„Vermeidung von Analyse“: Versuch einer Definition von „Gutmensch“

Eine Definition des grassierenden Begriffs „Gutmensch“ (bzw. der Leute, die ihn gebrauchen), die es ziemlich gut trifft, finde ich. Gefunden im Forum von Spiegel-Online von einem User namens „inkorekt“. Danke!

„‚Gutmensch‘ ist eine antikritische Kategorie. Sie dient der Vermeidung von Disput und Analyse. Gebraucht wird sie hauptsächlich von denen, die meinen, mit der Feststellung einer ‚knallharten Tatsache‘ wäre über diese Tatsache schon alles nötige, wenn nicht die ‚Wahrheit an sich‘ ausgesagt. Trägermaterial dieser ‚Wahrheit‘ ist das, was eigentliche Analyse und Kritik bloß anstößt und unterlegt (und nicht zuletzt selbst ihr Gegenstand ist): die Statistik. Wo über diesen Faktenfatalismus hinausgedacht wird, kommt die Abwehr-Floskel vom ‚Gutmenschen‘ zum Einsatz. Sie wendet sich nur vordergründig gegen die Leugner und Beschöniger von Missständen. Tatsächlich gilt ihren Verwendern jeglicher Versuch, die oft komplexen Zusammenhänge und Konditionierungen hinter einem Faktum (gemachtes!) zu ermitteln als ‚Verschleierung‘ der einen, ’nüchternen‘ Wahrheit.

Die Geisteshaltung hinter dieser Anschauungsweise ist altbekannt (und hat in Deutschland Tradition). Sie entspringt dem idiosynkratischen Misstrauen gegen Kritik und Abstraktion, welche solchem Denken bloß als Zersetzung des einfachen, eindeutigen und homogenen gelten.“

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So verstanden, halte ich die Kritik am Begriff des Gutmenschen für sinnvoll. Es geht hier in erster Linie um den Unwillen, um die Ecke zu denken, darum, den Versuch des Verstehens zu diskreditieren – unabhängig von der persönlichen Haltung zum Gegenstand der Kritik – weil das zu einer differenzierten Perspektive führen kann. Und genau die ist nicht gewollt, weil man doch die Unübersichtlichkeit, die Multidimensionalität aller möglichen Sachverhalte gerade entsorgen will: hier wir, dort die.

Mit welchem Begriff linke Denkunwilligkeit bezeichnet werden könnte, ist eine andere Frage.

Nur so nebenbei.

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7 Antworten zu „Vermeidung von Analyse“: Versuch einer Definition von „Gutmensch“

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  2. InitiativGruppe schreibt:

    Was macht man, wenn man als „Gutmensch“ bezeichnet wird?
    Am besten, man bekennt sich stolz zu dem Titel, oder man meint bescheiden, eine so edle Charakterisierung nicht verdient zu haben.

    „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ (Goethe)
    Mit Goethe liegt man bei denen, die DEUTSCH sein wollen, nicht schlecht.

    Man kann den Begriff dann auch umdrehen. Wer meint, „Gutmensch“ sei etwas Schlechtes, bekennt sich indirekt dazu, „Schlechtmensch“, „Bösmensch“ oder „Unmensch“ zu sein.
    Wenn man das souverän macht, vergeht dem Gegenüber der Spaß am Gebrauch des Begriffs.

    Diejenigen, die den Begriff „Gutmensch“ verwenden, wissen nicht, was eine „antikritische Kategorie“ ist; im Gegenteil, sie sind überzeugt, gerade mit diesem Begriff „Kritiker“ zu sein. Also muss man versuchen, den Begriff zu unterlaufen.

    Ich hab jetzt schon seit einem halben Jahr niemand mehr auf meinem Blog gehabt, der den Begriff gegen mich verwendet. Vielleicht kommt er grade aus der Mode. „Bösmensch“ Breivik könnte ihm den letzten Schubs in den Begriffsmüll gegeben haben.

