Vom „Gespenst des Kapitals“ und vom gratis mitarbeiten

Interessantes Interview in der Frankfurter Rundschau mit Joseph Vogl, der mit „Das Gespenst des Kapitals“ einige Beachtung gefunden hat.

Zwei Auszüge:

„Mit dem Erdbeben von Lissabon ging das Vertrauen in eine vernünftige Weltordnung verloren. Voltaires Roman „Candide“ handelte vom Ende dieses Optimismus, vom Ende der Vorstellung, dass die wirkliche Welt die beste aller möglichen sei. In den ökonomischen Lehrmeinungen ist etwas Ähnliches noch nicht passiert. Der Crash von 2008 sollte für die ökonomische Wissenschaft nun eine ähnliche Rolle spielen wie das Erdbeben von 1755 für die Theodizee. Es ginge also um eine Art Säkularisierung des ökonomischen Wissens.“

Die Betonung des religiösen Moments ist in der Tat wichtig zur Entzauberung dieses Denkens. Alleine die Tatsache, dass Ökonomen einen homo oeconomicus zuerst erfinden und dann ihrer gesamten Logik voraussetzen, zeugt von der geistfreien Erbärmlichkeit dieser Technokraten, die Denker genannt werden. Wobei hier Religiosität gar nicht abgewertet werden soll. Insofern müsste man vielleicht eher von Banalität reden.

„Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass das, was man Kapitalismus nennt, ein kohärentes System sei, dessen Funktionieren oder Kollaps von einem bestimmten zentralen Funktionselement abhängig wäre. Der Kapitalismus ist ein sehr heterogenes Konglomerat von Praktiken, Institutionen, Akteuren. Ungenügend wäre aber auch die marxistische These, die behauptet, das System könnte an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen. Der Kapitalismus ist ein System, das sehr effizient darin ist, Widersprüche zu verwalten, Oppositionen zu absorbieren, sich an den eigenen Krisen zu optimieren. Es funktioniert, auch wenn dieses System überall knirscht oder leckt oder Elend produziert. Weder der Konflikt zwischen Arm und Reich, noch der zwischen Kapital und Arbeit führen zu seinem Untergang. Zudem hat dieser Kapitalismus eine wichtige Frage gelöst, er hat sich nämlich mehr und mehr von der Arbeit unabhängig gemacht. Marx hatte erwartet, die steigenden Kosten für Arbeit würden das System tatsächlich in eine Finanzierungsfalle treiben. Nichts dergleichen ist geschehen. Stattdessen ist es gelungen, den Faktor Arbeit zu minimieren – sei es durch Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen oder die Beanspruchung so genannter „Prosumer“, d.h. Konsumenten, die gratis an der Produktion ihrer Konsumgüter mitarbeiten. Das Ikea-Prinzip.“

Ich hätte es nicht besser ausdrücken können. Die Wirtschaftswissenschaften stehen – wenn es gut läuft – vor einer Art Aufklärung. Sie befinden sich also noch im Mittelalter. Wobei auch das schon wieder eine Herabsetzung wäre, nämlich eine des Mittelalters.

Kapitalismus als umfassendes ökonomisches, soziales und moralisches System, das bis in die letzte Hirn- und Herzwindung vordringt. Aber eben auch ein unglaublich flexibles und in seiner Funktionalität respektables. Respektabel auch insofern, als das dieses System es geschafft hat, ein Verhältnis herzustellen, das sein Fortkommen wahrscheinlich macht: Je offensichtlicher die Ungereimtheiten, je deutlicher die Systematik des Systems hervortreten, je klarer die zerstörende Macht wird, desto unfähiger werden die Betroffenen, all das zu analysieren. Desto tiefer verstricken sie sich in Irrationalismus, in Esoterik, in Verschwörungstheorien und in Occupy-Phantasien.

Ohne profunde Analyse geht nichts, auch wenn es schwer fällt. Und genau die wird systemisch unmöglich gemacht.

Jüngstes Beispiel: An der Humboldt-Uni in Berlin wurde diese Woche ein neues Institut gegründet. Tolle Sache eigentlich, mehr Wissenschaftlichkeit im Zeitalter der Bildung. Es ist ein Institut zur Erforschung der Zusammenhänge von Internet und Gesellschaft. Der Geldgeber ist google. Und es ist ein besonderer Erfolg kapitalistischer Verwertungslogik, dass selbst eine Zeitung wie die taz daran nichts Problematisches findet. Eine Meike Laaff schreibt:

Geld. Iiih! Böse!

Und jetzt mal ein paar Fakten: Das Institut bekommt von Google über drei Jahre verteilt gerade einmal 4,5 Millionen Euro. Eine ziemliche Portokassen-Summe für den US-Konzern…Und künftig sollen andere Sponsoren hinzukommen – etwa aus der Telekommunikationsbranche.

Man bemerke die Perspektive: Für google ist das nicht viel Geld, also ist das nicht so schlimm. Je mächtiger Unternehmen werden, je mehr Geld sie verdienen, desto harmloser werden sie also. Meike Laaff ist Jahrgang 1981 (wohnt bei mir um die Ecke, sehe ich gerade), nennt sich „Journalistin“ und schreibt am liebsten über „Netzthemen“. Was immer das sein soll, das hat sie wohl in der taz gerade gemacht. Hat ja was mit google zu tun. Wahrscheinlich wählt sie auch die Piratenpartei, die machen ja auch irgendwas mit Netz und digital. Ich bin in dieser Logik wahrscheinlich analog und total out.

Wie schon viele Male in diesem Blog bemerkt: Das System funktioniert hervorragend. Religiosität ist in, die Götter heißen Kapital, Sachzwang oder google.  Die einen sind empört und veranstalten Messen unter freiem Himmel, die anderen liefern jetzt mal ein paar Fakten.

Das Gespenst des Kapitals ist ungemein aktiv. Man sollte Respekt vor ihm haben.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Finanzkrise, Geschichte, Kapitalismus, Medien, Neoliberalismus abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

42 Antworten zu Vom „Gespenst des Kapitals“ und vom gratis mitarbeiten

  1. Peleo schreibt:

    Was ich noch nie verstanden habe: Die „Wirtschaft“ ist doch was ganz Handgreifliches und Alltägliches, das jeden existenziell betrifft (Arbeitsplatz, Einkommen usw.). Warum ist die „Wissenschaft“ dazu so abgehoben, abstrakt, theoretisch – theologisch eben? Da werden Glasperlenspiele finanziert, bei den Orchideenfächern wird gekürzt.

    Ich verstehe es immer noch nicht. Kann mir das jemand erklären?

    Gefällt mir

  2. hanneswurst schreibt:

    Was forderst Du konkret? In welchen Bereichen DÜRFEN Unternehmen oder Private fördern, in welchen nicht? Wenn eine Allmacht der öffentlichen Haushalte zu undifferenziert heraufbeschworen wird, wird das die Forderung nach staatlicher Kontrolle in den Bereichen verwässern, in denen sie tatsächlich bitter nötig wäre – zum Beispiel bei Geschäftsbanken, Versicherungen und Versorgern.

    Gefällt mir

  3. tom-ate schreibt:

    Joseph Vogl hat die Lebendigkeit und Anpassungsfähigkeit der kapitalistischen Subsysteme wirklich gut dargestellt. In dem zitierten Ausschnitt fehlt noch die Würdigung der rasanten technischen Entwicklung, welche der Kapitalismus ermöglicht hat und ihn dahin bringt, dass das Ideal der vollautomatischen Produktion in einigen Branchen schon sehr nahe ist. Auch das macht den Kapitalismus unabhängig von der Arbeit im klassischen Sinne. Das ist zwar nicht neu, hat Marx schon früh vorausgesehen, aber heute hilft es mit, die Machtbalance zwischen Kapital und Arbeit stark zugunsten des Kapitals zu verschieben. Roboter streiken nicht. Zudem erreicht die technologische Revolution eine Eigendynamik, die nicht mehr kontrollierbar ist. Nur ein kleines Bsp.: Hunderte von Produkten mit Nano-Bestandteilen drin sind auf dem Markt, ohne dass die Verträglichkeit von Nanoprodukten im geringsten abgeklärt worden ist.

