Was man verwechlsern kann: taz neoliberal, Tagesspiegel links

Kurzer Nachschlag zu dem Blogeintrag über die Kooperation zwischen der Humboldt-Universtität mit google:

Während in der taz Meike Laafe diese Kooperation für unbedenklich hält und sich über die Kritiker lustig macht, berichtete der Tagesspiegel vor ein paar Tagen wesentlich reflektierter:

Mit dem gestrigen Tag ist die in Deutschland so wahrgenommene datengierige Skandalnudel Google endgültig als edler Spender über die deutsche Wissenschaft gekommen. Wenn sich aber eine Forschungsförderung mit zunächst 4,5 Millionen Euro für drei Jahre komplett aus einer Quelle speist, ist eine Abhängigkeit kaum zu umgehen. Zumal, wenn man sich in drei Jahren bei Google um eine Verlängerung bewerben will.

Und:

Was in dieser unter Umständen historischen Stunde dabei ein wenig unterreflektiert blieb, waren die Forschungsziele des Instituts. Mögen sie erst später ausformuliert werden, müsste aber doch eine Richtung erkennbar sein, ein Charakter.

Die Festredner an der HU warben…

…um Verständnis dafür, dass ein Akteur, der die Welt verändert, sich an der wissenschaftlichen Einordnung dieser Veränderung beteiligt.

Was indes mit dem humboldtschen Entdeckergeist und dem akademischen Arbeiten geschieht, sollte Google diesen Geist in drei Jahren zurück in eine Flasche stopfen wollen, darüber wollte in dieser frohen Stunde niemand reden.

Wo dieses Institut hinwill, ist also völlig unklar – offiziell. Google wird schon rechtzeitig Bescheid geben.

Ein Kommentator unter dem Artikel weist dankenswerterweise noch auf einen vor drei Jahren abgeschlossenen Kooperationsvertrag zwischen google und der Krake Bertelsmannstiftung hin, die praktischerweise schräg gegenüber der Humboldt-Uni ihren Deutschlandsitz eingerichtet hat.

Die HU war übrigens vor ein paar Monaten mit einem ähnlichen Fall in den Schlagzeilen. Damals ging es um ein von der Deutschen Bank gesponsertes Institut, in dem sich die Banker, „das letzte Wort vorbehalten“ hatten.

Der Saftladen Humboldt-Uni ist also auf dem besten Weg zu einer Elite-Uni in der Logik einer neoliberalisierten Gesellschaft. Und die taz findet nichts dabei. Ist doch nur Internet. Guck ich doch auch jeden Tag. Ist doch toll.

Shame on you.

UPDATE:

In den USA ist man, wie so oft, schon ein bisschen weiter. Naomi Wolf schreibt heute in der Financial Times Deutschland:

Die Großbank JP Morgan Chase hat der New York City Police Foundation, der Stiftung der New Yorker Polizei, 4,6 Mio. Dollar an Spenden zukommen lassen; das Ministerium für innere Sicherheit der Vereinigten Staaten hat kleinere Polizeibehörden auf kommunaler Ebene mit militärspezifischen Waffensystemen ausgerüstet; die Bürgerrechte der Rede- und Versammlungsfreiheit sind schleichend durch undurchsichtige Genehmigungsauflagen zersetzt worden … Überall im Land werden Zeltlager, die von Anhängern der Occupy-Wall-Street-Bewegung errichtet wurden, auf Anordnung lokaler Behörden von der Polizei geräumt – manchmal mit schockierender und unnötiger Gewalt. Beim bislang schlimmsten Vorfall haben Hundertschaften der Polizei in schwerer Schutzausrüstung das Lager von Occupy Oakland umstellt und Gummigeschosse (die tödlich sein können), Blendgranaten und Tränengas abgefeuert.

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4 Antworten zu Was man verwechlsern kann: taz neoliberal, Tagesspiegel links

  1. InitiativGruppe schreibt:

    „velwechsern“, heißt es, glaub ich, beim Jandl.

