„…dass ein System nicht durch Freundlichkeit gestoppt werden kann“

Ein paar kluge Sätze des österreichischen Schriftstellers Franz Schuh (Foto) in der NZZ (via tomate), die sich nicht nur die Occupyesoteriker merken sollten:

„Dass die Geldverdiener Geld verdienen, ist in der Logik des kapitalistischen Systems klar. Ihnen das nachher vorzuwerfen, weil sie über ein Mass hinausgehen, halte ich nicht für moralisch, sondern für moralisierend. Das Mass existiert in diesem System gar nicht.“

Ja. Die Frage ist also, warum das Maß nicht existiert. Franz Schuh weiter:

Man soll sich immer wünschen, dass sich die Leute moralisch verhalten, aber diesen Wünschen lässt die Systemlogik relativ wenig Platz. So bleibt die Möglichkeit, das System im Ganzen als irrational und seine Logik als falsch anzuprangern. Mit dem Anprangern wird auch die Schwäche der Polemik offenbar, denn ein Pranger ist eine altmodische, überholte Sache. Die Frage, wie man dieses System aus den Angeln hebt, wird man nur marxistisch beantworten können, auch Nichtmarxisten machen das. Zum Beispiel so: Die Einzigen, die das System aus den Angeln heben, sind die Leute, die selbst das System verkörpern. Das System schafft Situationen, die so unerträglich sind, dass man nie wieder auf die Idee kommen wird, so etwas zu etablieren. Ich meine keine kalte Abwehr der Moral. Ich möchte darauf aufmerksam machen, dass ein System, von dem alle lange geglaubt haben, immer davon profitieren zu können, nicht durch Freundlichkeit gestoppt werden kann, also nicht, indem wir nach einwandfreien moralischen Regeln miteinander umgehen. Am allerwenigsten wird der Vorwurf der Gier die Akteure von ihrer Gier abhalten.

(Hervorherung von mir.)
Eigentlich recht selbstverständliche Worte. Aber heutzutage dringend nötig. Schuh gefällt mir in diesen Stellen so gut, weil er in der Lage ist, analytisch zu reden. Und das, wo Analyse mangels Wissen und Überblick gerne in „Empörung“ aufgeht, wobei man sich da fragen kann, ob die sich wirklich empören, oder ob das schon wieder eine gesellschaftliche antrainierte Haltung ist: Man ist empört ob irgendeiner Ungerechtigkeit so wie man sich weiland empörte über J.R in Dallas, ohne jemals die Strukturen dahinter zu erkennen. Schon, weil man sie nicht erkennen wollte. Empörung hat ja auch etwas Befreiendes, wozu also etwa ändern?

Ein Beispiel für Verwirrtheit ist der Schauspieler Walter Sittler. Er ist bekannt geworden wegen seines Engagements gegen Stuttgart 21 und hat sich da natürlich verdient gemacht. Aber kürzlich blättere ich in change, der Zeitschrift der Bertelsmann-Stiftung, über deren neoliberale Ausrichtung schon ganze Bibliotheken vollgeschrieben wurden, und was sehe ich da? Im Schwerpunkt „Bürgerbeteiligung“ erzählt Sittler ausführlich über seine Ansichten und kapiert offensichtlich nicht, wem er das gerade erzählt. Die Bertelsmann-Stiftung geht hier geschickt vor: Ein anerkannter Verfechter für Einmischung von unten wird von eine Propagandablatt von oben, einem Organ der Entmündigung, der antiemanzipatorischen, neoliberalen, neofeudalen Politik instrumentalisiert. Change stellt sich hier formal natürlich auf die Seite der kritischen Bürger, die etwas fordern.

Sittler merkt es nicht. Zwingend wäre für ihn bei solch einem Interview natürlich, auf die katastrophale Rolle der Stiftung gerade im Bereich zivilen, kritischen Engagements hinzuweisen, das sie eliminieren will, nicht fördern. Tut er aber nicht. Stattdessen erzählt er:

„Ich beobachte die Aussagen vieler Politiker ganz anders: Sie sind parteipolitisch gefärbt und haben mit der Realität oft nichts zu tun. Ich bin vielleicht ein bisschen klarer geworden.“

Parteipolitisch gefärbt, ach nee. Da braucht es offenbar die Planung eines unterirdischen Bahnhofs, um das zu merken. Und so wahnsinnig klar kann Sittler nicht sein, wenn er mit change redet und nichts kapiert. Und das vor dem Hintergrund, dass man alles wissen kann, wenn man sich nur ein kleines bisschen bemüht. Leute wie Franz Schuh geben die Latte vor, an der man sich gefälligst zu orientieren hat.