    @hanneswurst: Konkret, realpolitisch könnte man fordern, dass nichtstaatliche Föderung von Forschung in einen Forschungspool einbezahlt wird und die Institute dann, das somit anonymisierte Geld erhalten. Beim Mitarbeiter in einem Institut macht es einen Unterschied im Bewusstsein und in seinen unterbewussten Prädispositionen seiner Arbeit gegenüber, ob das Gehalt vom Staat, also vom Steuerzahler, oder zu einem erheblichen Teil von Google stammt.

    Gefällt mir

  4. hanneswurst schreibt:

    @tom-ate: Guter Vorschlag, man müssten den Unternehmen dann jedoch andere Anreize für ihre Partizipation bieten als Markenwerbung und eventuelle Einflussnahme. Außerdem würden die Unternehmen, auch wenn sie in einen Fonds einzahlen, ihren Einfluss geltend machen – oder die Zahlungen einstellen.

    Auch wenn es mir persönlich auf den Wecker geht kann ich nicht einsehen, warum Kultursponsoring, Parteispenden und solche Dinge Unternehmen nicht erlaubt sein sollen. Unternehmen sind gesellschaftliche Akteure, denen man nicht einfach jede Partizipation versagen kann – dafür muss es schon gute Gründe geben wie z.B. Korruption, Monopolbildung, allgemein volkswirtschaftlich unvertretbares Agieren; d.h. die Partizipation muss natürlich im Rahmen des Gesetzes verlaufen und auf den Gesetzgeber muss eingewirkt werden, wenn unternehmerische Einflussnahme zum Problem wird.

    Gefällt mir

  5. Nihilist schreibt:

    @hanneswurst – Gesetze? Da bleibt nur die Frage, wovon SIE sonst noch träumen.

    Es reicht doch aus, die Grundgesetzänderungen zu betrachten und die Methode Urteile des BVerfG zu ignorieren.

    Und wie soll ich irgendwann mit meinen Klagen vor das BVerfG kommen, wenn ich keinen Mäzen habe, der das finanziert. Meine Klagen hängen noch beim Sozialgericht. Zuletzt die gegen die neue Regelsatzbetrügerei.

    http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=anne%20lenze%20%22warum%20die%20bundesregierung%20erneut%22%20pdf&source=web&cd=1&sqi=2&ved=0CB8QFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.nachdenkseiten.de%2Fupload%2Fpdf%2F251011_anne_lenze_zu_gruenden_der_verfassungsriskanten_bestimmung_der_regelbedarfe.pdf&ei=KHipToXMF8GN4gTnyfHZDw&usg=AFQjCNHWq4keGBHycNx9CCTcen1r_Fb8SA

    hoffe das klappt mit dem Link. Sonst suchen:

    Warum die Bundesregierung erneut verfassungsriskante Regelbedarfe vorlegt – von Anne Lenze.

    Ein für mich interessanter Punkt ist die Aussage:

    Wenn sich kein erstinstanzliches Sozialgericht findet, das die Frage dem BVerfG direkt vorlegt, kann es bis zu fünf Jahre und länger dauern, bis sich Leistungsbezieher durch den gesamten Instanzenweg geklagt haben und das BVerfG erneut entscheidet.

    So habe ich das SG inzwischen aufgefordert meine Klage direkt dem BVerfG vorzulegen!

    Gefällt mir

  6. hanneswurst schreibt:

    @Nihilist: Nun seien Sie nicht traurig. Es wird schon alles, wie es sich gehört. Höhö.

    Außerdem ging es hier nicht um die allgemeine soziale Ungerechtigkeit (die ich ebenfalls für beklagenswert halte), sondern um die Partizipation von und speziell das Sponsoring durch Unternehmen. Außerdem ging es darum, dass Genova Meike Laaf meiner Meinung nach zu hart rangenommen hat. Höhö.

    Gefällt mir

  7. genova68 schreibt:

    Hanneswurst,
    konkret fordern? Worauf ich aufmerksam mache ist, dass es keine Wissenschaft gibt, wenn sich das Kapital einmischt, weil das Kapital keine wissenschaftlichen Interessen hat, sondern nur monetäre. Würde google ernsthaft keinen Einfluss nehmen auf das Institut, müssten die Aktionäre verklagen wegen Veruntreuung von Unternehmensgeld. Natürlich wird dieses Institut nicht herausfinden, dass google gefährlich sein könnte.

    Ich würde da analytisch anders rangehen. Vor kurzem ist eine Studie erschienen, dass weltweit 147 Unternehmen die Weltwirtschaft kontrollieren und somit die Welt.

    http://www.fr-online.de/wirtschaft/maechtige-konzerne-147-unternehmen-kontrollieren-die-welt,1472780,11055250.html

    Das hat mit Demokratie nichts mehr zu tun.Dass sich diese Unternehmen immer stärker in den wissenschaftlichen Betrieb einmischen, ist aus deren Sicht nur konsequent. Man will Forschungsergebnisse direkt mitbestimmen. Das ist die nächste Stufe. Das ist die logische Entwicklung des Kapitalismus. Es ginge darum, diese Macht zu brechen.

    Ich würde da auch nicht mit Begriffen wie „gesellschaftliche Akteure“ arbeiten. Das sind wir alle, das ist jeder, wir haben aber nicht die Unternehmensmacht.

    Sponsoring ist auch so ein sinnloser Begriff. Ein Unterehmen sponsort nichts, sondern bezahlt und bekommt dafür etwas, was auch immer, machnmal nur ein besonderes Image. Auch das halte ich schon für gefährlich. Wenn die Deutsche Bank Guggenheim Berlin sponsort, dann lenkt sie von ihrer zerstörerischen Macht ab, indem sie sich mit Kunst verbündet. Für die Kunst ist das eine Katastrophe, wobei die meisten Künstler da sowieso keine Peilung haben und sich wohl ganz gerne bestechen lassen. Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf ist ein schönes Beispiel. Ohne eon und Metro geht da nichts, die schreiben vor, was dort gezeigt wird. Es gab deswegen ja auch schon den Rücktritt des Direktors vor einigen Jahren. PPP in der Kunst, natürlich ist Düsseldorf da Vorreiter.

    Das Kapital füllt sämtliche Ritzen.

    Es ist eine massenhafte Verblödung, die da stattfindet. Wir sind ja mittlerweile so verblödet, dass man uns erzählen kann, dass Krombacher den Tatort „präsentiert“. In einer halbwegs aufgeklärten Gesellschaft wäre sowas für Krombacher geschäftsschädigend.

    Es ist die von Adorno und anderen angesprochen gesellschaftliche Totaltität, der Verblendungszusammenhang, der wunderbar wirksam wird. Es ist eine Dialektik gesellschaftlicher Prozesse, die dazu führt, dass eine „Exzellenzuniversität“ sich nicht komplett den Ruf versaut, wenn sie google zum Geldgeber eines Instituts zur Erforschung der gesellschaftlichen Folgen des Internets macht, sondern dafür Anerkennung einheimst. Und dass Epigonen wie Maike Laaff hinterherlatschen und nichts kapieren und sich wahrscheinlich noch aufgeklärt dabei vorkommen.

    Die von dir angesprochen „Allmacht der öffentlichen Haushalte“ ist auch ein Problem, ja. Aber das sind zumindest theoretisch demokratische Strukturen. Und bitte nicht den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Im übrigen müsste man heute wohl sehr vorsichtig sein mit dem angeblichen Gegensatz von Staat und Kapital.

    Gefällt mir

  8. genova68 schreibt:

    tomate,
    ja, die zunehmende Wertlosigkeit von Arbeit, gerade in Zusammenhang mit technologischem Fortschritt. Die Tatsache, dass der Mensch Techniken entwickelt, die ihm das Leben angenehmer gestalten, wird da zur Not: Arbeitslosigkeit. Auch absurd eigentlich. Ich halte in diesem Zusammenhang auch die aktuell geführte Debatte über die angeblich mangelnden Facharbeiter und die demnächst angeblich für die Arbeiter „paradiesischen Zustände“ auf dem Arbeitsmarkt für absurd.

    Der Vogl ist thematisch wohl sehr gut, leider soll er schlecht schreiben, typisch für einen Literaturwissenschaftler.

    Peleo,
    es gibt Theorie und es gibt Praxis. Es ist eben nicht alles handgreiflich im Leben. Oder was soll man da jetzt erklären?

