Vom Pfeifen in Orkanstärke

Nochmal kurz zu Breivik und seiner geistigen Verwandtschaft in Deutschland. Ein Autor des Blogs Politically Incorrect, der Wahlberliner Marc Doll, rezensierte (wenn man das so nennen will) vor gut zwei Jahren einen Actionfilm namens „96 Stunden“. Es geht dort, wie in unzähligen Hollywood-Produktionen, um eine Variation des Themas „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Eine junge Amerikanerin wird in Paris von albanischen Mädchenhändlern entführt, und Mills, der Vater, beginnt seinen Feldzug gegen das Böse.

cinefacts schrieb damals über den Film:

Man darf sich nicht mit Fremden einlassen. Der Papa wird’s schon richten. Bleibe im Lande und nähre dich redlich. Der Zweck heiligt die Mittel. Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Derartige simple, reaktionäre Weisheiten verbreitet der Film, und er zeigt ausführlich, was passiert, wenn man sich nicht dran hält.

Dabei sind die Actionsequenzen wirkungsvoll inszeniert: Es tut dem Zuschauer wirklich weh, wenn Mills wieder mal zuschlägt, wenn er einen der Schurken Metallstäbe in die Oberschenkel rammt, um dort Strom anzuschließen für die Folter, wenn er die Knochen krachen lässt bis zum schmerzvollen Tod. Das will man gar nicht sehen; vor allem, weil es in einen Kontext eingebettet ist, der all dies gutheißt. Denn die ganze zornige Rache von Mills, daran lässt der Film nie einen Zweifel, ist gerechtfertigt, weil die da sterben werden keine Menschen sind, sondern die Räuber seiner Tochter.

Dies ist ein grundübler Film: sowohl was die ultrareaktionäre Haltung betrifft als auch die ultrabrutale Umsetzung. Und es ist ein Skandal, dass die FSK diesem Hassfilm eine Freigabe ab 16 gewährt hat.

Marc Doll dagegen ist von „96 Stunden“ begeistert:

Das Werk ist eine, in eine brillant-subtile Form gegossene, Abrechnung mit einer durch das Versagen der links-liberalen „Multi-Kulti“-Apologeten entstandenen und kaum mehr aufzuhaltenden gesellschaftlichen Katastrophe in den europäischen Großstädten.

Eine Abrechnung mit der zunehmenden Islamisierung und Orientalisierung, die die abendländisch geprägten gesellschaftlichen Werte zersetzt; eine Abrechnung mit inkonsequenten europäischen Staaten, die sich weg ducken statt endlich einzugreifen.

Dieser Action-Reißer pfeift in Orkanstärke auf politische Korrektheit und lässt seinen Hauptdarsteller Liam Neeson als von der Leine gelassenen Berserker über die Leinwand wüten. Die schmierigen orientalischen Bösewichte kriegen dermaßen ordentlich ihr Fett weg, dass einem schier die Spuke weg bleibt.

Die schmierigen orientalischen Bösewichte, die unsere abendländischen Werte zersetzen, haben jetzt in Norwegen ihr Fett weggekriegt, und Sozis waren das auch noch. Auf die Versager in der Politik können wir uns ja nicht verlassen. Breivik hat versucht, eine gesellschaftliche Katastrophe aufzuhalten, wohl in etwa so brilliant-subtil, wie in dem Film dargestellt.

Ein PI-User namens Toddyx kommentiert dazu:

WIR MÜSSEN WIEDER LERNEN, KOPF UND KRAGEN ZU RISKIEREN

Genau.

Es verschwimmen die Grenzen zwischen Fiction und Realität. Natürlich ist 96 Stunden nur ein Film. Aber offenbar (ich habe ihn nicht gesehen) trifft er mit seinem Gut-Böse-Schema einen Nerv: Man darf, ja, man muss sich wehren gegen das Böse. Egal wie. Und es ist kein Zufall, dass auf PI ausgerechnet dieser Film rezensiert wurde, wohl der einzige, der überhaupt einmal Beachtung fand bei Leuten, die mit Feindbildkonstruktionen beschäftigt sind.

Man könnte jetzt weit ausholen: Der Plot und die Umsetzung von 96 Stunden ist in extremer Form das, was die (vor allem amerikanische Filmindustrie) in weiten Teilen ausmacht: Feinbildkonstruktion, Kampf gegen das Böse, Abwehrhaltung, Legitimierung von Gewalt, dramaturgisch und cineastisch in die immergleich banalisierte kulturindustrielle Form gepresst, die dem Zuschauer ein dauerhaft wohliges Schaudern im Rückenmark verspricht. Dass diese extreme Darstellung in 96 Stunden auch gewaltbereite Kleinbürger anspricht, ist nur folgerichtig.

Sehr gut bringt das Armin Laschet, der ehemalige NRW-Integrationsminister, in der Welt auf den Punkt:

Diese Blogs entwickeln Horrorszenarien, sodass manche daraus die Rechtfertigung für einen irgendwie gearteten Widerstand ableiten. Das Verhetzen von Menschen schafft das Klima für Gewalttaten. Das ist fast deckungsgleich mit islamistischen Hetzseiten im Internet, die zum Widerstand gegen die westliche Welt aufrufen. Das sind die gleichen Mechanismen und die gleichen Denkmuster, durch die sich Einzeltäter radikalisieren. So wie wir islamische Hetzseiten beobachten, müssen wir auch diese rechtspopulistischen Seiten beobachten.

So ist es. Die fortwährende Entwicklung von Horrorszenarien ist das entscheidende. Es darf die Puste nicht ausgehen. Bei Islamisten wie bei deren angeblichen Kritikern.

Henryk Broder ist derzeit übrigens damit beschäftigt, dem „linksreaktionären Gutmenschenpack“ in Orkanstärke pfeifend auf die Mütze zu geben, während die Berliner Zeitung klarmacht, dass zwischen die Kameraden Broder und Breivik inhaltlich kein Blatt Papier passt. Nur so nebenbei.

Wer nun glaubt, ein Knallkopp wie Doll habe abseits rechtsextremer Internetforen nichts zu sagen, irrt: Er macht Karriere. Marc Doll ist mittlerweile stellvertretender Bundesvorsitzender der neuen „Bürgerrechtspartei“ „Die Freiheit“. Wählbar im September in Berlin.

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50 Antworten zu Vom Pfeifen in Orkanstärke

  1. Kilian schreibt:

    „Man könnte jetzt weit ausholen: Der Plot und die Umsetzung von 96 Stunden..“
    und so weiter…
    Warum diese Aussage, obwohl das doch gar nicht Deine Meinung sein kann?

    Schau Dir den Film mal an.

    Marc Doll hat seine Ideologie und ordnet den Film entsprechend ein. Ich habe den Film als unpolitisch empfunden. Vergleichbar etwa mit Man on Fire. Darüber kann man natürlich ausgiebig diskutieren – wann man den Film kennt.

    Deine letzten Artikel fand ich eigentlich sehr gut. Aber dieser Artikel passt sich an ein Klima an, in dem alle wie aufgescheucht ihr Weltbild verteidigen. Schade.

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  2. Bayer schreibt:

    Nun, Broder hat zumindest in Bezug auf Norwegen Recht. Linke Medien – inklusive zahlreicher Blogs – nutzen das Thema, um den „Kampf gegen Rechts“ zu intensivieren. In manchen Texten spürt man regelrecht, wie sehr sich der Autor – nicht wirklich, aber irgendwie dann doch – über dieses Verbrechen freut: Endlich kann man den „bösen Rechten“ und Islamkritikern etwas ans Zeug flicken! Offenbar hofft man, auf diese Weise auch legitime Kritik zu verhindern, indem man sie moralisch unmöglich macht.

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  3. hanneswurst schreibt:

    @Kilian: Einen ähnlichen Kommentar wollte ich auch schreiben, mich hat der Film auch gut unterhalten und wer daraus politische Ideologien zieht, bei dem ist sowieso Hopfen und Malz verloren.

    Ich meine aber, dass es Genova hier um instrumentierte Rezeption geht (die hier sowohl bei „cinefacts“ als auch bei Marc Doll in bananigster Form vorliegt). Es geht weniger um den Film und darum, was er anrichtet, sondern um eine allgemein reaktionäre, xenophobe und elitäre Stimmung – auch in der Kulturindustrie.

    Ich meine, dass da wenig dran ist. PI und Konsorten sind eine überschaubare Minderheit und die Sarrazins sind schon gefährlicher aber eigentlich selber bemitleidenswerte Irre. Aber es kann natürlich nicht schaden, beide Augen offen zu halten. Ehe man sich versieht ist man von einer grässlichen Spießergesellschaft umschlossen.

