„Der 13. August ist ein besonderes Datum für Die Linke“

Marianne Linke sitzt für die Linkspartei im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern. Zuvor war sie dort Landessozialministerin. Sie ist also nicht irgendwer. Frau Linke geriet vor ein paar Tagen in die Schlagzeilen, weil sie beim Landesparteitag der Linkspartei in Rostock bei einer Gedenkminute für die Maueropfer sitzenblieb. In der jungen welt erklärte sie jetzt, warum sie sich so verhielt.

Man traut seinen Augen kaum:

Wir leben in einer Demokratie, in der es jeder und jedem selbst überlassen sein sollte, wo, zu welcher Zeit und mit wem er welcher Opfer gedenkt. Ich bin sitzen geblieben, weil ich an die Menschen, auch in meiner Familie, gedacht habe, die in den Klassenkämpfen des vergangenen Jahrhunderts ihr Leben gelassen haben…

Der Parteitag wurde bewußt auf dieses Datum gelegt. Ein naheliegender Grund wäre gewesen, daß es der 140. Geburtstag von Karl Liebknecht war. Der 13. August ist tatsächlich ein besonderes Datum für Die Linke. Ebenso in der Geschichte der SPD, zu deren revolutionärem Flügel er gehörte. Karl Liebknecht war ein Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit und Frieden – denken wir allein an die Verweigerung seiner Zustimmung zu den Kriegskrediten. Karl Liebknecht hat seinen Kampf für soziale Gerechtigkeit und Frieden mit dem Leben bezahlt. Am 13. August wären wir gut beraten gewesen, uns – auch angesichts des Wahlkampfs – an seinen Kampf zu erinnern. Ich erinnere an unsere programmatischen Aussagen zur sozialen Gerechtigkeit, zum sozialen Frieden hier in Deutschland und in der Welt.

Pflichtgemäß sagt sie zwar noch, dass „jeder Tote einer zuviel“ gewesen sei, aber das war es dann auch.

Frau Linke erzählt allen Ernstes, dass sie an dieser Gedenkminute nicht teilnehmen konnte, weil sie da zufällig an irgendwelche anderen Leute gedacht hat. Inklusive dem üblen Hinweis auf Menschen in ihrer Familie. Nett auch, dass Linke sich freut, in einer Demokratie zu leben, weil man dann wenigstens sitzenbleiben kann.

Noch übler äußert sich der ebenfalls sitzengebliebene Bernd Buxbaum auf Linkes Website zum Thema:

Ich wollte auch nicht mit einer demonstrati­ven Schweigeminute den Dienst vieler junger Grenzsoldaten im Nachhinein delegiti­mieren, der unbestritten in den sechziger Jahren zur Entspannung in Mitteleuropa beigetragen hat.

Sicher hatten die Grenzsoldaten keinen einfachen Job. Aber es waren nunmal die, die schossen, nicht die, die erschossen wurden. Und es stellt sich die Frage, ob sie wirklich schießen mussten:

„Aber mir ist wichtig, dass Tausende nicht geschossen haben – und zwar absichtlich nicht.“

Das sagt der Ex-Grenzsoldat Richard Hebstreit, und er ist nicht der einzige.

Natürlich ist der bürgerliche Blick zurück auf den 13. August 1961 einseitig. Es ist eine Geschichtsschreibung der Sieger. In Westdeutschland ist man ja mit der moralischen Kategorie „Mauer“ sozialisiert worden. Der böse Russe halt. Und natürlich müsste man 50 Jahre nach dem Bau der Mauer und 20 Jahre nach ihrem Abriss so langsam in der Lage sein, ein vernünftiges Urteil zu fällen, das geschichtswissenschaftlichen Kategorien standhält. Und natürlich müsste man die Frage stellen, was der DDR seinerzeit übrig geblieben wäre. In einer historisch einmaligen Situation sagt der reiche Staat den Einwohnern des benachbarten armen Staates, dass sie jederzeit kommen können, die Staatsbürgerschaft und Geld kriegen. Drei Millionen haben das bis 1961 gemacht und Westberlin versorgte sich mit spottbilligen Lebensmitteln aus Ostberliner Konsumhallen. Es musste etwas passieren. Abriegeln oder Staatsaufgabe, vielleicht das Umkippen des ganzen Ostblocks. Also unrealistisch. Die Mauer war relativ human. Die Amis, die Franzosen und die Briten hatten auch nichts dagegen. Und ohne Hitler ist die Mauer nicht denkbar, sicher.

In alledem hat Marianne Linke recht, falls sie das so sagen wollte. Und es fehlt in dieser Debatte tatsächlich die ostdeutsche Perspektive. Stattdessen plappern die Knabes und die Gaucks und die westdeutschen Scharfmacher drauflos und moralisieren einen komplizierten historischen Vorgang.

Doch es ist ein Riesenunterschied, ob ich über geschichtliche Zusammenhänge nachdenke und zu differenzierten Schlüssen komme, oder ob nicht in der Lage bin, für etwa 1.000 erschossene Menschen aufzustehen.

Als ob es nicht die Geste wäre, die zählt.

Alles so harmlos heute: Dort, wo jetzt die Bank steht, stand früher die Mauer (Sacrow bei Potsdam):

(Foto: genova 2011)

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6 Antworten zu „Der 13. August ist ein besonderes Datum für Die Linke“

  1. Observator schreibt:

    Ewig Gestrige gibt es nicht nur im rechten Spektrum. Oder sind diese sog. Linken eigentlich dem rechten Spektrum zuzurechnen?