    EDIT:
    Was mir gerade noch einfällt: Die Uni Düsseldorf war ja schon Vorreiterin in Sachen „Sponsoring“ bzw. intellektueller Korruption:

    https://exportabel.wordpress.com/2007/09/03/der-geldadel-bestimmt-in-der-uni-duesseldorf-mit/

    Gefällt mir

  9. tom-ate schreibt:

    @genova: Ja, diese ETH-Studie wirbelt Staub auf. In dem von dir verlinkten Artikel steht: „Sie entdeckten innerhalb dieser Strukturen eine Super-Einheit von 147 Unternehmen, die besonders mächtig sind. Diese Super-Einheit ist ein in sich geschlossenes System. Die Mitglieder dieser Super-Einheit kontrollieren sich gegenseitig, weil sie sich über ein kompliziertes Geflecht von Beteiligungen größtenteils in wechselseitigem Besitz befinden.“ – Nun, ein geschlossenes System im Wortsinn ist es schon mal gar nicht. Diese Super-Einheit stellt eine extreme Machtkonzentration dar, die ich irgendwie amoralisch empfinde und die, das wird im Artikel ausgesagt, potentiell sogar gefährlich ist für das Funktionieren des Kapitalismus. Hinter dieser Super-Einheit stehen bestimmt Tausende ganz unterschiedlicher Kapitalgeber, denen eine gemeinsame Strategie, abgesehen vom ewigen Plan der Profitmaximierung, gar nicht möglich ist. Ich wage sogar die Behauptung, dass die Spitzenmanager dieser „Super-Einheit“ vor Veröffentlichung dieser Studie nicht mal genau wussten, was diese alles umfasst bzw. das es diese überhaupt gibt. Jeder Manager kennt zwar die Verflechtungen, die mit seinem konkreten Aufgabenbereich etwas zu tun haben, aber das war’s auch schon. Was will ich damit sagen? So amoralisch dieser Krake alles in seine Fangarme rafft, es sind nicht mehr Menschen, die diesen Kraken in der Hand haben. Selbst wenn die Super-Einheit-Manager irgendwo auf der Welt die Entlassung tausender Arbeiter veranlassen, folgen sie nur den neoliberalen Sachzwängen. Der Spielraum für Spitzenmanager im Kraken drin ist minim. Es ist nicht wie bei James Bond, wo ein superreicher Gauner die Welt erpresst. Klar, wir wissen das eigentlich. Aber die Reflexe tauchen immer wieder auf, welche bei solchen Schlagzeilen an eine „Verschwörung“ einiger Halunken denken lassen. Man müsste aber schon erst die ganze Studie lesen, um dann zu sehen, ob die Autoren auch die tatsächlichen Entscheidungsstrukturen in ihrer alltäglichen Funktionsweise aufdecken.

    Gefällt mir

  10. hanneswurst schreibt:

    @genova: Würdest Du mir denn Recht geben, wenn ich behaupte, dass die aktuellen Verhältnisse von Kapital und Gesellschaft im Vergleich zu Marx‘ Zeiten für den Proletarier eine Verbesserung darstellen?

    Gefällt mir

  11. tom-ate schreibt:

    @hanneswurst: Ich bin zwar nicht gefragt, aber diese Frage ist nur für das „Proletariat“ in den Stammländern des Monopolkapitals eine rhetorische. Das Kapital sucht sich immer den billigsten Arbeitsmarkt, aktuell in vielen Ländern Asiens, vor allem im „kommunistischen“ China. Dort sind die Arbeitsbedingungen gut vergleichbar mit denen, die seinerzeit Marx in England beschrieben hat. Von dieser multinationalen Produktionsweise profitiert natürlich direkt (Billigstimport) und indirekt (Steuern) auch die hiesige Gesellschaft, sprich der deutsche Proletarier.

    Gefällt mir

  12. genova68 schreibt:

    Hannes,
    auf die schnelle: Abgesehen davon, dass tomate das Wesentliche dazu sagt, finde ich deine Frage an dieser Stelle merkwürdig. Meine konkreten Überlegungen parierst du mit einer Frage, die suggeriert, dass von den beschriebenen Missverhältnissen die breite Masse und besonders die unteren Einkommensklassen profitieren. Tatsache ist doch, dass die aktuellen Ergebnisse der Politik der vergangenen Jahrzehnte in desolate Situationen für viele geführt hat. Niedriglöhner hier, massive Krisen in vielen europäischen Ländern, Massenarmut in den USA usw.

    Die Wirtschaftskrise in den 20ern hat beispielsweise in den USA zu einer nachhaltig anderen Politik geführt, Stichwort New Deal. Und der Spitzensteuersatz dort lag dann bis 1964 bei 90 Prozent, danach bis 1980 bei 70 Prozent. Das war die Zeit, in der in den USA der Massenwohlstand sich erst etablierte. Nach herrschender ökonomischer Lehre hätte das gar nicht passieren dürfen, da ja angeblich bei hohen Steuern keine Anreize für Arbeit mehr existieren. Es war wohl die Einsicht damals, dass die extremen Profite,die der Kapitalismus ganz oben produziert, vom Staat abgeschöpft werden müssen, zum Wohle aller, in vielerlei Hinsicht, auch demokratiepraktisch. Dieses Wissen ist offenbar verschütt gegangen, die Chicago Boys konnten sich mit Reagan massiv durchsetzen. Die Ergebnisse sehen wir jetzt.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Einkommensteuer_%28Vereinigte_Staaten%29

    Aber sicher ist der Kapitalismus ein in bestimmter Perspektive effizientes System. Aber eben effizient nur im Sinne der Renditebildung. Und das ist auf Dauer zuwenig.

    Gefällt mir

  13. hanneswurst schreibt:

    Ich wollte nicht suggerieren, dass der Kapitalismus gut für alle ist, sondern andeuten, dass die Operation mit einem abstrakten „Gespenst des Kapitalismus“ in eine ebenso abstrakte und fruchtlose Diskussion führt. Es ging ja konkret darum, was ein Unternehmen darf und was nicht, am Beispiel Wissenschaftssponsoring. Dieses Sponsoring finde ich innerhalb gewisser Regularien in Ordnung. Außerdem habe ich Schwierigkeiten damit, Unternehmen von Verbänden, Parteien, Clubs oder irgendwelchen anderen Interessensgemeinschaften zu trennen. Macht der Zweck der Renditeerzielung eine juristische Person grundsätzlich zum unmoralischen Organ? Oder sind es allgemein die Organe die stören, sollten z.B. auch gewerkschaftsnahe Stiftungen verboten werden?

    Bei den anderen Punkten gehe ich konform, Mistkonsum, Billigimporte stark besteuern und Spitzensteuersatz bitte steil hochschrauben.

    Gefällt mir

  14. genova68 schreibt:

    Das Gespenst des Kapitalismus ist vielleicht abstrakt, aber nicht die Beschäftigung mit ihm nicht fruchtlos. Beschäftige dich mal mit dem Vogl, das ist nicht uninteressant. Interessant finde ich derzeit ja gerade diese Logik des Kapitalismus, wo jeder die Fehler benennen kann und keiner sie ändern. Es ist spannend, bei diesem Lifeprojekt dabeizusein.

    Sponsoring: Ich habe da, wie zu allem, keine abgeschlossene Meinung. Es ging mir ja um die google-Geschichte. Google als Sponsor zu „gewinnen“ für ein Institut, das die Folgen des Internet für die Gesellschaft untersucht, ist grotesk und das Ende von Wissenschaftlichkeit bzw. offene Korruption und ein Zeichen, das Kapitalismus alles zerstört, wenn es Rendite bringt. Und der konsequentesteste Kapitalismus ist bekanntlich Kriegsführung. Wenn meinetwegen ein Institut für Materialforschung an der Uni Stuttgart mit Mercedes zusammenarbeitet und von denen wesentlich finanziert wird, ist das sicherlich für alle in Ordnung, das ist ja konkrete Anwendung von naturwissenschaftlicher Forschung. Aber generell halte ich den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit kaum vereinbar mit Sponsoring, weil letzteres bestimmte Interessen hat, was der Wissenschaftlichkeit entgegensteht.