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  4. Nihilist schreibt:

    SCNR @ Bayer:
    Wie habe ich mal gelesen – diskutiere nie mit Idioten, sie ziehen dich auf ihr Niveau herunter, und dort sind sie einem überlegen.

    Also nur dieser dezente Hinweis das ich auf den dummen Beitrag nciht konstruktiv eingehe. Wäre Perlen vor die Säue werfen.

    Bye bye Bayern – sagte mal ein Träiner.

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  5. genova68 schreibt:

    Es geht um instrumentalisierte Rezeption, ja. Ich habe den Film nicht gesehen, wie gesagt, ich weiß auch nicht, ob man den Film ernsthaft mit „Islamisierungskritik“ in Verbindung bringen kann.

    Ich gebe aber auch ehrlich und arrogant zu, dass ich mir solche Filme grundsätzlich nicht angucke, auf keinen Fall im Kino, und wenn, dann nur nach dem zehnten Bier zuhause auf dem Sofa. Ein Mann verliert seine Tochter und übt dann massenhaft gewalttätige Rache, die Bösen sind Albaner, bzw. aus amerikanischer Sicht die verweichlichten Europäer, sorry, das ist mir wirklich zu alttestamentarisch. Das, was Hanneswurst mit einer „allgemeinen“ Stimmung in der Kulturindustrie bezeichnet: Vielleicht ja, vielleicht nein, was weiß ich. Die Verhaltensmuster in diesem konkreten Fall und in unzähligen, tausenden ähnlicher Filme sind reaktionär und reggressiv, ja, das würde ich schon sagen.

    Vielleicht sind solche Filme nötig, weil real Lynchjustiz überall verboten ist, dann lebt man das halt im Film aus, kann schon sein. Filmisch fände ich auch eine Story gut, in der Fahrraddiebe die Todesstrafe bekommen oder zumindest einen Schuss ins Knie. Das wäre wenigstens mal originell und meine Rachegefühle befriedigen könnte ich trotzdem. Bei der Vater-Tochter-Geschichte lässt sich das Feindbild allerdings so prima bedienen, das ist mir zuwider.

    Aber, wie gesagt, ich habe den Film nicht gesehen. Dass sowas „unterhaltend“ sein kann, sicher.

    Kilian,
    was habe ich an der Handlung denn falsch beschrieben?

    Bayer,
    deine Beiträge hier sind irgendwie sinnfrei, es geht über vorgestanzte Formulierungen nicht hinaus. Konkret kommt nichts. Ich kann darauf nicht antworten, selbst wenn ich es wollte.

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  6. hanneswurst schreibt:

    @genova: „nur nach dem zehnten Bier zuhause auf dem Sofa“ – auf diese Weise ist bestimmt auch die Marc Doll Rezension entstanden.

    Dabei ist es so ein schöner Familienfilm wertkonservativer Prägung. Dass die albanische Mafia so schlecht wegkommt – gemein. Ich nehme an, Hollywood schiebt den Schmutz gerne den Albanern in die Schuhe, weil die Amis sowieso mehrheitlich denken, dass Albanien gar nicht existiert (Albanien & Romina Power). War Sarrazin jetzt pro oder contra Balkan? Ich weiß es gar nicht mehr.

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  7. genova68 schreibt:

    Sarrazin war zumindest pro Balkan im eigenen Auge.

    Das mit Albanien & Romina Power ist interessant. Offensichtlich werden sie von der albanischen und romänischen Mafia finanziert: als Ablenkungsmanöver. Ich werde das umgehend recherchieren.

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  8. Bayer schreibt:

    @Nihilist

    Mir scheint, es ist eher eine Frage des KÖNNEN als des WOLLENS.
    Wenn Sie zum Inhalt meins Kommentars nichts zu sagen haben, dann verzichten Sie besser gänzlich darauf, etwas zu schreiben. So ein Spruch von wegen Niveau fällt ansonsten ganz schnell auf Sie zurück.

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  9. Bayer schreibt:

    @genova68

    Was ist denn zu unkonkret oder unpräzise daran, wenn ich die politische Instrumentalisierung des Verbrechens in Norwegen anprangere? Kann es sein, dass Dich das stört, weil Du da selber mit drin steckst? Man kann schon darüber diskutieren, ob und inwiefern sich ein Herr Breivik von „islam- und multikultikritischen Texten“ im Netz hat inspirieren lassen. Dann müsste man fairerweise sich aber auch die Frage stellen, wovon sich eigentlich die Typen, die nachts Autos abfackeln inspirieren lassen. Oder die anderen Gewalttaten aus dem linken Spektrum, die z.T. sicher auch auf einem ideologischen Fundament gründen.

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  10. genova68 schreibt:

    Anprangern? Sind wir hier bei Helge Schneider? Von dir kommt kein einziges stichhaltiges Argument, es kommen nur in Sorge verkleidete Vorurteile, Frasen. Und dass du angezündete Autos mit den Geschehnissen in Norwegen vergleicht, zeigt, dass dir das alles völlig egal ist.

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  11. Bayer schreibt:

    Hmmm, von Dir kommen gerade nur Unterstellungen. Du gehst auf meine Anmerkungen inhaltlich gar nicht ein. Sorry, falls ich nicht „schlau“ genug bin, irgendwelche mega-abstrakten Theorien vorzubringen, um ein beeindrucktes „uih, so habe ich das noch nie gesehen“ bei Dir auszulösen. Ich bin da eher pragmatisch und wenn ich hier eine Instrumentalisierung dieses Verbrechens sehe, sage ich das auch. Nein, ehrlich, auf dieser Ebene ist ein Gespräch leider sinnlos. Aber wie Du willst. Trotzdem noch einen schönen Tag.

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  12. hanneswurst schreibt:

    „Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es vereinzelte Stimmen, die diskutierten, ob ein Zusammenhang zwischen den grausamen Szenen in einzelnen Grimm-Märchen und den Gräueltaten der Nazis bestehe (z.B. schrieb Karl Privat im Berliner Tagesspiegel vom 7. Februar 1947 über die Vorschule der Grausamkeit. Eine Diskussion um die Märchen der Brüder Grimm). Doch dass es ein Druckverbot der KHM [Kinder- und Hausmärchen] in der Britischen Besatzungszone bis 1948 gegeben habe, ist eine Legende.“

    Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kinder-_und_Hausm%C3%A4rchen

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  13. Nihilist schreibt:

    Also schön, Bayer, SIE instrumentalisieren die Tat, indem Sie die Kritik an dem rechten Gedankengut, die Wurzel der Tat, als Instrument der „Linken“ darstellen.

    Es lag nicht am Können, sondern ich wollte mich nicht auf Ihre Ebene herabbegeben. Viel Spass noch da unten im Sumpf des rechten Gedankengut.

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  14. genova68 schreibt:

    Hansilein,
    so ein Zitat hier reinzustellen ohne Interpretation, funktioniert kommunikationstechnisch nicht. Was willst du uns sagen?

    Ich hingegen sage dir: Alles hat mit allem zu tun, natürlich auch Grimm mit Hitler.

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  15. Bayer schreibt:

    Nihilist, „rechtes Gedankengut“, wie Sie es so abwertend beschreiben, ist nichts verwerfliches und vor allem ist es – in einer Demokratie – auch völlig legitim. Nicht jeder Mensch steht politisch links und das ist auch gut so. Was Sie meinen, nennt man Rechtsextremismus – das Pendant zum Linksextremismus, übrigens, den es ja auch noch gibt (wird gerne vergessen).

    Wobei ich persönlich ja glaube, dass Breivik sich sogar anhand von Harry Potter hätte radikalisieren können. Der Mann ist einfach krank im Kopf, das beweist doch bereits sein „Tempelritter“-Zeug und die krankhafte Vorstellung, dass man ihn im Norwegen der Zukunft als „Helden“ verehren werde.

    Sie und andere nutzen dieses Verbrechen nun, um einen Feldzug gegen Rechts (wohlgemerkt, nicht bloß Rechtsextremismus) führen zu können. Und genau diesen Umstand kritisiere ich.

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  16. hanneswurst schreibt:

    Ganove, ich dachte, es erschließt sich ohne zusätzliche Worte. Einen Bezug zwischen dem Holocaust und Grimms Märchen herzustellen, wäre heute sicherlich eine Groteske und könnte auch als Verhöhnung der Holocaust-Opfer empfunden werden. Holocaust und Hausmärchen sind nicht kommensurabel, es führt kein Weg von A nach B. Natürlich kann man alles Mögliche für den Holocaust mitverantwortlich machen, zum Beispiel fettige Ernährung und die dünne Bergluft, aber tatsächlich können diese beiläufigen Dinge keinen Völkermord erklären und erst recht nicht entschuldigen.