    Ein Journalist – gut oder schlecht, neoliberal oder sozial – macht noch keinen Zeitungskurs. Die guten Artikel überwiegen nach wie vor bei der taz, beim tagesspiegel ist die Bilanz durchwachsen – was ja auch nicht schlecht ist.

    Ich bin jetzt aber schon neugierig geworden. Was will google mit dem Institut an der HU, und wie wird sich das bemerkbar machen?

    Ich nehme an, Genova, du wirst ein Auge drauf haben.

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  2. genova68 schreibt:

    velwechsern, all right, danke für den Hinweis.

    Mich ärgert, dass bei der taz sowas durchgeht. Dass eine naive Journalistin Blödsinn schreibt, ok. Dass aber kein Schlussredakteur diesen Blödsinn stoppt, zeigt schon, dass in der taz immer mehr Deppen arbeiten. Diese Prenzlauer-Berg-Deppen halt, die irgendwas von Netzpolitik labern, aber ansonsten ohne Bewusstsein sind. Ich erinnere an die Katastrophe vor knapp einem Jahr:

    https://exportabel.wordpress.com/2010/12/04/die-taz-macht-rechtspopulismus-salonfahig/

    Ich hatte die taz früher jahrelang im abo, habe mich aber vor längerer Zeit davon verabschiedet. Es ist die taz ein schönes Abbild der gesellschaftlichen Entwicklung.

    Ja, ich werde ein Auge drauf haben :-)

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  3. genova68 schreibt:

    Die Gründungsdirektorin des Instituts heißt Jeanette Hofman. Im Folgenden ein Auszug aus einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Auf die Frage von Moderator Tobias Armbrüster, wie viel Geld sie von google bekommt, antwortet sie:

    Hofmann: Wir bekommen für die ersten drei Jahre viereinhalb Millionen Euro. Das ist jetzt so eine riesige Summe gar nicht, wenn man es vergleicht mit den Haushalten von Universitäten.

    Armbrüster: Ist das Ihr gesamter Haushalt?

    Hofmann: Ja.

    Armbrüster: Wie abhängig sind Sie dann von Google?

    Hofmann: Also inhaltlich, das möchte ich noch mal betonen, sind wir vollkommen unabhängig.

    Ist die Frau so blöd oder tut sie nur so? Ich vermute, sie tut nur so. Die argumentiert übrigens ähnlich wie Madame Laaf von der taz: In Relation zu dem Gewinn von google ist das nicht viel bzw. in Relation zu den „Haushalten von Universitäten“ ist das nicht viel. Eine völlig sinnlose Argumentation, wenn sie einen Satz später zugeben muss, dass sie zu 100 Prozent von google finanziert wird.

    Und weiter im Interview:

    Armbrüster: Aber, Frau Hofmann, lassen Sie uns das kurz durchspielen. Wenn es zum Beispiel bei Ihrem Institut mal um die gesellschaftliche Akzeptanz von etwa Google Street View gehen sollte, ein sehr umstrittenes Projekt bei uns in Deutschland, könnten Sie da zu einem Ergebnis kommen, das mit Google wirklich hart ins Gericht geht?

    Hofmann: Also nur um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Ich forsche derzeit zu Google Books und meine Schlussfolgerungen sind durchaus Google-kritisch.

    Wie sie an das Thema rangeht, konnte man auf der Berliner Internetmesse res publica im April diesen Jahres erfahren. Das Abstract ihres Konferenzbeitrages zum Thema google books lautete:

    Abstract: Google Books hat für große Empörung in den USA und Europa gesorgt – aber vielleicht aus den falschen Gründen. Relevant und zugleich faszinierend an Google Books ist das Geschäftsmodell, das detaillierte Nutzungsbedingungen mit einem umfassenden Kontrollapparat verbindet.

