(Zwischen) Scheiden entscheiden

Ein lustiges Sprachspiel aus den Elementarteilchen von Michel Houellebecq. Der sexuell dauerfrustrierte Bruno macht Ferien im „Ort der Wandlung“, einer Art Alt-68er-FKK-Dauerbumsanlage. Bruno ist auf einer mit Leibern vollen Rasenfläche auf der Suche und…

„…stolpert sozusagen zwischen den Scheiden her. Als er sich allmählich sagt, dass er sich entscheiden müsse, …“

Ein Sprachwitz, den Houellebecq wahrscheinlich gar nicht beabsichtigt hat, denn er funktioniert im Französischen nicht, vermute ich: dieselbe Sprachwurzel von „Scheide“ und „entscheiden“. Houllebecq schrieb im Original wohl von vagin und von decider oder choisir oder ähnlichem. Schade, denn es würde zu Brunos Geschichte passen. Und zwar auf zwei Ebenen. Zum einen die schon erklärte, zum anderen: „Entscheiden“ meint hier tatsächlich nicht entweder – oder, sondern weder – noch. „Entscheiden“ im Sinne von „entsagen“, nicht annehmen, nicht bekommen. Bruno bekommt keine Scheide ab, zumindest nicht auf dem Rasen. Er hat sich wahrhaft entschieden, er ist entschieden.

Ansonsten bemerkt Bruno sehr richtig, dass sich Männer, völlig unabhängig von ihrem Alter, ausschließlich für Mädchen bzw. Frauen im Alter von 15 bis 20 Jahren interessieren. Werden die Frauen älter, sind sie frustriert, weil sich keiner mehr für sie interessiert. Sie lassen sich dann in der Regel ein Kind machen und leiten ihr Zärtlichkeitsbedürfnis auf das Kind um. Diesen Vorgang nennt man euphemistisch „Erziehung“ oder, seit Sarrazin wieder, „Arterhaltung“. Die Männer werden mit zunehmendem Alter immer frustrierter, weil sich kaum eine 15- bis 20jährige für alte Männer interessiert (Ausnahmen: Serge Gainsbourg und Udo Jürgens). Es gälte hier, den jungen Dingern Sitte, Moral, Anstand und vor allem Respekt vor dem Alter beizubringen.

Soweit Bruno, ein Alter ego von Houellebecq. Ein sympathischer älterer Mann.

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8 Antworten zu (Zwischen) Scheiden entscheiden

  1. HF schreibt:

    Da bin ich aber mal auf die Kommentare der Leserinnen gespannt. :-)

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  2. M. schreibt:

    Scheide, Sarrazin und Udo Jürgens, alles drin in dem Text. Chapeau!

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  3. M. schreibt:

    „Die Männer werden mit zunehmendem Alter immer frustrierter, weil sich kaum eine 15- bis 20jährige für alte Männer interessiert (Ausnahmen: Serge Gainsbourg und Udo Jürgens). Es gälte hier, den jungen Dingern Sitte, Moral, Anstand und vor allem Respekt vor dem Alter beizubringen.“ Aber wahrscheinlich rührt der „clash of generations“ tatsächlich daher?!

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  4. genova68 schreibt:

    Das wäre der nötige clash of generations, wie er von Bruno gefordert wird, in der Tat.

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  5. M. schreibt:

    Ich dachte allerdings auch daran: http://www.youtube.com/watch?v=lXhLAdPFROs Jessen hat natürlich recht!

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  6. genova68 schreibt:

    Und was willst du uns mit dem Video sagen?

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  7. Aléa Torik schreibt:

    Lieber Genova,

    – „Es gälte hier, den jungen Dingern Sitte, Moral, Anstand und vor allem Respekt vor dem Alter beizubringen.“

    Ich habe herzlich gelacht. Aber du hast wohl recht mit deiner Prognose. Das wird nicht klappen. Man geht ja nicht aus Respekt vor dem Alter mit jemandem ins Bett. Und wenn man, also frau, also junges Mädchen das doch tut, hier beginnt der Bereich der Vermutung, wird das nicht unbedingt die große erotische Grenzerfahrung. Sitte, Moral und Respekt scheinen mir geradezu das Gegenteil von Erotik zu sein. Aber vielleicht täusche ich mich ja. Ich bin allerdings auch nicht mehr fünfzehn. Mit fünfzehn habe ich mich auch schon getäuscht. In den sechzehnjährigen. Das waren damals die älteren Männer.

    Aléa

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  8. genova68 schreibt:

    Liebe Aléa,
    „Sitte, Moral und Respekt scheinen mir geradezu das Gegenteil von Erotik zu sein.“

    Gut möglich, aber ohne den Respekt kommt es ja überhaupt nicht zur Annäherung zwischen jung und alt. Aus Brunos Sicht geht es ja auch weniger um Erotik als um Hodensackentladung. Aber Bruno lernt dazu, kann ich jetzt vermelden, ich bin in den Elementarteilchen mittlerweile auf Seite 190. Er hat nun Christiane kennengelernt, eine Vierzigjährige mit hängenden Schamlippen, aber mit Lebenserfahrung. Brunos Wandel beginnt, scheint mir.

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