    Der Vergleich Grimm/Holocaust und Broder/Breivik hinkt natürlich. Den Grimmschen Märchen unterstelle zumindest ich keinen Aufruf zur Intoleranz und zum nationalen Egoismus, während dies bei Broder natürlich der Fall ist, das braucht nicht erst hineingedeutet zu werden. Broder und Sarrazin wollen vor allem sich selber auf Kosten von benachteiligten Menschen eigene Vorteile sichern. Sie tun das auf eine erbärmlich plumpe Weise, so dass ich auch heute noch manchmal denke, dass diese Menschen in Wahrheit Doppelagenten sind, die der „rechten“ Sache schaden wollen und im Endeffekt dafür sorgen, dass die Bevölkerung darauf aufmerksam wird, was sich rechts außen für ein geistiger Abfall ansammelt.

    Diesen banalen, und für „Linke“ nützlichen Schrott als Wegbereitung für den durchgedrehten Breivik zu sehen, halte ich jedoch nach wie vor für genauso abstrus, wie die Grimm/Holocaust Ursachenforschung. Und ich werfe Dir und Deinen Mitstreitern vor, durch die Vertretung dieser These die Broder/Sarrazin Kritik zu sabotieren. Breivik ist mindestens so übel wie der durchschnittliche direkt am Holocaust beteiligte SS-Offizier. Er hat sich für die Tat bewusst zum Tier degradiert. Es ist völlig egal, mit welchen Inhalten er sich vorher beschäftigt hat, ob es Adorno, Broder oder Konsalik war. Diese Inhalte sind für alle zugänglich und nirgendwo gibt es hypnotische Textstellen die einen Menschen in die Raserei treiben. Es führt auch hier kein Weg von A nach B, und das inständige Beharren auf diesem angeblichen Kausalzusammenhang empfinde ich inzwischen als halsstarrig und wie gesagt der „linken“ Sache nicht nützlich. Die Broders und Sarrazins haben genug Angriffsfläche, auch ohne diese impertinente und unschlüssige Behauptung.

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  17. genova68 schreibt:

    Hannes,
    an den Holocaust habe ich nicht gedacht und den können wir aus der Diskussion hier ruhig draußenlassen. Mein hingerotzter Satz mit Grimm und Hitler sollte nur ausdrücken, dass ich mit diesem Vergleich, der von dir hier kommentarlos eingestellt wurde, nichts anfangen kann. Aber dennoch versucht jeder Historiker, Bezüge herzustellen, und über den Holocaust und Hitler sind diesbezüglich bekanntlich ganze Bibliotheken vollgeschrieben worden. Dazu braucht es übrigens weder dünne Bergluft noch fettige Ernährung.

    Dass sich Broder und Sarrazin auf Kosten benachteiligter Menschen EIGENE Vorteile sicher wollten, ist sicher richtig, aber nur ein Nebenschauplatz. Bei einer Buchauflage von 1,3 Millionen und der Dauerpräsenz von beiden in den Medien stelllt sich vielmehr die Frage, welche Auswirkungen das auf die Gesellschaft hat. Das ist mein Ansatz.

    Als Wegbereitung für Breivik halte ich all das Diskriminierende, was in dem Zusammenhang in den letzten Jahren geschrieben und gesagt wurde. Da ist kein Zusammenhang direkt herstellbar, aber der Ton macht die Musik. Die Begründungszusammenhänge von Broder etc. und Breivik sind offensichtlich, da muss man nichts hineindichten. Broder et al. in Norwegen und sonstwo haben – das habe ich jetzt schon x-fach geschrieben – eine Stimmung erzeugt, die eine finale Lösung nahelegt. Wir oder die. Was tut man gegen einen Tsunami, der alles vernichten will? Man wehrt sich. Und dass in diesen Dimensionen dieses Sichwehren unbedingt gewaltfrei sein muss, darauf muss jemand wie Breivik nicht unbedingt kommen. Zumal im Netz, bei PI und anderswo, diese Gewaltphantasien tagtäglich im Umlauf sind. Breivik hat sich meinetwegen zum Tier degradiert, aber alleine die 1.500 Seiten können doch nicht zu der Behauptung führen, dass es „völlig egal“ ist, mit welchen Inhalten er sich vorher beschäftigt hat. Er hat sich exakt mit dem beschäftigt, was er notiert hat, und für ihn ergab sich daraus eine logische, vielleicht sogar zwingende Konsequenz. Ich würde vermuten, er hat im Vorfeld eine extrem irrationale scheinemphatische Haltung aufgebaut, „seiner Kultur“ gegenüber, die er während der Tat umkehren konnte.

    Was heißt denn, ich sabotiere die Broder/Sarrazin-Kritik? Die Kritik, die die beiden üben oder die Kritik an ihnen? Beides ist falsch. Ich habe deren Kritik hier dutzendfach thematisiert und kritisiert (wo du doch gerne meintest, man solle sich mit denen nicht beschäftigen, was ich auch Quatsch finde, denn die Thesen standen ma massiv im öffentlichen Raum. Dann muss man dazu Stellung nehmen, gerade als Linker).

    Breivik ist so übel wie ein SS-Offizier, ok. Aber es ist sinnlos, hier alleinig mit dem „Bösen im Menschen“ zu argumentieren. Das waren dann wohl wieder die Gene oder sowas. Kein Hitler ohne gesellschaftliche Umstände und auch kein Breivik. Jeder Mensch lässt sich zum Mörder machen. Ansonsten müsstest du jeden Kindersoldaten in Uganda als das schlechthin Böse klassifizieren.

    Breivik war in irgendeiner Weise extrem, ja. Das werden jetzt wohl Fachleute klären, da halte ich mich raus, da habe ich keine Ahnung. Lies dir einfach mal hier im Blog die Artikel zu Broder, Sarrazin, PI und Konsorten durch, da sollten die strukturellen Ursachen von Breiviks Tat auffallen.

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  18. Nihilist schreibt:

    Sorry, Genova, nicht jeder Mensch lässt sich zum Mörder machen. Es gab auch Opfer unter den Kindern, die eben NICHT zum Soldaten werden wollten.

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  19. hanneswurst schreibt:

    @genova: Wenn Innenminister Friedrich (der Guido Westerwelle in meiner Beliebtheitsskala schnell den ersten Platz von unten abgerungen hat) sagt, das Internet ist Nährboden für solche Verbrechen und deswegen fordert, die Anonymität im Netz aufzuheben, dann lässt er sich scheinbar von ebenso logischen Kausalkonstruktionen leiten wie Du und fährt damit nur zufällig seinem sowieso vorhandenen Feindbild an den Karren.

    Übrigens könnte ich (wenn ich ein Vollhonk wäre) ebenso argumentieren, dass das Vorhandensein von Migranten und vor allem Muslimen in Europa der Nährboden für solche mörderischen Verbrechen ist. „Ihr mit Eurer liberalen Einwanderungspolitik habt uns den Breivik erst eingebrockt.“

    Meine Position in dieser Sache ist psychologisch gut abgesichert: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,778984,00.html

    Allerdings gebe ich auf die Ursachenforschung von Psychiatern (und erst recht von Hirnforschern) nur wenig. Die Ursachen für Breiviks Amoklauf sind nicht zu ermitteln, es KÖNNTE auch Broder/Sarrazin sein, wahrscheinlicher jedoch Vater, Mutter und fettiges Essen. Ich will damit nur deutlich machen, dass Deine These nicht haltbar ist.

    Du solltest jetzt hier endlich hinschreiben, dass es Dir Leid tut und Du Dich bedauerlicherweise total verrannt hast. Damit würdest Du zumindest meine These wiederlegen, dass das eigene Blog noch niemanden dazu gebracht hat, die eigene Position zu überdenken.

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  20. genova68 schreibt:

    Ich anerkenne dein Talent in Sachen (Real-)Satire und gebe zu, dass ich mich bedauerlicherweise total verannt habe, weil ich dieses deinige Talent nicht schon früher zur Kenntnis nahm.