    Zur Renditeerzielung: Beschäftige dich halt mal mit Marx, wenn dich das interessiert, es gibt mittlerweile viele gute Einführungen auf dem Markt, und ich bin da auch kein Experte. Es geht aber, soviel kann ich verraten, nicht um Moral, sondern um Strukturen. Renditeerzielung halte ich keineswegs für unmoralisch, es geht darum, dass systemisch ALLES der Renditeerzielung unterworfen ist. Das meine ich doch gerade mit der aktuellen Geschichtsstunde, die wir bekommen, mit dem Lifeprojekt. Die Probleme sind theoretisch einfach zu lösen, aber in der Praxis steht genau dieses Renditegesetz dagegen.

    Ob das der angebliche Schuldenschnitt ist bei den in Griechenland engagierten Banken (http://www.spiegelfechter.com/wordpress/7111/der-%e2%80%9eschuldenschnitt%e2%80%9c-und-das-kleingedruckte) oder die steigenden Mieten in Kreuzberg: Gegen jeden Sinn und Verstand wird Kapital akkumuliert und das zerstört letztlich alles und jeden. Wir sind sozialisiert mit dem Berwusstsein einer sozialen Marktwirtschaft, was nichts anderes war als ein Kapitalismus, der sich zeitweise Fesseln anlegen ließ. Strukturell streift er diese Fesseln ab, dagegen ist offenbar kein Kraut gewachsen. Irgendwie ist das ja uns Menschen vertraut, psychologisch und individuell betrachtet: Diese Diskrepanz zwischen rationaler Erkenntnis und dem richtigen Handeln. Vielleicht finde ich die Makroebene gerade deshalb so spannend.

    Und nochmal zu deiner Frage, ob es uns oder dem Proletarier nicht besser geht als früher: Abgesehen vom geradezu natürlichen technologischen Fortschritt, den es schon immer gab, sind wir lediglich im Zentrum des Systems und wälzen die negativen Auswirkungen nach außen ab, und du, Hannes, bist ja schon beruflich da sehr privilegiert. Das ist für dich natürlich ok, aber das ist nun mal nicht der Mittelpunkt der Welt.

    Gefällt mir

  15. hanneswurst schreibt:

    @genova: Marx? Hat der etwas mit dem Wilhelm-Marx-Haus zu tun? Das direkt neben dem Carsch-Haus steht? Im Carsch-Haus war ich nämlich gerade, und ich kann sagen, es gibt sie noch, die goldenen 80er.

    Gefällt mir

  16. InitiativGruppe schreibt:

    Der Genova-Kommentar trifft schon überwiegend auch meine Sicht, aber:

    1. Wie vermeide ich es, in die Manichäismus-Falle zu gehen? Hier der reine, unschuldige, gutartig-gescheite lichtvolle Leo Brux, da der schmutzige, bösartige, mal bösartig-gescheite mal bösartig-dumme kohlenschwarze Kapitalismus.
    Ich WILL mich als Kind meiner Zeit sehen, also auch als Kind des Kapitalismus, als Teil des Kapitalismus. Mir sagt mein Instinkt, dass das so sein muss. Dass ich Teil des Bösen sein muss, wenn das Böse die Struktur ist, in der ich lebe. Der Kapitalismus ist in mir. (Und ich mag mich eigentlich schon so, wie ich bin.)
    Was würde nun daraus als Ergänzung für den Kommentar folgen? – Ich glaube, etwas, das in hanneswursts Richtung weisen würde …

    2. Das stärkste Argument gegen den Kapitalismus ist, dass er die Menschheit an den Abgrund der Selbstzerstörung führt. Politisch-militärisch, ökologisch, sozial, geistig. So beschränkt, wie wir Menschen sind, sollten wir die Mittel, die uns der Kapitalismus zur Verfügung stellt (über die technologischen Innovationen, die er vorantreibt), besser nicht in die Hand bekommen. Messer, Schere, Gabel, Licht, sind für kleine Kinder nicht. Wir sind dem, was wir geschaffen haben, nicht gewachsen. Das Ungeheuer, das wir geschaffen haben, wird uns verschlingen.

    Amen.

    Gefällt mir

  17. genova68 schreibt:

    Ja, sicher, wir sind alle Kinder unserer Zeit, was sonst. Ich finde es aber interessant, wohl schon immer und derzeit auf diese kapitalistische Logik bezogen, das zu hinterfragen. Ich versuche das ja hier hin und wieder mit solchen kleinen Beispielen wie dem des google-Sponsorings.

    Wäre diese Gesellschaft nur noch halbwegs fit in der Birne, müsste der HU-Präsident wegen der Unterstützung des google-Sponsorings sofort zurücktreten, da er den Anspruch, den er haben sollte, nämlich Wissenschaftlichkeit zu fördern, konterkariert.

    Das wichtigste ist wohl, das Bewusstsein für die Situation zu schaffen. Man kann, davon bin ich überzeugt, prinzipiell jeden vom Wahnsinn dieses Systems überzeugen. Was dann kommt, ist eine andere Sache.

    Auch amen.

    Gefällt mir

  18. InitiativGruppe schreibt:

    Die HU macht den Bock zum Gärtner, also google zum Analytiker der Kommerz- und Machtentfaltung von google.

    Ist es auszuschließen, dass das Projekt auf Wege gerät, die quer zu google’s Interessen liegen?

    Wissenschaft entwickelt auch dann manchmal ihren kritischen Eigen- und Freiheitssinn, wenn sie auf der Weide des kommerzorientierten Geldgebers grast. Das Gras dort macht sie vielleicht auch kräftiger und gesünder und wertvoller … und den Eigentümer gewogen, mehr Rücksicht auf ihre Eigenheiten zu nehmen?

    Wär ich der HU-Präsident, ich würd das Geld nehmen, das Projekt machen – und mal schauen, was da geht. Wär ich einer, der so ein Geld nicht nimmt, würd man mich wohl kaum zum HU-Präsidenten aufsteigen lassen.

    Die Problematik, die du an dem Fall darstellst, stimmt natürlich trotzdem. Der Unterschied zwischen uns beiden ist wohl vor allem der, dass ich mehr zu akzeptieren und zu resignieren bereit bin. Für wen und gegen wen das wiederum spricht, lass ich mal offen …

    Gefällt mir

  19. genova68 schreibt:

    „Der Unterschied zwischen uns beiden ist wohl vor allem der, dass ich mehr zu akzeptieren und zu resignieren bereit bin. Für wen und gegen wen das wiederum spricht, lass ich mal offen …“

    Im real life akzeptiere ich alles mögliche. Das nennt man Sachzwänge und es stört mich nicht wirklich. Ich bin aus dem Alter raus, wo man meint, Märtyrer sein zu müssen. Wahrscheinlich würde ich, böte man es mir an, bei diesem google-Institut mitarbeiten oder denen zuliefern. So ein Blog ist für mich die Möglichkeit, einfach über manches nachzudenken. Und da muss ich weder google noch den HU-Präsidenten verteidigen.

    Das interessante derzeit ist, um nochmal das zu schreiben, was ich schon ein paarmal geschrieben habe und mich derzeit umtreibt: Wie dieses System sich selbst an die Wand fährt. Ich meine das gar nicht wütend. Die Unzufriedenen sind sprachlos und das Kapital hat sich verstelbstständigt. Mir kommt das gerade so ein bisschen vor wie im Cartoon, so die Figuren über den Abgrund hinausrennen, in der Luft innehalten und erst dann abstürzen, wenn sie nach unten blicken. Das Bild benutzte Slavoj Zizek bei einer Rede vor Occupy Wall Street.