Sittlers Verhalten ist ein Beispiel von vielen, an dem man zeigen kann, wie hervorragend dieses System funktioniert. Obwohl die Widersprüche klar zutage treten, werden sie systemisch prima kaschiert. Mappus war ein Polittrottel der alten Schule, so in Franz-Josef-Strauß-Manier. Das zieht heute nicht mehr. Das smarte Umarmen des Gegners ist geschickter. Was folgt, ist Verwirrung der Protagonisten, heißen sie nun Occupy Berlin oder Walter Sittler.

Genau deshalb braucht es Leute wie Franz Schuh. Der aber wird von change nicht interviewt. Es könnte ja gefährlich werden.

(Fotos: Wikipedia und genova 2011)

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22 Antworten zu „…dass ein System nicht durch Freundlichkeit gestoppt werden kann“

  1. InitiativGruppe schreibt:

    Dem „smarten Umarmtwerden“ kommen wir nicht aus. Wenn wir eine Wirkung entfalten, die Bertelsmann & Co gefährlich erscheint, gibt es für den Konzern drei Wege:
    a) vernichten, einschüchtern, unmöglich machen
    b) marginalisieren, ignorieren, verhungern lassen
    c) umarmen und korrumpieren

    a) wird von unserem GG und unserer politischen Kultur nicht ganz, aber doch angenehm weitgehend behindert.
    b) ist drum die überwiegende Methode; funktioniert recht gut,
    c) und wenn’s mal nicht so gut funktioniert, dann umarmt man.

    Das Umarmen und Korrumpieren wirkt aber in beide Richtungen. Herzlichkeit und eine gewisse Kommunikationsintensität sind nicht ohne Preis zu haben. Sie weichen auf. Man muss sich auch wirklich ein bisschen öffnen. Und korrumpiert wird manchmal nicht das Objekt, sondern auch das Subjekt der Korruption.

    Mit anderen Worten: Man könnte die Medaille umdrehen. Bertelsmann meint sich an Stuttgart 21 ranschmeißen zu müssen. Das ist ein kleiner Erfolg für uns. WIR korrumpieren Bertelsmann auch ein bisschen.

    Richtig bleibt natürlich, was du darüber schreibst, Genova: Man sollte das Spiel schon durchschauen, und bei Sittler merkt man, er durchschaut es nicht. Funktioniert das Spiel aber nicht auch dann wechselseitig, wenn die meisten von der unteren Seite es nicht durchschauen?

    Eine fundamentale Änderung (vulgo: Revolution) gibt es nicht nur in Form 1789 und 1917, sondern auch in der Weise, dass die Herrschenden von den Verhältnissen gezwungen werden, sich zu ändern (in Form von vielen kleinen und großen und mühsamen Reformschritten, die sich summieren). Gewarnt von der Geschichte würde ich letzteres vorziehen.

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  2. madam schreibt:

    „…dass ein System nicht durch Freundlichkeit gestoppt werden kann…“

    Hatte Gandi nicht ein „freundliches System“ der Nicht-Kooperation und war damit erfolgreich? Nicht-Kooperation kann sehr machtvoll sein. Die erste Antwort finde ich sehr klug: Es werden beide korrumpiert.

    Welche Methoden gibt es noch, das System zu ändern? Massen auf die Straße bringen? Provokation? Fakten und Argumente? Gewalt, welche Art von Gewalt? Erfolgreich war die RAF jedenfalls nicht! Eine Kombination aus Fakten, Argumenten, Demonstrationen und NICHT Kooperation und gelebten Alternativen.

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  3. uhupardo schreibt:

    Ein Jesuitenpfarrer, den manche Menschen als Sucomandante Marcos kennen, kam eines Tages zu der Erkenntnis, dass sich ganz ohne Blutvergiessen das Schicksal der Indios in Mexico nicht ändern wird und handelte mit seiner EZLN widerwillig entsprechend.

    Oft ist das tatsächlich so. Dennoch muss alles, wirklich alles versucht werden, eine friedliche Lösung herbei zu führen. Zum Beispiel kann man dem maroden System die Energie durch Steuerboykott entziehen und so Handlungsdruck aufbauen.

    Eines ist sicher. Jeder Staat (das kommt von Status) wird immer alles tun, den Staus, das System zu verteidigen und zu stabilisieren, niemand soll also Willkommenssträusse erwarten.