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  21. hanneswurst schreibt:

    Zum Thema „psychische Ursachen“ hier der Beleg dafür, dass Breiviks Amoklauf durch verschiedenste psychische Störungen verursacht worden sein kann – oder auch nicht:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Psychopathographie_Adolf_Hitlers

    Ich meine nach wie vor, es hätte auch das fettige Essen sein können. Oder Broders gesammelte Werke. Man weiß nichts Genaues – jedenfalls kann man Broder nicht vorwerfen, er hätte die Morde befohlen oder irgendwie aktiv gefördert, und damit gehört er für mich eindeutig aus DIESER Schusslinie.

    Hier noch ein Interessanter Blogeintrag zum Thema, auf den ich bei meinen Recherchen über Michelle Bachmann gestoßen bin. Man beachte auch den einzigen Kommentar vom 24. Juli:

    http://pastortorpenglish.wordpress.com/2011/04/14/michelle-bachmann-sarah-palin-and-anemic-norwegian-christian-politics/

    Tea Party und solche Leute sehe ich tatsächlich näher dran als Broder und Sarrazin. Ist Bachmanns Blick nicht auch wie ein Energiestrahl aus einer anderen Welt? Jedenfalls kam es mir bei der Republikanischen Kandidatenshow in Iowa so vor. Sie redet tatsächlich wie Adolf Hitler: einzig und allein polemisch, nie inhaltlich, jedes Wort ist populistisch und demagogisch. Vielleicht ist sie aus einer Hypnose nicht zurückgekehrt. Wohlgemerkt: ich vergleiche ihre Taten nicht mit denen Adolf Hitlers, aber ihren politischen Stil. Solche Leute sind gefährlicher als die Broders und Sarrazins, und ich hoffe, die Amis schnallen das.

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  22. genova68 schreibt:

    Tea Party etc. sind näher dran, ja, gut möglich. Was da abgeht, ist ja kaum noch fassbar. Obama ist für die allen Ernstes ein „communist“. Es geht da nicht mehr ums Argument, sondern ums Ressentiment. Begriffe werden solange gebogen, bis sie sinnentleert sind. Es gab da kürzlich eine interessante Dokumentation auf Phönix zur Tea Party.

    Zur Argumentationsähnlichkeit zwischen Broder und Tea Party:

    „„Wenn islamische Kinder Gebetsräume in Schulen bekommen, dann können wir den Hindus ja auch den wunderschönen Brauch der Witwenverbrennung erlauben.“

    https://exportabel.wordpress.com/2011/02/16/nazis-2-0-auf-auslandstour/

    Siehe auch die Diskussion unter dem Artikel hier:
    http://kritikundkunst.wordpress.com/2011/08/11/broder-revisited/

    T.Albert spricht da von Resonanzerzeugung, um die es Broder geht. Der ist sicher nicht so fanatisch wie Bachmann und Konsorten. Aber gezielt demagogisch und über Leichen gehend. Wer nun schlimmer ist, ist eine müßige Frage.

    Vielleicht kannst du dich diesem Statement anschließen:

    „Weder Geert Wilders noch andere Rechtspopulisten, die von Breivik in seinem Manifest ausführlich zitiert wurden, haben zu direkter physischer Gewalt aufgerufen. Doch ihre Texte und Äußerungen waren hasserfüllt genug, um eine psychisch-labile Person dazu anzustiften“

    http://de.qantara.de/Breiviks-Ruf-zu-den-Waffen/16907c17172i1p8/index.html

    Man weiß nichts genaues, aber man weiß um die Stimmung, die Leute wie Broder oder diese Bachmann schaffen. Und um die geht es, ob ein Breivik nun zuschlägt oder nicht. Ich weise auf dieses Blog hin, in dem schon vor Jahren vor dem Arschloch Broder gewarnt wurde. Ein authentisches Avantgardeblog also.

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  23. hanneswurst schreibt:

    Ich kann gegen dieses „Statement“ nichts anbringen, finde aber, dass die Aussage „Das Essen war fettig genug, um eine psychisch-labile Person dazu anzustiften.“ ähnliche Gültigkeit haben könnte.

    Die Konsequenz eines solchen Statements wäre ja, dass man entweder die psychisch labile Person von der Außenwelt abschneiden oder die Quelle der Labilität verbieten müsste. Ich möchte aber nicht in einer Gesellschaft leben, die jede politische Unkorrektheit auf die Goldwaage legt oder sogar verbietet.

    Ich finde es richtig und wichtig Broder, Tea Party, Reps und andere Heiopeis zu kritisieren. Ich glaube jedoch nicht an geistiges Brandstiftertum und erst recht nicht an paternalistische Prävention von geistigem Brandstiftertum. Ich mache einen Menschen erst dann für die Wirkung seiner Aussagen verantwortlich, wenn dieser Mensch auch tatsächlich die Macht besessen hat, die Tat anzuordnen oder zumindest, sie zu verhindern.

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  24. Nihilist schreibt:

    Ach die Wurst wieder – menno, man muss keine Tat anordnen, denn dann hat man ja die Verantwortung und davor drücken sich viele. Es reicht als Anstifter zu arbeiten.

    Typen wie Broder sind Anstifter. Und dann „waschen sie ihre Hände in Unschuld“? So wollte schon mal jemand seine Verantwortung abwälzen.

    Wer trägt die Verantwortung für Waterboarding? Doch beide, die Befürworter und die Ausführenden.

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  25. hanneswurst schreibt:

    Ich meine schon, dass die Befürworter von Folter (in einer Demokratie) auch die Folgen der Folter verantworten müssen. Eine Folter kann auch positive Effekte erzielen, wenn zum Beispiel die Folterung eines Menschen den Tod von einer Million Menschen verhindern kann. Nur ein beinharter Gutmensch würde in einer solchen Situation die Folter noch ablehnen, und gehört dafür gefoltert. Das ist ein ohnehin schon äußerst kontroverses, ethisches Terrain, auch ohne dass Sie – Nihilist hin oder her – diese Dinge und die Zusammenhänge von Rechtspopulismus und dem Massaker von Oslo in einen Topf werfen. Denn ich sehe niemanden, der die Folge dieser feigen Morde an jungen Menschen in einen irgendwie gearteten sinnvollen, politischen Kontext stellen kann. Tatsache ist, dass Broder niemals solche Morde befürwortet hat. Ob er diese Tat auf irgendwelchen verschlungenen Wegen wissentlich oder unwissentlich gefördert hat – möglich wäre es. Ausschlaggebender war jedoch bestimmt das fettige Essen.

    Also, insofern gebe ich ihnen Recht: die Befürworter und die Anstifter zu einer Tat sind mitverantwortlich. Die Frage ist vielmehr, ob Broder zu dieser Tat angestiftet hat, ob er sie befürwortet oder gar angeordnet hat.

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  26. Nihilist schreibt:

    Man muss ihn eben an seinen eigenen Aussagen messen.

    Er soll ja gesagt haben, das es nicht darauf ankommt was man schreibt, sondern was daraus gemacht wird. Und Breivik hat nun einmal auch aus dem was Broder schreibt etwas „gemacht“.

    Und noch eines – Gandhi – aus – Wer den Weg der Wahrheit geht stolpert nicht – Wie kann jemand an die Wahrheit glauben, wenn er nicht an die Gewaltlosigkeit glaubt? Wenn die Gewaltlosigkeit nicht verwirklicht werden kann, kann auch die Wahrheit nicht verwirklicht werden.

    Folter, sogar die Androhung von Folter IST Gewalt. Angst essen Seele auf – und wer Angst vor drohender Folter hat, die ihm angedroht wurde, um ihn gefügig zu machen, ist ein Opfer von Gewalt.

    Und noch einen Text von Gandhi – Jedermann (hoffe ich stark) stimmt zu, daß es töricht ist, Böses zu tun. Aber die Ansicht, schlechte Mittel würden gerechtfertigt durch ein gutes Ziel, muß als noch törichter betrachtet werden. (In dem Sinne haben Sie sich als töricht geoutet).

    Und zum Schluß eine Analogie – Gandhi schrieb – Einer begeht einen Diebstahl, ein anderer begünstigt ihn, ein dritter trägt sich mit dem Gedanken. Alle drei sind Diebe.

    Broder, Breivik, PI! Alle drei sind Täter! Aber nicht nur diese drei.

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  27. hanneswurst schreibt:

    Sie schreiben über einen uralten (und ungelösten oder vielleicht auch unlösbaren) Konflikt von teleologischer und deontologischer Ethik und nehmen darin eine Position ein, was ihr gutes Recht und ganz vernünftig ist, keineswegs möchte ich Ghandis Weg der Gewaltlosigkeit schlechtreden.