    Gefällt mir

  20. tom-ate schreibt:

    @genova: „Wie dieses System sich selbst an die Wand fährt.“ – Diesem Bild würde ich auf den ersten Blick auch zustimmen. Aber in Wirklichkeit ist dieses an die Wand fahren ein verhältnismäßig langsamer Prozess, der im „besten“ Fall sogar noch mehrere hundert Jahre dauern kann. Wir erwarten immer den ganz großen Knall. Den gibt’s aber nicht. Vielmehr nur ein langsamer Niedergang auf allen Systemebenen. Unser gesellschaftlicher „Organismus“ scheint so adaptiv zu sein, dass er sich aus jeder Krise, wenn auch geschwächt wieder hochrappelt und weiter kriecht. Nimmt man globale Beschränkungen hinzu, wie das ungebremste Bevölkerungswachstum auf der einen und den ungebremsten Ressourcenverschleiß auf der anderen Seite, dann sieht man zwar zwangsläufig ein Ende in der einen oder anderen Form auf unsere Lebens- und Wirtschaftsweise zu kommen. Das Problem, was du ansprichst, besteht nun darin, dass diese Langsamkeit des Zerfalls und der Zerstörung vom normalen menschlichen Bewusstsein gar nicht verarbeitet wird. Ablenkung durch Medienmacht hin oder her. Es gibt ja auch Medien, die auf all diese Zusammenhänge hinweisen. Das nützt alles nichts, weil es eben zu langsame Prozesse sind. Diese evolutionär bedingte Beschränkung der Wahrnehmung scheint mir ein ganz wichtiger Punkt zu sein. Es gibt da die Parallele zum gekochten Frosch: Ein Frosch, den man in kochendes Wasser tut, hüpft natürlich sofort heraus, wenn er noch kann. Aber wenn der Frosch im kalten Wasser hockt und die Pfanne ganz langsam erwärmt wird, reagiert er nicht, wird einfach gekocht… Insofern stimmt der Cartoon nicht, der Absturz ist lediglich ein langsamer Abstieg. Wenn menschliches Bewusstsein das System und seine Auswirkungen aber nicht mehr begreifen kann, tippe ich doch auf einen leicht beschleunigten Abstieg, da eine wesentliche Regelgröße entfällt.

    Gefällt mir

  21. genova68 schreibt:

    Ja, tomate, ich stimme dir mal wieder zu :-) Gegen die Wand fahren ist somit ein falscher Ausdruck, ich meinte das eher strukturell: Kapitalakkumulation bedeutet, dass der Kapitalismus sich tendenziell seiner Grundlagen, seiner Möglichkeiten beraubt. Deshalb passiert ja auch alle paar zig Jahre etwas Einschneidendes: Inflation, neue Währung, Krieg etc. Hat ja auch was menschliches.

    Der Cartoon stimmt aber insofern, würde ich sagen, als dass es konkret in der Finanzbranche genau diese Situation gibt. Lehman ist pleitegegangen, weil ihr plötzlich vor Augen geführt wurde, wieviel Schrott in ihren Bilanzen steckt. Und dann ging es bergab.

    Deine Hinweise auf Bewusstsein und Evolution und Psychologie finde ich übrigens wertvoll, das wird ja gerne ausgeblendet und dann versteht man nicht, wieso eine Entwicklung so abläuft, wie sie abläuft.

    Gefällt mir

  22. tom-ate schreibt:

    Klar, im Lehmann-Fall und vergleichbaren Unfällen ist der Cartoon stimmig. Nur, dass sich der Kapitalismus eben auch immer wieder auffängt. Das Ende des Kapitalismus ist noch nicht in Sicht, gerade auch weil dieses System bei zu vielen die Hoffnung auf schnelles Geld weckt und aufrecht erhält, auch wenn das schnelle Geld ziemlich langsam ist.

    Gefällt mir

  23. InitiativGruppe schreibt:

    Etwa um 260 überrennen die Alamannen den Limes und reißen auch das, was mal Baden-Württemberg werden wird, aus dem Römischen Reich heraus. Weiter im Osten geht die Provinz Dakien verloren … Und wir denken, ja ja, jetzt geht’s mit dem Römischen Reich zuende. Aber erst 410 marschieren die Westgoten unter Alarich in Rom ein, und es dauert dann nochmal 50 Jahre länger, bis es endgültig aus ist mit dem (West-)Römischen Reich.

    Dem Schüler, der im Gymnasium Geschichte hat, kommt das fast wie ein einziger Schlag vor – dieser Untergang des Römischen Reiches, dabei hat der Untergang sich doch ca. 200 Jahre lang hingezogen.

    Historische Prozesse dauern ihre Zeit und passen nicht recht in eine Welt, in der man ständig auf die Uhr schaut.

    Das Bild mit dem An-die-Wand-Fahren und das Bild mit der Figur, die über den Abgrund hinausrennt und plötzlich merkt, dass sie keinen Boden mehr unter den Füßen hat, diese beiden Bilder passen schon, wenn man sie als Metaphern nimmt und dabei an das historische Tempo anpasst: Dass der Kapitalismus am Ende ist, WISSEN wir jetzt (sogar viele Konservative und Kapitalisten haben es gemerkt), und diejenigen, die es noch nicht gemerkt haben, sind gut mit den Cartoonfiguren zu vergleichen, die grade mal flott über den Abgrund hinausrennen.

    Was aber kommt danach?!

    Ich hab’s auch hier schon mal prophezeit: die neofeudale Gesellschaft. (Falls die Menschheit einigermaßen intakt die kommenden Kriegs- und Umweltkatastrophen überlebt). Eine Art neues Mittelalter. Barbarische Zeiten.

    Also, wenn ich zugleich ich UND Römer wär (im Jahre 260 oder im Jahre 400), dann würde ich mir diese gewagte Frage stellen: Auf was für eine Welt läuft die Entwicklung hinaus? Unseres Wissens hat sich damals niemand diese Frage politisch gestellt – allenfalls religiös. Da erwartet man das Ende der Welt.

    Könnte man heute auch.

    Andererseits: Für die Römer war das Römische Reich ewig. Und interessanterweise für diejenigen, die es zerstört haben, auch. Sie sahen sich als Erben, als Fortsetzer, als Erneuerer … immer wieder. Bis zum Heiligen Römischen Reich („Deutscher Nation“), das bis zum Reichsdeputationshauptschluss von 1803 gedauert hat.

    Eine Katze hat nur 7 Leben, das Römische Reich hatte noch einige mehr. Wie wird das mit dem Kapitalismus?

    Denn natürlich wird von einer neofeudalen Welt der Kapitalismus des 20. und frühen 21. Jahrhunderts als das Goldene Zeitalter verehrt werden. Man wird weiter von Demokratie reden und von Parlamenten und von Markt und Marktwirtschaft, auch wenn es überhaupt nicht mehr passt.

    Gefällt mir

  24. genova68 schreibt:

    Neofeudalismus kommt hin, wurde hier ja schon mal diskutiert. Wir sind schon mittendrin, wenn man sich das Gesponsore und das Charity-Ding anschaut.

    Gestern abend bei Maischberger saß Ute Ohoven, diese dumme, aufgespritzte Millionärsgattin, die in Düsseldorf einen auf Wohltätigkeitstante macht. Dass Problem ist, dass die überhaupt im TV sitzt. Übles neoliberales Geplapper und gleichzeitig lässt sie sich als Weltverbesserin feiern. Das Bemerkenswerte bei solchen Leute ist ja immer wieder, dass die überhaupt kein geistiges Niveau haben. Die kommen zwar viel rum und haben die Möglichkeit, mit unterschiedlichsten Menschen und mit völlig unterschiedlichen Erfahrungen zu sprechen. Heraus kommen lediglich kleinbürgerliche Vorurteile. Hängt vielleicht aber auch damit zusammen, dass sie nur geheiratet hat, um reich zu werden. Wahrscheinlich checkt die unbewusst sehr wohl, dass sie die Reichen gefälligst zu verteidigen hat.

    Ich will damit nur sagen, dass es ja auch immer um Emanzipation geht, um selbst den Mund aufmachen. Und jemanden wie diese Ohoven für das, was sie macht, kritisieren, nicht loben. Traut sich aber keiner.

    Die taz macht ja auch mit, wie man oben sieht. Und die Schlossrenaissance in Berlin, Braunschweig und sonstwo, die Altstadt in Frankfurt, die nun hochpreisig wiedererrichtet wird, wofür sogar das Technische Rathaus abgerissen wurde, es passt schon alles.

    Gefällt mir

  25. InitiativGruppe schreibt:

    Ein Problem bei der Wohltätigkeit der Reichen ist, dass man eigentlich gegen diese Wohltätigkeit nicht viel sagen kann. Ist doch gut, wenn jemand mal was abgibt … und jemand anderes dabei glücklich macht …

    Es gibt eine Menge Leute, die finden, dass es genau so gehen soll – nicht sozialstaatlich, nicht per Anspruch, nicht per kollektiver Solidarität, sondern aus persönlicher Großzügigkeit derer, die reich sind und die, weil sie reich sind, es auch verdient haben, reich zu sein. Denn Reichsein bedeutet, dass man die nötigen Tugenden zum Reichsein mitbringt bzw. als Erbe übertragen bekommt.