    Wichtig ist aber vor allem, dass man nicht nur weiss und sagt, was man nicht (mehr) will sondern sich auch dazu äussert, was man will. Es wird Zeit, sich vor allem darüber Gedanken zu machen. Zerstörung ist einfach, Kreation nicht so sehr.

    Saludos del Uhupardo
    http://uhupardo.wordpress.com/2011/11/13/system-crash-kommt-nach-den-us-wahlen/

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  4. tom-ate schreibt:

    Nun, man sollte vielleicht bedenken, dass die NZZ im großen und ganzen für die gleichen gesellschaftlichen Ziele einsteht wie die Bertelsmann Stiftung, mit dem Unterschied, dass die NZZ halt nur eine kleine, aber viel beachtete Zeitung ist. Insofern sehe ich das ähnlich wie InitiativGruppe: „Mit anderen Worten: Man könnte die Medaille umdrehen. Bertelsmann meint sich an Stuttgart 21 ranschmeißen zu müssen. Das ist ein kleiner Erfolg für uns. WIR korrumpieren Bertelsmann auch ein bisschen.“ Man sollte auch bedenken, dass Liberalismus nicht nur ein Wirtschaftssteuerungsmodell sondern auch eine politische Haltung ist, nämlich jene, den politischen Gegner als Gegner und nicht als Todfeind zu behandeln. Auch eine Errungenschaft der Aufklärung. Wäre das System politisch im Fahrwasser von nationalkonservativen Kräften, wäre das politische Klima repressiver. Wer nun bedauert, dass dem nicht so ist, offenbart zwar eine Art von 68er-Barrikadenromantik, weiß aber vielleicht nicht zwingend, was letztlich auf dem Spiel steht.

    Ich hab das Schuh-Interview gebracht, weil er in der Kurzbeschreibung des Systems treffsicher ist und den wichtigen Unterschied zwischen Moral und Moralisieren herausstreicht, den viele nicht kapieren. Wieviel Boni für Banker wären moralisch noch vertretbar? ist eben die falsche Frage.

    An anderer Stelle bleibt Schuh mehrdeutig und m. E. fragwürdig: „Die Frage, wie man dieses System aus den Angeln hebt, wird man nur marxistisch beantworten können, auch Nichtmarxisten machen das. Zum Beispiel so: Die Einzigen, die das System aus den Angeln heben, sind die Leute, die selbst das System verkörpern.“ Ich denke eben nicht, dass „nur“ ein nochmaliger Rückbezug auf Marx die Lösung ist. Ich habe in diesem Blog an anderer Stelle schon darauf hingewiesen, dass marxistische Werkzeuge wie der historische Materialismus nicht helfen können, weil sie einem nicht existenten Automatismus huldigen, und dass sogar der Erklärungswert der Mehrwerttheorie, dem Kernstück marxistischen Denkens, fragwürdig geworden ist. Was könnte Schuh aber meinen, wenn er sagt: „auch Nichtmarxisten machen das“? Vielleicht nur die ungefähre Art der soziologischen und ökonomischen Analyse? Und welche Leute verkörpern das System? Und die sind es die es aus den Angeln heben? Im Negativen, okay. Aber sie reparieren das System auch wieder. Aber wenn es die einzigen wären, dann können wir ja nun anfangen unsere Memoiren zu schreiben. All das bleibt mehrdeutig und diffus.

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  5. genova68 schreibt:

    Das Gegenteil von Freundlichkeit ist Unfreundlichkeit und nicht Gewaltanwendung. Für Gewalt im Sinn von dem, was auf rechtsextremer Seite gerade publik wird, ist ja hoffentlich niemand. Es geht im Moment ja eher um den Occupy-Anatz, den ich für zu freundlich halte (aber vor allem für wischiwaschi). Gewalt ist eher die Folge neoliberaler Politik, siehe London und sonstwo.

    tomate, mir fällt in letzter Zeit schon auf, dass viele Nichtmarxisten marxistisch analyiseren, zumindest im Ansatz. Beispielsweise der Börsenmakler Dirk Müller, der die Kapitalakkumulation bis zur Systemzerstörung aufzeigt, dann aber einfach sagt: Wir kriegen einen Reset, dann geht es von vorne los“. Es ist nicht sein Job, ernsthafte Modelle für eine Zeit jenseits des Kapitalismus zu entwerfen, aber der sieht aus seiner praktischen Arbeit,was läuft. (Wobei das ja nur ein Teil von Marx ist).