    Im nächsten Schritt erklären Sie dann Ihre Denkweise zur einzig Richtigen, gerade so als hätten Sie die Weisheit mit Löffeln gefressen, und degradieren andere Denkweisen zu Torheiten. Auch passt Ihre Ghandi-Güte gar nicht zu Ihrer Äußerung: „Hundebesitzer aufgepasst, wer nicht hören kann oder will, der muss es eben auf die harte Tour lernen, den Haufen zu entfernen.“ Das klingt für mich eher konsequentialistisch.

    Aber wie dem auch sei, Sie behaupten von sich ein höchst moralischer Mensch zu sein, weil sie wissen was gut ist, und eben dies tun. Dann verurteilen Sie sicherlich die Vorgehensweise von Daschner vs. Gäfken. Ich dagegen begrüße Daschners Verhalten. Ungefähr jeder zweite Mensch hat in dieser Sache eine andere Meinung. Das ist „by design“ oder besser „by evolution“, es scheint sich als erfolgreich für das Überleben herausgestellt zu haben, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sind.

    Was ich an Ihrer Haltung kritisiere, ist ein logischer Bruch. Sie plädieren für Intoleranz gegenüber den Haltungen, die Sie als „böse“ identifizieren. Andererseits ist es gerade die Intoleranz, die Sie an den „Bösen“ als „böse“ herausstellen. Das verhindert natürlich Ihre Annäherung an Ghandi.

    Dies alles hat aber wenig mit Broder und Breivik zu tun. Wer waren die noch mal? Ach ja, einer hat in Oslo einen Massenmord verübt und der andere hat das Manifest dazu verfasst. Halt! Sie haben mich schon ganz verrückt gemacht mit ihrer Bigotterie!

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  28. genova68 schreibt:

    „Ich glaube jedoch nicht an geistiges Brandstiftertum und erst recht nicht an paternalistische Prävention von geistigem Brandstiftertum. Ich mache einen Menschen erst dann für die Wirkung seiner Aussagen verantwortlich, wenn dieser Mensch auch tatsächlich die Macht besessen hat, die Tat anzuordnen oder zumindest, sie zu verhindern.“

    Hannes, du lavierst hier ganz schön rum. Woran du glaubst oder nicht, ist erstmal egal, es ist zwar Sonntag, aber wir sind hier nicht in der Kirche. Du sprichst hier von soziologischen und publizistikwissenschaftlichen Zusammenhängen, nicht um Glaube.

    Und was ist in dem Zusammenhang Macht? Haben Medien keine Macht. Hat die Bildzeitung keine Macht? Hat jemand, der gut schreibt, extrem zuspitzt, Ressentiments füttert um den Preis der seriösen Argumentation, der täglich in den Medien präsent ist, dessen Bücher überall besprochen werden, der in seiner „Wir oder die“-Konstellation indirekt klar zum Wehren, zur Tat auffordert, keine Macht? Du leugnest offensichtliche publizistische und gesellschaftliche Zusammenhänge, eben weil du diese Kategorien nicht ausreichend berücksichtigst.

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  29. hanneswurst schreibt:

    Wenn jetzt jemand Broder eine Kugel in den Kopf schießt und als Begründung seiner Tat auf das Exportabel Blog verweist, in dem ja klar beschrieben ist, dass es eine sinnvolle Entscheidung sein kann Broder zu exekutieren weil er ursächlich für die Gräueltat in Oslo ist, müsste man dann Dir ebenfalls eine direkte Mitschuld an einem solchen Mord zuweisen?

    Wir sind hier zwar nicht in einer Kirche, aber auch nicht in einer Ausnüchterungszelle, mein lieber Ganove.

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  30. genova68 schreibt:

    Die „klare Beschreibung“ hier, dass Broders Exekution sinnvoll ist, musst du mir bitte zeigen. Wenn du sie findest und dann jemand Broder exekutiert und auf exportabel verweist, werde ich in mich gehen.

    So, jetzt muss ich weiter ausnüchtern.

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  31. hanneswurst schreibt:

    Ebenso musst Du mir bitte die klare Handlungsanweisung Broders bezüglich Breiviks Amoklauf zeigen.

    Wir sprechen hier über einen geistigen Vaterschaftstest, den es so ja glücklicherweise (oder leider – auch das wäre sicherlich zu diskutieren) nicht gibt. Jedenfalls meine ich, Du könntest ebenso Anstifter zum Broder-Mord genannt werden wie Broder Anstifter zu Breiviks Morden genannt werden kann. Es gibt eigentlich nur zwei Auswege: Meinungsfreiheit beschneiden oder Meinungen weniger stark in die Verantwortung ziehen, und ich plädiere für Letzteres.

    Wenn jeder befürchten muss, dass er sich durch seine Meinungsäußerung zum potentiellen Mitschuldigen eines Massenmords macht, kann das doch nur in einem allerseitigen Trend zum Maulhalten enden.

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  32. genova68 schreibt:

    Ich will Meinungsfreiheit nicht beschneiden, aber Meinungsfreiheit bedingt, dass man auch Kritik an geäußerten Meinungen üben darf.

    Zu Broder nochmal ganz deutlich: Breivik zitierte ihn aus einem Interview mit einer holländischen Tageszeitung. Dort riet er „freiheitsliebenden jungen Europäern“ Europa zu verlassen, weil hier der Islam komme und Freiheit künftig nicht mehr möglich sei. Broder suggeriert hier ein Extrem: Wir Europäer müssen den Kontinent verlassen, weil die Moslems kommen und die Scharia einführen. Die Völkerwandung ist ein Dreck dagegen. Es wäre die größte Massendeportation der Geschichte, ein kaum vorstellbares Ausmaß. Wenn ich Broders Szenario, das er ohne erkennbare Ironie skizziert hat, Ernst nehme, dann ist Widerstand dagegen nicht nur legitim, sondern legal, siehe Art. 20 GG. Und dort ist ganz bewusst nicht von „gewaltfreiem“ Widerstand die Rede. Breiviks Tat ist EINE mögliche Konsequenz des Broderschen Szenarios. Wer Millionen angestammter Menschen brutal unterjochen will, gegen den darf ich Krieg führen. Diese Konsequenz bestreitet niemand, der Punkt ist die absurde Beschreibung der angeblichen Ausgangssituation. Und das war bei Broder kein Ausrutscher, dieser Rassismus ist bei Broder Programm, auch hier im Blog in den Artikeln über ihn nachlesbar.

    Nimm das doch in deiner Argumentation einfach mal zur Kenntnis. Stattdessen erzählst du jetzt, ich würde zum Mord an Broder aufrufen, weil ich seine Argumentation kritisiere, und das jederzeit belegbar und rational nachvollziehbar. Ich behaupte nicht, dass ich oder andere Europa verlassen müssen, weil Broder so böse ist.

    Du kannst auch nicht „Meinungen weniger stark in die Verantwortung ziehen“, was ist das denn für ein Geschwurbel. Du kannst höchstens für dich entscheiden, dich mit bestimmten Meinungen nicht weiter zu beschäftigen. Wenn Meinungen millionenfach verbreitet werden und real Wirkungen erzeugen (egal ob gerechtfertigt oder nicht), dann bringt dein Plädoyer überhaupt nichts. Genausogut kannst du gegen schlechtes Wetter plädieren.

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  33. Nihilist schreibt:

    @ Hanneswurst.

    Klar bin ich ein Problemfall für die Gesellschaft. Ich habe Prinzipien. Dazu gehört viel.

    Erstens – Moliere – Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun. Ein großes Problem. Denn ich kann schon aus Zeitgründen nicht alles das tun, was ich für erforderlich halte.

    Zweitens – Henry David Thoreau – über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat + Walden – übrigens wurden auch Gandhi und Martin Luther King von den Schriften Thoreaus beeinflusst.

    Drittens – Gandhi selber – ein leuchtendes Vorbild –

    Viertens – Platon und andere Philosophen wie Seneca (von dem ich nicht viel halte, mehr von Marc Aurel) – deren Schriften mich in eine Richtung entwickelt haben, mit der ich jeden Morgen ohne Scham in den Spiegel mir selbst in die Augen sehen kann.

    Fünftens – Josef Rattner – Aggression und menschliche Natur – durch die Lektüre bin ich vom Schlägerweg, den ich mal eingeschlagen hatte, weggekommen.

    Sechstens – August Strindberg – Ein Lesebuch für die niederen Stände – die Lektüre öffnete mir die Augen für die Lügen der „Oberschicht“ besser Politik.

    Die Aufzählung ist nicht in der Reihenfolge zu betrachten, sondern als Summe meines Weges.