    Insofern wär dann jetzt die Frage interessanter, die du am Schluss stellst: Linke Denkunwilligkeit – haben wir dafür einen gut charakterisierenden Begriff?

    In meinen jungen Jahren hab ich „Dogmatismus“ gesagt, aber das hat ab der Sponti-Wende der Linken nicht mehr richtig gepasst, jedenfalls nicht mehr auf die meisten.

    Heute fällt mir auf, wie sehr Verschwörungstheorien typisch sind für denkunwillige Linke. Aber auch immer noch die hitzige Unmittelbarkeit der Spontis. Und der pseudo-coole Zynismus enttäuschter Romantiker. Nehmen wir dazu noch einen Schuss des alten Dogmatismus, dann ergibt das ein Cocktail, für das ich zusammenfassend sagen könnte: die selbst-unkritische Linke.

    Ich hab mir grad ein Buch gekauft, das heißt „Blödmaschinen“. Ich hab es noch nicht gelesen, aber vielleicht findet sich da ein plastischer Begriff und eine tiefer gehende Analyse linker Denkunwilligkeit.

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  3. genova68 schreibt:

    Blödschmaschinen, lol. Schöner Titel.

    http://www.suhrkamp.de/buecher/bloedmaschinen-markus_metz_12609.html

    Wohl auch ein interessantes Buch, danke für den Hinweis. Die Autoren stellen es am 29. September in Berlin vor, lohnt vielleicht, da hinzugehen. Kulturelle Aspekte des Neoliberalismus beleuchten die, das wird viel zu wenig gemacht. Auch in Bezug auf England wäre eine solche Analyse hilfreich. Mir fiel die Tage auch ein, dass die Plünderer genau das machen, was ihnen seit Jahrzehnten eingehämmert wird: Sie „holen“ sich das Produkt, und zwar sofort bzw. „noch heute“.

    Die selbst-unkritische Linke, ja, das ist wohl ein Teil davon. Dogmatismus in Form von möglicher Enthumanisierung, wenn es dem großen Endziel dient. Es ist erschreckend, wie viele Vollidioten es im linken Lager gibt, das wird seit der Erfindung des Internets so richtig deutlich.

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  4. jepp schreibt:

    ich hör den begriff `gutmensch` nur von nationalisten. denen geht es hauptsächlich um die ausländerpolitik. sie fühlen sich von muslimen bedroht, hätten gerne ein `sauberes`, `reines` und `unvermischtes` deutschland. homosexuelle sind ebenso nicht erwünscht.
    sie halten multikulti für kacke und möchten nicht, dass sich deutsche mit ausländern `vermischen`.
    breiviks worte finden sie `auf den punkt getroffen`. sie glauben, dass muslime dabei sind europa zu `erobern` und dem einhalt gebieten zu müssen.
    wer das anders sieht, ist ein `gutmensch`.
    sie möchten nicht mit nazis verglichen werden. ich selber sehe da keinen großen unterschied.
    mir wäre eine regierung der `gutmenschen` tausend mal lieber als eine der breiviks.

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  5. hanneswurst schreibt:

    Eine Regierung von „Gutmenschen“ wäre völlig überfordert, wenn es darum ginge, aus einer Reihe von Übeln das Kleinste auszuwählen. Ein klassisches Beispiel ist die für einen Gutmenschen typische Annahme der Inkommensurabilität von Geld und menschlichem Leben. Ein Menschenleben scheint gegen keinen möglichen Geldbetrag tauschbar zu sein. In der Prävention zum Beispiel ist jedoch genau dies nötig. Wenn zwei Vorsorgeuntersuchungen das Gesundheitswesen im Jahr den gleichen Betrag kosten, die eine Vorsorgeuntersuchung jedoch durchschnittlich doppelt so viele Leben rettet wie die andere und das Budget nur für die Einführung einer Untersuchung reicht, dann wird die effektivere Untersuchung ausgewählt – womit statistisch die Menschen in den Tod geschickt werden, die von der weniger effektiven Untersuchung profitiert hätten. Damit solche Entscheidungen leichter zu treffen sind, wird ein Lebensjahr in Euro umgerechnet, denn tatsächlich muss die weniger effektive Untersuchung ja auch mit anderen Dingen konkurrieren, wie zum Beispiel mit dem Bau einer Fußgängerzone etc.