    Dass der Automatismus nicht existent ist, wie du schreibst, ist nur eine Behauptung. Wir können das Gegenteil begutachten, im Sinne von Müller.

    Das Grundlegende an Marx, nämlich die Verkoppelung von Ökonomie und Gesellschaft, wird ja nicht ernsthaft bestritten, sondern seit hundert Jahren immer nur wieder variiert.

    Bei allem Systemischen sollte man allerdings die handelnden Personen nicht vergessen. Wenn man beispielsweise jemanden wie Hans Tietmeyer nimmt, der entscheidend für die massiven Umerteilungen nach der Wiedervereinigung verantwortlich ist und für die kapitalistische Ausgstaltung des Euro und seit Jahren Chef der INSM ist, dann ist das jemand, der viel stärker in den Fokus der Kritik gehört. So wie auch Leute wie die Quandts. Man muss den Wahnsinn personalisieren. Das dürfte kein Pranger sein, mit dem man sich selbst gleichzeitig entlastet. Aber nur systemisch gedacht fehlt der Ansatz zum Einhaken.

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  6. genova68 schreibt:

    IG,
    ja, das umarmen und korrumpieren ist angesagt. Ob das in beide Richtungen wirkt, nun ja. Ich glaube nicht. Die BS kann sich zwar ein akzeptables Image geben, wenn sie Sittler ernst nimmt, aber gleichzeitig wird ja auf anderer Ebene deutlich gemacht, dass S21 wichtig ist für die Zunkunft blabla. Wenn man erkennt, dass der Wutbürger nicht linksradikal, sondern mittig ist, bringt Diskriminierung nichts. Umarmung kann einen wütenden Widerstand aber auch auflösen.

    Die Umarmung findet doch seit Jahrzehnten auf allen Ebenen statt. Es werden die „Sorgen und Ängste“ der Bevölkerung in Bezug auf Altersversorgung ernst genommen und die kapitalgedeckte Rente erfunden. Wer da gewinnt, ist bekannt.

    Und wichtig war mir der Sittler auch, um zu zeigen, wie sehr solche medienkompatiblen Leute nach oben gespült werden, die aber keine Ahnung von Zusammenhängen haben. Ich finde es auch merkwürdig, dass es in seiner Umgebung niemanden gibt, der ihn darauf hinweist, wer das ist.

    madam,
    Gandhi, ja, schön. Es geht mir gerade auch gar nicht um die Frage Gewalt oder nicht. Es geht um die Voraussetzungen von Analyse, von Checken, wie das alles überhaupt funktioniert, in Bezug auf System und auf Person. Das ist ja gerade katatstrophal derzeit, bei den Occupydeppen. Genauso wie die Tatsache, dass die Linkspartei im Keller ist, dass attac von occupy teilweise gemieden wird. Diese sinnlosen Abgrenzungen.

    Was man konkret machen kann, zeigt ja dieser Blog :-) Sittler und Tietmeyer bloßstellen, beispielsweise.

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  7. tom-ate schreibt:

    Es gibt hier also Konsens, dass Gewaltanwendung nicht die Lösung ist, jedenfalls heute nicht. Personen an den Pranger stellen ist hingegen okay und zielführend? Sittler und Tietmeyer würde ich nicht im selben Atemzug „bloßstellen“, das impliziert eine Gemeinsamkeit, die konstruiert ist. Populismus, und das Anprangern ist populistisch, mag Wählerprozentchen bringen, im besten Fall, aber sonst gar nix.

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  8. genova68 schreibt:

    Dann nenne es halt „Sittler und Tietmeyer konkret und inhaltlich kritisieren“. Was ja dann genau das wäre, was ich mache.

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  9. tom-ate schreibt:

    Ja, fände ich besser. Der Ton macht die Musik bzw. die Verpackung muss zum Geschenk passen. ;-)

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  10. Nihilist schreibt:

    Hey Leute, ihr begreift Gewalt nicht.

    Gewalt ist eben nicht nur physisch, sondern auch psychisch möglich. Eigene Erfahrung. Mein Vater wurde in der Erziehung psychisch bestraft, also in den dunklen Keller sperren, mein Vater lehnte deswegen psychische Gewalt die er selbst erfahren hatte ab, ich wurde somit physisch bestraft, Bambusrohrstoch, Hose runter, vorbeugen und Hände auf die Knie, dann gabs Schläge.