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  2. genova68 schreibt:

    Das ist eine für die Linkspartei berechtigte Frage. Es sind die Überbleibsel des SED-Kleinbürgerapparates. Es ist überhaupt der größte Vorwurf, den man der SED machen muss: Sozialismus versprochen und Kleinbürgertum geschaffen zu haben. Diese alten SED-Kader wären in der BRD in die CSU oder gleich in die NPD eingetreten. Das Problem löst sich wohl mit der Zeit, weil sie wegsterben.

    Wenn man sich das linke Spektrum anschaut, ist es eh verwirrend. Ewiggestrige, esoterische Spinner, haufenweise Selbstdarsteller, Antisemiten, Totalitäre, Diktatoren, Depressive, alles vertreten. Neben den guten, natürlich :-)

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  3. MondoPrinte schreibt:

    @ genova 68: Schöner Beitrag, gute Antwort auf Observator. Mein Eindruck: Da werden Moralisierungsansätze gegeneinander ausgespielt. Wenn ich mir so die von Dir zitierten Auskünfte der LINKEN-PolitikerInnen anschaue, dann hat das eben auch mit Siegerjustiz zu tun – mit „Argumenten“ des einistigen DDR-Mainstreams. Diese Typen wünschen sich nicht die DDR zurück, weil sie so sehr auf Betonkommunismus und Bananenmangel stehen, sondern weil sie dann wieder ebendort stehen könnten, wo sie geistig hingehören: im kleinbürgerlichen Mainstream, der berechtigte Argumente eben mal weg moralisiert.

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  4. genova68 schreibt:

    Ja, mondoprinte, dieser moralistische Ansatz nervt. Mir ist das auch erst vor ein paar Jahren aufgefallen. Ich war von Kindesbeinen einmal jährlich in der DDR zu Verwandtschaftsbesuch, Politik wurde da meist auf ein moralisches Level runtergebrochen. Das ist im privaten Bereich ja völlig ok. Es ist das große Verdienst der westdeutschen Propaganda, dass diese Perspektive auch 2011 noch vorherrschend ist.

    Moralisiserungsansätze auf beiden Seiten, ja, stimmt, jetzt, wo du es schreibst. Frau Linke macht mit ihrem Hinweis auf Liebknecht nichts anderes.

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  5. MondoPrinte schreibt:

    @ genova 68: Ich erinnere mich an 1990, als ich, 16 Jahre alt, mit meinen Eltern Urlaub in Ratzeburg machte. Wir konnten uns einen Blick über die nicht mehr unpassierbare Zonengrenze nicht verkneifen. Wir fuhren nach Lübz, nach Gardebusch und nach Schwerin. Dort betraten wir einen Konsum, um vorgeblich Socken zu erwerben. Was mir unangenehm war: Meine Eltern wussten den nicht gerade begeisterten Werktätigen des Konsum-Marktes, mit aufmunternden „So wird das nie was hier“ und „Sehen Sie, es ist kein Wunder, dass Ihr Staat kaputt gegangen ist“-Weisheiten gleich das Aroma von Freiheit und Abenteuer zu vermitteln. „Wir“ kamen ja aus dem Westen. „Wir“ waren die Guten. Wir lernten einen ehemaligen Grenzsoldaten kennen und wurden zu ihm nach Hause in seine Plattenbauwohnung eingeladen. Meiner Schwester und mir grauste es nur noch… Wir bekamen „echten Bohnenkaffee, so wie Sie ihn kennen und lieben“ von der Dame des Hauses serviert, und der Grenzsoldat und selbige brachen in fassungsloses Geknatter aus, als mich meine Eltern aufforderten zu erzählen, dass „wir im Westen“ in der Schule „ja auch“ was von Marx und Lenin gelesen hätten. Meine Eltern benahmen sich im Wohnzimmer des Grenzsoldaten und seiner Frau wie Gäste in einer Freakshow bzw. wie Angehörige einer überlegenen Kultur. „Sieht ja ganz behaglich aus hier, aber die Toilette!“

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  6. genova68 schreibt:

    Diese paternalistische Haltung, die du beschreibst, gab es wohl massenhaft in den frühen Neunzigern. Ich habe in der DDR aber auch oft erlebt, dass ganz bewusst das Westprodukt präsentiert und die eigenen Sachen versteckt wurden. Es wurden Scorpions-Platten aufgelegt und die Frage, ob sie denn auch etwas aus DDR-Produktion auflegen könnten mit dem Hinweis beantwortet, das tauge nichts. Ich habe den Eindruck, dass die Wertschätzung der eigenen Produkte erst nach 1990 begann.

    Bei meinen Verwandschaftsbesuchen war, wenn ich mich recht erinnere, immer klar, dass der Westen der bessere Staat ist, das haben Ossis und Wessis gleich gesehen. Ein differenzierterer Blick kam erst nach der Wende. Vorher wussten waren die Ossis, was ich so mitbekommen habe, sehr westfixiert. Mein Cousin wollte beispielsweise mal von mir wissen, was denn das Sportschuhmodell adidas soundso kostet. Ich kannte nicht mal das Modell.

    Dass die BRD der bessere Staat war, würde ich allerdings exakt so sehen. Und zwar nicht wegen der adidas-Schuhe.

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