    Dieses Denken ist ein Zeichen dafür (eines von mehreren), dass wir auf dem Weg zurück in die Barbarei sind. Ist schon noch ein weites Stück zu gehen dahin, ich werd’s wohl nicht mehr erleben, aber um die kollektive Lösung, die Sozialstaatslösung als die richtige zu erkennen, bräuchte man — Sinn für Gesellschaft, Sinn für Gemeineinschaft. Wie soll das wachsen, wenn die Sozialisation immer extremeren Individualismus hervorbringt?

    Was die Spenden der Reichen und Superreichen angeht, so scheint mir, dass man das nicht frontal angehen sollte. Vielleicht hilft die indirekte Attacke: Wie viel Steuern zahlt der Spender? Wie bezahlt er seine Arbeitskräfte? Was für ein Anteil von seinem Vermögen ist die Spende? Und wenn du von der Gnade der Privilegierten abhängig bist – ist das nicht demütigend?

    Gefällt mir

  26. genova68 schreibt:

    Barbarei: Ja, ein polarisiendes Wort, aber ganz so falsch ist das ja nicht. Bestürzend ist der schleichende Abbau von Demokratie bzw. von der Verteidigung emanzipatorischer Werte, zu denen nun ganz grundsätzlich gehören muss, dass man soziale Verpflichtungen dem Almosengeben vorzieht. Ist ja auch eine Frage der Würde.

    Inwieweit Almosensgeben wohltätig ist, kann man sich ja auch mal fragen. Man ist ja jedesmal in einer komischen Situation, wenn man einem Bettler was gibt, was man in Berlin im öffentlichen Raum ja alle Viertelstunde machen kann. Die sind dann oft so unterwürfig, unangenehm.

    Spenden nicht frontal angehen: Ja, strategisch in einer Diskussion vielleicht. Aber die Kritik an dieser Praxis ist ein Muss. Wobei die gesamte öffentliche Diskussion so angelegt ist, dass jeder etwas tiefere Gedanke, jedes Zurücktreten, um sich einen besseren Überblick der Gesamtsituation zu machen, zum Scheitern verurteilt ist, weil man damit aus dem Blickfeld der Kamera gerät und andere sofort das Wort übernehmen, um das mal bildlich auszudrücken. Wenn beispielsweise ganz konkrete Selbstverständlichkeiten ausgesrpochen werden, meinetwegen, dass man in Deutschland von seinem Lohn leben können sollte, wird gegenargumentiert mit einem „Markt“, der das nicht zulässt. Das Zurücktreten wäre genau dann angesagt, was aber nichit geht, also dreht man sich weiter im Hamsterrad.

    Heraus kommt dann sowas wie Occupy und Esoterik.

    Gefällt mir

  27. InitiativGruppe schreibt:

    Wenn beispielsweise ganz konkrete Selbstverständlichkeiten ausgesrpochen werden, meinetwegen, dass man in Deutschland von seinem Lohn leben können sollte, wird gegenargumentiert mit einem „Markt“, der das nicht zulässt.

    Das ist faszinierend: Man gibt zu, dass der Markt es in vielen Fällen nicht zulasse, vom (Vollzeit-)Arbeitslohn leben zu können.
    Früher hätte man das genussvoll marxistisch als Beleg dafür verwenden können, dass der Kapitalismus als System versagt – und das auch noch eingestehen muss.

    Heute gibt es den Sozialismus als Fundamental-Alternative nicht mehr. Es bleibt uns deshalb nur die Argumentation, dass es immerhin verschiedene Varianten des Kapitalismus gebe, und wir seien für die soziale, die dem Markt die nötigen Grenzen setze, ohne ihn aber aufheben zu wollen.

    Die Menschheit wartet auf eine neu konzipierte Fundamental-Alternative zum Kapitalismus.

    Fundamentalkritik ist ein wesentlicher Faktor, damit eines Tages eine solche Alternative entwickelt werden kann. Auch wenn man im Moment etwas blöd da steht, weil man diese Alternative noch nicht als reales, realisierbares Projekt beschreiben kann.

    Gefällt mir

  28. tom-ate schreibt:

    „Heute gibt es den Sozialismus als Fundamental-Alternative nicht mehr.“…“Fundamentalkritik ist ein wesentlicher Faktor, damit eines Tages eine solche Alternative entwickelt werden kann. Auch wenn man im Moment etwas blöd da steht, weil man diese Alternative noch nicht als reales, realisierbares Projekt beschreiben kann.“

    Kritisch rückwärts geschaut würde ich die These wagen, dass es nicht der „Moment“ ist, sondern dass es noch nie anders war, substantiell. Die Illusion eines „wissenschaftlichen Sozialismus“ gab’s, mehr aber nicht. Das ist vielleicht nicht der Ort, um das zu diskutieren, aber es ist aus historischen Gründen falsch, anzunehmen, dass wir aktuell „blöder“ dastehen als früher. Aus der durchaus berechtigten marxistischen Kapitalismuskritik konnte nie ein wirklich „reales sozialistisches Projekt“ hergeleitet werden. Dieses „Projekt“ war nie das, wofür es sich anpries. Vermeintlich „wissenschaftlich“, sprich den immanenten Gesetzen des Kapitals zufolge, hätte die sozialistische Revolution in England, dem „fortgeschrittensten“ Land, aber niemals im Zarenreich stattfinden müssen (hat sie der Substanz nach ja auch nicht). Dass es gerade in England überhaupt nicht funktionierte, zeigt m. E. auch, dass in der marxistischen Theorie die Subjekte und deren reale Bedürfnisse, die sich eben nicht im Materiellen erschöpfen, das Bewusstsein, die Psyche insgesamt, nicht oder nur unzureichend verstanden worden ist. Und zwar in ihrer Bedeutung für die Dynamik gesellschaftlicher Entwicklungen. Individuelles Bewusstsein ist auch keine einfache Ableitung gesellschaftlichen Seins. Wir haben, wenn wir uns von marxistischen Denkmatrizen befreien, im Gegenteil heute die Chance eine viel umfassendere Gesellschaftskritik zu betreiben, welche globale, ökologische Tatsachen, wie ungebremstes Bevölkerungswachstum, ungebremstes Ressourcenverschleudern und ungebremsten Schadstoffausstoß miteinbeziehen. Warum sollten wir uns auf einen vermeintlichen Gegensatz: Soziale versus ökologische Frage versteifen? Nur weil wir gerne in festgefahrenen Denkschemata verharren?

    Gefällt mir

  29. genova68 schreibt:

    „Heute gibt es den Sozialismus als Fundamental-Alternative nicht mehr.“

    Sowohl die SPD als auch die Linkspartei nennen als grundlegendes Ziel die Erreichung eines demokratischen Sozialismus.

    tomate,
    nun ja, es geht, da sind wir uns sicher einig, derzeit vor allem darum, das aktuell System adäquat zu analysieren und diese Analyse breitenwirksam zu machen. Es geht darum, diese Sprachlosigkeit, die man überall spürt, aktuell bei Occupy, zu überwinden. Das geht nicht ohne Marx. Und wieso sollte man auf Marx verzichten? Die Marxsche Geschichtsschreibung in ihrer teleologischen Naivität nimmt heute keiner mehr ernst, der ernstgenommen werden will, aber das ist nebensächlich. Abgesehen davon: Dass die Revolution zuerst in Russland und nicht in England stattfand, spricht bekanntlich nicht gegen Marx, sondern höchstens gegen dessen ihn falschverstehende Anhänger.

    Die Marxsche Analyse des Wesens des Kapitalismus ist nach wie vor hochaktuell, wenn man sie nicht arbeiterbewegungsmarxistisch verkürzt. Eine „umfassendere Gesellschaftskritik“, wie du das nennst, müsste klar sagen, auf welcher Grundlage sie fußt, welche Analysemittel sie an die Hand bekommt. Ökologie und Demografie sind lediglich Erweiterungen ein und desselben Phänomens. Und gerade da krankt das Ganze heute: Die Masse hat keine Sprache mehr, um das zu beschreiben, was passiert. Einer, der das noch am ehesten hinkriegt, ist bezeichnenderweise der Börsenmakler Dirk Müller.

    „dass in der marxistischen Theorie die Subjekte und deren reale Bedürfnisse, die sich eben nicht im Materiellen erschöpfen, das Bewusstsein, die Psyche insgesamt, nicht oder nur unzureichend verstanden worden ist.“

    Tja, ein weites Feld.