    Als ich dann Kinder hatte, habe ich erst den Fehler begangen, meine Kinder psychisch zu „bestrafen“, bis ich dann bei dem 3. Kind erkannte, beide Gewaltarten sind falsch.

    Obwohl sich mir da doch die Frage stellt, wenn ich zum Beispiel meine Klagen betrachte, weil ich immer auf dem Rechtsweg gegen Unrecht angehe, zur Zeit mit einem Widerspruch gegen das Ergebnis der Kommunalwahl und der Abschaffung der Stichwahl, morgen ist Ratssitzung für die ich auf eine Anhörung meiner Person bestanden habe, dann werde ich meine Argumente den 42 neuen Ratsmitgliedern vortragen, ob das nicht auch eine Form von psychischer Gewalt ist.

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  11. uhupardo schreibt:

    Nihilist, nehmen Sie es mit Brecht: „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!“

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  12. InitiativGruppe schreibt:

    Die Verhältnisse genau beschreiben, die Widersprüche und die Interessen und die Machtverhältnisse genau benennen – das ist auf jeden Fall richtig.

    Beim Umarmen kann man auch erdrückt werden und zu Tode kommen. Was soll man machen, wenn einen plötzlich ein Bär wie Siemens oder Bertelsmann umarmt? Man fühlt sich geschmeichelt. Ich jedenfalls. „Ja sowas, die nehmen mich wichtig! Und lächeln dabei! Zeigen Respekt!“ – Mir gefällt sowas, ich reagiere sehr positiv darauf, schließlich bin ich eitel und finde Anstand und Freundlichkeit grundsätzlich gut. Da mir meine Schwäche bewusst ist, kann ich aber auch Distanz dazu gewinnen und mir – mit etwas zeitlichem Abstand – nüchtern überlegen, was da vor sich geht, nämlich zwischen dem kleinen Leo und dem lächelnden Grizzly, und in meinem gebauchpinselten Selbst. Das ist der Beginn des strategischen Spiels. Es setzt voraus, dass man auch das macht, was du, Genova, hier machst: höchst unfreundliche Blicke richten auf die Umarmer und die naiven Umarmten.

    Damit du aber die angeschmeichelt dahinschmelzenden Umarmten erreichen kannst, musst du ihnen die menschliche Schwäche, ihre Naivität, ihre Korrumpierbarkeit zugestehen. Das läuft darauf hinaus, dass man zugleich freundlich und unfreundlich umgehen muss mit sowas für uns Seltsamem wie Occupy. Zugleich! Vielleicht kann einer das in sich vereinen, vielleicht geht es über das Spiel „good cop – bad cop“.

    Also, Genova, üb dich doch mal in positiven Worten über Occupy! Oder soll ich den Part übernehmen?

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  13. genova68 schreibt:

    Es finden sich jede Menge positiver Worte in diesem Blog, man muss nur ein bisschen suchen :-) Über den Sittler schreibe ich nur deshalb, weil ich sein Engagement in Stuttgart ja sehr positiv fand. Genau deshalb ist die change-Sache bitter.

    Occupy Frankfurt scheint mir wesentlich fitter als Occupy Berlin. Die Frankfurter haben sich teilweise mit attac zusammengetan und stellen konkrete Forderungen: http://www.occupyfrankfurt.de/unsere-ziele/

    Die Berliner sind Esoteriker, zumindest die, die in den Medien vorkommen. Dazu kommt eine denkwürdige Diskussionveranstaltung mit der Beteiligung des Occupy-Berlin-Vertreters Menningsen unter der Führung von Elsässer und mit Hanich, dem radiallibertären Verschwörungstheoretiker und Feldmayer von der FAZ: http://juergenelsaesser.wordpress.com/2011/11/10/video-teaparty-undoder-occupy-mit-occupy-aktivisten-o-janich-k-feldmeyer-j-elsasser/

    Fazit der Vernanstaltung: Hanich schmeißt sich an Menningsen ran, Feldmayer ebenso, beide wollen Occupy zu einer Tea-Party umabauen, Elsässer freuts und Menningsen kapiert nichts. Das einzige, was er da in eineinhalb Stunden inhaltlich sagt, ist eine vehemente Distanzierung von attac.

    Sowas muss schnell den Bach runtergehen, bevor es Schaden anrichten. Was soll ich da sonst sagen?