    Hiervon möchte ich zur einzig richtigen Definition von „Gutmensch“ überleiten: ein Gutmensch ist ein Mensch, der jeglichen Utilitarismus zugunsten einer deontologischen Position opfert, der also stets rücksichtslos sein moralisches Empfinden über die Möglichkeit der effektiven Abwendung von Übel stellt. Natürlich ist „Gutmensch“ als Beleidigung gemeint und tatsächlich wäre es schlimm, wenn die Gutmenschen überwiegen würden: ganz allgemein hat sich die unflexible Anwendung einer Doktrin (oder gar einer Ideologie) als ineffektiv herausgestellt, und auch eine gefestigte Moral ist eine Doktrin.

    Jedoch ist es leider so, dass die inzwischen zahlreichen neokonservativen Spießer die Vokabel „Gutmensch“ im falschen Kontext gebrauchen, zum Beispiel für Menschen mit einem ganz gesunden sozialen Empfinden. Da ist schon ein Gutmensch, wer einen Rückzug aus Afghanistan oder eine Krankenkasse für Bedürftige fordert („Obamacare“). Das ist natürlich Stuss wie so Manches, was vom rechten Rand herüberschallt und erfordert eine neue Bezeichnung für das, was eigentlich „Gutmensch“ bedeutet. Wie wäre es mit „Moralapostel“.

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  6. InitiativGruppe schreibt:

    Man könnte den Begriff Gutmensch schon so gebrauchen, wie du vorschlägst – es würde einigen Sinn machen.

    Aber es wäre schade … Ich hab mich so dran gewöhnt, dass ich (ich! ein notorischer Machiavellist, Utilitarist und Relativist!) ein Gutmensch bin, dass ich ungern auf diesen so warmen, weichen, freundlichen Begriff zu meiner Selbstcharakterisierung verzichten möchte.

    Ich weiß, man kann es sich nicht aussuchen, wie einen die anderen (vor allem die Feinde) nennen. Ich nehm’s, wie’s kommt.

    Vom Standpunkt der Islamfeinde aus finde ich (1) „Dhimmi“ als Begriff zur Charakterisierung meiner und unserer Position recht treffend. Außerdem sind wir (2) „Vaterlandsverräter“, (3) „Ökoneurotiker“, (4) „Kommunisten“ und (5) „elitäre Pseudointellektuelle“. Jetzt fehlt der übergreifende Begriff, der diese fünf Bösartigkeiten umgreift. Ich finde, Fjordman und Breivik haben bereits einen geeigneten Begriff dafür vorgeschlagen, nur, blöderweise, ist das, was die beiden sagen, im Moment nicht koscher … „Kulturmarxisten“ nennen sie uns.

    Pech für die Karriere dieses großartig geprägten Begriffs!

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  7. genova68 schreibt:

    Genau genommen handelt der Artikel nicht von der Definition von Gutmensch, sondern er beschreibt diejenigen, die diesen Begriff gebrauchen. Meine Überschrift ist falsch, merke ich gerade.

    Was inkorekt über diejenigen sagt, die „Gutmensch“ gebrauchen, zeigt, dass „Gutmenschen“ dringend nötig sind. Hannes versucht nun, den Begriff sinnvoll zu füllen. Vielleicht so, wie du das machst. Ich fand es seinerzeit schon heuchlerisch, als Mißfelder öffentlich fragte, ob 80jährige neue Hüftgelenke brauchen. Natürlich ist das immer einer Kosten-Nutzen-Rechnung. Aber man sagt das nicht so gerne.

    Ich würde den Begriff komplett weglassen. Von alten und neuen Nazis versaut.

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