    Und eines ist mir klar, die meisten Menschen denken nicht an die Gemeinschaft, und das Verhalten das notwenig ist, dammit eine Gemeinschaft gerecht funktioniert. Nein, Egoismus ist bei fast allen die Triebfeder. Deswegen muss es ein „Diktat“ geben, nenn es Gesetze oder Anstandsregeln, an das sich ALLE zu halten haben. Und ein „Bruch“ dieser „Regeln“ muss eben geahndet werden. Auch wenn das „Broken Window Programm“, das in New York mal eingeführt wurde, krass war, die grundlegende Idee war richtig.

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  34. hanneswurst schreibt:

    @genova: Niemand bezweifelt, dass Broder Inspirationsquelle von Breivik war. Interessanterweise schreibt Breivik ja auch, dass die Frankfurter Schule Inspirationsquelle für die RAF war und verteufelt Adorno und Horkheimer als Urheber einer fehlgeleiteten politischen Korrektheit. Ich möchte Adorno jedoch gegen die Anschuldigung der Anstiftung oder gar Mittäterschaft der Baader-Morde in Schutz nehmen. Die gleiche Unschuldsvermutung muss jedoch auch für Broder gelten, bei aller verbleibenden Kritik an seinem wirren, islamophoben Wachweibergeschwätz. (Tatsächlich könnte mich persönlich Adorno eher zum Mörder machen als Broder; nicht nur, weil die Lektüre so quälend ist, sondern auch, weil im Gegensatz zu Broders Gesülze ein intellektuelles Pfund dahintersteht.)

    @Nihilist: Eine hochkarätige Leseliste zur politischen und moralischen Bildung. Ich verstehe nur nicht, warum sich Ihrer Meinung nach Prinzipientreue und Toleranz nicht gut miteinander vereinbaren lassen.

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  35. InitiativGruppe schreibt:

    hanneswurst,
    vergleichen wir mal, was Adorno und Horkheimer vertreten haben, mit dem, was die RAF vertreten hat. Das ist ungefähr so verschieden wie das, was Nietzsche vertreten hat, von dem, was Hitler in Mein Kampf und in seinen Reden vertreten hat. Wobei ich noch meine, mich daran erinnern zu können, dass die RAF eher nichts gehalten hat von Adorno und Horkheimer, während Hitler immerhin gemeint hat, mit Nietzsche programmatisch viel gemeinsam zu haben.

    Übel wäre es, wenn man zum Beispiel die evangelische Kirche oder unseren bayerischen Papst für Breivik verantwortlich machen würde – wegen deren moderat islamkritischen Äußerungen. In diesen Äußerungen steckt deutliche Kritik, aber nichts, was uns dazu anregen würde, mit Gewalt zu antworten.

    Bei Broders Äußerung ist das anders.

    Das Dumme für ihn ist, dass Breivik in Bezug auf sein Verbrechen als Begründung ziemlich genau das vertritt, was Broder selbst geschrieben und vertreten hat. Genova68 hat richtig herausgestellt, dass aus Broders „Diagnose“ eigentlich extrem dramatische Maßnahmen folgen müssten. Not kennt kein Gebot … Wenn die Gefahr so außerordentlich ist, wie Broder sie darstellt, dann ist schon wirklich beinahe alles erlaubt, um diese Gefahr abzuwenden.

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  36. Nihilist schreibt:

    Ach du meine Güte – Toleranz – ich hab den Begriff doch schon zerlegt.

    Etwas tolerieren bedeutet doch nur, es zu dulden, weil man es nicht ändern kann. Und das ist eben der falsche Weg. Entweder akzeptiert man etwas, oder man lehnt es ab. Und es gibt nun einmal vieles, was man nicht akzeptieren kann und darf.

    Die Entwicklung der Gesellschaft, die quasi eine Reform ist, RE, zurück zu den Wurzeln, führt zur Erneuerung der Sklaverei. Denn Bürger, das waren die Besitzenden. Der Rest war BESITZ. Und die Regeln für den BEsitz stehen gut lesbar im Buch der Bücher. Nein Danke zu so einer Lebensart. Da sollte die Vernunft doch weiter sein, aber leider wird den Menschen ja keine humanistische Ausbildung (mehr) in den (meisten) Schulen geboten.

    Kant hab ich vergessen, den berühmten Imperativ.

    Also, eine Gesellschaft ist nur so stark, wie sein schwächstes Glied. Somit ist es Sorge zu tragen, das alle „Glieder“ gleich stark sind, nur dann kann eine Belastung ausgehalten werden, ohne die Gesellschaft zu zerreissen.

    Siehe Großbrittanien, Frankreich vor ein paar Jahren, und viele andere Länder die nich mit echter Gerechtigkeit agieren.

    Haltet die Welt an, ich will aussteigen, lautete einmal ein Liedtext den ich vor vielen, vielen Jahren irgendwo gehört habe. JA, manchmal möchte ich das auch. Schade, für eine Besiedlung des Mars ist es noch zu früh, wenn es je dazu kommen wird. Ich würde die Erde sofort verlassen.

    Und wenn Sie einmal etwas Zeit haben – Das Unternehmen der Wega – Dürrenmatt – trifft den Nagel auf den Kopf. Andersdenkende werden innerhalb von Gesellschaften „ausgegrenzt“.

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  37. T. Albert schreibt:

    http://kritikundkunst.wordpress.com/2011/08/11/broder-revisited/#comments

    T. Albert On August 13, 2011 at 12:12

    -Ich erlaube mir ausnahmsweise diese Verlinkung.
    Und die Anmerkung, dass Herr Broder doch seit Jahr und Tag Zusammenhänge zwischen Worten und Taten herstellt oder wirkliche weit auswalzt, bis sie normative Kraft bei seinen Lesern entwickeln. Man muss sich nur mal die Youtube-Filmchen ansehen, mit ihm als Hauptscwätzer.

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  38. genova68 schreibt:

    Hannes,
    ob Breivik die Frankfurter für die Anstifter der RAF hält, ist unerheblich, davon hatte Breivik wohl einfach keine Ahnung. Ich würde auch nicht erwarten, dass mich jemand Ernst nimmt, wenn ich einen Fachvortrag zur Computerprogrammierung halten würde. Adorno waren ja 68 ja selbst seine Studenten zu rüpelig und er distanzierte sich. Adorno und gewalttätiger Aktionismus ist wie Feuer und Wasser, sowohl praktisch als auch theoretisch.

    Das alles trifft auf Broder nicht zu, der in seiner „Die oder Wir“-Haltung eine Atmosphäre schafft, in der Broders Tat nachvollziehbar sein kann. Aber das habe ich jetzt oft genug geschrieben. Du, Hannes, blendest gesellschaftliche Wirkverhältnisse einfach aus, offenbar nur, weil sie bei dir nicht wirken. So wird das nichts.

    Ja, Not kennt kein Gebot, netter Spruch.

    T. Albert,
    schön von dir zu hören.
    erlaube dir ruhig die Verlinkung :-) Du kannst hier verlinken, was du willst. Die Diskussion bei Kritik und Kunst ist ja ganz interessant, weil Hartmut da auch so komische Reflexe zeigte. Es ist auch gut auf den Punkt gebracht: Der Zusammenhang zwischen Worten und Taten, wo man nicht von sich ausgehen kann, der man selbst nicht zur Waffe greift und meint, dass das sonst niemand machen würde. Es verhält sich ähnlich mit den besser Situierten, die über einen Broder grinsen, nur weil sie selbst ihn für argumentativ lächerlich halten.

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  39. hanneswurst schreibt:

    @genova: Selbstverständlich kann ich nur von mir selber ausgehend das Menschsein erforschen. Und ich sehe deswegen zwischen Broder und Breivik nur so viel Geistesverwandtschaft wie zwischen Marx und Stalin. Da siehst Du, was Du von Deiner Broder-Erniedrigung erreicht hast; jetzt wird er im Dienste der Diskussion schon auf das Niveau von Marx erhöht. Aber leider fallen mir außer Broder keine Beispiele für weniger begabte Denker ein, die indirekt schlechte Taten hervorgebracht haben sollen. So werde ich hier zum Broder im Geiste. Selbst wenn Broder zum direkten Angriff auf islamische Kulturzentren aufgerufen hätte (was wahrscheinlich strafrechtlich relevant wäre), kann man wohl kaum folgern, dass der geisteskranke Breivik eben dadurch auf die Idee gekommen wäre, das Leben von 76 Menschen auszulöschen, die lediglich insofern in Bezug zum Islam stehen, als dass sie potentiell zu der Gruppe von Menschen gehören, die dem Islam eher tolerant gegenüberstehen.

