sphären-Werk wurde breit rezipiert, seine Angriffe auf Habermas und die Frankfurter Schule in allen Feuilletons durchgenudelt, seine feudalistischen Forderungen zur Aussetzung der Steuerpolitik ebenfalls, in seiner TV-Show adelt er Technokraten, die daraufhin berühmt werden undundund.

Man schaue sich allein das Stichwort „Debatte“ im Wikipedia-Artikel über Sloterdijk an: Ihm hört so ziemlich jeder zu.

Man kann zu Sloterdijk stehen, wie man will. Seine öffentlich erzielte Aufmerksamkeit aber zu ignorieren und zu behaupten, keiner höre Sloterdijk zu: Das ist objektiv falsch. Warum behauptet man objektiv Falsches? Ist die Ursache Uninformiertheit? In Fall Cora Stephan nicht anzunehmen. Ist es eine gestörte Wahrnehmung und medizinisch erklärbar? Ist die Frau einfach dumm? IQ unter 80? Überblick verloren? Kriegt sie von irgendwem Geld für solche Behauptungen? Und ist das bei der Welt niemandem peinlich?

Es ist ja das eine, wenn ich von einem konservativen Standpunkt her argumentiere. Das macht die FAZ und es ist meist lesenswert. Der Cora-Stephan-Blödsinn ist aber nicht einfach subjektiv Mist, sondern eben objektiv falsch. Und die Erklärung dafür, dass sich sowas in der Öffentlichkeit durchsetzt, interessiert mich. Sowohl auf der Ebene medialer Realität als auch auf der Ebene, was die psychologische und medizinische Beurteilung von Cora Stephan angeht.

Hängt das angesichts von Finanz- und Schuldenkrisen und sich schon fast vertraut anhörender Billionenzahlen damit zusammen, dass die Welt immer komplizierter wird? Nimmt in Krisenzeiten die sensuale Wahrnehmungsfähigkeit der Menschen tendenziell ab? Selbstschutz?

Dieses „Zur-Sache-Argumentieren“, das sie Sloterdijk zubilligt, ist ihre Sache offenbar nicht. Madame Stephan fordert in dem Artikel auch „die kühle Vernunft, die Anstrengung des Verstandes“. Warum fordert das ausgerechnet die, die diesen Forderungen in keinster Weise genügt? Vielleicht gerade deshalb? Die heimliche Sehnsucht nach einem starken Mann, der ihr die Welt in der Form erklärt, dass sie sich nach unten abgrenzen kann, was ja schon als persönliche Stabilisierung der Verhältnisse empfunden werden kann? Oder ist ihr Verhalten wesentlich autobiografisch: Stephan war früher links (siehe meinen oben verlinkten Blogartikel), hasst jetzt ihre eigene Vergangenheit und muss zwanghaft einen Gegenstandpunkt einnehmen? So eine Art öffentliche Therapiesitzung? Das spielt sicher mit rein.

Fragen über Fragen. Die Details erklären die Welt besser als das große Ganze.

Eine Frage der Perspektive:

(Foto: genova 2011)

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8 Antworten zu Cora Stephan: „Keiner hört Sloterdijk zu“

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Zwischen der Tatsache, eine „Öffentlichkeit“ zu haben und der Behauptung man höre jemandem zu, besteht meiner Meinung nach ein recht großer Unterschied, der nicht immer leicht zu überbrücken ist. Was sicher nicht zuletzt an der verringerten Wahrnehmungsfähigkeit des Menschen in Krisenzeiten zu tun hat. Wer setzt sich den wirklich mit Sloterdijk z.B. auseinander? Es handelt sich bei dieser Öffentlichkeit doch eher um eine reine Aufnahme, ein Konsumieren von Gesagtem über das aber eben nicht nachgedacht wird. Insofern ist es möglich, dass jemand eine große Öffentlichkeit hat, aber kaum jemanden, der ihm zuhört.

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  2. Peleo schreibt:

    Interessant. Ich hatte die Frau gar nicht mehr „auf dem Schirm“, wie man heute sagt ;-) und noch als „links“ gespeichert. Aufschlussreich auch die (allerdings wenigen) Kommentare.

    Hat sie irgendwo Auskunft gegeben über ihr Damaskus-Erlebnis?

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  3. InitiativGruppe schreibt:

    In der Realwelt A bedeutet: „Niemand hört mir zu!“ exakt „Niemand hört mir zu!“.

    In der Realwelt B (Familie, also Mann – Frau, Eltern – Kind) heißt „Niemand hört mir zu!“ = „Niemand macht, was ich sage!“

    So war’s dann wohl von Cora Stephan gemeint.

    Ich interpretiere (boshaft):

    Cora Stephan deutet unterschwellig an, das Verhältnis Sloterdijk – Öffentlichkeit sei irgendwie analog dem Verhältnis Ehemann – Ehefrau oder dem Verhältnis Eltern – Kind. Nicht aber entsprechend dem eher distanzierten Verhältnis unter freien Bürgern, die vielleicht auch mal selbstbewusst den Kopf schütteln, wenn der Meister sie nicht überzeugt.

    So spricht denn der uns so unendlich überlegene Sloterdijk klügste Worte – und das Publikum geht darüber hinweg, das Publikum unterwirft sich der Weisheit aus Sloterdijks Mund nicht und meint, es sei hier und da mal klüger als der Superkluge.