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  14. InitiativGruppe schreibt:

    Occupy London ist noch fitter. Jedenfalls, wenn ich John Gray folge:
    http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2011/nov/15/occupy-realists-europe-ruling-elites

    Da könnt ich mich verlieben.

    Gray schreibt über die Occupy-movements im allgemeinen, ich nehme aber mal an, er meint die, die er kennt, also die Londoner.

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  15. MondoPrinte schreibt:

    Sehr schöner Beitrag. Passend dazu auch Herr Zizek neulich in der Süddeutschen(http://www.sueddeutsche.de/kultur/occupy-wall-street-streit-lasst-euch-nicht-umarmen-1.1174532):
    „Man sollte immer daran denken, dass jede im Hier und Jetzt geführte Debatte notwendigerweise immer eine Debatte auf feindlichem Gebiet bleiben muss: Es braucht Zeit, die neuen Inhalte in Stellung zu bringen. Alles, was wir jetzt sagen, kann uns weggenommen werden – alles, nur nicht unser Schweigen. Dieses Schweigen, diese Verweigerung des Dialogs, aller Formen des Clinchens, ist unser „Terror“ – bedrohlich und gefährlich, ganz so, wie es sein muss.“

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  16. Besucher schreibt:

    Nett, der Franz Schuh.
    Genau dasselbe hat Ulrike Meinhof in den Sechzigern in ihren Konkret-Kolumnen geschrieben. Das wird schwer, Genuese, wenn man auf Konfrontation mit dem System aus ist, dann muss man in den Untergrund (und hat dann bald ein paar V-Männer an der Backe) oder man wartet ganz einfach bis es so unerträglich wird und die Leute von selbst auf die Straße gehen. Ich bin für letzteres weil es einfach größere Chancen bietet.

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  17. genova68 schreibt:

    MondoPrinte,
    lustig, wenn ausgerechnet Zizek fürs Schweigen plädiert :D Aber interessant. In einer Gesellschaft, in der „Kommunikation“ und „Dialog“ alles ist, wird Schweigen bedrohlich.

    Ich bin dennoch für die alte Schule: Anliegen markieren und verbildlichen, konkretisieren. In Berlin ist alles voller Symbole. Eine Occupy-Demo am Adlon vorbeiziehen zu lassen, ohne das nicht wenigstens ein paar Tomaten auf die davor parkenden schwarzen Luxusautos fliegen, ist lächerlich.

    Besucher,
    größere Chancen für wen? Wenn Leute wie du auf die Straße gehen wollen, wird es tatsächlich gefährlich.

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  18. Besucher schreibt:

    Für die Menschen in Deutschland (Pathos)
    Ja, Genova, gefährlich für Dich :-)

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  19. Besucher schreibt:

    „Ich bin dennoch für die alte Schule: Anliegen markieren und verbildlichen, konkretisieren. In Berlin ist alles voller Symbole. Eine Occupy-Demo am Adlon vorbeiziehen zu lassen, ohne das nicht wenigstens ein paar Tomaten auf die davor parkenden schwarzen Luxusautos fliegen, ist lächerlich.“

    Für so einen billigen Zirkus kannst Du ja die Clown-Army anwerben.
    Warum nicht noch eine Pudding-Bombe à la Dieter Kunzelmann?

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  20. InitiativGruppe schreibt:

    Für die Menschen in Deutschland … möchte Besucher auch mal auf die Straße gehen.

    Die Menschen in Deutschland, das sind Menschen, die ganz überwiegend integrationsorientierte Parteien wählen, die zur Hälfte eher links wählen, die zu fast 20 Prozent Migranten sind (mit und ohne deutschen Pass) …

    Das sind Menschen, die in Berlin zum Beispiel ganz überwiegend SPD, Grüne und Linke gewählt haben.

    Ich nehme an, Besucher, du meinst nicht generell DIE Menschen in Deutschland, sondern bestimmte – und eigentlich eher eine Minderheit. Was ist mit den vielen anderen?

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  21. Besucher schreibt:

    @Initiativgruppe
    Nun, so wohlgenährte gutversorgte Leute wie Sie haben natürlich keinen Grund auf die Straße zu gehen. Aber sie sind ja auch nur ne Minderheit.

    „Das sind Menschen, die in Berlin zum Beispiel ganz überwiegend SPD, Grüne und Linke gewählt haben…“

    So so, bis auf die letzte Partei haben die anderen die Finanzmarktderegulierungen unter ihrer Koalitionsägide schön mit abgesegnet. Da freut man sich doch im Nachhinein dass man so etwas gewählt hat.

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