    Sie redet da von einem umfassenden Kontrollapparat, den google aufbaut, und will der Öffentlichkeit allen Ernstes erzählen, dass sie ausgerechnet von dem Kontrollapparatserrichter bei Komplettfinanzierung keinen inhaltlichen Einfluss auf die Forschung erwartet?

    Es ist eigentlich zu dämlich, sowas inhaltlich auseinanderzunehmen.

    Im Klartext: Frau Hofman ist korrupt, lässt sich mit 4,5 Millionen bestechen und ihr Job ist es jetzt, der Öffentlichkeit weiszumachen, dass sie nicht korrupt sei. Sowas nennt man heute wahrscheinlich eine wissenschaftliche Karriere. Und den Begriff Korruptheit sollte man da ganz klar betonen. Genau das ist das Delikt.

    Ein angeblich wissenschaftliches Institut, das komplett in der HU aufgeht und zu 100 Prozent von dem finanziert wird, an dem es sich reiben müsste. Es sind diese kleine Zeichen, die zeigen, wohin die Richtung weist.

    Und im SWR ist Frau Hofman ähnlich offenherzig:

    Frage: Nun ist Forschungsarbeit ja traditionell das Gebiet von Bund und Ländern. Sind die denn beteiligt?

    Antwort: Nein, nicht an der Gründung. Sie stehen uns ganz wohlwollend gegenüber. Vor allem das Land freut sich, eine neue Forschungseinrichtung für Berlin gewonnen zu haben.

    Ja, klar, Wowereit freut sich immer, wenn hier irgendwas gegründet wird.

    Quellen: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1587406/
    http://www.swr.de/nachrichten/google-institut/-/id=396/nid=396/did=8782272/icc35b/

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  4. genova68 schreibt:

    Noch was zum Thema aus der Süddeutschen:

    http://www.sueddeutsche.de/F5L38O/281820/Dringende-Fragen.html

    Innigen Dank bekam er [der anwesende Chefjurist von google, Drummond] von Politik und Wissenschaftsvertretern. Denn die Erwartungen an das neue Institut sind hoch. Zwar war die Bundesjustizministerin wegen dringender Euro-Rettung verhindert, ließ sich aber durch ihre Staatssekretärin Birgit Grundmann vertreten, die gleich einen ganzen Katalog an Fragen mitgebracht hatte, auf die Sabine Leutheusser-Schnarrenberger ‚bitte schon bald‘ Antworten gebrauchen könnte: Was ist mit Netzneutralität, Transparenz, Daten- und Verbraucherschutz, Grenzen der Anonymität, Schranken der Anwendung nationalen Rechts, Leistungsschutzrechten und und und? ‚Höchste Zeit‘ sei es, dass ein unabhängiges Institut solchen Fragen zur Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Internet nachgehe.

    Die Justizministerin will also schnell wichtige Erkenntnisse vom Institut, die sie dann konkret in ihre politische, gesetzgeberische Arbeit einfließen lässt. Und erachtet es gleichzeitig als nicht nötig, auch nur einen Cent dazuzugeben.

    Man muss sich das mal vorstellen: Sie erwartet Erkenntnisse zum Thema „Grenzen der Anonymität“ von einem „Institut“, i.e. von einer Lobbyorganisation, die komplett in der Hand von google ist.

    Kapitalismus ist ein in der Tat beeindruckendes System. Man muss Respekt haben, irgendwie.

    Falls jemand wissen will, wie die korrupte Frau Hofman aussieht:

    http://duplox.wzb.eu/people/jeanette/index.shtml

    Auch nicht schlecht: Der UdK-Chef (Universität der Künste in Berlin, das „Institut“ ist interdisziplinär):

    UdK-Präsident Martin Rennert nannte die Förderung durch Google „sinnfällig und notwendig“.

    http://meedia.de/internet/dank-an-google-humboldt-institut-eroeffnet/2011/10/26.html

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