    Hierin zeigt sich die Überlegenheit von Cora Stephan. Sie hat selber nicht viel drauf, aber eins HAT sie drauf: Sie hört Sloterdijk zu. Wie der Pudel seinem Herrchen.

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  4. muetzenfalterin schreibt:

    Yep. Genau so habe ich es gemeint.

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  5. genova68 schreibt:

    Aha, danke für die Erläuterungen und die Auseinandersetzung mit meinen Gedanken! Es ist also die Sehnsucht nach einem starken Mann, der der Cora die Welt erklärt.

    Über seine Forderung nach Abschaffung von Steuern wurde schon viel gesagt und geschrieben. Aber das ist halt so eine radikal verfassngs- und demokratiefeindliche Forderung, dass sowas natürlich nicht direkt umgesetzt wird. Dass ein wichtiger öffentlicher Mensch das fordert, sollte man in der Wirkung aber dennoch nicht unterschätzen.

    Bemerkenswerterweise schreibt C. Stephan auch nicht, was Sloterdijk und Strauß denn angesichts der Krise fordern. Stattdessen schreibt sie, die beiden
    „aber stehen, wie es eine TV-Moderatorin unnachahmlich formulierte, ,unter konservativem Verdacht.` Dabei lassen sie sich nur eines zuschulden kommen: Sie argumentieren zur Sache und ohne den lächerlichen Gestus der Empörung, mit dem die alten Vokabeln der Systemkritik neuerdings wieder zirkuliert werden. Ist Denken konservativ?

    Da steckt ja auch wieder dieser lächerliche neurechte Gestus drin: Die wahren Denker werden durch die verlausten Achtundsechziger, die alle Funktionen auf allen Ebenen besetzt halten, unterdrückt, dabei sind das doch die Sprachrohre der schweigenden Mehrheit. Der arme Sloterdijk als Opfer böser Linker in den Institutionen. Kann man so einen Bullshit noch erklären, ohne auf Wahrnehmungsstörungen der sprechenden Person zu sprechen zu kommen?

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  6. hf99 schreibt:

    Danke für den Hinweis. Ich möchte auch auf Wahrnehmungsstörung wetten. das hat schon, angesichts der realen Machtverhältnisse, etwas pathologisches. Ich glaube aber, dass solche absurden Fantasien auch auf eine bestimmte Art und Weise in der Wirklichkeit verankert sind: Sie sind Ausdruck einer tiefen Angst. Frau Stephan ist jetzt nicht übermäßig intelligent, aber sie ist auch nich strunzdumm. Sie weiß oder ahnt dumpf, dass sie fertig hat. Sie weiß oder ahnt dumpf, dass sie aufs falsche Pferd setzte. Ihre grostesken Aggressionen scheinen mir mit der ealen Angst vor einem verfehlten Leben zusammen zu hängen. Schirrmacher ist da cleverer gewesen. Seit 2008 werden wir immer mal wieder mit Stichworten versorgt a la „ob die Linke nicht doch recht hatte?“, so dass er sich als Vordenker andienen kann, wenn der Neoliberalismus zum Insolvenzrichter muss. Und er wird müssen. Ist ja eh schon Insolvenzverschleppung, was der betreibt.

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  7. genova68 schreibt:

    Eine gewagte Interpretation, aber wer weiß. Interessant ist ja, mit welchen Vokabeln sie die Kritik am Kapitalismus denunziert:
    „lächerlicher Gestus der Empörung“
    „Intellektuelle, die das Wasser nicht halten können.“#
    „Schrei nach Wärme und Menschlichkeit“ (was bei der negativ gemeint ist)
    „Gefühlsschickeria“

    Für deine Theorie ihrer dumpfen Ahnung, hf, sprechen ihre letzen beiden Sätze:

    „Und selbst wenn man alle Reichen enteignen würde, bevor sie ins sichere Ausland geflohen sind: Nichts wird mehr sein wie zuvor.“

    Sie spricht da das richtige Thema ja an, das sie zuvor komplett verweigert, allerdings nur, um das dann mit einem sinnlosen Fazit abzuschließen.

    Generell erinnert diese Art der Wirklichkeitsbewältigung an die Kameraden von Politically Incorrect.

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  8. El Hongo schreibt:

    „Da steckt ja auch wieder dieser lächerliche neurechte Gestus drin“

    das *ist* einfach nur durch und durch dieser gestus. völlig habituiert; da ist irgendsoeine kritische masse überschritten worden, und jetzt ist es ein gesellschaftlich selbsttragendes verfolgungswahnsystem, eine geistige subkultur DIE BÖSEN LINKEN HETZER[TM] UNTERJOCHEN UNSERE DICHTER UND DENKER (= uns und paar andere hart neoliberale ausbeuter, heißluftgebläse, sozialdarwinisten und verhetzer).

    sloterdijk ist das individuum, auf das er (dieser gestus) sich im tätigkeitsbereich „philosophie“ fokussiert. analog zb wie der schefflerfrank der ist, wo es sich im bereich „fdp“ fokussiert, „mr dax“ beim dax, schirrmacher bei „das deutsche feuilleton“, sarrazin bei „populationsgenetik“ etc.

    der ist eher „unser [starker] philosoph“ als „der starke mann“. daß es ein mann ist, ist beim regressiven zustand der deutschen philosophie unverwunderlich.

    “Schrei nach Wärme und Menschlichkeit” (was bei der negativ gemeint ist)

    kruppstahl schreit nicht

    stephan & horx (deutschlands meister zukunftsforscher) zu studizeiten : how many degrees of separation?

    :)

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