    Gefällt mir

  30. tom-ate schreibt:

    „Die Marxsche Analyse des Wesens des Kapitalismus ist nach wie vor hochaktuell, wenn man sie nicht arbeiterbewegungsmarxistisch verkürzt.“

    Hm, es wäre spannend, mal das Kernstück seiner Theorie, die Mehrwerttheorie auf Herz und Nieren zu prüfen, inwiefern sie denn heute in den hochentwickelten Ländern mit hohem Beschäftigungsgrad im Tertiärsektor noch zutreffen kann. Wieviel von dieser Dienstleistungsarbeit ist im Marxschen Sinne überhaupt noch produktive Arbeit? Er hat das zwar definiert, aber unter anderen historischen Voraussetzungen: Der Tertiärsektor war damals marginal. Und hat ein nur eingebildeter Gebrauchswert einer Ware oder Dienstleistung nicht eher den Charakter eines betrügerischen Angebots? Wie kann ich denn objektiv bestimmen, was ein eingebildeter und was ein wirklicher Gebrauchswert ist? Inwiefern werden mit unnützen, schädlichen, blödsinnigen Produkten und Dienstleistungen wirklich Werte geschöpft bzw. Mehrwert geschaffen? Werden die Verbraucher in vielen Fällen nicht einfach verarscht bzw. um ihr Geld betrogen und zwar mehr denn je? Wir leben in einer Gesellschaft mit, trotz den sozialen Unterschieden, insgesamt hohem Lebensstandard und sehr viel akkumuliertem Kapital, was teilweise eben nur noch Geld ist bzw. kaum mehr „investiert“ werden kann. Sind heute nicht wesentliche Geschäfte nur noch laue Tauschgeschäfte oder Betrügereien auf dem Boden des gesellscahftlich schon erreichten Reichtums? Was ist mit der Tendenz zur automatischen Produktionsweise durch Roboter in den Fertigungshallen? Marx selber sah ja schon das Ende der Mehrwerttheorie, die auf der Ausbeutung der Arbeitskraft beruht, durch die automatische Produktion kommen.

    Gefällt mir

  31. tom-ate schreibt:

    „Eine „umfassendere Gesellschaftskritik“, wie du das nennst, müsste klar sagen, auf welcher Grundlage sie fußt, welche Analysemittel sie an die Hand bekommt.“

    Dem ist so. Auch ein weites Feld.

    Gefällt mir

  32. genova68 schreibt:

    tomate,
    eine Menge Fragen, deren Antworten mich auch interessieren würde. Ich schreib noch was dazu, hab jetzt aber keine Zeit.

    Gefällt mir

  33. Nihilist schreibt:

    Ach Tomate – aus dir sollte man Ketchup machen, dann siehst du die Dinge vielleicht aus einem anderen Blickwinkel. Dein insgesamt hoher Lebensstandard ist der größte Blödsinn den ich je gelesen habe.

    Wer hat das noch so treffend formuliert – Ich traue keiner Statistik denn laut Statistik haben ein armer Schlucker und ich je 500.000 $.

    So ist das auch mit dem angeblichen Lebensstandard. Wenn einer mehrere Autos, Häuser oder sonstwas besitzt, andere dagegen nichts, so ist dann der „Lebensstandard“ aller eben nicht hoch.

    Gefällt mir

  34. tom-ate schreibt:

    @Nihilist: „Dein insgesamt hoher Lebensstandard ist der größte Blödsinn den ich je gelesen habe.“ – Vielleicht machst du mal Urlaub in Äthiopien, Somalia oder Bangladesh, schaust dich mal um, wieviele dort ein Klo mit Wasserspülung haben und wieviele dort am Morgen warm duschen…?

    Gefällt mir

  35. Nihilist schreibt:

    @ tomate – sie vergleichen mal wieder Äpfel mt Birnen.

    Präambel – Rio – Agenda 21!

    1.1 Die Menschheit steht an einem entscheidenden Punkt ihrer Geschichte. Wir erleben eine zunehmende Ungleichheit zwischen Völkern und innerhalb von Völkern, eine immer größere Armut, immer mehr Hunger, Krankheit und Analphabetentum sowie eine fortschreitende Schädigung der Ökosysteme, von denen unser Wohlergehen abhängt.

    Die Ungleichheit INNERHALB von Völkern ist eben der springende Punkt. Denn wenn „zwischen den Völkern“ eine gerechtge Verteilung erfolgen soll, dann müssten die „Bessergestellten“ INNERHALB der Völker „zur Kasse gebeten werden“.

    Es ist nicht das Ziel 99 % in Armut und 1 % in unermesslichen Reichtum zu versetzen. Genau das geschieht aber. Auch die Eurorettung ist nur der Versuch dieses eine Prozent zu schützen.

    Gefällt mir

  36. tom-ate schreibt:

    Nichts gegen diese Präambel. Aber wenn ich herausfinden will, ob mir Äpfel oder Birnen besser schmecken, so muss ich die vergleichen! So Scheiße das BIP ist, um irgendetwas über ein Land auszusagen, so taugt diese Zahl doch für einen primitiven Vergleich (bitte selber Gugeln), wenn die Unterschiede deutlich genug sind. Und man kann strukturelle Unterschiede zwischen Völkern, Ländern und Regionen nicht einfach durch gerechte Verteilung beseitigen. Das zeigt sich doch jetzt gerade sogar im Euroraum mit aller Deutlichkeit. Wobei der Unterschied zwischen Griechen- und Deutschland ja noch vergleichsweise gering ist. Ich bleibe dabei: Deutschland ist insgesamt ein reiches Land, was auch mit Effizienz im Produktionsprozess zusammenhängt. Diese banale Aussage macht Sinn, auch wenn es hier 12 Millionen Menschen gibt, die in Armut leben – eben relativer Armut, verglichen mit Bangladesh.

    Gefällt mir

  37. tom-ate schreibt:

    Und noch was: Wer denkt, 99% lebten hier in Armut, hat vielleicht ein Wahrnehmungsproblem. Selbst wenn jemand mal ein Jahr auf Ballermann-Urlaub verzichten muss, weil die Knete etwas knapper ist, dann ist sie oder er noch lange nicht arm. Und die Mehrheit im Lande hat immer noch genau solche Luxusprobleme.

    Gefällt mir

  38. genova68 schreibt:

    tomate,
    zu deinem Beitrag vom 5.11, 18.49:

    Ich kann in Bezug auf deine Fragen nur ein wenig vermuten, aber das geht heutzutage ja allen so.

    Ich glaube, es ist erstmal egal, ob ein Gebrauchswert eingebildet oder wirklich ist. Wenn du einen Tisch kaufst, dann ist die Tatsache des Kaufs entscheidend, den Gebrauchswert bestimmst du für dich. Ob du daran isst oder ihn nur zur Zierde in die Ecke stellst oder auf ihm Sex hast, ist fürs ökonomische System wurscht. Diese Unterschiede könnten höchstens eine Rolle spielen bei der Bemessung des Tauschwerts, wenn beispielsweise ein Tisch, der für Sex geeigneter ist, als eine anderer, einen höheren Tauschwert erzielt. Interessant wäre der Aspekt „eingebildet“ oder nicht unterm Vorzeichen des Marketings, also des Versuchs, den Absatz der Waren anzukurbeln, indem zunehmend emotionale Aspekte eine Role spielen.

    Mehrwert wird geschaffen, wenn Mehrwert geschaffen wird. Ob das eine blödsinnige Dienstleistung ist oder sonstwas, ist egal. Blödsinnig und unnütz sind hier m.E. einfach sinnlose Bezeichnungen. Entscheidend ist, dass der Kunde kauft. Schädlich könnte eine sinnvolle Bezeichnung sein, wenn man konkret sagt, inwiefern das schädlich ist. Wenn das Kind giftiges Spielzeug bekommt und der Hersteller dann haften muss, ist sein Mehrwert wahrscheinlich futsch.

    Inwieweit Marx den tertiären Sektor fundamental vom sekundären unterschied, weiß ich nicht. Dienstleistungen können auf jeden Fall erst entstehen, wenn anderswo produziert wurde.