    Glaubt hier irgendjemand, dass Breivik kein Psychopath ist? Dass er tatsächlich durch wie auch immer geartete Einflüsterung zu dem geworden ist, was er ist?

    Man kann dem von der Linken abgefallenen Broder Polemik aller Art und niedrigste Islamfeindlichkeit vorwerfen. Seine Position ist jedoch nicht illegal und es bedeutet eine ebenso billige Polemik und niedrige Hetze, ihm eine Anstiftung zum Massenmord vorzuwerfen. Insofern geschieht ihm der Vorwurf vielleicht „recht“, er befindet sich jedoch nicht auf dem Niveau, auf dem ich diskutieren möchte.

    Hier schließt sich auf der Kreis zur Franfurter Schule und der RAF. Auch ich möchte dem passionierten Daktari-Gucker Adorno keine Mitschuld an den Verbrechen der RAF geben. Horkheimer und Adorno haben den Deutschen Herbst kaum kommentiert, Adorno starb 1969. Sehr wohl jedoch haben Macuse und Habermas sich mit den Möglichkeiten des zivilen Ungehorsams befasst (die Mittel der RAF jedoch ebenfalls als kontaproduktiv verworfen).

    Das hat jedoch die Konservativen nicht davon abgehalten, der Frankfurter Schule geistige Brandstiftung vorzuwerfen, die eine RAF erst ermöglichte (z.B. Dregger 1977).

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  40. genova68 schreibt:

    Es geht nicht darum, wer wem was vorwirft, sondern ob die Vorwürfe stichhaltig untermauert werden können. Das ist beim Bezug von Breivik auf Broder der Fall, beim Bezug Adorno auf RAF nicht, egal, was ein Dregger dazu sagt. Dass Linksaußen da die Ränder ausfransten, wäre ein anderes Thema, aber bitte nicht ausgerechnet Adorno zum Kronzeugen der RAF machen.

    Du checkst einfach die Möglichkeit gesellschaftlicher Prozesse und Dynamiken nicht. Du attestierst zwar Broder „niedrigste Islamfeindlichkeit“, bist aber offenbar nicht willens, daraus adäquate Schlüsse abzuleiten. Diese Schlüsse heißen nun nicht, dass er zum Massenmord „angestiftet“ hätte, das hat niemand behauptet. Und ob das „illegal“ war, ist nun auch egal, als ob ihn das unkritisierbar machen würde. Er hat mitgeholfen, ein geistiges Klima zu schaffen, eine Atmosphäre, zusammen mit vielen anderen, für ein Publikum von vielen Millionen, europaweit von zig Millionen Menschen. Ein Klima, das als Aufruf zum Mord verstanden werden KANN, auch wenn ich Broder diese Intention nicht unterschiebe. Und das bestätigt Breivik auf 1.500 Seiten. Mir ist schleierhaft, dass man das verdrängen möchte.

    Wie schon gesagt, ich würde eher Broder mal psychologisch bewerten, nicht nur Breivik. Egozentrik wäre ein Stichwort. Seine Repliken auf die Vorwürfe sind ja auch unter aller Sau. Null Reflektion. Aber es ist auch Quatsch, immer nur von Broder zu reden. Broder hat seinen Teil beigetragen zu einer Stimmung, die Aggression gegenüber bestimmten gesellschaftlichen Gruppen erzeugt und von der Logik her Gewalt rechtfertigt.

    Und ob Breivik Psychopath ist, weiß ich nicht. Ich weiß nicht mal richtig, was das ist und wo die Grenzen verlaufen. Das war jedenfalls keiner, der aus sexuellen Gründen Menschen umbringt oder weil er glaubt, dass er vom Teufel besessen ist. Der ging sehr konzentriert, intellektuell und rational vor.

    In Sachen Marx und Stalin rennst du bei mir bekanntlich offene Türen ein, wobei ich spontan sagen würde, dass die Bezüge von Marx zu Stalin wesentlich schwieriger offenzulegen sind, wenn es sie denn gibt. Bei Broder und Breivik ist das einfach, und das wurde nun zur Genüge getan. Man muss es nur mal zu Kenntnis nehmen und nicht, wenn diese Bezüge zu offensichtlich werden, „Psychopath!“ rufen.

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  41. InitiativGruppe schreibt:

    Der Großinquisitor hat sich auf Jesus bzw. die Bibel berufen – und in Dostojewkis Legende lässt jener diesen verhaften … Eine schwierige Beziehung zwischen den beiden … Ist der Jesus der Bergpredigt mitverantwortlich für die Inquisition in Spanien, für den Großinquisitor als Machtmenschen und seine Taten?

    Ich sehe da keine Beziehung mehr.

    Bei Marx und Stalin ist es nicht ganz das gleiche, aber es ähnelt mehr dem Verhältnis Jesus – Großinquisitor als dem Verhältnis Wagner – Hitler oder dem Verhältnis Lenin – Stalin.

    Da gibt es wohl Übergangszonen.

    Was an Breivik ist verrückt? – Seine Tat – oder die Ideen, die Gedanken, die zu seiner Tat geführt haben?

    Verrückt ist vor allem die Idee, Europa und Norwegen würden islamisiert.
    WENN ich diesen Gedanken einmal als richtig annehme, MUSS ich radikal vorgehen. Ich MUSS mir radikale, extreme Gegenmaßnahmen einfallen lassen. Die radikalen, extremen Gegenmaßnahmen folgen vielleicht nicht ganz pragmatisch-logisch, pragmatisch-politisch richtig kalkuliert aus der ungeheuren Prämisse, aber sie folgen eben doch daraus.

    Das ist es, hanneswurst, worauf du eingehen müsstest: Du müsstest uns zeigen, inwiefern nicht nur die Prämisse irrsinnig ist, sondern auch die Schlussfolgerung aus der Prämisse.

    Einmal angenommen, ich wär davon überzeugt, dass du mich nächste Woche umbringen würdest, und dass die Polizei mir nicht glauben würde, und dass niemand mir glauben würde, so dass ich keinerlei Schutz erhalte. Was bleiben mir dann für vernünftige (!!) Optionen?
    – Ich verstecke mich, so dass du mich nicht finden kannst. (Aber halte das durch?)
    – Ich bewaffne mich für den Moment, in dem du mich angreifst. (Aber was, wenn du aus dem Hinterhalt schießt?)
    – Ich agiere präventiv und bring dich zuerst um und akzeptiere, dass ich für die Tat ins Gefängnis wandere; ist ja immer noch besser als tot zu sein.

    Nach außen hin schaut es so aus, als ob meine drei Reaktionen verrückt sind. Sie sind es aber nicht. Verrückt ist meine paranoische Annahme, dass du mich umzubringen gedenkst.

    So ist das auch bei Breivik. Und bei Broder. Nur dass ersterer einen halbwegs logischen praktischen Schluss aus seiner Diagnose der Islamisierung zieht, während Broder das nicht macht. Und Broder macht es nicht, weil er weiß, dass es diese Islamisierung nicht gibt; er hetzt strategisch; Breivik hingegen glaubt wirklich dran.

    Wir müssen eigentlich Broder für noch schlimmer halten als Breivik. Der ist verrückt, aber ehrlich und opfert sich selbst. Broder ist nicht verrückt, setzt aber eine verrückte Diagnose in die Welt, auf die hin jeder, der sie glaubt, zu extremem Handeln motiviert wird.

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  42. hanneswurst schreibt:

    Personen mit „gesundem“ Menschenverstand nehmen vielleicht eher an, dass es sich bei Breiviks Tat um eine „normal“ Folge der „realen“ Annahme einer „tatsächlich“ bestehenden Bedrohung durch den Islam und den Kulturmarxismus handelt. Der Anker in der Realität oder die Konstruktionshilfe ist dann das angrenzende Gedankengut wie die diskutierten rechtspopulistischen Schriften. Auch wenn ich nicht sehen kann, wie ein psychisch normaler Mensch das genannte existentielle Bedrohungspotential aus dem „rechten Klima“ um Broder und Co. ziehen kann – denn da kommt die Frage auf, wie schlimm eine Islamisierung Europas eigentlich wäre, zumal wenn man nach Ozeanien auswandern könnte.

    Wer jedoch psychisch krank ist, so wie ich, der sieht in Breivik sofort einen Bruder – keinen Broder – im Geiste. Wahnsinnstaten wie dieser Massenmord geschehen nur in einer Gesellschaft, die in die Barbarei zurückgefallen ist, oder im Umfeld von Personen, die an ernsten Psychopathien leiden. Das kann ich natürlich nicht beweisen, ich kann es nur im Brustton der Überzeugung von mir geben.