    Dass das akkumulierte Kapital kaum noch investiert werden kann, sehe ich für Deutschland nicht so. Es gib massiven Investitionsbedarf im Bildungsbereich, Verkehrswesen (bsplsweise gibt es auch im Jahre 21 der Einheit keine vernünftige Zugstrecke von Berlin nach München, bei mindestens 30 Prozent der Bevölkerung eine Menge unerfüllter nicht-luxuriöser Konsumwünsche und mehr. Dass weniger investiert wird, liegt erstens daran, dass die öffentliche Hand wegen Schulden sich zurückhält und zweitens, dass das Vermögen in Deutschland extrem ungleich verteilt ist und drittens, wesentlich, dass das Kapital sich derzeit auf den Finanzmärkten besser rentiert, was ja politisch und ökonomisch so gewollt ist.

    Ich glaube, diese Ansicht des „nicht mehr investieren könnens“ hat etwas mit dem Marxschen Postulat des tendenziellen Falls der Profitrate zu tun. Aber das ist ja derzeit eher eine Frage der politischen Steuerung. Damit hängt ja auch das Ende der Mehrwertproduktion durch Automatisierung zusammen. Ich bin auch da nicht ernsthaft im Bilde, aber das alles wird ja auch von marxfreundlichen Ökonomen oft kritisiert.

    Was sind „laue Tauschgeschäfte oder Betrügereien“?

    Wichtig ist doch, glaube ich, vor allem, dass im Kapitalismus aus Geld Kapital gemacht wird, als das wesentliche Merkmal. Und natürlich die Überbau-Geschichte. Seine Geschichtsteologie nimmt ja eh keiner mehr Ernst und die Dynamik des Kapitalismus, gerade in Bezug auf die globale Verbreitung, die wiederum seine Widersprüche temporär entschärft, solle man da nicht aus dem Blick verlieren.

    Ich lese gerade ein wenig Schumpeter, „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“, es ist schon bemerkenswert, wie sehr der davon ausgeht, dass der Kapitalismus scheitern muss und der Sozialismus kommen wird, ob man das wolle oder nicht. Und das, obwohl Schumpeter ja ein Marx-Kritiker und Neoklassiker war.

    Und apropos: Vielleicht sollte man auch mit dem Begriff der schöpferischen Zerstörung arbeiten.

    Gefällt mir

  39. Nihilist schreibt:

    @ Tomate – Das ZIEL ist es doch, 99 % nach dem Motto – teile und herrsche – zu spalten.

    Also sorgt das 1 % für Ungerechtigkeit innerhalb der 99 %, damit diese sich gegenseitig „bekriegen“ und die Dummen, die das nicht erkennen, glauben es ginge ihnen ja besser als vielen anderen und sind zufrieden. Und dann labern sie so wie Sie, das es uns doch besser geht als den Menschen in den Slums anderer Länder. Die Slums im eigenen Land werden dann als „Paradies“ bezeichnet.

    Hauptsache Sie selber leben nicht so. Ein Beleg für den Erfolg des Teilen. Entweder sind Sie so naiv oder Sie agieren im Sinne der 1 % als gekaufter Troll.

    Gefällt mir

  40. tom-ate schreibt:

    @Nihilist: Feindbilder sind dazu da, sie zu hinterfragen. Es gibt keine klare Grenze zwischen den Guten und den Bösen. Und manchmal sind die „Dummen“ auch die Gscheiteren.

    Gefällt mir

  41. tom-ate schreibt:

    @genova: Danke für deine Antworten auf meine etwas naiven Fragen. Ist schon viele Jahre her, dass ich Marx gelesen habe, so dass ich die Mehrwerttheorie nicht mehr bis zur letzten Konsequenz präsent habe. Blödsinnig und unnütz mögen als Begriffe im Kontext der Mehrwerttheorie wittgensteinianisch betrachtet selber Unsinn darstellen. Vielleicht. Ich habe an Folgendes gedacht: Wenn ein einzelner Kapitalist blödsinnige Produkte mittels Ausbeutung von Arbeitskraft auf den Markt bringt, so realisiert er schon seinen Mehrwert. Wenn ich aber weiter schaue und der Gebrauchswert für den Käufer sich in Luft auflöst (oder beinahe), weil das Produkt in dieser Beziehung einem Betrug gleich- oder nahekommt, dann stehen dem Käufer weniger Mittel zur Verfügung, um einen sinnvollen Ersatz für das Produkt zu erwerben. Insofern kann ein anderer Kapitalist, der wirklich brauchbare Ware anbietet, seinen Mehrwert eben nicht mehr realisieren. Nach Marx bestimmt der Wert den Preis. Für den Kapitalisten stellt es sich aber nicht so dar. Insofern kann er mit einem blödsinnigen Produkt, das nur so aussieht, als ob es Gebrauchswert habe, u. U. einen viel höheren Preis erzielen als (Tausch-)Wert drin steckt. Dem Kapitalisten ist es egal, ob viel oder wenig Mehrwert im Tauschwert seiner Waren drin ist, Hauptsache sein realisierter Preis ist heiß.

    Vielleicht ist das jetzt alles auch Unsinn. Ich bin weder Ökonom noch Marxist. Es ist mehr ein Bauchgefühl, dass die Theorie zumindest heute nicht mehr stimmt. Betrug und Geldgeschiebe hin und her sind auf dem Boden des gesamtgesellschaftlichen Reichtums sowie der um sich greifenden Faulheit und Bequemlichkeit für mich plausibel. Meine These: Es wird heute weniger Mehrwert geschaffen als auch schon. Stattdessen gehen wir ans Eingemachte, das bisher gesamthaft erreichte wird, auch durch zunehmende Schuldenwirtschaft, angefressen. Das mit den Schuldzinsen funktioniert ja eben auf Dauer nicht.

    Ein weiterer Punkt – und der ist vielleicht wichtig – ist, dass der Arbeiter ja nach Marx nur soviel Lohn kriegt, wie er zu seiner unmittelbaren „Reproduktion“ seiner Arbeitskraft braucht. Das ist nun empirisch nicht zu halten. Die Kapitalisten müssen den Käufern der Waren und Dienstleistungen – und das sind nun halt mal in der großen Mehrheit „Proletarier“, die keine eigenen Produktionsmittel beisitzen, genügend Mittel zur Verfügung stellen, um möglichst allen produzierten Krempel kaufen zu können (Ich kann locker eine Liste mit mehr als zehntausend Produkten erstellen, die eben nicht der Reproduktion der Arbeitskraft dienen). Das gilt in den entwickelten Ländern und zunehmend auch schon in den Schwellenländern. Der „Proletarier“ ist gezwungen ein zweites Mal zu arbeiten, nämlich als Konsument und sei es als RTL-2-Konsument. Alles muss weg. Weihnachtsgeschäft. Die Medien lasten den Verbrauchern die Verantwortung fürs Funktionieren dieses Systems auf: Kaufaufrufe wo man nur hin hört. Kurz: Der Kapitalist muss dem Arbeiter/Verbraucher schon lange und ich denke im Laufe der Jahre immer mehr Mehrwert abtreten, um den Rückfluß des Geldes zu ermöglichen. Das geschieht nicht nur via Lohn. Die Umverteilungswege sind mit der ganzen Staatsmaschinerie allerdings ziemlich verwirrend. Trotzdem gibt es diese Armut, auf die der Nihilist hier gerade so pocht. Aber es ist immer noch eine Minderheit betroffen. Die Mehrheit der „Proletarier“ sind heute mit Mehrwertanteilen alimentierte Arbeiter/Verbraucher und müssen bei Laune gehalten werden. Ein Teil dieser Motivierung übernimmt ja unsere Hirnphysiologie ganz von selbst, wie ich hier auch schon argumentierte. „Verbraucher“ eben auch von total blödsinnigen Produkten, die mit viel Marketing/Werbung unters Volk gebracht werden, aber letztlich langfristig unsere Lebensgrundlage im ökologischen Sinne untergraben.

    Dann wäre da noch die Geschichte mit der geplanten Obsoleszenz, die uns alle zu erheblichem Mehrkonsum zwingt. M. E. auch ein klarer Fall von Betrug.

    Wie hast du das mit dem Begriff der schöpferischen Zerstörung gemeint?

    Gefällt mir

  42. Nihilist schreibt:

    @ tomate

    Feindbilder? Klar, die habe ich. Aber aus gutem Grund. Und da ist es auch sinnlos Kreide zu fressen, ein Wolf bleibt ein Wolf.

    Wie an anderer Stelle inzwischen geschrieben – der Feind meines Feindes ist nicht unbedingt mein Freund.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.