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  43. InitiativGruppe schreibt:

    Ist die norwegische Gesellschaft eine, die „in die Barbarei zurückgefallen ist“?
    Ich protestiere!
    Gab es schon mal eine Gesellschaft auf der Welt, die nicht barbarisch war – wenn die heutige norwegische Gesellschaft eine barbarische sein soll?

    In der Begriffsnacht sind alle Begriffskatzen grau.

    Man kann Begriffe so zuschneiden, dass sie nicht mehr zur Unterscheidung nützen, und dass mit ihnen alles verschwimmt.

    Breivik ist übrigens auch mein Bruder. Würde ich – so wie er – wirklich glauben, dass uns eine Talibanisierung droht, würde ich nicht auswandern oder mich tot stellen oder auf meinem Blog herumanalysieren und herumjammern, sondern ich würde den Widerstand organisieren helfen, auch den bewaffneten Widerstand. Ganz praktisch, in der analogen Welt. Das, so denke ich, wär ich meinem Land und mir selbst schuldig.

    Anders als die Rechtspopulisten würde ich es ohne Hass und ohne Verachtung tun (zu beidem fehlt mir das Naturell), aber ich wär zum Töten bereit und dazu, meine eigene Existenz zu riskieren. Ich würde mich natürlich hüten, kontraproduktive Gewalttaten zu verüben oder solche zu unterstützen – grade wenn die Gefahr heiß ist, muss man kalt bleiben und kühl und umsichtig kalkulieren. Breivik ist, wenn man seine Handlung strategisch bewertet, ein politischer Idiot (eine Wertung, die hier ganz unabhängig a) von der irren Diagnose und b) von der brutalen Tat erfolgt).

    Natürlich hab ich keine funktionierende Kristallkugel für den zuverlässigen Blick in die Zukunft. Ich riskiere aber immer meine Vorhersage. Breivik schaut voraus und nimmt an, dass man ihn in 30 Jahren als Helden feiern wird, weil bis dahin der mörderische Weltkrieg zwischen Islam und Europa wüten wird, Europa-intern als Bürgerkrieg. Schaut her, Breivik hat es antizipiert … Auch hier wieder erweist sich Breivik als mein Bruder: Wie er, so blicke auch ich in die Zukunft, stelle meine Prognose und handle entsprechend.

    Das, was mich von Breivik fundamental trennt, ist die „Diagnose“, die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Etwas Kognitives, das aber eng mit Emotivem zusammenhängt. (Es sind emotionale Gegebenheiten, die es uns erlauben, Wirklichkeit nüchtern und umsichtig wahrzunehmen und einzuschätzen.)

    Banal ausgedrückt: Breivik spinnt – ich nicht.
    Der Unterschied ist eigentlich nicht besonders groß … aber er führt zu einer radikal anderen Praxis …

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  44. hanneswurst schreibt:

    Ich meinte natürlich nicht, dass Norwegen der Barbarei verfallen ist, sondern dass ein gesellschaftlicher Rückfall in die Barbarei EINE Möglichkeit ist, Menschen hervorzubringen, die tun, was Breivik getan hat.

    Ja, Breivik spinnt. Was Sie als falsche Wahrnehmung der Bedrohungslage beschreiben (wobei ich wetten möchte, dass Breivik sich absolut nicht bedroht gefühlt hat, jedenfalls weder vom Islam noch von irgendwelchen „Kulturmarxisten“) ist Ausdruck seiner psychischen Erkrankung.

    Vielleicht hilft es, vom Krankheitsbegriff wegzukommen, um zu statuieren, dass Breivik durch sein Handeln eindeutig bewiesen hat, dass bestimmte neurophysiologische Vorgänge bei ihm anders ablaufen, als bei den allermeisten anderen Menschen. Wäre das nicht so, dann wären Amokläufe alltäglich, denn nur wenige Menschen fühlen sich zu keiner Zeit existentiell bedroht.

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  45. InitiativGruppe schreibt:

    Um meine Provokation noch ein bisschen zu verstärken:
    Breivik spinnt nur, was seine Diagnose der Realität anbetrifft, also in der Annahme, dass sich Europa und Norwegen islamisieren. Mit dem Ausdruck „spinnt“ meine ich die Alltagsform der Verrücktheit. Ich hab einen Freund, der hatte eine verrückte Angst vor Schäferhunden. Dieser Freund ist ein ausgesprochen vernünftiger Mensch, beruflich, privat, politisch, als Theoretiker, aber wenn ihm ein Schäferhund in Sichtweite gerät, wird er zum Idioten. Ich würde also nicht sagen, dass mein Freund verrückt ist, sondern dass er in einem bestimmten Punkt verrückt ist.

    So auch Breivik.

    Wobei wir hier die gesellschaftliche Konstruktion der Wahrnehmung, die politische Seite, mitberücksichtigen müssen. (Das wär ein Unterschied zum Schäferhund-Fall; hier ist die Anlaogie zum Antisemitismus näher liegend.)

    Und nun die Provokation:
    Alles weitere – also die Terrortat – folgt daraus, dass Breivik vernünftiger und mutiger und gesünder ist als die meisten anderen Rechtspopulisten, die seine Ansichten teilen.

    Breivik ist wie ich – ich hab das oben schon festgestellt: Aus einer Diagnose folgen Handlungen, und wenn die Diagnose so ist, wie er sie trifft, dann kann ich mich nicht darauf beschränken, zu bloggen oder Leitartikel zu schreiben oder eine rechtspopulistische Partei zu wählen. Dann muss ich radikales Handeln initiieren.

    Breivik hat zweitens den Mut, sein Leben zu riskieren und seine Existenz zu opfern.

    Das sind nicht Anzeichen von Verrücktheit, sondern Zeichen von Gesundheit und seelischer Stärke.

    Gut, nach so viel Positiven noch etwas Negatives, etwas Krankes. Es gehört ein brutaler Mangel an Empathie dazu, wehrlose junge Leute abzuknallen wie Jagdtiere.

    Da haben wir dann doch noch ein zweites Element von seelischer Krankheit: Mangel an Empathie für die Feinde. Aber diesen Mangel hat mindestens die Hälfte der Menschheit. Mindestens.

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  46. genova68 schreibt:

    Warum soll sich Breivik nicht bedroht gefühlt haben, Hannes?

    Zu der Erkrankung Psychopathie habe ich heute Morgen zufällig ein Interview mit Gerhard Roth gelesen. Auszug:

    Sind Straftäter in der Regel also eher krank als böse?
    Klinisch gesehen, ja, und dies spricht dafür, dass sie im herkömmlichen Sinn nicht schuldig sind. Stalin wurde als Kind häufig geprügelt, und Hitlers Vater scheint auch sehr gewalttätig gewesen zu sein – fast alle Diktatoren und Massenmörder waren als Kind auffällig. Sie litten, vielleicht genetisch bedingt, unter übermäßigem Egodrang und empfanden Beschämungen und Ausgrenzungen als unerträglich. Diese Menschen wollten sich daher an der Welt rächen. Die meisten Menschen hält eine Warninstanz zurück, die bei Psychopathen aber nicht funktioniert.

    Woher rührt diese Instanz?
    Von unserer Prägung und Erziehung. Wären wir in einem Slum aufgewachsen, hätten wir vielleicht auch kein Unrechtsbewusstsein.

    ————————-

    Es legt also selbst ein Gerhard Roth die Ursache für solche Taten nur „vielleicht“ in die Gene, sondern vielmehr in die Sozialisation.

    http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/35582/2

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  47. hanneswurst schreibt:

    Wäre Broder sein Vater gewesen, würde ich Dir Recht geben. Aber er war ja nur sein Broder.

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  48. genova68 schreibt:

    Stimmt, das habe ich verwechselt. Entschuldigung.

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  49. Nihilist schreibt:

    Aus gegebenem Anlass noch ein Nachtrag zu Broder und PI:

    https://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/politik/netz-der-islamfeinde/358624.php

    Zitat:

    Darunter hierzulande sattsam bekannte „Islamkritiker“ wie Ralph Giordano oder Henryk M. Broder – was seltsam ist: Bestreitet Broder doch eine Nähe zu „Politically Incorrect“.

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  50. genova68 schreibt:

    Ja, ein ziemlich guter artikel in der berliner zeitung, interessante hintergruende ueber pi, lesenswert. die fdp steckt auch mit drin, wen wundert es.

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